„Die Charité: Neue Hilfe gegen Grünen Star“

Von uns bewertet am 8. November 2019

Veröffentlicht von: RBB

Ein Beitrag im Inforadio des RBB berichtet über ein Therapieverfahren gegen den Grünen Star (Glaukom). Allerdings erfahren die Hörer lediglich, wie der Eingriff bei einer einzigen Person abläuft. Doch wird weder der Nutzen der Operation in konkreten Zahlenangaben beschrieben, noch werden mögliche Risiken des Verfahrens thematisiert. Auch über vorhandene wissenschaftliche Studien erfahren die Zuhörer nichts, und außer der behandelnden Ärztin kommt kein weiterer Experte zu Wort.

Zusammenfassung

Es ist eine jener Erkrankungen, die zunächst unbemerkt bleiben, aber schlimme Folgen haben: das Glaukom. Ohne Vorwarnung durch Schmerzen oder sofort bemerkbare Seheinschränkungen wird der Sehnerv dabei unwiederbringlich zerstört. Etwa 800.000 Menschen leiden in Deutschland an einem Glaukom – durchaus also ein Grund, um das Thema im Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg aufzugreifen. Der entsprechende Beitrag führt zunächst (kurz und lückenhaft) in die Thematik ein und präsentiert im Anschluss eine spezielle Methode: den Einsatz eines speziellen Mikrostents, dessen Nutzen jedoch nicht kritisch eingeordnet wird. Es fehlen Informationen, für wen welche Behandlung geeignet wäre, zu alternativen Therapiemöglichkeiten und welche Risiken und Nebenwirkungen die verschiedenen Behandlungsoptionen haben. Problematisch ist vor allem, dass der Beitrag zu Beginn zwar andeutet, dass die einmal verlorene Sehfähigkeit nicht wieder zurückkehrt, am Ende aber doch stark suggeriert, dass sich die Sehfähigkeit nach der Operation verbessern würde. Hier werden falsche Hoffnungen geweckt. Hinweis: Der Originalbeitrag ist leider online nicht mehr abrufbar.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Im Beitrag wird beschrieben, dass ein Stent ins Auge implantiert wird. Über ihn soll das Augenwasser ablaufen, das den erhöhten Innendruck im Auge erzeugt. Doch wird der Nutzen der Prozedur an einem Einzelfall dargestellt („…ab jetzt wird es dem Überdruck in M.H.s Auge ein Ende bereiten.“). Dafür aber werden im Beitrag keine wissenschaftlichen Belege genannt, der Nutzen wird an keiner Stelle quantifiziert. Auch situative O-Töne der behandelnden Ärztin („Hat super gut geklappt. Alles ganz spitze.“) helfen nicht, den Nutzen zu verstehen. Der ließe sich nur einschätzen, wenn Behandlungsergebnisse – im Vergleich zu herkömmlichen Therapien – aus kontrollierten Studien genannt würden. Am Ende des Beitrags heißt es gar „… ist froh, dass sie in Zukunft wieder mit beiden Augen sehen kann.“ Das vermittelt den unzutreffenden Eindruck, das Therapieverfahren könne eine bereits eingeschränkte Sehfähigkeit wieder verbessern. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Die Implantation von Mikrostents in den Kammerwinkel des Auges gegen das Glaukom gilt zwar als risikoarm. In der Fachliteratur sind jedoch mögliche Komplikationen wie eine Infektion, Blutung ins Auge und postoperativer Über- oder Unterdruck beschrieben (etwa hier: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29256897). Dennoch thematisiert der Beitrag die Risiken und Nebenwirkungen nicht. So entsteht fälschlicherweise der Eindruck, es handle sich um ein völlig unproblematisches Verfahren.