MEDIATE Blog

Leitfaden: Wie man besser über diagnostische Tests berichtet (mit Checkliste)

Berichterstattung über diagnostische Tests geht leider sehr häufig schief, weil das Thema viel Verständnis für Zahlen und abstrakte Zusammenhänge erfordert. Das Medien-Doktor-Team bietet mit diesem Leitfaden und der Checkliste allen Journalistinnen und Journalisten, die über dieses komplexe Thema berichten, eine verständliche und praktische Hilfestellung für den Recherchealltag.

Regelmäßig berichten Medien über diagnostische Testverfahren, wie Gentests, „Aidstests“, Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder das Risiko für eine Krebserkrankung. In diesen Tagen sind es Tests auf das Corona-Virus, die in der Diskussion stehen. Im vergangenen Jahr machten Berichte über einen Brustkrebstest der Uni Heidelberg die Runde. Laut Bild war es eine „Weltsensation“, letztlich erwies er sich als Flop. Eine der größten Wirtschaftsskandale der USA ist mit der Diagnostik-Firma Theranos verbunden, einem Unternehmen, das versprochen hatte, viele Erkrankungen auf einmal in nur einem Blutstropfen aus der Fingerspitze aufzuspüren, was aber nie funktionierte. Die Firma hatte seit 2003 viele Millionen Dollar Investitionsmittel eingesammelt und einen Marktwert von zehn Milliarden Dollar erreicht, weil das Versprechen seines kinderleichten diagnostischen Tests so überzeugend klang. Selbst renommierte Medien hatten die junge Gründerin Elizabeth Holmes hochgejubelt und als „Steve Jobs der Healthcare-Branche“ gefeiert. 2015 – zwölf Jahre nach Gründung der Firma – war es der Journalist John Carreyrou vom Wall Street Journal, der den Skandal aufdeckte, auch weil er wusste, was es alles braucht, um überhaupt verlässliche Aussagen über die Treffsicherheit diagnostischer Tests zu machen.

Über medizinische Themen angemessen zu berichten, ist schon nicht einfach, wie die Bewertungen beim Medien-Doktor Gesundheit belegen. Eine ganz besondere Herausforderung ist es aber, verständlich und korrekt über diagnostische Testverfahren zu informieren. Es gibt zahlreiche Aspekte zu berücksichtigen. Die bei Gesundheitsthemen ohnehin schon schwierigen Zahlenangaben erscheinen bei diesem Thema noch deutlich komplizierter.

Dieser Leitfaden soll helfen, die Berichterstattung über diagnostische Testverfahren zu erleichtern. Er gibt Tipps, welche Aspekte man in der Recherche abklopfen sollte und welche Punkte man bei der Berichterstattung berücksichtigen könnte.

Eine „Checkliste“ in Form eines PDFs stellen wir im folgenden Kasten zum Herunterladen bereit und hoffen so, ein hilfreiches Werkzeug für die journalistische Berichterstattung über diagnostische Testverfahren zu bieten, das es in dieser Form nur hier beim Medien-Doktor gibt.

Checkliste Diagnostische Tests

Die Checkliste für die Berichterstattung über diagnostische Tests kann hier als PDF heruntergeladen werden:

Hilfreich können auch unsere Bewertungen journalistischer Beiträge über diagnostische Tests sein, in denen wir erklären, was gelungen und was verbesserungswürdig ist. Schließlich können unsere Beiträge im Blog für bestimmte Aspekte dieses komplexen Themas sensibilisieren.

Es braucht zwei Werte, um einen Test zu beschreiben!

Einer der wesentlichen Unterschiede zur Berichterstattung über Medikamente, Arzneimittel oder andere therapeutische Verfahren ist, dass bei diesen in der Regel ein Zahlenwert berichtet wird, der deutlich macht, was dieses Verfahren/diese Arznei tatsächlich bringt, was also der medizinische Nutzen ist. Zum Beispiel: Dank des Medikaments XY leben Betroffene im Durchschnitt zwei Jahr länger als ohne dieses Medikament. Oder: Statt zehn von hundert Betroffenen erleiden nur noch zwei von hundert Personen einen Herzinfarkt, wenn sie das Mittel XX nehmen.

