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„Fahrradschläuche aus Löwenzahn“

„Fahrradschläuche aus Löwenzahn“

Experten aus aller Welt trafen sich in Berlin, um Konzepte zu diskutieren, die Öl und Kohle durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen sollen, berichtet die taz. Der Beitrag spricht viele Aspekte und auch Kontroversen um die „Bioökonomie“ an, vertieft aber keines der genannten Beispiele.

Zusammenfassung

Die taz nimmt den globalen „Bioeconomy Summit“ in Berlin zum Anlass, über das Thema Bioökonomie zu berichten, also über den Ersatz von Materialien auf Basis fossiler Rohstoffe durch nachwachsende biologische Materialien. Es wird klar, dass das Konzept viele verschiedene Ansätze umfasst – von Gummi aus Löwenzahn oder Chemikalien aus Algen bis zur künstlichen Photosynthese. Der Beitrag  präsentiert u.a. Ergebnisse einer Befragung von Experten in einer Delphi-Studie, die im Vorfeld der Konferenz helfen sollte, Schwerpunkte der künftigen Bioökonomie-Forschung zu bestimmen. Dass es sowohl fachliche als auch politische Kontroversen um dieses Forschungsfeld gibt, wird im Artikel klar; es kommen unterschiedliche Experten mit ihren Standpunkten zu Wort, etwa zur Diskussion um Biokraftstoffe oder auch zu forschungspolitischen Aspekten.
Mit einigen Beispielen führt der Text zunächst schön an das Thema heran, doch für keines davon wird wirklich klar, welche Perspektiven es in der Praxis hat, und bis wann es gegebenenfalls umgesetzt werden könnte. Der Text weckt so einerseits Interesse an einem Thema, für das beträchtliche Forschungsmittel aufgewendet werden, und liefert einen Überblick über das Thema. Andererseits hätten wir uns zumindest exemplarisch mehr konkrete Informationen zu einzelnen Vorhaben gewünscht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Text diskutiert die Bioökonomie als mögliches Wirtschaftsmodell, das dem Wirtschaften auf Basis fossiler Rohstoffe folgen könnte. Es werden einige Beispiele für Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen benannt. Dabei werden weder zu große Erwartungen weckt, noch die ökologischen Probleme durch die ölbasierten Stoffe bagatellisiert.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Beitrag greift Beispiele und Diskussionen auf, die beim „Bioeconomy Summit“ des Bioökonomierates zur Sprache kamen. Vieles wird hier eher knapp aufgezählt. Ausführlicher zitiert der Artikel Ergebnisse einer Delphi-Studie des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung, die zur Vorbereitung der Konferenz erstellt worden ist. Darin werden die möglichen Themen und Potenziale der Bioökonomie diskutiert. Bei einer Delphi-Studie werden informierte Wissenschaftler, Experten aus der Wirtschaft und informierte Vertreter der Zivilgesellschaft nach ihren Ansichten befragt, um einschätzen zu können, in welchem Meinungsspektrum sich eine Debatte abspielt. Die Methode wird knapp aber verständlich dargestellt.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Zitiert werden mit dem Agrarwissenschaftler Ulrich Hamm ein Vertreter des Bioökonomierats sowie die Nicht-Regierungsorganisation Fian und Steffi Ober von der Plattform Forschungswende. Da die genannten Organisationen nicht allgemein bekannt sind, hätten wir uns gewünscht, dass sie noch ein wenig genauer beschrieben werden. Alle Aussagen sind klar zugeordnet, die unterschiedlichen Positionen und Interessenlagen  werden deutlich. Auch die zitierte Delphi-Studie ist als Quelle eindeutig identifizierbar. 

