„Nur einmal monatlich verhüten“

Von uns bewertet am 20. Dezember 2019

Veröffentlicht von: FAZ.net

Wie wäre es, wenn Frauen die Antibabypille nicht mehr täglich, sondern nur noch einmal im Monat einnehmen müssten? Mit diesem wichtigen Thema beschäftigt sich ein aktueller Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Zeitung berichtet über erste Tests an Schweinen mit einer speziellen Kapsel. Dabei wird auch deutlich gemacht, dass es sich bislang nur um eine Machbarkeitsstudie handelte, sich also nur das Prinzip – weitgehend – bewährt hat. Wie viele Stolpersteine es noch gibt, hätte jedoch deutlicher dargestellt werden können.

Zusammenfassung

Der Artikel widmet sich dem wichtigen und innovativen Ansatz, die Antibabypille als Depotpräparat zu entwickeln. Der Beitrag beschreibt das System und die Funktionsweise der Kapsel und macht grundsätzlich klar, dass es noch ein langer Weg bis zur Marktreife ist. Allerdings wären mehr Informationen über Nebenwirkungen interessant gewesen, weil die hormonelle Verhütung mit einigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergehen kann. Immerhin aber erfährt man, dass zwei der Forscher eine Firma gegründet haben, um das Produkt weiter zu entwickeln, also ein wirtschaftliches Eigeninteresse haben. Gerade deswegen hätte dem Artikel jedoch auch eine unabhängige Expertenmeinung gutgetan. Zudem tauchen im Text Fachbegriffe auf, die für Laien unverständlich sein dürften. Hier wäre mehr Übersetzungsarbeit für die Leserinnen und Leser hilfreich gewesen. In diesem als Positiv-Beispiel vorgeschlagenen Beitrag haben sich also beim näheren Hinsehen doch leichte Schwächen gezeigt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Manchmal fällt es Frauen schwer, sich an die Einnahme der täglichen Antibabypille zu erinnern. Der größte Nutzen einer neuen Monatskapsel wäre daher, dass sie nicht mehr daran denken müssen. Mit der monatlichen Einnahme sollen also ungewollte Schwangerschaften verhindert werden, die wegen nicht erfolgter Einnahme der Pille entstehen. Es fehlt zwar der direkte Hinweis und quantifizierbare Beleg im Text, dass die Depotwirkung eines Kontrazeptivums die Effektivität erhöhen würde. Aber das kann immerhin indirekt daraus abgeleitet werden („Es würde ihnen helfen…“), zumal auch in der wissenschaftlichen Publikation keine direkte Quantifizierung dieses Nutzens stattfindet. Warum es gerade für Frauen in Entwicklungsländern so schwierig ist zu verhüten und welche Vorteile so ein System haben könnte, kommt in dem Artikel jedoch zu kurz. Außerdem hätte deutlicher werden sollen, dass es zum jetzigen Zeitpunkt alles andere als klar ist, ob das neue System die Erwartungen erfüllen wird. Dennoch werten wir insgesamt „ERFÜLLT“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Im Text wird auf das Problem der prompten Freisetzung einer ganzen Medikamentendosis eingegangen. Ebenso wird erwähnt, dass ein Therapieabbruch möglich sein muss: „Über einen solchen Mechanismus muss sich die Einnahme auch gezielt stoppen lassen, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht mehr erwünscht oder gar gefährlich ist.“ Schließlich wird auch erwähnt, dass die Wirkung eingeschränkt ist, wenn Teile der Behältnisse vorzeitig ausgeschieden werden. Nicht diskutiert wird dagegen die Frage, welche Nebenwirkungen die Hormone im Magen entfalten oder welche Nebenwirkungen Depotpräparate dieser Art sonst noch haben könnten. Diese sind denkbar, da zum Beispiel bei anderen Depotpräparaten (die in die Muskulatur injiziert werden) diskutiert wird, ob sie etwa durch eine hormonbedingte Verdünnung des Vagina-Epithels womöglich das Ansteckungsrisiko für HIV erhöhen (ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27355414). Zudem werden Effekte auf das Körpergewicht, Zwischenblutungen, die Libido, die Gerinnungsneigung, das Knochenbruchrisiko und anderes bei Depotpräparaten beobachtet (ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26874275, ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27461017, ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26626534). Da hier besonders relevante Nebenwirkungen nicht erwähnt werden, werten wir „NICHT ERFÜLLT“.