Bei diagnostischen Tests genügt ein solcher einzelner Wert nicht, um seine „Fähigkeit“ ausreichend zu beschreiben, auch wenn dies in der Berichterstattung häufig so aussieht. Es sind immer mindestens zwei Werte nötig, um die Qualitäten eines Tests ausreichend zu beurteilen.

Der erste Wert gibt an, wie gut der Test die Aufgabe löst, mit der man einen solchen Test intuitiv verbindet: Das verlässliche Anzeigen einer Infektion, einer Erkrankung, einer Unverträglichkeit oder einem Marker für ein erhöhtes Risiko einer Erkrankung. Die Frage dazu, die man als Journalist stellt, lautet: Wie gut erkennt ein Test die Erkrankung oder das Merkmal, das er erkennen soll? Die Antwort kann etwa lauten: In einer Gruppe von einhundert Menschen sind neunzig gesund und zehn erkrankt. Von den zehn Kranken zeigt der Test acht Personen auch als erkrankt an. Der Test hat also eine Trefferquote von 80 Prozent. Mediziner bezeichnen dies als die Sensitivität des Tests.

Zugleich muss ein Test aber auch eine zweite Eigenschaft besitzen, die viele nicht bedenken: Er soll nicht nur die Kranken als Kranke anzeigen und Alarm schlagen, er muss auch die Gesunden als Gesunde anzeigen und sich in diesen Fällen „still verhalten“. Die Frage lautet in diesem Fall: Wie viele der Gesunden zeigt ein Test tatsächlich als gesund an? Die Antwort im eben erwähnten Beispiel lautet: Von den neunzig gesunden Personen, zeigt er 81 als gesund an, also in neunzig Prozent der Fälle. Dies wird als Spezifität eines Tests bezeichnet.

Wer diese Zahlen genauer betrachtet, dem wird auffallen, dass sich auch noch zwei weitere Zahlen ergeben, die etwas über die Qualität eines Tests aussagen, und die zu den „Risiken und Nebenwirkungen“ eines Tests gezählt werden können. Wenn sich ein Test nur in 81 von 90 Gesunden richtigerweise „still verhält“, tut er dies in neun Fällen offensichtlich nicht. Er schlägt in diesen neun Fällen (also zehn Prozent) falschen Alarm (dies sind die falsch-positiven Fälle, bzw. die Falsch-Alarm- oder Fehlalarm-Rate).

Außerdem hat der Test in acht von zehn Erkrankten richtigerweise Alarm geschlagen, bei zwei Fällen blieb er aber „still“, obwohl sie erkrankt sind. Diese werden auch als falsch-negative Fälle bezeichnet (und somit ergibt sich eine falsch-negativ-Rate von zwanzig Prozent).

Um die Güte eines diagnostischen Tests in einem journalistischen Artikel angemessen zu beschreiben, ist es nun nicht notwendig alle vier Werte zu berichten, zumal sie sich komplementär ergänzen. Dies würde Rezipienten überfordern.

Es genügen in der Regel zwei Werte:

Folgende zwei zentralen Fragen sollte man in der Recherche klären:

  1. Wie gut erkennt ein Test die Fälle/die Erkrankung, die er anzeigen soll? (Wie hoch ist die Sensitivität?)
  2. Wie gut erkennt der Test Gesunde/Nicht-Betroffene? (Wie hoch ist die Spezifität?) Alternativ kann man fragen: Wie hoch ist die Fehlalarm- bzw. Falschalarmrate?

Können zu einem der beiden Werte keine Angaben gemacht werten, ist über die Treffergenauigkeit eines Tests keine sinnvolle Aussage möglich. Entweder macht man dies dann im Beitrag deutlich oder man überprüft, ob eine Berichterstattung wirklich angebracht ist, wenn solch zentrale Angaben fehlen.

