„Sibirien schrumpft – und das immer schneller“
Von uns bewertet am 23. November 2013
Veröffentlicht von: Sächsische Zeitung
In der Sächsischen Zeitung wurde über Forschungsarbeiten des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung berichtet, die eine zunehmende Erosion an den Küsten Nordostsibiriens feststellen. Der Beitrag folgt weitgehend einer Pressemitteilung und hinterfragt unklare Angaben darin nicht.
Zusammenfassung
Der Beitrag greift mit dem Auftauen der Permafrostböden und der beschleunigten Erosion an der Küste Sibiriens ein interessantes Thema aus der Klimaforschung auf, über das noch vergleichsweise wenig berichtet wurde. Es wird geschildert, dass die wärmeren Sommer im hohen Norden dazu führen, dass die Böden auftauen und das Meer länger eisfrei ist. Beides zusammen bewirkt, dass die Küsten unterspült werden und immer mehr Land verloren geht. Der Text folgt im Wesentlichen einer Pressemitteilung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Die Aussagekraft der gemessenen Daten wird dabei nicht immer deutlich, auch der Zeitraum, auf den sich die Angaben beziehen, bleibt zum Teil unklar. Der Beitrag berücksichtigt keine zweite Quelle, die die Aussagen und Messergebnisse einordnen oder beispielsweise deren wirtschaftliche Auswirkungen erläutern könnte.
Umweltjournalistische Kriterien
1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG: Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.
Panikmache oder Verharmlosung sind in dem Beitrag, der sich eng an die Pressemitteilung hält, nicht zu erkennen. Allerdings wird darauf verzichtet, bei der Beschreibung des Problems im ersten Absatz die Bandbreite der beobachteten Erosionserscheinungen zu benennen. (Im Text heißt es, das Meer hole sich „in vielen Abschnitten inzwischen jährlich durchschnittlich mehr als fünf Meter Küste“; laut Studie sind es je nach Küstenabschnitt zwischen 0,5 und 6,5 Meter pro Jahr.) Der beschriebene Untergang der Insel Muostakh vor der ostsibirischen Küste wäre ein dramatisches Ereignis. Doch da dieses so vom AWI-Forscher Frank Günther aufgrund der Erosionsrate vorausgesagt wird, erscheint die journalistische Darstellung auch hier nicht übertrieben.
2. BELEGE / EVIDENZ: Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.
Der Beitrag übernimmt eine Reihe von Zahlen und Fakten aus der Pressemitteilung. Doch wird deren Aussagekraft nicht immer deutlich, und der Beitrag enthält etliche Ungenauigkeiten. Eindeutig falsch ist etwa der Satz: „Bis heute hat die Inseloberfläche bereits 34 Prozent ihre Volumens verloren“ – denn die Oberfläche kann nur an Fläche verlieren, und dieser Flächenverlust wird früher im Text mit 24 Prozent angegeben. Zu anderen wichtigen Zahlen, die der Beitrag aus der Pressemitteilung entnommen hat, wären Nachfragen hilfreich gewesen. Beispielsweise heißt es im Text, im untersuchten Zeitraum sei die Null-Grad-Marke durchschnittlich an 110 Tagen im Jahr überschritten worden, „2010 und 2011 gab es dagegen bereits 127 solcher warmen Tage, 2012 waren es sogar 134.“ Um diese Zahlen einordnen zu können, müsste Leserinnen und Leser wissen, wie groß in den voraufgehenden Jahre die Schwankungsbreite war, und wie häufig es so warme Sommer in der Vergangenheit evtl. schon gegeben hat. Zu einigen Zahlenangaben fehlt außerdem der zeitliche Bezugsrahmen, so dass deren Aussagekraft beträchtlich eingeschränkt ist (siehe dazu Kriterium 9).
