Dein Medien-Doktor Soziologie
Kriterien für eine fundierte Berichterstattung über sozialwissenschaftliche Themen
Wissenschaftliche Qualität in den Sozial- und Geisteswissenschaften bemisst sich oft anders als in den Natur- und Lebenswissenschaften. Fachbücher spielen ebenso eine große Rolle wie Fachjournale, Forschungsgemeinschaften sind oft weniger internationalisiert und Metriken weniger aussagekräftig.
Im Rahmen des Rhine Ruhr Center for Science Communication Research mit seinem Praxis-Partner Science Media Center Germany entwickelt das Medien-Doktor-Team daher auf Basis eines „Quality Circle“ sowie weiteren Befragungen von Forschenden gesonderte Leitlinien und perspektivisch Qualitätskriterien, die Journalistinnen und Journalisten die Berichterstattung über diese Forschungsbereiche am Beispiel einiger „Leitdisziplinen“ erleichtern sollen. Der Medien-Doktor SOZIOLOGIE versammelt erste Erkenntnisse aus diesem Prozess, stellt diese zur Diskussion und wird mit dem langfristigen Ziel eines vollständigen Kriterienkatalogs für die Praxis stetig aktualisiert.

Soziologischer Expertise in den Medien – was es zu beachten gilt
Soziologisches Wissen nimmt vielfältige Formen an und lässt sich nicht immer auf konkrete Zahlen und Daten reduzieren. Viele Soziologinnen und Soziologen arbeiten auch qualitativ oder gänzlich theoretisch und ohne empirische Bezüge (Lepenies 1988). Für Journalistinnen und Journalisten ist der (wissenschaftliche) Nachrichtenwert dieser Forschung nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich (Badenschier & Wormer 2011). Gerade Meta-Perspektiven und -Analysen sozialer Zusammenhänge haben oft nicht den einen aktuellen Aufhänger.
Hinzu kommt, dass mit dem Feuilleton, dem Wirtschafts- und dem Politikressort bereits klassische journalistische Zuständigkeitsbereiche für verschiedene Formen und Themen soziologischer Forschung existieren. In den Wissenschaftsressorts taucht die Soziologie hingegen eher selten auf. Grundsätzlich wird das Fach über verschiedenste Ressorts und diverse Darstellungsformen hinweg journalistisch behandelt – jedoch oft ohne, dass es eindeutig als Wissenschaft benannt oder in seiner methodischen Diversität dargestellt wird (Cassidy 2021, Kreutzer 2026, Summ & Volpers 2016).
Beliebte journalistische Aufhänger für die Thematisierung von Soziologie sind umfassende Gesellschaftstheorien, oft von prominenten Soziolog:innen in aktuellen Sachbüchern vorgestellt (Osrečki), und große quantitative Studien oder Umfragen zu Einstellungen in der Bevölkerung. Während erstere klassischerweise im Feuilleton stattfinden, werden letztere je nach Thema in Politik-, Wirtschafts- oder Gesellschaftsressorts behandelt. Dabei besteht einerseits die Gefahr, dass zum Beispiel qualitative empirische Ansätze weniger Berücksichtigung finden. Zudem verstärkt die ökonomisch angespannte Lage in vielen Redaktionen die Tendenz, die immergleichen prominenten Stimmen zu Wort kommen zu lassen.
Nicht zuletzt zeichnet sich Soziologie als Disziplin dadurch aus, dass sie ihre eigene wissenschaftliche und öffentliche Rolle kontinuierlich selbst reflektiert (Burawoy 2005). Ein Verdienst unter anderem der soziologischen Forschung der letzten Jahrzehnte ist es, dass wir Wissenschaft heute verstärkt als soziale Institution und heterogenen Prozess begreifen (Vogelmann 2023). Mit der Erkenntnis, dass unser Wissen in sozialen Zusammenhängen entsteht, müssen Forschende und auch Journalist:innen ihre vorherrschenden Objektivitätsverständnisse zunehmend hinterfragen. Die Soziologie kann als Gegenstand von Journalismus also zu Reflexion und bisweilen Irritation anregen – auf lange Sicht aber einiges zu einem aufgeklärteren Journalismus beitragen.
Um den Überblick zu behalten
Anders als in vielen Natur- und Lebenswissenschaften dokumentieren Soziolog:innen ihre Erkenntnisse nicht nur in Fachjournalen, sondern auch in Sammelbänden und Fachbüchern von Einzelautor:innen. Wenn es also darum geht, passende Expertise für einen journalistischen Beitrag zu recherchieren, spielen diese Quellen ebenfalls eine Rolle. Wichtige soziologische Buchverlage sind zum Beispiel: Suhrkamp, Transcript, Nomos, Campus, etc. Weitere Überblickshilfen bieten die folgenden Quellen:
- Soziologie.de (Website der Deutschen Gesellschaft für Soziologie – DGS)
- Soziopolis.de (Soziologieportal mit öffentlichkeitsrelevanten Beiträgen, Kommentaren und Buchrezensionen aus der Fachcommunity)
- SocioHub (Fachinformationsdienst für soziologische Publikationen)
- tbc