Im Fall des Heidelberger Brustkrebs-Tests, den die BILD-Zeitung im Februar 2019 als „Weltsensation” anpries, gab es in der Berichterstattung keine Angaben zur Fehlalarm-Rate, sondern nur zur Trefferquote, die mit 75 Prozent angegeben war. Die Fehlalarm-Rate soll, wie sich später nach Angaben des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung herausstellte, bei 46 Prozent gelegen haben: „Das bedeutet, dass – würde ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden – knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen verdächtigen Befund erhalten könnten.“

Der Verweis auf das „Screening“ weist auf eine wichtige Unterscheidung bei diagnostischen Tests hin. Im Grunde gibt es zwei Einsatzmöglichkeiten: Erstens wird ein Test durchgeführt, weil es bereits einen Verdacht auf eine Krankheit gibt, etwa weil typische Symptome aufgetreten sind. Dann soll der Test den Verdacht erhärten. Zweitens werden Tests ohne jeden Verdacht oder Symptome an augenscheinlich gesunden Personen durchgeführt. Diese Tests werden als Screening-Tests bezeichnet.

Screenings-Tests (wie etwa ein Darmkrebs- oder Brustkrebsscreening) zeichnen sich meist durch eine hohe Sensitivität aus, damit sie nur wenige der potentiell Erkrankten übersehen. Sie haben indes oft eine eher schlechte Spezifität und damit eine erhöhte Rate falsch-positiver Ergebnisse. Bei einem Screening folgt auf den ersten Test in der Regel ein zweiter Test mit einer erhöhten Spezifität, um einen Verdacht auszuschließen.

Tests anlässlich eines Krankheitsverdachts zeichnen sich meist durch eine hohe Spezifität aus und vermeiden so eine hohe Falsch-Positiv-Rate.

 

Testergebnis hängt von der Häufigkeit der Erkrankung ab

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Recherche zu diagnostischen Tests ist die Häufigkeit einer Erkrankung/Störung in der Bevölkerung oder in bestimmten Gruppen. Als Faustregel gilt: Je seltener eine Erkrankung ist, desto ungenauer werden Tests, weil Fehlalarme immer wahrscheinlicher werden. In den Artikeln über einen Heimtest auf eine HIV-Infektion, die wir uns im Rahmen des MEDIATE-Projektes angesehen haben, wird in der Berichterstattung meist völlig ignoriert, dass dieser Test nur für Personen geeignet ist, die zu einer Risikogruppe gehören. In der Allgemeinbevölkerung ist die HIV-Infektion viel zu selten, als dass man mit diesem Test verlässliche Ergebnisse erzielen könnte. Eine Rechnung des Harding-Zentrums für Risikokompetenz verdeutlicht die Problematik auf beeindruckende Weise. Obwohl die Schnelltests eine theoretische Sensitivität von 100 Prozent, eine Spezifität von 98,8 Prozent und damit eine Fehlalarmrate von 0,2 Prozent haben sollen, wären sie bei einer breiten Anwendung in der Allgemeinbevölkerung unzuverlässig. Bei Menschen, die nicht zu einer Risikogruppe für eine HIV-Infektion gehören, wäre von 13 Personen, die ein positives Schnelltest-Ergebnis erhalten, nur eine Person tatsächlich mit HIV infiziert. Auf der Seite des Harding-Zentrums finden sich die genauen Zahlen.

Dieses Beispiel verdeutlicht auch, dass selbst Tests die mit sehr hohen Werten für Sensitivität und Spezifität trotzdem eine erschreckend niedrige Treffergenauigkeit für die einzelne Person haben kann, weil so stark von der Häufigkeit einer Erkrankung abhängt.

Mediziner haben für diesen Aspekt, der für eine einzelne Person klären soll, wie wahrscheinlich es bei einem positiven Testergebnis ist, dass die Person wirklich infiziert/erkrankt/betroffen ist, einen eigenen Wert: der Positive Prädiktive Wert oder der Positiver Vorhersagewert. (Entsprechend gibt es auch einen Negativen Vorhersagewert bei einem negativen Testergebnis).

Wie schon zuvor erklärt, gilt auch hier: Je kleiner der Anteil der richtig Positiven in einer Gruppe ist (je seltener also die Krankheit ist), desto ungenauer wird der Test, weil die Wahrscheinlichkeit für falsch-positive Ergebnisse steigt.

Auch Tests haben Risiken und Nebenwirkungen

Wie wir schon gesehen haben, haben auch Tests Risiken und Nebenwirkungen, die Journalistinnen und Journalisten in ihren Beiträgen beschreiben sollten. Wie schon erwähnt sind dies vor allem Fehlalarme (falsch-positive Ergebnisse) und übersehene Erkrankungen/Störungen (falsch-negative Ergebnisse). Im ersten Fall kommt es zu unnötigen Belastungen einer Person, etwa durch medizinische Maßnahmen bis hin zu unnötigen Therapien und Operationen, im zweiten Fall wiegt der Test Personen in falscher Sicherheit und kann letztlich zum Tode führen, weil eine Erkrankung nicht therapiert wird, weil sie übersehen wurde.