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Es wird deutlich, dass einerseits die Bioökonomie Lösungsansätze für Rohstoffprobleme verspricht, es andererseits aber auch erhebliche Kritik an der derzeitigen Bioökonomiestrategie und dem Bioökonomierat der Bundesregierung gibt. Neben einem Vertreter des Bioökonomierats kommen Kritiker aus der Entwicklungshilfeorganisation Fian und von der Plattform Forschungswende zu Wort. Kritisiert werden die aus Sicht von Fian „falschen Lösungsansätze“ – wenn auch offen bleibt, wie denn die „richtigen“ aussehen sollten. Eine Vertreterin der Plattform Forschungswende  kritisiert die mangelnde Beteiligung der Zivilgesellschaft am Bioökonomierat. Deutlich wird auch, dass sich hinter dem Schlagwort „Bioökonomie“ ganz unterschiedliche Vorstellungen verbergen können.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Artikel gibt eine grundsätzliche Einführung in das Thema Bioökonomie und nutzt die Konferenz  „Bioeconomy Summit“ als Aufhänger. Dafür wurde offensichtlich nicht nur das Pressematerial der Bioökonomietagung und von kritischen Nicht-Regierungsorganisationen ausgewertet,  sondern auch mit Vertretern unterschiedlicher Positionen gesprochen. Der Beitrag geht damit weit über die Pressemitteilung zur Veranstaltung hinaus.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag ordnet die Tagung in den Kontext der Debatte um die Bioökonomie ein. Es wird klar, dass die Debatte schon etliche Jahre andauert, bisher aber nicht zu viel mehr als einigen eher kuriosen Produkten geführt hat. Es hätte dabei besser herausgearbeitet werden können, dass manche Vorschläge der Bioökonomen nicht eben neu sind, sondern eher eine Rückbesinnung auf „alte Technologien“ (z.B. der Bau von Holzhäusern). Wurden doch bis zum Beginn des Ölzeitalters stets nachwachsende Rohstoffe genutzt. Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Die Bioökonomie könnte ein Beitrag zur nach-fossilen Wirtschaft und damit ein Beitrag zur Lösung globaler Umweltprobleme sein. Viele einzelne Handlungsoptionen werden angesprochen, wobei in keinem Fall richtig klar wird, wie realistisch diese sind und welche Potenziale sie haben. Weder aus  wissenschaftlich-technischer  Sicht wird deutlich, welche Ansätze Erfolg haben könnten, noch werden politische Handlungsoptionen dargestellt: Wäre es z.B. sinnvoll, durch gesetzliche Regelungen an bestimmten Stellen den nachwachsenden Rohstoffen zum Durchbruch zu verhelfen? Da aber die Begrenzungen des Ansatzes, (z.B. dass sich nicht nur die Rohstoffbasis, sondern auch das Konsumentenverhalten ändern müsste), auch dargestellt werden, werten wir noch „knapp erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Text konzentriert sich auf die deutsche Debatte. Zwar wird mit der Kritik von Fian angesprochen, dass das Thema globale Dimensionen hat. Doch wäre hier eine klarere Unterscheidung zwischen regionalen und globalen Auswirkungen (z.B. in der Biosprit-Debatte) wichtig gewesen. Grundsätzlich  wäre es wünschenswert, hier auch die Frage aufzugreifen, welche Rolle regionale Wirtschaftskreisläufe in einer solchen Zukunftswirtschaft möglicherweise spielen könnten. Insgesamt kommen räumliche Differenzierungen in diesem Beitrag zu kurz. 

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die einzige konkrete Zeitangabe bezieht sich auf die Dauer des derzeitigen Förderprogramms der Bundesregierung. Völlig unklar bleibt, in welchem Zeitrahmen eine Umstellung auf überwiegend nachwachsende Rohstoffe  praktikabel wäre. Welche Konzepte könnten wann umgesetzt werden? Was ist kurz- mittel- oder langfristig realistisch? Experten-Einschätzungen dazu wären z.B. der zitierten Delphi-Studie zu entnehmen gewesen. Nur die künstliche Fotosynthese wird als „Zukunftsmusik“ zumindest vage zeitlich eingeordnet. Doch gerade bei den weniger utopischen Ansätzen wäre eine zeitliche Einordnung wichtig gewesen.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

An verschiedenen Stellen werden politische und soziale Fragen angesprochen, so von den Fian-Vertretern die Auswirkungen des Biotreibstoff-Einsatzes auf den globalen Süden. Auch forschungspolitische Aspekte kommen zur Sprache, etwa wenn es um die Zusammensetzung des Bioökonomierates geht. Es fehlt aber eine ökologische Einordnung und auch eine wirtschaftliche Bewertung der bisherigen Versuche, bioökonomische Verfahren zu etablieren. Zwar weist der Beitrag darauf hin, dass viele Ansätze durch das derzeit billige Öl ausgebremst werden, doch wäre z.B. interessant gewesen zu erfahren, ab welchem Ölpreis sich nachwachsende Rohstoffe anstelle ölbasierter  Rohstoffe anfangen zu rechnen. Bei den gesellschaftlichen Aspekten  versteckt sich der Text z.T. hinter Floskeln („transdisziplinäre, der Nachhaltigkeit verpflichteten und zivilgesellschaftlich eingebundenen Forschung“), die nicht mit Inhalt gefüllt werden. 
Gut finden wir, dass die Höhe der bisher für die „Bioökonomiestrategie“ eingesetzten Fördermittel genannt wird. Hier wäre allerdings die Nachfrage angebracht gewesen, was mit diesen 2,4 Milliarden Euro bislang eigentlich erreicht wurde. Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Die Bioökonomietagung ist ein aktueller Anlass für eine Berichterstattung über das Thema. Da sich die Umsetzung des Konzepts weiterhin in den Anfängen befindet, bietet die Veranstaltung eine gute Gelegenheit, den Stand der Debatte darzustellen.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Einstieg ist gelungen und  weckt Interesse am Thema. Doch weckt er auch Erwartungen, die dann nicht eingelöst werden – zu keinem einzigen der genannten Beispiele, nicht einmal zu den Fahrradschläuchen aus der Überschrift, erfährt man Näheres. Während die ersten beiden Absätze noch flüssig zu lesen sind, ist der folgende Text stilistisch weniger gelungen. So besteht der dritte Absatz aus zwei Bandwurmsätzen, von denen der eine 15, der andere 11 Zeilen einnimmt, weitere lange Schachtelsätze folgen. Auch inhaltlich ist manches verwirrend: Sieben Schwerpunktprojekte werden angekündigt, aber nicht alle genannt. Im Kasten ist dann von fünf „Prioritäten“ die Rede, von denen nur drei aufgelistet sind. Wendungen wie „in welche bestehenden, relevanten Diskurse sich die Community der Bioökonomie einschalten kann“ klingen eher nach Insiderjargon als nach einem journalistischen Text.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 8 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Wegen dreier nur knapp erfüllter Kriterien werten wir um einen Stern ab. 

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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