„Wer 30 Minuten weniger sitzt, kann sein Leben verlängern“

Von uns bewertet am 21. Januar 2020

Veröffentlicht von: Fit for Fun (online)

Wer kennt sie nicht, die aberwitzigen Sprüche wie: „Sitzen ist das neue Rauchen“. Auch in diesem Online-Beitrag von Cover Media für die Zeitschrift Fit for Fun wird das alte Thema erneut thematisiert: Wie gesundheitsschädlich es ist, lange Zeit zu sitzen – und dass sich bereits wenig Bewegung langfristig lohnen kann. Der Artikel ist zwar verständlich geschrieben, ordnet jedoch die beschriebenen Studienergebnisse nicht ein und legt manche Sachverhalte nicht korrekt dar.

Zusammenfassung

Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, ist an sich lobenswert. Und dass gerade der Online-Auftritt der Zeitschrift Fit for Fun darauf Wert legt, ist nachvollziehbar. Klar und verständlich wird im Artikel erläutert, warum es der Gesundheit dient, sich regelmäßig aus dem Bürostuhl zu erheben und zu bewegen. Allerdings wird Bezug auf eine Studie genommen, die wenig Neues bietet und in ihrer Aussagekraft sehr eingeschränkt ist. Für den journalistischen Beitrag wurde auch kein unabhängiger Experte befragt, der die Ergebnisse hätte einordnen können. Stattdessen werden die Resultate übertrieben und nicht richtig differenziert dargestellt. So wird zum Beispiel der Eindruck erweckt, dass schon leichte Bewegungseinheiten das Risiko eines frühen Todes um 35 Prozent senken könnten, was so nicht richtig ist. Zudem suggeriert der Artikel, dass die Studie gerade erst erschienen sei. Tatsächlich ist sie aber bereits vor rund einem Jahr, im Januar 2019, veröffentlicht worden. Alles in allem bestätigt sich der erste Eindruck: Der von unserem Gutachter-Team als Negativ-Beispiel vorgeschlagene Text zeigt deutliche Schwächen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Die Angaben zum Nutzen werden zum großen Teil pauschal und ohne Quantifizierung formuliert. Im Titel findet sich zum Beispiel die Aussage: „Wer 30 Minuten weniger sitzt, kann sein Leben verlängern”, weitere Formulierungen sprechen etwa von einem „erheblichen Effekt” oder lauten: „Wer sich mehr bewegt, lebt länger”. Eine quantifizierte Angabe findet sich lediglich an einer Stelle: „Dabei könne das Risiko eines frühen Todes mit der halben Stunde mehr Bewegung pro Tag um ganze 35 Prozent gesenkt werden”. Hier wird allerdings nur das relative Risiko dargestellt, absolute Zahlen dazu sind im Text nicht zu finden. Wir werten daher „NICHT ERFÜLLT“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Risiken des Nicht-Sitzens – also der Bewegung – werden im Text nicht erwähnt. Dies erscheint uns in diesem Zusammenhang jedoch angemessen, daher werten wir „ERFÜLLT“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es werden Angaben zur Studie gemacht: „7999 Menschen, die älter als 45 Jahre alt waren“, ebenso zum Zeitraum der Untersuchung: „von 2009 bis 2013, trugen die Probanden Tracker”. Darüber wird die Untersuchung noch folgendermaßen beschrieben: „… gaben einigen Teilnehmern die Aufgabe, sich öfters zu bewegen.” Dies ist insofern problematisch, als der Studienaufbau so nicht richtig wiedergegeben wird. Es stimmt nicht, dass Teilnehmer die Aufgabe erhielten, sich öfters zu bewegen. Stattdessen geht aus der Fachpublikation hervor, dass hier nur Analysen und Vergleiche statistischer Art gemacht wurden – also eine Untergruppe von Teilnehmern einer Studie zum Thema Schlaganfall ausgewertet wurde. Diese Untergruppe von 7999 Probanden unterschied sich von den übrigen insofern, dass nur sie die Bewegungstracker tragen wollten. Dazu heißt es in der Fachpublikation selbst, dass diese Untergruppe einen höheren sozioökonomischen Status hatte als die übrigen. Es waren mehr männliche Probanden dabei als weibliche; zumal waren sie schlanker und nur wenige von dunkler Hautfarbe waren dabei („.Briefly, those participants who agreed to complete the accelerometer protocol had a higher socioeconomic status compared to those who did not and those participants with non-compliant wear were more likely to be female, black, and obese”). Auch wird im journalistischen Beitrag nicht deutlich, dass das Durchschnittsalter der Probanden 65 Jahre betrug. Vor allem aber werden die Schwächen so einer reinen Beobachtungsstudie nicht dargelegt. Ebenso wenig wird erklärt, dass hier lediglich Korrelationen gemessen werden. Ob tatsächlich die Bewegung einen frühen Tod verhinderte oder es andere Ursachen gab, die in der Gruppe der aktivieren Probanden vermehrt vorkamen, kann eine solche Studie nicht nachweisen. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommt im Bericht nur der Erstautor der Studie zu Wort. Auch bleibt unerwähnt, dass die Studie teilweise von Coca-Cola gesponsert wurde. Da es in der Studie nicht um Süßgetränke geht, ist nicht von einer inhaltlichen Verzerrung der Ergebnisse auszugehen. Interessant ist jedoch zu sehen, wie das Unternehmen immer wieder Studien zum Thema Bewegung finanziell unterstützt und somit dabei hilft, den Eindruck zu erwecken, dass vor allem der Bewegungsmangel die Ursache für Übergewicht ist – und nicht etwa der Konsum gezuckerter Süßgetränke (siehe auch: washingtonpost.com/news/to-your-health). Doch war es unser Einschätzung nach nicht nötig, dies im aktuellen Beitrag zu erwähnen. Ein unabhängiger Experte jedoch wäre hilfreich gewesen. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Im Beitrag sind einige Fakten nicht korrekt wiedergegeben. So heißt es etwa: „Während eines Zeitraums von vier Jahren, von 2009 bis 2013, trugen die Probanden Tracker, die ihre Aktivität aufzeichneten“. Dies ist nicht richtig – tatsächlich trugen sie die Tracker nur vier Tage, aus diesen Werten wurde dann später hochgerechnet. Auch heißt es im Artikel: „Die Forscher analysierten die Daten und gaben einigen Teilnehmern die Aufgabe, sich öfters zu bewegen.“ Solche Anweisungen konnten wir in der Fachpublikation nicht finden – und sie würden auch wenig Sinn machen, da die Daten ja im Nachhinein der Untergruppe von Teilnehmern einer anderen Studie entnommen wurden. Zudem wird im Text nicht zwischen der gemessenen Mortalitätsminderung bei leichter Bewegung (17 Prozent verminderte Sterblichkeit) und intensiverer Bewegung (35 Prozent verminderte Sterblichkeit) unterschieden. Damit entsteht der Eindruck, mit jeder Form des Trainings ließe sich eine Reduktion von 35 Prozent erreichen. Etwas verwirrend wird auch die Länge der einzelnen Bewegungseinheiten dargestellt. Es wird nicht näher erläutert, dass verschiedene Intervalle miteinander verglichen wurden. Nur die einminütige Toilettenpause wird in diesem Zusammenhang in Form eines Zitats erwähnt. Das erscheint uns zu wenig Information, geprüft wurden nicht 1-Minuten-Intervalle, sondern solche von 1 bis 5 Minuten, die sich insgesamt pro Tag wiederum zu einer halben Stunde addieren mussten. Auch das ist in diesem Zusammenhang aus dem journalistischen Beitrag nicht herauszulesen. Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.