Tests können auch ganz direkte unerwünschte Folgen haben, die indes kaum vergleichbar sind mit denen von Arzneimitteln: etwa das Infektionsrisiko durch die Blutabnahme (das in der Regel sehr gering ist) oder die Belastung durch die Röntgenstrahlung bei einer Mammografie.

Für viele Menschen bedeuten Gesundheitstest aber vor allem eine psychische Belastung, weil sie sich Sorgen machen, wie ein Test ausgeht, oder was ein Ergebnis letztlich bedeutet. Im Fall von Tests auf genetische Erkrankungen können zudem unbeabsichtigt kritische Informationen über Familienmitglieder gewonnen werden, wenn etwa ein Vater erfährt, dass er eine schwerwiegende Mutation oder eine Chromosomenstörung trägt, die er auch an seine Kinder weitergegeben haben kann. Dies verweist auf auch ethisch-moralische Implikationen, die in einem Beitrag erörtert werden können.

All dies sind negative Effekte, auf die man bei der Berichterstattung über solch Tests eingehen sollte. Generell gilt dasselbe wie bei der Berichterstattung über Arzneimittel: Alles, was eine Wirkung hat, hat auch eine Nebenwirkung. Journalistinnen und Journalisten sollten beides in angemessener Form berücksichtigen. Oder anders: Wer über die positiven Effekte eines diagnostischen Tests berichtet, sollte immer auch über negative Effekte berichten.

Wie gut sind die Belege?

Eine der zentralen Fragen im Medizinjournalismus lautet: Woher stammt das Wissen über den Nutzen und die Risiken eines Arzneimittels. Das gilt auch für diagnostische Tests. Ein entscheidender Unterschied zu Medikamenten ist aber: diagnostische Tests durchlaufen in Europa keinen vergleichbar aufwändigen Zulassungsprozess. Sie gelten als „Medizinprodukte“, die angemeldet und nur in geringem Maße getestet werden müssen. Hersteller von Medizinprodukten müssen vor allem nachweisen und plausibel machen, dass sie Verbraucher nicht schädigen. Die Trefferquote der Tests, ihre „Wirksamkeit“ oder gar ihr gesundheitlicher Nutzen muss nicht in großen, aufwändigen Studien nachgewiesen werden.

Diagnostischen Tests unterliegen der EU-Richtlinie über In-vitro-Diagnostika (IVD), die derzeit in Europa die Marktzulassung für IVDs regelt. Gemäß dieser Richtlinie können die Hersteller Tests, die als „IVD niedrigen Risikos“ eingestuft sind, noch selbst zertifizieren und auf eine unabhängige Überprüfung der Tests verzichten, bevor sie auf den Markt gebracht werden. Die Validierung von Tests, die im Internet und in Apotheken angeboten werden daher nicht gesichert. Nachweislich gibt es hier auch Fälschungen. Eine Änderung der Richtlinien tritt ab 2022 ein, dann sollen diagnostische Tests strenger kontrolliert werden.

Entsprechend unsicher können die Aussagen zu einem diagnostischen Test belegt sein. Auch die Tatsache, dass Medizintechnik-Hersteller häufig mittelständische Unternehmen sind, die keine großen klinischen Studien finanzieren können, trägt zur schlechten Datenlage bei.

Dies alles sollte man bei einer Recherche immer im Hinterkopf behalten, wenn man über die Qualität solcher Tests recherchiert und berichtet. Die zentralen Fragen lauten daher wie auch bei Arzneimitteln: „Woher wissen die Hersteller das, was sie behaupten?“ und „Wie sicher ist das Wissen über einen Test?“. Da keine teuren und aufwändigen Zulassungsstudien erforderlich sind, sollte man gezielt nachfragen, womit Behauptungen zur Aussagekraft und Treffergenauigkeit eines Tests belegt werden.

