„Was kann die Abnehmspritze „Wegovy“?“
Von uns bewertet am 20. August 2026
Veröffentlicht von: sueddeutsche.de
Der Artikel der dpa gibt einen kurzen, aber informativen Überblick über die Wirkung, Nebenwirkungen, Funktionsweise und Kosten des Medikaments Wegovy (Wirkstoff Semaglutid), anlässlich seiner bevorstehenden Verfügbarkeit in Deutschland. Leider erfahren die Lesenden jedoch nichts von den Interessenskonflikten des zitierten Wissenschaftlers, zur Qualität der Studie wären noch mehr Informationen hilfreich gewesen.
Zusammenfassung
Der journalistische Beitrag der dpa zur Abnehmspritze Wegovy (Wirkstoff Semaglutid) ist informativ, fachlich korrekt, flüssig zu lesen und in Ansätzen unterhaltsam geschrieben. Nutzen und Risiken des neuen Medikaments werden dargelegt, die Einordnung als neuer Therapieansatz bei Adipositas verständlich beschrieben. Die im Artikel erwähnte Studie aus dem New England Journal of Medicine wird gut erklärt, wobei man sich noch mehr Details zum Aufbau und den Ergebnissen der Studie gewünscht hätte. Leider wird die Magen-Operation als Alternative zur Spritze nicht erwähnt, ebenso wenig wie der Interessenskonflikt des zitierten Experten.
Die Kriterien
1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).
Der Nutzen des Medikaments ist sowohl in Worten als auch Zahlen ausreichend und verständlich dargestellt. Dazu beziffert der Text den durchschnittlichen Gewichtsverlust, der in einer Studie mit erwachsenen Teilnehmenden ermittelt wurde, konkret mit 15% nach knapp 70 Wochen (wenngleich an der Stelle das präzisierende Wort „Erwachsene“ fehlt). Diesem Wert wird der nur 2% betragende Gewichtsverlust in der Kontrollgruppe gegenübergestellt, um den Effekt der Behandlung klarzumachen. Die Wortwahl ist zurückhaltend, wie „Studien zufolge“, „stellt in Aussicht“ und „offenbar“. Um die Wirkung zu erklären, kommen ein Adipositas-Experte und die Arzneimittelbehörde EMA zu Wort. Die praktische Wirkung wird mit Formulierungen wie „Heißhungerattacken“ und „Jieper auf Pommes“ anschaulich gemacht. Zusätzlich wäre noch interessant gewesen, aus dem Abstract der im Artikel erwähnten Studie die positiven Auswirkungen der Gewichtsabnahme zu zitieren: So zeigte sich etwa in der Therapiegruppe eine größere Verbesserung von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten. Insgesamt werten wir jedoch „ERFÜLLT“.
2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.
Der Artikel nennt Beispiele möglicher Nebenwirkungen, ebenso wie Risiken wie Selbstmordgedanken und Gedanken an Selbstverletzung, bei denen eine mögliche Kausalität noch untersucht wird. Zudem erfährt man, welche Gruppen das Medikament nicht erhalten sollen: Schwangere, Menschen mit familiärem Schilddrüsenkrebsrisiko oder mit Allergien gegen Inhaltsstoffe der Spritze. Auch von kurzfristigen Abnehmversuchen für Gesunde etwa vor dem Urlaub wird klar abgeraten, weil hier die Risiken den Nutzen überwiegen. Auch ein indirektes Risiko wird erwähnt: Weil der Wirkstoff als Abnehmspritze so attraktiv ist, könnte es zu Lieferengpässen für bedürftige Patienten kommen, „wenn es einen übermäßigen Run darauf durch Gesunde gibt“.
3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.
Das Datum der Verfügbarkeit wird im Artikel exakt benannt: „Ärztinnen und Ärzte in Deutschland können die Spritzen zur Eigenanwendung ab Montag (17.7.) verschreiben.“ Es wird darüber hinaus vor möglichen Problemen bei der Versorgung wegen hoher Nachfrage gewarnt. Am Ende verweist ein Ausblick auf weitere, möglicherweise noch wirksamere Medikamente.
4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.
