„Neue Abnehmspritze: „Das wäre der größte Gewichtsverlust, den ein Adipositas-Medikament je erzielt hat““

Von uns bewertet am 8. Juni 2026

Veröffentlicht von: FAZ online (€)

Der Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ online) dröselt für die Leserinnen und Leser eine Studie zu einem neuen Abnehm-Medikament auf, deren Ergebnisse bislang nur in einer Pressemitteilung erschienen sind. Insgesamt sind die Studienergebnisse detailliert und anschaulich dargestellt, auch beobachtete Nebenwirkungen kommen zur Sprache, schwerwiegende mögliche Risiken wie etwa eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse werden dagegen nicht genannt. Die Überschrift wirkt übertrieben positiv, der Verweis auf den Anstieg der Aktien im Text verstärkt diesen Eindruck.

Zusammenfassung

Der journalistische Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ online) greift mit Studiendaten über ein neues Medikament gegen Adipositas ein relevantes Thema auf und setzt es informativ, aber nicht durchgehend verständlich und nicht immer sprachlich gelungen um. Im Text werden die wichtigen Aspekte zu Nutzen und Nebenwirkungen sowie zur Belastbarkeit der Ergebnisse genannt, auch wenn der Nutzen als auch die Nebenwirkungen etwas übertrieben positiv dargestellt werden. Ebenso wird ausreichend deutlich, dass die wesentlichen Informationen zur Studie aus einer Pressemitteilung des Herstellers stammen. Leider kommt allerdings nur eine unabhängige Expertin zu Wort. Insgesamt handelt es sich jedoch um einen gelungenen Text zu einem hochaktuellen Thema; so können die neuen Abnehmspritzen für stark übergewichtige Menschen ein Segen sein.

Die Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Um das neue Abnehm-Mittel Retatrutid mit bisherigen zu kontrastieren, heißt es zu den bisherigen: „Wer Kleidergröße XXL trägt, wird auch mit einer wöchentlichen Spritze nicht auf Größe M wechseln.“ Obwohl das neue Mittel in Studien „eine erstaunliche Wirkung“ zeigt, wird der dramatische Kleiderwechsel auch mit ihm nicht gelingen. Insofern wird hier gleich zu Beginn ein etwas zu euphorischer Grundton gewählt. Die Daten zur Gewichtsabnahme werden ausführlich dargestellt und sind an sich gut verständlich, zum Beispiel, dass es bei den Teilnehmenden der Studie zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 28,3 Prozent kam. Es wird auch erwähnt, dass es zusätzliche positive Effekte auf die Herzgesundheit gibt, wobei es eigentlich Herz-Kreislauf-System heißen müsste. In einem Abschnitt wird darauf hingewiesen, dass Abnehmspritzen nicht bei allen Menschen gleich gut wirken. Hier wäre jedoch der Hinweis auf ein Zitat der Studienleiterin Ania Jastreboff aus der Pressemitteilung hilfreich gewesen, dass jede Dosis bei fast allen Teilnehmenden zu einer klinisch relevanten Gewichtsreduktion geführt hat.

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Einige, wenn auch nicht alle Nebenwirkungen werden aufgeführt, mit Zahlenangaben. So kam es etwa bei der Studie ebenso wie bei den Vorgänger-Präparaten vor allem zu Magen-Darm-Beschwerden, neun Prozent der Teilnehmenden entwickelten zudem Harnwegsinfekte. Allerdings wird ein bislang unbekanntes Phänomen auf der Haut beobachtet (Dysästhesien), das sich bislang nicht erklären lässt. Nicht erwähnt wird, dass auch in der Placebo-Gruppe nennenswerte Nebenwirkungen auftraten. In der Pressemitteilung heißt es dazu, dass die Beschwerden mild bis moderat waren und meist im Laufe der Behandlung verschwanden. Dieser Aspekt wäre relevant gewesen. Doch die entscheidenden Botschaften werden gebracht: Dass Retatrutid nicht mehr Nebenwirkungen hat als andere Abnehmspritzen und dass relativ wenige Teilnehmende die Studie wegen der Nebenwirkungen abbrachen.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass über die Ergebnisse einer Studie berichtet wird. Zur Verfügbarkeit heißt es am Ende: „Die vollständigen Ergebnisse zu Retatrutid sollen auf dem Jahrestreffen der American Diabetes Association präsentiert und anschließend veröffentlicht werden. Wann die Zulassung frühstens ansteht, ist noch unklar.“ Der Titel „Neue Abnehmspritze“ ist hier leider irreführend, weil es so klingt, als wäre das Mittel schon verfügbar. 