3. EXPERTEN / QUELLENTRANSPARENZ: Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.
Es wird deutlich, dass die beiden zitierten Forscher am Alfred-Wegener-Institut (AWI) arbeiten, auch ihre Fachgebiete sind genannt. Quelle ist fast ausschließlich die AWI-Pressemitteilung, der auch die meisten Zitate entnommen sind. Die zugrunde liegenden aktuellen Fachpublikationen (hier und hier) werden dagegen nicht erwähnt, und soweit feststellbar für die Recherche auch nicht genutzt. Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass das AWI seit Jahren in der Lena-Region forscht, und eine Einordnung der aktuellen Forschungsergebnisse in diesen Kontext. Auch dass die Arbeiten im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Vorhabens PROGRESS (Potsdam Research Cluster for Georisk Analysis, Environmental Change and Sustainability) durchgeführt wurden, wird nicht erwähnt. Vor allem aber zieht der Beitrag keine zweite Quelle heran, die die vorgestellten Ergebnisse bewerten, bestätigen oder relativieren könnte. Daher werten wir „nicht erfüllt“.
4. PRO UND CONTRA: Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.
Zum Problem der Erosion von Permafrostböden an der sibirischen Küste ist kein Pro und Contra erkennbar. Andere Hypothesen – außer der Erderwärmung – für die Beschleunigung der Erosion haben wir in einer kurzen Eigen-Recherche nicht gefunden. Wir wenden das Kriterium daher nicht an.
5. PRESSEMITTEILUNG: Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.
Der Beitrag geht nur sehr geringfügig über die Pressemitteilung hinaus. Einige Zitate wurden umformuliert; darüber hinaus gab es offenbar einen Kontakt mit dem AWI-Wissenschaftler Paul Overduin, denn zumindest ein Zitat stammt nicht aus der Pressemitteilung. Auch enthält der Beitrag einige zusätzliche Angaben über den Fluss Lena. Doch sind diese für den Beitrag wenig bedeutsam, alle wesentlichen Informationen sind der Pressemitteilung entnommen.
6. ALT oder NEU: Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.
Es wird zwar nicht berichtet, dass es aktuelle wissenschaftliche Publikationen aus dem AWI gibt, die der Pressemitteilung und so mittelbar auch dem Zeitungsartikel zugrunde liegen. Doch wird immerhin deutlich, dass das Problem der Erosion in diesem Gebiet über einen längeren Zeitraum erforscht wurde, dass das Problem sich zuspitzt und – da die letzten genannten Angaben aus dem Jahr 2012 stammen – dazu relativ neue Ergebnisse vorliegen. Wir werten daher „knapp erfüllt“.
7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“: Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.
Der Text nennt keine Lösungsmöglichkeiten oder Handlungsoptionen. Außer der allgemeinen Forderung, dass der Klimawandel gebremst werden müsste, sind aber auch keine Lösungsmöglichkeiten erkennbar. Wir wenden daher dieses Kriterium nicht an.
8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global): Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt.
Es werden lokale Effekte einer globalen Problematik dargestellt und auch so verortet. Die Forschungsregion wird benannt und eingegrenzt („Küsten im Nordosten Sibiriens“, „Insel Muostakh“ „Alle vier Untersuchungsgebiete liegen in der Nähe der Mündung des 4 400 Kilometer langen Stroms Lena“). Interessant wäre noch die Information gewesen, wie lang die untersuchten Küstenabschnitte waren. Zusätzlich wüsste man gern, ob die dort erzielten Forschungsergebnisse womöglich auch für andere Regionen relevant sein könnten, etwa in anderen Gebieten mit Permafrost.
9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit): Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.
