In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Streit um Unkrautvernichter Glyphosat: Niederlage für Pestizid-Freunde“

„Streit um Unkrautvernichter Glyphosat: Niederlage für Pestizid-Freunde“

Im Streit um die mögliche krebserregende Wirkung von Glyphosat gibt es eine neue Stellungnahme eines UN-Expertengremiums, berichtet die taz. Der Artikel macht den Pestizid-kritischen Blickwinkel durch die Wortwahl deutlich, berichtet ansonsten aber sachlich und erläutert kurz, wie die unterschiedlichen Einschätzungen zustande kamen.

Zusammenfassung

Die taz berichtet in einem klaren, knappen Text über die nächste Wendung in der laufenden Neubewertung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. Es wird klar, dass verschiedene Expertenrunden unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der UN-Agrarorganisation (FAO) zu unterschiedlichen Bewertungen des Krebsrisikos gekommen sind, und dass jetzt ein Bericht eine Überprüfung früherer Einschätzungen empfiehlt, die das Mittel für unbedenklich erklärt hatten. In aller Kürze erklärt der Beitrag auch, welche Vorgehensweisen den verschiedenen Bewertungen zugrunde lagen. Eine Handlungsoption wird erwähnt: die Überarbeitung der Richtlinien, welche Studien in solche Bewertungen einzubeziehen sind. Mögliche Gesundheitsrisiken des Mittels („wahrscheinlich krebserregend“) werden genannt, ohne allerdings darauf einzugehen, welche konkreten Hinweise es dafür gibt, und welche Alternativen zu dem Wirkstoff denkbar wären.

Die verschiedenen Quellen sind klar zugeordnet; die unterschiedlichen Positionen werden deutlich; ein Vertreter des Herstellers Monsanto kommt ebenso zu Wort wie ein Politiker der Grünen.  Auf das laufende Verfahren der Neuzulassung von Glyphosat in der EU geht der Beitrag nur am Rande ein, dazu wären nähere Erläuterungen hilfreich gewesen. Über die wirtschaftliche Bedeutung dieses Pestizids informiert der Beitrag nicht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag bezieht sich auf eine schon länger andauernde Debatte um die Bewertung des Pestizids Glyphosat. Auch wenn durch die Wortwahl („Pestizid-Freunde“, „Unkrautkiller“) deutlich wird, dass der Beitrag eher einer Pestizid-kritischen Position zuneigt, werden die aktuellen Entwicklungen in der Diskussion doch vergleichsweise nüchtern referiert. Es wird berichtet, dass das „Gemeinsame Gremium“ (Joint Meeting on Pesticide Residues, JMPR) der WHO  und der FAO die Einschätzung des Krebsrisikos durch Glyphosat und auch die Richtlinien für solche Entscheidungen „überprüft“ sehen will. Dabei erweckt der Beitrag nicht den Eindruck, dass eine allgemeine, große Krebsgefahr bereits erwiesen wäre. Zwar hätte man noch genauer darauf eingehen können, dass (und warum) etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) den Wirkstoff bislang für unbedenklich hält. Doch wird hinreichend deutlich, dass die Kriterien für die Beurteilung des Krebsrisikos umstritten sind. Da es sich um einen eher kurzen Text handelt, kann er kaum die ganze Diskussion der vergangenen Monate in Detail wiedergeben. 