Recherchen der Süddeutschen Zeitung hatten schon 2018 gezeigt, dass es für die allermeisten diagnostischen Tests keine gut gemachten Studien gibt. Wenn überhaupt werden Tests häufig nur an kleinen Gruppen von Patienten durchgeführt, bei denen bekannt ist, dass sie die gesuchte Krankheit haben, um zu zeigen, dass der Test bei einem hohen Prozentsatz der Betroffenen zurecht anschlägt. Bei gut gemachten Studien wird zuvor berechnet, wie viele Patienten nötig sind, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten (analog zu einer Power-Kalkulation bei Medikamenten-Studien). Ein Journalist sollte nachfragen, ob dies zuvor geschehen ist, um einzuschätzen, ob das Ergebnis verlässlich ist.

Vor allem ist aber auf diese Weise nur die Sensitivität zu messen, die Spezifität kann so nicht ermittelt werden und damit auch nicht die Fehlalarmrate, da ja überhaupt keine Personen getestet werden, bei denen der Test die Krankheit fälschlicherweise anzeigen könnte, da es nur Personen mit der Krankheit gibt. Wurden die Tests nur an Zellkulturen getestet, ist die Übertragbarkeit auf reale Bedingungen nur sehr eingeschränkt.

Anders als bei Medikamenten wird die Aussagekraft diagnostischer Tests nicht in randomisiert-kontrollierten Studien ermittelt. Dieses besonders aussagekräftige Studiendesign wird indes genutzt, um den gesundheitlichen Nutzen eines Testverfahrens zu bestimmen – also um die Frage zu klären, ob der Test auf eine bestimmte Krebserkrankung tatsächlich zu einer Senkung der Erkrankungen und der Sterberate geführt hat. Denn auch bei Tests gilt: Nur weil ein Hersteller behauptet, ein Test führe dazu, dass eine Erkrankung früher erkannt und damit besser behandelt werden kann, und dies dazu führe, dass weniger Menschen an einer Erkrankung versterben, heißt das nicht, dass dies tatsächlich so sein muss, so plausibel es auch klingt. Nur über ausreichend lange durchgeführte randomisiert-kontrollierte Studien lässt sich dies stichhaltig nachweisen.

Journalistinnen und Journalisten sollten erfragen, ob Ergebnisse zu einem Test in begutachteten Fachmagazinen veröffentlicht wurden, da somit die Ergebnisse überprüfbar sind. Häufig wird dies nicht der Fall sein.

Vorsicht sollte man walten lassen (wie auch bei der Berichterstattung über neue Arzneimittel oder medizinische Verfahren), wenn diagnostische Tests oder deren Ergebnisse lediglich im Rahmen von Pressekonferenzen vorgestellt werden. Diese bieten zwar den Vorteil, dass man Fragen direkt an die Forscher/Mediziner oder Hersteller/Vertreiber stellen kann. Präsentierte Ergebnisse müssen aber nicht wie bei einem medizinischen Fachartikel vorab begutachtet werden. Eine Überprüfung solcher Ergebnisse ist nur schwer möglich. Für einen kritischen Blick auf einen Test sollte man auf jeden Fall unabhängige Experten zu Rate ziehen.

Darüber hinaus helfen die angepassten Kriterien des Medien-Doktor Gesundheit weitere Aspekte über diagnostische Tests im Rahmen einer Recherche und Berichterstattung zu erfragen und den Rezipienten zu erklären:

Was kostet der Test? Übernehmen die Krankenkassen diese Kosten? Was ist das Neue an diesem Test? Wie schneidet der Test im Vergleich zu anderen Tests und Verfahren ab?

Eine Frage, die darüber hinaus ebenfalls viele Nutzerinnen und Nutzer interessiert: Wie lange dauert es, bis ein sicheres Ergebnis vorliegt?

Ethische Aspekte und soziale Folgen diagnostischer Tests

Neben all den technischen Fragen zu diagnostischen Tests tun sich in der Regel auch Fragen nach dessen ethisch-moralischen oder sozialen Folgen auf. Diese sind je nach Test mehr oder weniger weitreichend.

