„‚Taschenspielertrick‘ der Lebensmittelindustrie: Wie bedenklich ist Hefeextrakt wirklich?“

Von uns bewertet am 29. Juli 2020

Veröffentlicht von: tz.de

Obwohl auf dem Fertiggericht groß „ohne Geschmacksverstärker“ steht, ist dennoch einer drin. Wie das geht, erklärt tz.de in einem kurzen und informativen Artikel, der indes journalistisch teilweise fragwürdig daherkommt.

6. Es wird auf mögliche INTERESSENKONFLIKTE eingegangen.

Bei beiden Organisationen scheint es keine Hinweise für Interessenkonflikte zu geben, daher müssen diese auch nicht angesprochen werden. Es wäre interessant gewesen, zu erfahren, ob es Untersuchungen von Lebensmittelherstellern o.ä. zu dem Thema gibt und zu welchem Ergebnis diese gekommen sind, dies hätte indes auch den Rahmen eines solchen kurzen Ratgeber-Artikels gesprengt.

7. Es gibt eine Einordnung in den Kontext (Neuheit/Verfügbarkeit/Kosten/Herkunft etc.).

Der Text macht deutlich, dass Verbraucher den Geschmacksverstärker Glutamat/Glutaminsäure zu sich nehmen – auch wenn ein Nahrungsmittel mit „keine Geschmacksverstärker“ deklariert ist – weil Glutaminsäure natürlicherweise im zugesetzten Hefeextrakt enthalten ist. Zugleich wird deutlich, dass Glutamat auch von Natur aus in verschiedenen Lebensmitteln enthalten ist. Dass die Sorge um negative gesundheitliche Effekte kein neues Phänomen ist, wird zwar angedeutet, aber auch nicht genauer zeitlich eingeordnet. Dass die Diskussion tatsächlich schon ein paar Jahrzehnte zurückreicht, hätte der Artikel deutlich machen können, etwa durch den Verweis, dass die Empfehlung auf Seiten der DGE ursprünglich aus dem Jahr 2005 stammt, und Studien dazu bis in die 70er Jahre zurückreichen. Auch, dass der Begriff des „Chinarestaurant-Syndroms“, der Ende der 60er Jahre in einen Brief an das Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ eingeführt wurde (siehe hier), rassistisch konnotiert ist, wäre ein Aspekt, den man kurz hätte thematisieren können.

Wir werten alles in allem nur knapp „erfüllt“.

8. Die FAKTEN stimmen.

Klare Faktenfehler haben wir keine gefunden. Ein wenig könnten Leserinnen und Leser über die Begriffe Glutamat und Glutaminsäure verwirrt sein. Zum einen heißt es richtig: „Glutamat, also das Salz der Glutaminsäure, (…).“ An anderer Stelle heißt es: „Glutaminsäure, (…), die (…), (…) sich auch im Glutamat findet.“

9. Der Beitrag ist überwiegend eine JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG.

Da nur sehr eingeschränkt deutlich wird, auf welchen Quellen die Recherche zu diesem Beitrag beruht, ist es im Rahmen unserer Möglichkeiten nicht möglich zu beurteilen, wie ausgeprägt die journalistische Eigenleistung bei diesem Artikel ist. Dass wir ein Zitat einer DGE-Sprecherin finden, das mindestens aus dem Jahr 2009 stammt, lässt uns an einer substanziellen Eigenrecherche zweifeln.

10. Der Beitrag vermittelt das Thema ATTRAKTIV.

Der Beitrag macht durch den Begriff „Taschenspielertrick“ auf sich aufmerksam und suggeriert eine Art von „Enthüllung“. Der Leser weiß am Ende der Lektüre, dass es sich bei Hefeextrakt um einen verdeckten Geschmacksverstärker handelt, und kann erahnen, dass dieser und Glutamat letztendlich weitgehend unbedenklich sind. Passende Bebilderung, direkte Ansprache des Lesers und Fettung der wichtigsten Begriffe machen die schnelle Lektüre attraktiv. Wer allerdings auf viele (Zusatz-)Infos und fundierte wissenschaftliche Evidenz hofft, wird enttäuscht. Zudem hätte im Artikel der Begriff des „Chinarestaurant-Syndroms“ vermieden werden können, um die falsche Rahmung dieser Glutamat-Unverträglichkeit nicht weiterzuverbreiten, da Geschmacksverstärker nicht nur in chinesischen Speisen eingesetzt werden, sondern auch in Fertiggerichten weltweit. Wir werten alles in allem knapp „erfüllt“.

11. Das Thema VERSTÄNDLICH erklärt.

Der Text ist in klaren, einfachen Sätzen geschrieben, die (wenigen) Informationen werden verständlich vermittelt. Allerdings hätte es mehr Einordnung gebraucht, was Glutamat eigentlich ist. Es heißt nur recht knapp: „Glutamat, also das Salz der Glutaminsäure, ist ein Stoff, der ganz natürlich in vielen Lebensmitteln vorkommt.“, worunter sich Leserinnen und Leser wenig vorstellen dürften. Zudem heißt es etwas verwirrend, dass sich Glutaminsäure in Glutamat befindet und zugleich, dass Glutamat das Salz der Glutaminsäure sei. Insgesamt werten wir knapp „erfüllt“.

12. Das Thema ist AKTUELL, RELEVANT ODER ORIGINELL.

Es handelt sich zwar um einen interessanten und durchaus relevanten Verbrauchertipp, für den es indes keinen aktuellen Anlass gibt. Tatsächlich wurde der Beitrag in einem anderen kooperierenden Online-Medium in leicht veränderter Form bereits 2019 veröffentlicht, was Leserinnen und Leser indes nicht kenntlich gemacht wurde. Daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

Journalistische Kriterien: 8 von 12 erfüllt

Wir werten aufgrund sehr vieler nur knapp erfüllter Kriterien und wegen des DGE-Zitats, das mindestens elf Jahre alt ist, um einen Stern ab.

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar