„Diät gegen Diabetes?“

Von uns bewertet am 31. Mai 2019

Veröffentlicht von: FAZ.net

Eine radikale Abnehmkur kann Menschen mit Typ-2-Diabetes dabei helfen, ihre Erkrankung loszuwerden, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. Bei welchen Patienten das klappen kann und wann man sich vor der „Gesundheitsindustrie“ hüten sollte, wird ebenfalls erklärt.

Zusammenfassung

Der Zeitungsartikel berichtet anlässlich des Kongresses über eine Diabetes-Studie aus Großbritannien. Bemerkenswert ist, dass der Text nur kurz auf die (positiv aufgenommene) Studie eingeht und sie vielmehr zum Anlass nimmt, das Thema grundsätzlich und weit gefasster aufzugreifen. Zwar ordnet der Text nicht ein, wie ansonsten die Studienlage zu der Frage „Diät gegen Diabetes“ ist, kommt aber über die Aussagen von vier unbeteiligten Experten zu grundsätzlichen Fragen: Verordnen Ärzte viel zu oft Medikamente? Ist ein deutlich gesunkener Blutzuckerspiegel als echte Heilung zu werten oder kann der Diabetes zurückkehren? Welche Probleme stehen sonst noch hinter dem Übergewicht? Der Artikel ordnet den Nutzen der Diät korrekt und gut verständlich ein, vermeidet Übertreibungen und schürt keine Ängste. Es kommen vorbildlicherweise viele unabhängige Experten zu Wort, die aber die eigentliche Studie kaum einordnen. Leider thematisiert der Artikel mögliche Risiken nicht und erklärt auch nicht, inwieweit diese Radikalkur in Deutschland bereits verfügbar ist. In der zweiten Hälfte verliert der Text zudem ein wenig seinen Fokus und versteigt sich in einigen Mutmaßungen, die nicht belegt werden und die die Leserinnen und Leser eher verwirren dürften. Hinweis: Der Originalbeitrag ist online leider nicht mehr verfügbar.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Den Nutzen der Diät gegen Diabetes beschreibt der Artikel kurz, aber anschaulich: „Die Radikalkur zahlte sich aus: Nach einem Jahr war bei knapp jedem zweiten Patienten der HbA1c-Wert unter 6,5 Prozent gesunken, und nach zwei Jahren lag der Wert immerhin noch bei jedem dritten darunter, Ärzte nennen das Remission. Je mehr jemand abnahm, desto größer die Chance dafür. Der HbA1c spiegelt den Blutzuckerspiegel der vergangenen Monate wider, ab einem Wert von 6,5 spricht man von Diabetes.“ Es wird deutlich, dass der Blutzuckerspiegel der Patienten unter Diät bei jedem zweiten Patienten auf ein normales Niveau senkte.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Der Artikel beschreibt es mit dem Begriff „Radikalkur“: Die Teilnehmer in der Interventionsgruppe der britischen „Direct“-Studie mussten ein hartes Programm durchlaufen. Sie erhielten nur 825 bis 853 kcal pro Tag in Form von Flüssignahrung, und das für zwölf bis 20 Wochen. Risiken und Nebenwirkungen einer starken Fastenkur werden nicht angemessen berücksichtigt, es wird lediglich das Statement einer Expertin dazu angeführt: „Keiner hat jemals untersucht, wie sich ein Diät- oder Abnehmprogramm auf das Eheleben und den Familienfrieden auswirken kann.“ Dabei sind in der Studie selbst einige Nebenwirkungen aufgelistet: Über die 24 Monate traten 15 „serious adverse events“ bei elf Teilnehmern der fastenden Teilnehmer auf. Zwar führten diese Ereignisse nicht zum Abbruch der Studie und sind oftmals wohl eher auf den Diabetes als direkt auf das Abnehmen zurückzuführen, aber sie reichten von Durchblutungsstörungen und einer Zeh-Amputation bis zu einem plötzlichen Tod.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Die Art der Studie wird in groben Zügen erklärt. Man kann aus der Beschreibung schließen, dass es sich um eine randomisierte Studie handelt, auch die Anzahl der Teilnehmer wird genannt.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Zwar kommen vier unabhängige Experten zu Wort. Diese ordnen aber weniger die eigentliche Studie ein, sondern äußern sich allgemein zum Thema Diabetes. Das ist bedauerlich. Vor allem aber werden Interessenkonflikte der Studienautoren nicht angemessen berücksichtigt. Zwar werden allgemeine Interessenkonflikte bei der medikamentösen Behandlung thematisiert: „Der Grund: vermutlich Interessenkonflikte. Die ADA soll massiv von Firmen unterstützt werden, die mit ihren Medikamenten und Geräten finanziell enorm von den Prädiabetikern profitieren. Auch Ärzte sollen gesponsert worden sein.“ Ausgerechnet die Interessenskonflikte der beschriebenen Studie werden aber nicht thematisiert, dabei sind sie in der Pressemitteilung und auch in der Fachpublikation fast unübersehbar genannt (wir werten daher knapp „nicht erfüllt“): „DiRECT involved the Counterweight Plus weight management programme. The low-calorie meal replacement product was supplied without charge by Cambridge Weight Plan, as part of the Counterweight Plus structured weight management programme. Counterweight Plus was developed by Counterweight Ltd. in association with the University of Glasgow, and part-funded by the Scottish Government Health Department.“ Manche Studienautoren haben Verbindungen zu Counterweight Plus.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Zeitungstext geht weit über die Pressemitteilung hinaus, da er nicht nur die Studienergebnisse thematisiert. Er berichtet auch über das Problem, dass zu viele Diabetes-Medikamente verschrieben werden, teilweise schon vor Ausbruch der Erkrankung.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Im Artikel wird klar, dass die Studienergebnisse gerade auf einem Kongress vorgestellt worden sind: „Schon vor zwei Jahren hatten die Stoffwechselexperten die Ein-Jahres-Zahlen vorgestellt, jetzt berichteten sie über die Daten nach zwei Jahren.“ Und es wird auch deutlich, dass diese Art der Forschung in Deutschland offenbar nicht weit verbreitet ist: „Auch deutschen Diabetologen, die auf Kongressen gerne über die vielen neuen Diabetesmedikamente diskutieren, scheint das Thema nun offenbar wichtig zu sein. Sie haben Roy Taylor zum Kongress der Deutschen Diabetesgesellschaft nach Berlin eingeladen, um sein Abnehmprogramm vorzustellen.“ Doch gibt es auch einen Schönheitsfehler: Ob Abnehmen als Therapie gegen Diabetes bereits zum Einsatz kommt, wird nur allgemein in einem Experten-Zitat angesprochen (Hans Hauner: „Man sollte die Diät unbedingt mit einem Arzt besprechen.“ In seiner Sprechstunde sehe er immer wieder übergewichtige Diabetiker, die es schaffen, dauerhaft abzunehmen.). Die Neuheit des Ansatzes ist nicht herausgearbeitet. Dass eine Gewichtsreduktion ein Ansatz zur Behandlung von Typ-2-Diabetes sein kann, ist schon länger bekannt (hier etwa durch Fettabsaugen, eine Studie aus dem Jahr 2009: insights.ovid.com). Deshalb werten wir nur „knapp erfüllt“.