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Analysierte Pressemitteilung:

„Hormonell bedingter Bluthochdruck ist

heilbar: Hypertonie-Patienten auf

Conn-Syndrom untersuchen“

 

Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (10.05.2017)

Erkenntnisse der Inhaltsanalyse:

In der Pressemitteilung greift die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) eine Studie aus Italien auf. Laut dieser Studie könnte bei sechs Prozent der Menschen mit Bluthochdruck eine erhöhte Produktion des Hormons Aldosteron die Ursache der Erkrankung sein. Die Inhaltsanalyse zeigt, dass in allen Qualitätsdimensionen noch Verbesserungspotenzial steckt. Am besten schneidet die Pressemitteilung in der Qualitätsdimensionen Sachgerechtigkeit ab: 6 von 8 anwendbaren Kriterien wurden hier als „bestmöglich erfüllt“ codiert.

Qualitätsdimension RELEVANZ

Die Inhaltsanalyse ergab für die Qualitätsdimension Relevanz, dass die Hälfte der Kriterien „bestmöglich erfüllt“ werden. Allerdings wurden relevante Kontextinformationen als „nicht erfüllt“ codiert, da beispielsweise Angaben zu Kosten oder Risiken und Nebenwirkungen der diskutierten Therapie fehlen. Auch ist nicht klar, in welchem Rahmen (Hausarzt, Fachpraxis, Klinik) die genannte Therapie oder die Diagnose einer krankhaften Überproduktion des Hormons möglich sind.

Qualitätsdimension SACHGERECHTIGKEIT

In der Mehrheit der Kriterien stimmen die Informationen in der Pressemitteilung mit denen im Fachartikel überein und können auf Grundlage der Definition für die Inhaltsanalyse als sachgerecht angesehen werden. Das Kriterium Plausibilität wurde jedoch als „nicht erfüllt“ codiert. Diese Codierungsentscheidung ist damit begründet, dass zum einen unterschiedliche Angaben in der Pressemitteilung gemacht werden, wie viele Menschen an Bluthochdruck leiden.* Zum anderen ist in der Pressemitteilung von neun Hausarztpraxen die Rede, im wissenschaftlichen Artikel dagegen werden „19 general practitioners“ genannt. Daher wurde das Kriterium Faktische Übereinstimmung als „nicht erfüllt“ betrachtet.

* Auch wenn beide Angaben richtig sein können, da sie einen unterschiedlichen Bezugsrahmen wählen, so erscheinen sie doch im Text beim ersten Lesen als logischer Bruch.

Qualitätsdimension TRANSPARENZ

6 von 10 anwendbaren Kriterien in der Qualitätsdimension Transparenz wurden als „bestmöglich erfüllt“ codiert. Das Studiendesign, beziehungsweise wichtige wissenschaftliche Kenngrößen, werden vollständig genannt. Allerdings fehlen konkrete Informationen zur Finanzierung der Studie, zu Kontaktdaten der Wissenschaftler und zu den Grenzen der Aussagekraft der Studie, weshalb diese Kriterien als „nicht erfüllt“ bewertet wurden. Da in dem Absatz, in dem die Diagnose einer krankhaften Überproduktion des Hormons beschrieben wird, eine Quellenangabe fehlt, ist das Kriterium Quellenangaben nur „teilweise erfüllt“. Die genannten Quellen wurden hingegen als transparent, beziehungsweise das Kriterium Quellentransparenz als „bestmöglich erfüllt“ bewertet.

Qualitätsdimension VERMITTLUNG

Die Inhaltsanalyse ergab für die Qualitätsdimension Vermittlung, dass die Mehrheit der Kriterien „nicht“ oder nur „teilweise erfüllt“ sind. So wurde eine eher komplizierte Darstellung und Sprache codiert, da Fachbegriffe in einigen Fällen nicht erklärt werden oder durch allgemeinverständlichere Worte hätten ersetzt werden können. Auch sind einige Sätze durch Einschübe unübersichtlich. Stellenweise redundante Passagen zur Tatsache, dass die Überproduktion des Hormone behandelbar ist, gaben unter anderem den Ausschlag, die Prägnanz als „nicht erfüllt“ zu codieren. Diese Mängel beeinträchtigen die Vermittlung des Inhalts und wurden stärker gewichtet, als die Tatsache, dass keine Rechtschreibfehler im Text vorkommen. Aus diesem Grund wurde die Qualitätsdimension insgesamt als „nicht erfüllt“ bewertet.

Qualitätsdimension VIELFALT

In der Pressemitteilungen kommen die Experten der AWMF zu Wort und kommentieren das Ergebnis und die Bedeutung der Studie. Darüber hinaus werden zwei Quellen erwähnt: die Studie aus Italien, die den Anlass für die Pressemitteilung darstellt, und das Robert-Koch-Institut. Eine der Autorinnen des italienischen Fachartikels wird neben ihrer Tätigkeit für die Universität Turin auch im Zusammenhang mit der Medizinischen Klinik und Poliklinik am Klinikum München aufgeführt. Dort ist einer der in der Pressemitteilung genannten Experten Direktor. Dieser Umstand wird in der Pressemitteilung nicht erwähnt. Da die betreffende Autorin indes nicht als Erst- oder Seniorautor im Fachartikel geführt wird, wurde das Kriterium Quellenvielfalt dennoch als „bestmöglich erfüllt“ codiert.

*Wir erfassen und bewerten diese Qualitätsdimension hier vor dem Hintergrund, dass deren Anwendbarkeit innerhalb der Wissenschafts-PR noch nicht abschließend diskutiert ist.


Fazit

36 von 38 Kriterien sind anwendbar; von den 36 anwendbaren Kriterien sind 20 (56 Prozent) bestmöglich erfüllt.

Zum Vergleich: Die Bewertung der gleichen Pressemitteilung durch den Medien-Doktor PR-Watch.

Inhaltsanalysen und mehr

Die gleichen Pressemitteilungen, die wir im Forschungsprojekt „Inhaltsanalysen“ untersuchen, werden von professionellen Journalisten anhand der Medien-Doktor Kriterien begutachtet. Diese Gutachten finden sich im „Medien-Doktor PR-Watch“.

 

Auch in unserem Citizen Science Projekt „Medien-Doktor Citizen“ beschäftigen wir uns mit Pressemitteilungen zu Umweltthemen – hier aus Sicht journalistischer Laien.

Legende

GrünKriterium erfüllt
GelbKriterium teilweise erfüllt
RotKriterium nicht erfüllt
WeißKriterium nicht anwendbar