Auf dem Lerchenberg der Ahnungslosen

Veröffentlicht am: 8. Mai 2026

von: Holger Wormer

Eine Werbesekunde im ZDF kurz nach 19 Uhr kostete am 4. Mai 2026 laut aktueller Preisliste 1192 €. Es geht aber auch billiger. Jedenfalls dann, wenn man als Versicherungsunternehmen bei einer Marktforschungs- oder Marketing-Agentur eine Umfrage bestellt, „Studie“ darauf schreibt, über den Originaltextservice der dpa (von Volontären gerne mit dem regulären Agenturticker verwechselt) eine passende Pressemitteilung versendet – und sich dann auf eine in Sachen Wissenschaft zum Teil offenbar recht ahnungslose ZDF-heute-Redaktion verlassen kann. Am besten nimmt man als werbewilliges Versicherungsunternehmen noch eine Expertin mit wissenschaftlichem Anstrich auf die Payroll, die dann selbstverständlich gerne als unabhängig erscheinende Stimme Auskunft gibt, wenn sich ZDF-Autoren auf ihrer womöglich verzweifelten Suche nach echter Expertise melden.

Sicher, das Thema Mehrfachbelastung aus Familie und Beruf, um das es in der genannten Umfrage geht, ist „nah an den Menschen“, wie es in den Redaktionen gerne heißt. Auch lässt sich vermuten, dass sich so mancher gestresster Elternteil in der ZDF-heute-Redaktion persönlich betroffen gefühlt haben dürfte von einer Befragung, die das ständige Gefühl der Überforderung im Alltag thematisiert. Dennoch ist es wohl kaum der richtige Anlass für einen entsprechenden Beitrag in einer Haupt- oder gar Weltnachrichtensendung, wenn eine Versicherung statt eines Werbespots den oben skizzierten PR-Weg geht.

Offenbar ist selbst in den Top-Redaktionen noch nicht überall angekommen, dass viele angebliche Studien ein bewährtes Marketing-Instrument sind – auch wenn sie den Namen „Studie“ aus wissenschaftlicher Sicht nicht oder kaum verdienen. Mit der alljährlich in einer fragwürdigen „Studie“ gekürten „Stadt mit der höchsten Lebensqualität“, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, funktioniert dies seit rund zwei Jahrzehnten immer wieder zuverlässig – nicht nur beim ZDF, sondern in weiten Teilen der deutschen Medienlandschaft. Nachrichtenredaktionen scheint es gerade bei „Soft News“ oft egal zu sein, ob eine Studie tatsächlich valide ist oder primär der PR dient; Hauptsache, das Thema bringt etwas Alltagsnähe zwischen all die anderen schlimmen Bilder von fliegenden Drohnen, festsitzenden Öltankern oder Menschen vor zerstörten Häusern. Womöglich fehlt in den meisten Nachrichtenredaktionen aber auch ausreichende Kompetenz, die Seriosität einer zunächst wissenschaftlich daherkommenden Studie zu beurteilen. Dabei wären in den meisten Häusern bestens ausgebildete Kolleginnen und Kollegen in den Wissenschaftsredaktionen verfügbar, die man einfach mal öfter fragen könnte.

Bis es dazu kommt, wird man zur besten Sende- und Werbezeit wohl weiterhin zwischen seriöser Politikberichterstattung unseriösen Pseudowissenschaftsjournalismus finden. Der Marketing-getriggerte Beitrag im ZDF dauerte inklusive Anmoderation übrigens etwa 2:26 min – wertvolle Minuten für besser Recherchiertes oder gar Wichtigeres in der Welt und ein (theoretischer) Verlust von Werbeeinnahmen in Höhe von rund 174 000.- €. 

Siehe auch Gutachten zum Thema hier