Als Alternative wird kurz ein weiterer GLP-1-Agonist namens Mounjaro erwähnt, der bald ebenfalls für die Behandlung von Übergewicht zugelassen werden könnte und noch wirksamer als Wegovy sei. Wieviel wirksamer es ist und ob es eventuell weniger Nebenwirkungen hat, wäre hier noch interessant gewesen zu erfahren. Weitere ähnliche Mittel seien zu erwarten, heißt es noch im Text. Im Zusammenhang mit der fehlenden Erstattung durch die Krankenkassen ist von „anderen Therapieoptionen“ die Rede, diese werden aber nicht näher erläutert. Dabei wäre erwähnenswert gewesen, dass frühere alternative Empfehlungen für mehr Sport und gesündere Ernährung bzw. Diäten bei vielen übergewichtigen Menschen nicht zuverlässig und nicht leicht zu einem ausreichenden (und dauerhaften) Gewichtsverlust führen, um das Risiko der Folgeerkrankungen zu senken. Was tatsächlich fehlt, ist die Erwähnung der Magenverkleinerung als Option mit ähnlich guten Ergebnissen. Insgesamt werten wir daher knapp „NICHT ERFÜLLT“.
5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.
Die Leserinnen und Leser erfahren sowohl die konkreten monatlichen Kosten als auch die Tatsache, dass die Krankenkassen diese bis dato nicht übernehmen.
6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).
Wir haben keine Anzeichen von Krankheitserfindungen oder -übertreibungen gefunden.
7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.
Der journalistische Beitrag enthält zwar Zahlen aus publizierten Studien, benennt aber nicht genau, um welche Studientypen es sich handelt. Nur indirekt lässt sich auf die Qualität der Hauptstudie schließen, weil sie im New England Journal of Medicine erschienen ist, „fast 2000 Teilnehmer“ hat und gegen ein „Scheinmedikament“ getestet wurde (siehe hier). Die Studie ist also hochrangig publiziert, hatte viele Probanden und war Placebo-kontrolliert. Eine konkrete Einordnung wäre hier für die Lesenden wichtig und hilfreich gewesen. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.
8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.
Im journalistischen Artikel werden der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Jens Aberle, sowie die EU-Arzneimittelbehörde EMA zitiert.
9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.
Der im Artikel zitierte Experte Jens Aberle hat in Fachpublikationen Interessenskonflikte angegeben. So hat er vom Wegovy-Entwickler Novo Nordisk unter anderem Honorare für Vorträge, die Teilnahme an Symposien und für Beratertätigkeiten erhalten. Das bedeutet nicht automatisch, dass er Daten zum Beispiel zu positiv darstellen würde. Dennoch hätte der Interessenkonflikt erwähnt werden müssen. Ein später publizierter NDR/WDR-Artikel berichtet später, Aberle habe im Oktober 2023 bei einer Pressekonferenz des Science Media Centers zu Wegovy trotz dieser finanziellen Beziehungen zu Novo Nordisk keine Interessenskonflikte angegeben, sich dabei überwiegend positiv über das Mittel geäußert („Gamechanger“; kein Medikament sei „auch nur in der Nähe der Effektivität“ von Wegovy) und halte die Nebenwirkungen für „verhältnismäßig überschaubar“), siehe auch hier. Zum Vergleich: In den Verschreibungsempfehlung an die Ärzte gibt die FDA an, dass 44% der Probanden über Übelkeit, 30% über Durchfall und 24% über Erbrechen geklagt hätte, gegenüber jeweils 16%, 16% und 6% in der Placebogruppe. (Table 3 hier). Vor diesem Hintergrund wäre es besonders wichtig gewesen, die Honorare zu erwähnen.
Ebenso wenig erwähnt der journalistische Beitrag, dass Novo Nordisk die NEJM-Studie finanziert hat, wie aus dem NEJM-Paper hervorgeht. Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.
10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).
Es wird deutlich, dass das Mittel neu ist und in anderen Ländern bereits einen Hype ausgelöst hat, der auch in Deutschland zu erwarten ist.
11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).
Wir haben keine Fehler gefunden.
12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).
Der journalistische Beitrag geht insofern über die Pressemitteilung hinaus, dass der Experte Jens Eberle und die EMA im Text erwähnt werden.
13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).
Trotz ihrer Kürze lesen sich die Informationen interessant, die übersichtliche Länge macht dieses Format attraktiv für einen schnellen Überblick. Insgesamt ist der Text nüchtern gehalten, allerdings finden sich auch anschauliche, journalistische Formulierungen, etwa „Fertigpen, der ein bisschen aussieht wie ein Textmarker“, „Jieper auf Pommes“, „Normalgewichtige, die zum Beispiel vor einem Strandurlaub ein paar Pölsterchen loswerden wollen“.
14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).
Der Text ist sehr gut verständlich, was auch für das Experten-Statement zutrifft. Fachbegriffe wie GLP-1 erklären sich im Kontext.
15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).
Die nahende Verfügbarkeit eines wichtigen Medikaments für Patienten mit Adipositas ist aktuell und relevant. Neben den Studienergebnissen zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen erhalten die Lesenden in Deutschland neue Zusatzinformationen, etwa zur fehlenden Erstattung durch die Krankenkassen und zur erwartenden Nachfrage.