„Tuberkuloseimpfung gegen Coronavirus?“

Von uns bewertet am 16. Mai 2020

Veröffentlicht von: NDR Info

Wie wäre es mit einer Portion Bakterien, um sich gegen Coronaviren zu wappnen? Diesen neuen Ansatz im Kampf gegen die aktuelle Pandemie hat ein Radio-Beitrag aufgegriffen. Das Thema wurde zwar verständlich aufbereitet. Doch fielen die Erklärungen an mancher Stelle zu knapp aus, um den Hörerinnen und Hörern die Sinnhaftigkeit des Ansatzes nahe zu bringen.

Zusammenfassung

Einen Trick möchten sich Mediziner zunutze machen, um schwere Verläufe einer Infektion mit Coronaviren künftig abzumildern: Impfungen mit lebenden Bakterien sollen das Immunsystem so trainieren, dass es die Krankheitserreger der aktuellen Pandemie besser abwehrt. Ein Radiobeitrag von NDR-Info berichtet über eine neu anlaufende Studie, in der u.a. Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover 1000 Probanden eine gentechnisch überarbeitete Version des alten BCG-Impfstoffs gegen Tuberkulose (BCG für Bacillus Calmette-Guérin) geben werden. Getestet werden soll an Personen wie Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegepersonal, die in ihrem Alltag mit dem Coronavirus in Kontakt kommen. Obwohl die Themenauswahl originell und lobenswert ist, bleiben im Beitrag leider einige Fragen offen. Die neue Studie und ihre Bedeutung etwa werden nicht ausreichend eingeordnet, mögliche Risiken und Nebenwirkungen bleiben unerwähnt. Hinweis: Der Beitrag ist online leider nicht mehr verfügbar.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Impfstoffe gegen Tuberkulose wirken womöglich nicht nur gezielt gegen den Tuberkulose-Erreger. Sie stärken vielleicht auch allgemein das Immunsystem. Deshalb werden diese Impfstoffe jetzt auch bei Covid-19 ins Gespräch gebracht. Solange es keinen spezifischen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, könnten sie zumindest für mildere Krankheitsverläufe sorgen, so die Hoffnung. Dieser mögliche Nutzen, der sich naturgemäß noch nicht quantifizieren lässt, wird im Beitrag gut nachvollziehbar erklärt.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Risiken und Nebenwirkungen des neuen Impfstoffs werden im Radiobeitrag leider kaum erwähnt. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass der Vorgänger des aktuellen Impfstoffs eine „Reihe negativer Nebenwirkungen“ hat und „überholt“ ist. Worin aber die Nebenwirkungen des alten Impfstoffs bestanden, wird nicht berichtet. Der alte wie der neue Impfstoff enthalten abgeschwächte Tuberkulose-ähnliche Bakterien. Für den neuen Impfstoff wurden die Erreger jedoch gentechnisch so verändert, dass die Immunreaktion der Geimpften stärker ausfällt als früher. Dieser veränderte Impfstoff scheint gut verträglich zu sein, befindet sich aber noch in klinischer Erprobung. Das an der Entwicklung des Impfstoffs beteiligte Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie schreibt: „Derzeit wird der Impfstoff in einer weiteren Phase-III-Studie an erwachsenen Probanden in Indien getestet. Sie soll Mitte 2020 abgeschlossen sein.“ Im aktuellen Radiobeitrag wird dies nur indirekt deutlich. Es wird nur erwähnt, dass man nach der geplanten Studie in Deutschland wissen werde, ob der Wirkstoff wirklich so verträglich ist wie angenommen.Zusätzlich zu möglichen Nebenwirkungen des konkreten Impfstoffs könnte der neue Ansatz auch weitreichendere Folgen haben: Schon jetzt befürchten Experten, dass die generelle Diskussion um verschiedene Tuberkulose-Impfstoffe als Corona-Medikamente zu bedrohlichen Engpässen führen könnte. Leidtragende wären Kinder in Hochrisikogebieten, die nicht mehr gegen Tuberkulose geschützt werden könnten. Dies wird im Radio-Beitrag ebenso wenig erklärt wie das Risiko, dass geimpfte Probanden sich womöglich sorgloser verhalten werden als andere und ihre Gesundheit so womöglich gefährden. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird berichtet, dass die Studie an mehreren Standorten durchgeführt wird. Auch wird erklärt, dass sich die 1000 Probanden aus der Ärzteschaft und medizinischem Pflegepersonal zusammensetzen werden. Und man erfährt, dass die Zahl der Krankheitstage beim geimpften und nicht geimpften Personal verglichen werden soll, um Aussagen über die Wirksamkeit zu erhalten. Weiterführende Informationen zum genauen Studiendesign finden sich im Beitrag nicht. Es bleibt unklar, ob man nach Studienabschluss qualitativ hochwertige Aussagen erwarten kann.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen nur Experten zu Wort, die an der Studie beteiligt sind.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Anders als in der Pressemitteilung kommt im Beitrag nicht nur der Studienleiter der an mehreren Standorten durchgeführten Studie zu Wort. Seine Kollegin am Standort Borstel wird ebenfalls zur geplanten Untersuchung befragt und äußert sich kritisch zu der Einschätzung, wie schnell dieser Impfstoff auf den Markt kommen könnte. Andere Informationen aus der Studienprotokoll – etwa, dass es eine weitere Untersuchung mit Senioren geben soll – fehlen allerdings. Insgesamt geht der Beitrag jedoch über die Pressemitteilung hinaus. Daher werten wir „ERFÜLLT“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Beitrag macht klar, dass es sich um eine aktuell anlaufende Studie geht und dass der ursprüngliche Impfstoff bereits fast 100 Jahre alt ist. Auch werden Ergebnisse aus den 1990er-Jahren zitiert. Es hätte noch erwähnt werden können, dass ähnliche Studien gegen das Coronavirus mit schon zugelassenen Tuberkulose-Impfstoffen bereits in anderen Ländern laufen, zum Beispiel an der Universität Utrecht (siehe auch: radboudumc.nl/en/news). Studien, die ebenfalls beleuchten sollen, ob sich Häufigkeit und Schwere der Covid-19-Infektionen abmildern lässt. Auch wäre noch interessant gewesen zu erfahren, dass die Weltgesundheitsorganisation es bereits im Jahr 2014 für plausibel erklärt hat, mit Impfstoffen wie jenem gegen Tuberkulose die Abwehrkräfte zu stärken (siehe auch: who.int/immunization). Insgesamt werten wir aber „ERFÜLLT“.