„Wie ein Bakterium beim Abnehmen helfen könnte“

Von uns bewertet am 19. Juli 2019

Veröffentlicht von: Der Spiegel (online)

In einem aktuellen Beitrag auf Spiegel Online wird über eine im Fachblatt Nature Medicine veröffentlichte Studie berichtet, die sich mit der Darmflora des Menschen beschäftigt hat. Ein Bakterium namens „Akkermansia muciniphila“ soll Übergewichtigen dabei helfen, an Gewicht abzunehmen und ihre Stoffwechselparameter zu verbessern. Allerdings wird im Beitrag nicht deutlich, dass die Gewichtsreduktion der Probanden statistisch nicht signifikant war. Nur am Rande erwähnt und nicht erklärt werden dagegen die durchaus relevanten Stoffwechselveränderungen, die in der Studie beobachtet wurden. Auch fehlt an mancher Stelle eine Einordnung, was die Studienergebnisse eigentlich bedeuten.

Zusammenfassung

Im Beitrag von Spiegel Online wird über Darmbakterien berichtet, die in Form neuer Probiotika übergewichtigen und adipösen Menschen mit einer Insulinresistenz dabei helfen könnten, an Gewicht zu verlieren und ihre Stoffwechselparameter zu verbessern. Der Text, der von den Gutachtern des Medien-Doktors als besonders positives Beispiel für eine Bewertung vorgeschlagen worden war, zeigte bei genauerer Betrachtung doch ein paar Schwächen. Zwar ist der Artikel gut und verständlich geschrieben, die Studienergebnisse werden sachlich vermittelt und überzogene Erwartungen gedämpft. Auch finden sich vor allem zu Beginn des Textes viele anschauliche Erklärungen zum Thema Mikrobiom, die Leserinnen und Lesern helfen werden, das Thema besser zu verstehen. Allerdings wird der Nutzen der Studie nur sehr allgemein dargestellt und ein zu großer Fokus auf die Gewichtsabnahme gelegt, die aber statistisch gar nicht signifikant war. Dies ist für die Leser irreführend. Die Veränderung der Stoffwechselparameter wie (eine reduzierte Insulinresistenz) werden dagegen kaum erwähnt, obwohl diese für übergewichtige und adipöse Menschen von großer Relevanz sind. Auch wird die Anzahl der Probanden nicht korrekt angegeben, und Interessenskonflikte der Studienautoren bleiben unerwähnt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Beitrag beschreibt nur in sehr allgemeiner Form den postulierten Nutzen, dass sich die untersuchten Bakterien positiv auf bestimmte Parameter des Stoffwechsels und das Gewichts auswirken könnte: „Tatsächlich verbesserten sich mit dem Bakterium der Stoffwechsel und das Körpergewicht der Teilnehmer – ganz ohne zusätzliche Diät.“ Die einzige konkrete Angabe findet sich nur zum Gewicht: „Der Studie zufolge verloren einige Testpersonen etwas mehr als zwei Kilo ihres Körpergewichts, auch die Fettmasse war im Vergleich zum Ausgangswert um etwas mehr als ein Kilo zurückgegangen.“ Wenn man sich allerdings die Abbildung 4a des entsprechenden Fachartikels ansieht, wird deutlich, dass der Gewichtsverlust wohl hauptsächlich auf eine einzige Person in der Gruppe zurückzuführen ist, die sehr viel an Gewicht verloren hat. Abbildung 4a Dass der Gewichtsverlust unter den Teilnehmern insgesamt gar nicht signifikant war, bleibt im Text unerwähnt. Es wird auch nicht deutlich gemacht, dass (paradoxerweise) nur abgestorbene Bakterien überhaupt einen Effekt zeigten, stattdessen heißt es lediglich: „In erster Linie profitierten jene Patienten, denen abgestorbene Bakterien verabreicht worden waren.“

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Im Beitrag heißt es: „Nebenwirkungen konnten die Forscher nicht beobachten.“ Da in der Pilotstudie jedoch neben den Stoffwechselparametern vor allem die Sicherheit und Verträglichkeit als primäre Endpunkte im Mittelpunkt standen, hätten wir gern mehr über Risiken und Nebenwirkungen gewusst. Daher werten wir wegen der Knappheit der Darstellung nur knapp „ERFÜLLT“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Die Studie wird als „Pilotstudie“ betitelt; es wird also deutlich, dass nur eine geringe Anzahl an Probanden daran teilgenommen hat und es noch größerer Studien bedarf, um die Effekte zu bestätigen. Auch wird erklärt, dass die Studie vorausgehende Tierversuche bestätigt. Der Aufbau der aktuellen Studie wird im Detail beschrieben: „An der Pilotstudie nahmen 40 übergewichtige bis adipöse Patienten mit einer sogenannten Insulinresistenz teil.“ Und: „Für die Untersuchung wurden die Probanden in drei Gruppen eingeteilt: Der ersten Gruppe verabreichten die Forscher abgetötete A. muciniphila, der zweiten lebende A. municiphila und die letzte Kontrollgruppe erhielt ein Placebo. Weder Teilnehmer noch Wissenschaftler wussten, wer welches Präparat erhielt. Während der Untersuchung sollten die Teilnehmer ihre bisherigen Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten beibehalten. Die Behandlung dauerte drei Monate.“ Diese laienverständliche, ausführliche Beschreibung finden wir lobenswert.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird ein Experte zitiert, der die Ergebnisse für die Leserinnen und Leser einordnet. Deutlich wird, dass dieser Experte nicht an der Studie beteiligt war. Dennoch werten wir mit Blick auf mögliche Interessenkonflikte knapp „NICHT ERFÜLLT“, weil die Leserinnen und Leser nicht erfahren, dass die Studienautoren Patente auf das beschriebene Verfahren mit den Bakterien besitzen und sogar eine Firma dazu betreiben, die sich mit genau diesem Darmbakterium beschäftigt: www.a-mansia.com.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Der Artikel weist eine Reihe von kleineren Faktenfehlern auf. Im Artikel heißt es: „An der Pilotstudie nahmen 40 übergewichtige bis adipöse Patienten mit einer sogenannten Insulinresistenz teil.“ Dies war jedoch nur zu Beginn der Studie so, tatsächlich wurden aber am Ende nur Daten von 32 Teilnehmern (je nach Parameter sogar noch weniger) verwendet. Die Pressemitteilung von Nature Medicine weist darauf hin, auch im Fachartikel selbst ist das gleich im Abstract zu lesen. Zudem heißt es im journalistischen Beitrag, die Darmflora bestehe nur aus Bakterien. Das ist so nicht korrekt, auch andere Mikroorganismen wie Archaeen und Eukaryoten kommen darin vor. Auch die fälschlich berichtete Neuartigkeit der Studie kann man als Faktenfehler deuten. Tatsächlich hatte dasselbe Forscherteam nämlich eine kleinere, aber ansonsten sehr ähnliche Studie schon 2017 durchgeführt (“In 2017, the first reported preliminary human data from this study obtained using 5 volunteers per group suggested that treatment with either placebo, two doses of live A. muciniphila (low dose of 109 bacteria per day or high dose of 1010 bacteria per day) or pasteurized A. muciniphila (1010 bacteria per day) was safe in individuals with excess body weight (…).”;.) Und schließlich wird die Universität, an der die Studie unter anderem stattgefunden hat, als „Louvaine“ bezeichnet. Es handelt sich aber um die Universitäten UC Louvain in Brüssel und in Louvain-la-Neuve sowie die KU Leuven, im belgischen Löwen. Dass auch Forscher anderer Institutionen an der Studie teilnahmen, bleibt unerwähnt.