„Mental Load in Familien“
Von uns bewertet am 8. Mai 2026
Veröffentlicht von: ZDF heute
Der TV-Beitrag der Nachrichtensendung ZDF heute greift eine Umfrage zur Belastung von Familien durch „Mental Load“ auf. Damit ist die mentale Belastung gemeint, die durch das ständige Organisieren und Koordinieren von Aufgaben im Familienalltag entsteht. Frauen sind besonders stark betroffen. Die sogenannte Studie, die nicht wissenschaftlich publiziert ist, wurde von der R+V Versicherung in Auftrag gegeben. Dass diese Untersuchung allein auf Selbstauskünften beruht, wird nicht ausreichend deutlich, auch sonst fehlen jegliche Informationen zur Vorgehensweise und Qualität der Befragung. Der Interessenkonflikt einer Expertin, die im Beitrag zu Wort kommt, wird nicht offengelegt. Neuartige oder überraschende Ergebnisse werden nicht berichtet, frühere Arbeiten zum Thema nicht einbezogen.
Zusammenfassung
Im Fernsehbeitrag von ZDF heute geht es um Mental Load – ein Konzept, das in den Sozialwissenschaften die ungleiche Aufgabenverteilung in Familien thematisiert, aber nicht als Krankheit gilt. Im journalistischen Beitrag heißt es, viele Eltern empfänden ihren Alltag „als ständiges Hinterherhecheln, permanent beschäftigt, allen und allem gerecht zu werden, dem Beruf, den Kindern, der Partnerschaft, dem Haushalt“. Die „unsichtbare Organisationsarbeit im Kopf“ treffe vor allem Frauen. Quelle und Anlass der Berichterstattung ist eine Informations- und Marketingkampagne der R+V-Versicherung, die bei einem Marktforschungsunternehmen eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben hat. „Laut einer aktuellen Studie der R+V Versicherung fühlen sich 80 Prozent der Familien mit Kindern mental belastet, 27 Prozent davon sogar sehr stark“, heißt es dazu im Beitrag. Allerdings wird damit das Ergebnis der „Studie“ übertrieben dargestellt.
Kritisch zu bewerten ist auch, dass als Mental-Load-Expertin die Bloggerin und Autorin Laura Fröhlich interviewt wird, die nach eigenen Angaben als „Beraterin“ der Versicherung fungiert. Der Interessenkonflikt wird im Fernsehbeitrag nicht thematisiert.
Die Kriterien
1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).
Im TV-Beitrag geht es um Mental Load, ein Konzept, das in Frankreich durch einen feministischen Comic populär wurde und hierzulande durch die Bloggerin und Podcasterin Patricia Cammarata bekannt ist. Laut dem Fachaufsatz „Mental Load und Elternstress“ aus Social Extra, einer Fachzeitschrift für soziale Arbeit, bezeichnet der Begriff „die unsichtbare Verantwortung, an alle anfallenden Aufgaben zu denken, Abläufe zu organisieren und dadurch den Familienalltag reibungslos zu gestalten“. Mental Load ist demnach ein Begriff aus den Sozialwissenschaften und integraler Bestandteil der Care-Arbeit (siehe auch https://doi.org/10.1007/s12054-025-00811-2).
Im Video-Beitrag heißt es, es handele es sich zwar nicht im medizinischen Sinn um eine Erkrankung, Ärzte warnten aber davor, dass dauerhafter Stress krank machen könne. Zum Beleg wird der Arzt Christian Sommerbrodt mit der Aussage zitiert: „Bei mir in der Praxis kommen die Patienten dann natürlich mit Schlafstörungen, psychosomatischen Störungen, depressiven Störungen, Erschöpfungsgefühlen und wir reden hier tatsächlich von einem tief gesellschaftlich strukturellen Problem.“ Ansätze, die Überlastung von Familien durch „Mental Load“ zu verringern, spricht der TV-Beitrag nur sehr knapp und allgemein an (Aufgabenverteilung in der Familie besprechen, „auf sich achten“). Zum Nutzen solcher Ansätze informiert der Beitrag nicht. Der im Fernsehbeitrag erwähnten Frau, Birgit Schmidt, habe eine Mutter-Kind-Kur geholfen habe und die Erkenntnis, „dass es vielen genauso geht, dass niemand perfekt sein muss im Stress des Alltags“. Der Nutzen der Mutter-Kind-Kur wird nicht quantifiziert, eine Studie zu dieser und ggf. anderen Maßnahmen wird nicht zitiert (siehe dazu etwa https://www.mhh.de/fileadmin/mhh/medizinische-soziologie/Forschungsverbund/Gesamtbericht_RessQu.pdf ). Die einzige Evidenz für die Wirksamkeit der Maßnahme ist also der positive Erlebnisbericht von Birgit Schmidt. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.
