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„Wenn das Windrad einfach ausgeknipst wird“

„Wenn das Windrad einfach ausgeknipst wird“

Der Wind weht und die Windräder stehen still. Ein aufschlussreicher Artikel im Hamburger Abendblatt zieht verschiedene Quellen heran um zu erklären, was dahinter steckt.

Zusammenfassung

Das Hamburger Abendblatt beschäftigt sich in einem sehr informativen, kritischen Beitrag mit einem Phänomen, das vielen Lesern schon aufgefallen sein dürfte – der zunächst erstaunlichen Tatsache, dass an windreichen Tagen viele Windräder still stehen. Der Beitrag zieht zwei Studien heran und befragt verschiedene Experten, um die Ursachen zu klären. Er nennt die Folgen und geht knapp auf Lösungsmöglichkeiten ein. Bei dem in den Medien sehr intensiv dargestellten Thema Energiewende gelingt es hier, Aspekte aufzugreifen, die noch nicht allgemein bekannt sein dürften. Als Ursache wird – neben dem schleppenden Netzausbau – die mangelnde Flexibilität konventioneller Anlagen genannt. Der Artikel macht deutlich, dass es hier noch an Erklärungen mangelt. Ein kleiner Mangel ist, dass der Artikel eine Studie des Beratungsunternehmens Consentec zitiert, dabei aber die Auftraggeber, nämlich die Netzbetreiber, nicht erwähnt.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Artikel schildert ein Problem der Energiewende – die Abschaltung von Windkraftanlagen an windreichen Tagen – und setzt sich mit den Ursachen und Konsequenzen auseinander. Der Bericht stellt sachlich dar, dass die durch Abschalten verloren gegangene Windstrommenge in letzter Zeit deutlich angestiegen ist. Dabei wird das Problem weder übertrieben noch verharmlost.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel bezieht sich hauptsächlich auf einen Bericht der Bundesnetzagentur, außerdem wird eine Studie der Beratungsfirma Consentec zitiert. Die zitierten Zahlen werden durch nachvollziehbare Vergleiche eingeordnet. So etwa wenn es heißt, dass 4722 GWh Grünstrom 2015 nicht eingespeist werden konnten: „Das entspricht etwa der halben Jahresproduktion eines Kernkraftwerks.“ Wie die Daten im Einzelnen ermittelt wurden, erläutert der Artikel nicht. Da es sich um öffentlich zugängliche Messdaten der Bundesnetzagentur handelt, die nicht Gegenstand einer Kontroverse sind, halten wir dies aber für vertretbar.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Artikel stützt sich auf mehrere Quellen, vor allem auf zwei Studien der Bundesnetzagentur und des Beratungsunternehmens Consentec. Darüber hinaus werden Experten aus der Politik sowie ein Sprecher des Bundesverbands Windenergie befragt. Die zitierten Experten werden so zugeordnet, dass die Interessenlage klar wird, zum Beispiel beim „Sprecher des Bundesverbands Windenergie“. Leider fehlt die Angabe, dass die Consentec-Studie im Auftrag der Netzbetreiber erstellt wurde. Daher werten wir „knapp nicht erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Artikel bezieht verschiedene Perspektiven ein, zum Beispiel die Bundesnetzagentur, den Bundesverband Windenergie, Vertreter der Politik sowie Netzbetreiber. Letztlich beziehen all diese Stimmen eine ähnliche Position. Die Betreiber konventioneller Kraftwerke werden nicht direkt zitiert, allerdings fließt ihre Position ein, indem z. B. auf die nötige Regelleistung sowie die Wärmeproduktion eingegangen wird, also auch Gründe genannt werden, warum konventionelle Kraftwerke trotz überschüssiger Stromproduktion weiterlaufen. Darüber hinaus macht der Beitrag klar, dass dies nicht in allen Fällen erklärt, warum die Kraftwerke nicht abgeschaltet werden, und dass weitere Informationen dazu fehlen. Ferner wird erwähnt, dass es Gegner des Netzausbaus gibt – Bürgerinitiativen und bayerische Landesregierung – deren Gründe werden aber nicht weiter erläutert. Daher werten wir „knapp erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Eine Pressemitteilung, auf der der Beitrag beruhen könnte, liegt uns nicht vor. Wegen der vielen zitierten Quellen schließen wir aber aus, dass sich der Artikel ausschließlich auf eine Pressemeldung bezieht.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag macht klar, dass es sich um ein relativ neues Problem handelt, das durch den zunehmenden Anteil erneuerbarer Energien entstanden ist. Der Artikel schildert die Situation 2015, erwähnt den Unterschied zum Vorjahr und ergänzt: „2013 gab es das Problem so gut wie gar nicht.“

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Als Handlungsoption nennt der Beitrag vor allem den verstärkten Ausbau der Stromnetze. Laut Consentec-Studie wäre ein weiterer Lösungsansatz, auch Windenergie-Anlagen Regelenergie bereitstellen zu lassen. Mit dem Zitat von Umweltminister Robert Habeck wird angedeutet, dass die zeitweise Abschaltung von Kohle- und Atomkraftwerken eine Option wäre, ohne dies weiter auszuführen.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Beitrag schildert die Situation für Deutschland und geht dann speziell auf die Lage in Schleswig-Holstein ein, einem Bundesland, in dem das Problem wegen der hohen Zahl von Windkraftanlagen besonders drastisch deutlich wird, und das außerdem für eine Hamburger Zeitung naheliegend ist.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag macht klar, seit wann das Problem existiert (vergleiche Kriterium 6); es wird klar, dass es sich nicht um einen vorübergehenden Einzelfall handelt, sondern um ein relativ neues Problem, das in Zukunft „eher zunehmen“ wird. Es wird angekündigt, dass am 31. März 2017 ein spezieller Bericht der Bundesnetzagentur zum Thema erscheinen soll – das sei „fast auf den Tag genau der 17. Jahrestag der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes – und sechs Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima“. Damit ist das Thema ausreichend zeitlich eingeordnet.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Artikel nennt die Kosten, die durch die erzwungene Abschaltung der Windstromanlagen entstehen – die Entschädigungsansprüche belaufen sich demnach auf knapp 480 Mio. Euro. Er macht deutlich, dass diese Kosten letztlich der Verbraucher zahlt. Auch die politische Debatte zum Netzausbau wird zumindest kurz erwähnt. Die Gegenrechnung macht der Beitrag nicht auf – was würde es beispielsweise kosten, konventionelle Kraftwerke zeitweilig abzuschalten? Was kostet der Leitungsausbau? Diese Angaben wären interessant, sind im Rahmen eines solchen Beitrags aber auch nicht zwingend nötig.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist aktuell und relevant. Anlass des Textes sind ein „kürzlich“ veröffentlichtes Papier der Bundesnetzagentur und eine Anfang des Jahres erschienene Studie. Der Artikel greift einen Aspekt des Themas „Energiewende“ auf, der in den Medien noch nicht so intensiv dargestellt wurde, nämlich die Tatsache, dass gerade an windreichen Tagen Windräder oft abgeschaltet werden. Er greift damit eine Beobachtung aus, die sicher viele Leserinnen und Leser schon gemacht haben, ohne die Ursache dafür zu kennen.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist interessant und verständlich geschrieben, die Struktur nachvollziehbar. Es kommen viele Aspekte zur Sprache, die genannten Zahlen werden eingeordnet.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 9 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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