Es kann sich lohnen, diese Aspekte ausführlich in eigenen Beiträgen zu beleuchten, in dem man zum Beispiel die Folgen und Konflikte junger Paare beleuchtet, die ein Kind erwarten und überlegen, das Ungeborene auf das Down-Syndrom testen zu lassen. Von der Ungewissheit und den Sorgen, über die Konflikte, wenn die Partner unterschiedlicher Meinung sind, bis hin zur Erkenntnis, dass mit solchen Tests eine Selektion vorgenommen wird, die im Einzelfall nachvollziehbar, auf gesellschaftlicher Ebene aber problematisch sein kann.

Ein anderes Beispiel sind Tests, die eine Alzheimer-Demenz frühzeitig erkennen sollen. Da es keine Therapie für diese Erkrankung gibt, ist der Sinn solcher Tests fraglich. Sie führen lediglich dazu, dass Betroffene länger von ihrer Erkrankung wissen, ohne etwas Wirkungsvolles dagegen tun zu können. Letztlich führt dies zu einem Punkt, der für Tests jeder Art gilt: das Recht auf Nicht-Wissen, das jeder Betroffene, aber auch Angehörige für sich beanspruchen können. Vor allem, wenn es keine Therapie gibt oder lediglich Therapien mit geringem Nutzen, wird dieser Aspekt deutlich. Es ist nicht immer vorteilhaft, frühzeitig von einer Erkrankung zu erfahren. Es kann nämlich sein, dass man gar nicht länger lebt, wenn man frühzeitig einen Test gemacht hat, sondern nur länger mit dem Wissen um eine Erkrankung lebt.

Auch anhand eines Heimtests auf HIV kann man Rezipienten verdeutlichen, welche Vor- aber auch Nachteile ein solcher Test in den eigenen vier Wänden hat. Im Rahmen des Projekts MEDIATE hat der Medien-Doktor Artikel zu diesem Thema bewertet. Diese gingen beispielsweise auf die psychische Belastung ein, die man aushalten muss, wenn man den Test alleine durchführt und mit einem „positiven” Testergebnis konfrontiert ist.

Gerade dieses Beispiel macht aber auch klar, wie wichtig es ist, die technischen Aspekte eines solchen Tests nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade die Informationen, wie deutlich die Aussagekraft eines solchen Tests sinkt, wenn die zu testende Person keiner Risikogruppe angehört, fehlte in den von uns bewerteten Artikeln. Diese Aspekte könnte man dann durchaus in ergänzenden Kästen bzw. separaten Kurzbeiträgen abhandeln, wenn man von den sensiblen Beschreibungen zu ethisch-moralischen Problematiken oder sozialen wie individuellen Folgen nicht ablenken will.

Über diagnostische Test zu berichten ist eine der herausforderndsten Aufgaben, die es im Medizin- und Gesundheitsjournalismus gibt. Wir vom Medien-Doktor-Team hoffen mit diesem Leitfaden und der Checkliste, dabei zu helfen, das Berichte über „Weltsensationen“ künftig der Vergangenheit angehören.


LINKS:

MEDIATE – ProjektseiteHomepage, Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus, Prof. Holger Wormer, TU Dortmund, Medien-Doktor.de

Medien-Doktor Mediate, Checkliste: Berichterstattung über diagnostische Tests, März 2020

Sarah Sievert, Mediate-Blog Medien-Doktor, Das Yin und Yang medizinisch-diagnostischer Tests, 31. Juli 2019

Veronika Fritz, Mediate-Blog Medien-Doktor, Wissen oder Nichtwissen, das ist hier die Frage, 9. Oktober 2019

Alexander Graf, Übermedien, Auch anscheinend gute Nachrichten müssen hinterfragt werden, 27. März 2020

Marcus Anhäuser, Sprechstunde Medien-Doktor, Brustkrebs-Test: Zu wenige wissen, wie man richtig über diagnostische Tests berichtet (Nachträge), 5. März 2019

Marcus Anhäuser, Nach der „Weltsensation“ der „Heilige Gral“: Bluttest-Berichterstattung schafft es in die Unstatistik, 7. Oktober 2019

Iris Hinnerburgm, Plan G/Riffreporter.de, Mythen rund um medizinische Tests Teil 1: Was sagt mir der medizinische Test?, 12. September 2019

Iris Hinnerburgm, Plan G/Riffreporter.de, Mythen rund um medizinische Tests Teil 2: Ist früh erkannt immer besser?, 10. Oktober 2019


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