2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.
Risiken und Nebenwirkungen zum Beispiel einer Mutter-Kind-Kur werden nicht thematisiert. Eine Reha-Maßnahme mit mehrwöchiger Abwesenheit der Mutter muss selbst aufwändig organisiert werden. Im Alltag kann der Erholungseffekt unter Umständen schnell verfliegen, wenn sich an den ungleichen Belastungsstrukturen in Familien nichts ändert. Und nicht immer kommen Mütter in der Gemeinschaft mit anderen Müttern und ihren Kindern wirklich zur Ruhe. Auch mögliche Konflikte als Folge einer Umverteilung der Aufgaben in der Familie werden im Beitrag nicht angesprochen.
3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.
Dass es Mutter-Kind-Kuren gibt, dürfte bekannt sein. Im Beitrag wird jedoch nicht erwähnt, wie Betroffene eine Mutter-Kind-Kur beantragen können und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um sie bewilligt zu bekommen. Auch wird nicht erklärt, welche Maßnahmen letztlich helfen, die eigene Haltung zu ändern und zu der Einsicht zu gelangen, „dass niemand perfekt sein muss“.
4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.
Im journalistischen Beitrag heißt es nur, viele Eltern wünschten sich mehr staatliche Unterstützung, aber auch ein verständnisvolleres Umfeld und eine bessere Verteilung der Aufgaben. Was gegen die von Sommerbrodt erwähnten Schlafstörungen, psychosomatischen Störungen, depressiven Störungen sowie Erschöpfungsgefühle neben einer Mutter-Kind-Kur helfen könnte, wird nicht gesagt. In dem unter Kriterium 1 zitierten Artikel „Mental Load und Elternstress“ aus Social Extra werden beispielsweise „flexible Arbeitsmodelle, partnerschaftliche Aufteilung von Sorgearbeit und gesellschaftliche Anerkennung unsichtbarer Tätigkeiten“ genannt.
5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.
Unter welchen Voraussetzungen die Krankenkassen die Kosten einer Kur oder einer anderen professionellen Unterstützung / Beratung übernehmen, spricht der Beitrag nicht an.
6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).
Es werden verschiedene Aspekte genannt, die zum „Mental Load“ beitragen, ohne den Begriff genau zu definieren und dessen Geschichte, vor allem aus dem feministischen Kontext, herzuleiten. Immerhin wird klargestellt, dass es sich um keine Erkrankung im medizinischen Sinne handelt, der dauerhafte Stress aber krank machen könne.
Die Zahl der Betroffenen wird nach einer angeblich repräsentativen Familienstudie des Marktforschungsunternehmens INNOFACT AG im Auftrag der R+V Versicherung zitiert. Dafür sei im April 2026 eine Umfrage unter 1.000 Familien in Deutschland durchgeführt worden. Man habe jeweils Mütter oder Väter in Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren befragt. Demnach fühlten sich „80 Prozent der Familien mit Kindern mental belastet, 27 Prozent davon sogar sehr stark“. In der Erhebung von INNOFACT hatten knapp 27% der Teilnehmenden bei der Frage: „Wenn Sie einmal an verschiedene Situationen in Ihrem Alltag denken, wie belastet fühlen Sie sich da zurzeit?“ die Antwortmöglichkeit „sehr“ angekreuzt, 53,3% „etwas“. Daraus konstruiert INNOFACT eine mentale Belastung von 80% der Befragten. Dies ließe sich als Disease Mongering interpretieren, daher werten wir „KNAPP NICHT ERFÜLLT“.
7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.
Dem Fernsehbeitrag liegt eine im Auftrag der R+V Versicherung erstellte Befragung zugrunde, aus der einzelne Zahlen zitiert werden. Dass es sich um einen reinen Fragebogen, also ausschließlich um Selbstauskünfte der Betroffenen handelt, geht aus dem Beitrag nicht klar genug hervor. Die Verwendung der Bezeichnung „Studie“ für eine Arbeit, in der keine Forschungsfragen oder Hypothesen formuliert sind, werten wir als problematisch. Der Beitrag weist auch nicht darauf hin, dass die Untersuchung bislang nicht veröffentlicht ist. Eine Einschätzung zur Qualität der Umfrage fehlt ebenfalls.
8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.