Der Beitrag macht zwar einige zeitliche Angaben: Es wurden „Luftaufnahmen aus dem Jahr 1951 und hochauflösenden Satellitendaten aus der Zeit von 1965 bis 2012“ ausgewertet, die Insel Muostakh „hat in den vergangenen 60 Jahren schon 24 Prozent ihrer Fläche verloren“, sie wird „in weniger als 100 Jahren“ untergehen. Aber für zentrale Informationen wird der zeitliche Bezugsrahmen nicht deutlich: Wenn es im Beitrag heißt, „Weniger als 80 Tage ohne Meereis gab es bisher dort im jährlichen Durchschnitt“, wird nicht klar, was mit „bisher“ gemeint ist. Leserinnen und Lesers könnten vermuten, das der zu Beginn des Artikels genannte Zeitraum seit 1951 oder auch die Zeit von 1965 bis 2012 gemeint ist. Tatsächlich bezieht sich die Angabe laut Pressemitteilung auf die „vergangenen zwei Jahrzehnte“. Unklar bleibt auch, seit wann die Zahl der frostfreien Tage pro Jahr gemessen wurde. Einer Publikation des AWI ist zu entnehmen, dass die Temperaturen seit 1951 in die Berechnung einbezogen wurde, doch Leserinnen und Leser des Zeitungsartikels erfahren dies nicht.
10. KONTEXT/KOSTEN: Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.
Der Beitrag geht nicht darüber hinaus, die Messungen an den Küsten Sibiriens darzustellen. Am Ende wird noch – ohne hinreichende Erklärung – die Versauerung der Meere als Problem genannt. Doch wie sich diese Entwicklung auf die Region insgesamt auswirkt, erläutert der Beitrag nicht: Sind die Küstenstreifen und die Insel Muostakh bewohnt? Gibt es dort irgendeine Wirtschaftstätigkeit? Gehen Ressourcen verloren? Was bedeuten die Veränderungen gegebenenfalls für Mensch und Umwelt dort? Da keiner dieser Aspekte auch nur kurz angesprochen wird, werten wir „nicht erfüllt“.
Allgemeinjournalistische Kriterien
1. THEMENAUSWAHL: Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.
Der Beitrag berichtet über vor kurzem publizierte Forschungsergebnisse, das Thema ist aktuell. Die Frage, ob die Permafrostböden im hohen Norden wegen der globalen Erwärmung auftauen, und vor allem, wie viel Kohlenstoff und Methan sie speichern, ist schon lange Gegenstand der Forschung. Im aktuellen IPCC-Report ist das Thema allerdings nicht umfassend behandelt worden. Es gibt nach Einschätzung der hauptverantwortlichen IPCC-Autoren Autoren noch nicht genug gesicherte Informationen darüber. Damit ist das Thema sehr relevant.
2. VERMITTLUNG: Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.
Der Beitrag bleibt eng an die Pressemitteilung angelehnt, so dass keine ausreichende journalistische Leistung zu erkennen ist. Zwar wird der Text der Pressemitteilung umformuliert, so dass er zum Teil flüssiger zu lesen ist. Doch wird er dabei vielen Stellen zumindest missverständlich, siehe dazu auch die bei den Kriterien 2 und 9 genannten Beispiele. Auch die Formulierung, dass das Meer sich jährlich „mehr als fünf Meter Küste“ holt, ist wenig gelungen. Wörtlich genommen würde das bedeuten, dass sich die Küstenlinie jährlich um fünf Meter verkürzt. Tatsächlich gemeint ist, dass sich das Meer bis zu fünf Meter ins Landesinnere hinein gräbt, wie es in der Pressemitteilung steht.
3. FAKTENTREUE: Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.
Faktenfehler wurde bereit beim umweltjournalistischen Kriterium 2 benannt: Auch die Angabe, Biomasse könne im Wasser zu Kohlensäure werden, ist in dieser extremen Verkürzung irreführend (gemeint ist der Eintrag organischen Kohlenstoffs ins Meer). Falsch ist auch die Angabe „Im Norden von Muostakh besteht der Boden zu 80 Prozent aus Eis“ – träfe das zu, wäre die Insel zu großen Teilen ein Eisberg. In der Presseinformation heißt es stattdessen „zu über 80 Prozent aus im Boden gebildetem Eis“ – also gefrorener Boden mit einem sehr hohen Wasseranteil.