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Beitrag bezieht sich auf zwei Einschätzungen: Einerseits auf das Gutachten der WHO-Krebsforschungsagentur (International Agency for Research on Cancer, IARC) vom März 2015, andererseits auf den aktuellen Bericht der JMPR-Experten (der offenbar einer älteren JMPR-Stellungnahme widerspricht bzw. eine Aktualisierung fordert). Es wird klar, dass es sich bei keiner der beiden Veröffentlichungen um eine eigene Forschungsarbeit handelt, sondern beim IARC-Gutachten um eine Metaanalyse vorliegender Studien, und beim JMPR-Bericht um eine Überprüfung, welche Daten jeweils in die Arbeit der IARC respektive in die bisherigen JMPR-Bewertungen eingeflossen sind. Schwammig bleibt der Beitrag bei der Frage, was die IARC-Bewertung „wahrscheinlich krebserregend“ tatsächlich bedeutet. Doch da es nicht einmal den Experten gelungen ist, das Risiko genauer zu quantifizieren, ist das von einem Zeitungsbericht auch nicht unbedingt zu verlangen.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Alle Quellen werden benannt und auch eingeordnet: Die erwähnten Empfehlungen wurden von einer „vom JMPR eingesetzte(n) Expertengruppe“ erstellt; dass diese aus Wissenschaftlern und fachlich qualifizierten Behördenvertretern zusammengesetzt ist,  hätte man noch genauer darstellen können. Besondere Interessenskonflikte, die hier hätten genannt werden müssen, können wir nicht ausmachen. Auch die anderen, weniger neutralen Quellen werden korrekt zugeordnet: Der zitierte Politiker Harald Ebner als Gentechnik-Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion und der Zulassungsleiter der deutschen Niederlassung von Monsanto sind mit ihren gegensätzlichen Interessenlagen zu erkennen.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Berichtet wird hier über eine Risikobewertung; dabei stellt der Beitrag die Bewertung des IARC sowie die früheren Stellungnahmen und die abweichende aktuelle Einschätzung des  JMPR angemessen dar. Er erläutert auch kurz, wie es zu den Bewertungen der verschiedenen Experten-Gremien kam – nämlich durch unterschiedliche Vorgehensweisen beim Einbeziehen von Studien. Hinzu kommen im Artikel zwei gegensätzliche Kommentare von einem Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion und einem Monsanto-Vertreter.
Das grundsätzliche Für und Wider des Einsatzes von Glyphosat kommt indes etwas zu kurz. Interessant wäre die Erwähnung von Alternativen gewesen und die Diskussion der Frage, ob ein striktes Verbot von Glyphosat auch unerwünschte Konsequenzen haben könnte (etwa Ertragseinbußen oder Schäden durch noch schlechtere Ersatzmittel). 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Text ist offenkundig eigenständig recherchiert: Ein Politiker wird zitiert, die Gegenseite gehört, das BfR ist (wenn auch vergeblich) angefragt worden. Eine eigene Recherche hat also stattgefunden und ist sichtbar gemacht.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Text berichtet korrekt, dass es um eine aktuelle Einschätzung zu einem WHO-Gutachten vom März sowie zu früheren JMPR-Stellungnahmen geht, auf der Basis bereits erschienener Studien. Insgesamt wird deutlich, dass über einen neuen Sachstand in einer laufenden Debatte berichtet wird. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag spricht Handlungsansätze auf mehreren Ebenen kurz an: Das JMPR-Expertenteam plädiert für die Überarbeitung von Richtlinien, welche Studien bei solchen Bewertungsverfahren einzubeziehen sind. Der zitierte Politiker der Grünen fordert, die Neuzulassung von Glyphosat abzubrechen. Allerdings wird hier nur in einem Halbsatz in indirekter Rede erwähnt, dass das Verfahren aktuell in der Schwebe ist. Insofern ist dieser Lösungsansatz wohl nur für vorinformierte Leserinnen und Leser wirklich verständlich. Alternativen zu diesem Pestizid werden nicht angesprochen. Wir werten daher nur „knapp erfüllt“. 

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Text berichtet über Bewertungen des Krebsrisikos durch internationale Gremien von WHO und FAO. Angesprochen wird auch das Neuzulassungsverfahren in der EU. Ob und wie diese Ebenen  miteinander zusammenhängen, ob WHO-Vorgaben z.B. für die EU verbindlich sind, wird indes nicht näher erläutert. Die Formulierung „diese Zahlen dienen Staaten als Grundlage…“ finden wir zu ungenau.
Auch sonst kommt die räumliche Dimension ein wenig zu kurz: Glyphosat (einer der meistverkauften Herbizid-Wirkstoffe weltweit) wird in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich eingesetzt; je nachdem, ob gentechnisch veränderte, Glyphosat-resistente Pflanzen angebaut werden (z.B. USA, Südamerika) oder nicht (z.B. Deutschland); entsprechend unterschiedlich könnten die Gesundheitsrisiken sein. Informationen dazu fehlen im Artikel.
Wir werten insgesamt „knapp nicht erfüllt“. 

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die zeitlichen Zusammenhänge bleiben vage : Wie lange ist das Mittel bereits auf dem Markt bzw. wird breit eingesetzt? Seit wann läuft das EU-Neuzulassungsverfahren? Wie hat sich der Einsatz von Glyphosat in den vergangen Jahren entwickelt? Auch wie schnell oder langsam sich das Pestizid in der Natur abbaut, wäre interessant gewesen. Keinen dieser Punkte spricht der Beitrag auch nur kurz an.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Beitrag bezieht verschiedene politische Ebenen ein: Die verschiedenen Stellungnahmen der UN-Gremien, das EU-Zulassungsverfahren, die Einschätzung eines Politikers. Dagegen geht der Text an keiner Stelle auf die wirtschaftliche Dimension ein. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des Mittels – der Umsatz mit Glyphosat soll 5,5  Milliarden Dollar betragen – wäre das wünschenswert gewesen.
Angesprochen wird nur das Krebsrisiko für den Menschen; die ökologischen Auswirkungen von Totalherbiziden wie Glyphosat erwähnt der Artikel nicht.
Da aber der Schwerpunkt des Beitrags auf der Arbeitsweise der verschiedenen UN-Gremien sowie der Diskussion um die Risikobewertung liegt und Vertreter von Politik und Wirtschaft zu Wort kommen, werten wir insgesamt „knapp erfüllt“. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Die Diskussion um Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Glyphosat erregt seit einigen Monaten besondere Aufmerksamkeit und ist zweifellos relevant. Aufgrund der neuen JMPR-Stellungnahme gibt es einen aktuellen Anlass für die Berichterstattung.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text stellt ein kompliziertes Thema – die ungleichen Beurteilungen eines Chemikalienrisikos aufgrund verschiedener Bewertungsmaßstäbe – insgesamt  verständlich dar. Vereinzelt hätten wir uns bessere Formulierungen vorstellen könne. So ist er zweite Satz sehr lang geraten. Auch werden Pestizide nicht „eingenommen“ wie ein Medikament. Insgesamt macht der Text aber gut deutlich, worum es geht.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 8 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...

1 Kommentar zu „Streit um Unkrautvernichter Glyphosat: Niederlage für Pestizid-Freunde“