Als unabhängiger Experte wird der Allgemeinmediziner Christian Sommerbrodt kurz zitiert, der Vorsitzender des Hausärzteverbands Hessen ist, was im Beitrag nicht erwähnt wird. Allerdings äußert sich Sommerbrodt nicht zu den vorgestellten Zahlen. Unabhängige Quellen neben der Studie der R+V-Versicherung werden nicht genannt. Als weitere Expertin wird Laura Fröhlich interviewt, die aber auch in der Pressemitteilung der R+V-Versicherung zitiert wird (siehe Kriterium 9), wobei im Beitrag auch nicht deutlich wird, worin ihre Qualifikation für ihre Expertise besteht.
9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.
Dass die als Mental-Load-Expertin vorgestellte Journalistin und Autorin Laura Fröhlich auch für die R+V Versicherung tätig ist („Laura Fröhlich ist eine der bekanntesten Expertinnen für Mental Load in Deutschland. Sie unterstützt die R+V mit ihrem Fachwissen, praxisnahen Tipps und einer eigenen Artikelserie rund um das Thema mentale Belastung im Familienalltag.“, siehe https://www.ruv.de/vorsorge/gedankenkreisel), hätte im Beitrag erwähnt werden müssen.
10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).
Der Begriff „Mental Load“ wird nicht genau definiert und eingeordnet. So fehlt eine klare Abgrenzung zu „Stress“ (siehe z.B. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00140139308967972). Im Beitrag bleibt unklar, ob die genannten Erkenntnisse zu Mental Load tatsächlich neu sind, bzw. welche früheren Arbeiten es zu diesem Thema gibt (siehe z.B. https://www.boeckler.de/fpdf/HBS-008679/p_wsi_report_87_2023.pdf). Vorliegende quantitative Untersuchungen zur ungleichen familiären Arbeitsteilung bezieht der TV-Beitrag auch nicht ein (siehe z.B. https://www.wsi.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-006569). Die Frage, ob die mentale Belastung von Familien heute stärker empfunden wird als früher, und woran das liegen könnte, wird nicht gestellt.
Dabei wurde das Konzept offenbar bereits in den 1970er Jahren im Zusammenhang der Ungleichverteilung von Arbeit und Belastung in Familien diskutiert. Durch eine französische Comic-Zeichnerin, die der Guardian druckte, wurde es um 2018 populär. Unter anderem wurde es während der Covid-Pandemie aufgegriffen. Wissenschaftlich taucht es in den Sozialwissenschaften im Zusammenhang mit Care-Arbeit auf.
11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).
Die im Fernsehbeitrag genannten Zahlen stimmen mit den Ergebnissen der Befragung überein. Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen, nur eine verzerrte Darstellung (siehe Kriterium 6).
12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).
Der journalistische Beitrag stützt sich stark auf die Pressemitteilung der R+V Versicherung (siehe auch https://www.presseportal.de/pm/61791/6267680 ), der auch alle genannten Zahlen entnommen sind. Der TV-Beitrag geht jedoch insofern über die Pressemitteilung hinaus, dass er exemplarisch Filmsequenzen aus einer Familie zeigt und die Mutter zu Wort kommen lässt. Auch die Ausführungen des Arztes Christian Sommerbrodt stammen nicht aus der Pressemitteilung.
13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).
Den Familienalltag mit Kindern und Beruf zu koordinieren kann oft anstrengend sein, ein Großteil der Managementaufgaben bleibt häufig an den Müttern hängen. Der TV-Beitrag greift dieses allgemein bekannte Problemfeld auf, kann aber trotz der aktuellen Umfrageergebnisse nichts wirklich Neues und Interessantes beitragen. Der Anmoderation mit Problemaufriss folgt kurz ein Blick ins Familienleben der Protagonistin, je ein Statement des Hausarztes und der vermeintlichen Mental Load Expertin/Bloggerin. Auch die Lösungsvorschläge – mal an sich selbst denken, mal etwas weglassen – können den Beitrag nicht interessanter machen, sie bleiben zu vage und allgemein.
14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).
Die geschilderten Probleme dürfte dem Großteil der Zuschauer bekannt sein, hier gibt es nicht viel zu erklären. Der Beitrag ist insofern gut verständlich.
15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).
Der Fernsehbeitrag wirkt zunächst aktuell, da er sich auf eine soeben publizierte Befragung und Presseinformation der R+V-Versicherung bezieht. Allerdings handelt sich nicht um eine wissenschaftlich publizierte Studie, ein Anlass für eine aktuelle Berichterstattung ist also nicht gegeben, zumal die Umfrage auch keine überraschenden neuen Erkenntnisse liefert.