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Leider fehlen Informationen zu konservativen Therapien wie Formula-Diäten oder intermittierendem Fasten. Zwar sind diese bei weitem nicht so erfolgreich wie die beobachten Gewichtsverluste in der aktuellen Studie. Trotzdem hätte man sie zumindest erwähnen müssen. Zur Sprache kommen lediglich bariatrische Operationen. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Kosten kommen im Text nicht zur Sprache. Bislang ist es so, dass Ärzte diese Medikamente nur Menschen verschreiben dürfen, die einen BMI von mehr als 30 haben oder wenn bei einem BMI von 27 bis 29,9 noch weitere Risikofaktoren wie hoher Blutdruck oder Typ-2-Diabetes vorliegen. Nur für diese Menschen übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Doch hat sich ein florierender Schwarzmarkt entwickelt, wobei der Erwerb solcher Spritzen dann strafbar ist und die erworbenen Arzneimittel teils gar nicht die Wirkstoffe enthalten, was zu erheblichen Gesundheitsproblemen führen kann. Diese Aspekte und die zu erwartenden Kosten für das neue Präparat wären für die Lesenden wichtige Informationen gewesen.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Adipositas gilt als gravierendes, sehr verbreitetes Gesundheitsproblem – und wird im journalistischen Beitrag nicht übertrieben dargestellt. Allerdings wird im Text nicht deutlich, dass die Abnehmspritzen tatsächlich nur für diese Patientengruppe gedacht sind, nicht für Menschen mit leichtem Übergewicht. Auch wenn dies vielen Lesenden bereits bekannt sein dürfte, wäre es wünschenswert gewesen, dies kurz zu erwähnen. Dennoch werten wir insgesamt „ERFÜLLT“.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Es handelt sich hier um eine klinische Studie, in der absolute Zahlen zum Gewichtsverlust angegeben werden und keine Risikoreduktionen, die einen Nutzen schönfärben können. Durch die detaillierte Aufzählung, wie viele Menschen bei welcher Dosis oder bei welchem BMI profitierten, wird die Evidenz also klar erläutert. Es wird allerdings nicht erklärt, was eine Phase-3-Studie ist, was man nicht unbedingt voraussetzen kann. Die relevante Zahl der Studienteilnehmenden wird zwar erwähnt, es wird aber nicht gesagt, dass sie neben ihrem Übergewicht auch mindestens eine weitere Gewichts-abhängige Begleiterkrankung hatten, aber keinen Diabetes Typ 2. Das ist allerdings für die Einordnung der Ergebnisse nicht unbedingt relevant, daher werten wir insgesamt „ERFÜLLT“.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Es kommt mit Marie Spreckley zumindest eine unabhängige Expertin zu Wort, wobei dazu gesagt wird, dass das Zitat vom britischen Science Media Center eingeholt worden ist. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, noch mehr unabhängige Expert*innen dazu zu hören. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Die zitierte Wissenschaftlerin Marie Spreckley hat offensichtlich keine finanziellen Verbindungen zu Eli Lilly. Darum muss man dies hier auch nicht erwähnen. Dass die Studienergebnisse bislang lediglich vom Pharmakonzern veröffentlicht wurden, wird ausreichend deutlich. 

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Leider wird das Thema Abnehmspritze im journalistischen Beitrag wie eine reine Medikamentenstudie abgehandelt, was schade ist. Denn: Die neuen Abnehm-Medikamente bieten einerseits einschneidende Verbesserungen für stark übergewichtige Menschen, andererseits führt die Verfügbarkeit des Medikaments dazu, dass sich ein neuer Magertrend bei Normalgewichtigen abzeichnet. Es wäre interessant gewesen, dies zumindest kurz zu thematisieren. Immerhin wird im Text aber ausreichend deutlich, dass das Medikament mit seiner Dreifach-Rezeptor-Aktivierung einen neuen Ansatz verfolgt, und dass seine Wirkung über jene der bisherigen Präparate hinausgeht. Daher werten wir noch „KNAPP ERFÜLLT“.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Wir haben keine Faktenfehler gefunden.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Der journalistische Beitrag hält sich zwar im Wesentlichen an die Pressemitteilung (siehe auch hier), enthält aber durch die Recherche beim Science Media Center und den Ausblick am Ende eine eigene journalistische Leistung.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Der Einstieg ist lebensnah, wenn auch etwas irreführend, weil auch das neue Medikament keinen Kleiderwechsel von XXL zu M möglich macht. Die Zahlen zum Nutzen sind etwas unstrukturiert dargestellt. So kommt zum Beispiel diese Angaben doppelt: „Knapp die Hälfte der Probanden erreichte mit dieser Dosis sogar einen Gewichtsverlust von über 30 Prozent“ und etwas später: „Mit Retatrutid haben laut Eli Lilly 45,3 Prozent der Teilnehmer mehr als 30 Prozent Gewicht verloren.“ Das verwirrt. Manches ist etwas unbeholfen formuliert: „Sie verlangsamen zum Beispiel den Magen …“. Es ist auch nicht korrekt, dass Inkretine ein „künstliches“ Sättigungsgefühl im Gehirn erzeugen, es ist vielmehr ein natürliches Sättigungsgefühl. Etwas unpräzise ist auch die Formulierung: „Besonders gut wirkt das Medikament bei einem BMI über 35“. Das Mittel wirkt gleich gut, nur der Nutzen ist bei einem höheren Ausgangswert entsprechend größer. Auch, dass es „noch keine Studie gibt“, die von unabhängigen Experten überprüft wurde, ist unpräzise formuliert. Positiv ist der Ausblick gegen Ende des Beitrags auf weitere Forschungen und den Aktienkurs von Eli Lilly.

Insgesamt hätte das Thema Adipositas etwas vielschichtiger beschrieben werden können. So ist starkes Übergewicht etwa sehr oft mit psychischen Problemen durch die Stigmatisierung der Betroffenen verbunden. Wenn gerade diese Menschen ein solches Medikament erhalten, kann es für sie ein erheblicher Zugewinn an Lebensqualität bedeuten. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“. 

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Der journalistische Beitrag ist einigermaßen gut verständlich, was aber eher am griffigen Thema liegt. Einige Fachbegriffe sind gut erklärt, wie Dysästhesien und Glucagon. Zu viele Fachbegriffe werden jedoch nicht erläutert: Inkretin-Mimetika, Adipositas, Inkretine, Peptidhormon Glucagon-like Peptide-1, glukoseabhängigen insulinotropen Peptids, Tripple-Agonist, Triglyzeridwerte, systolische Blutdruck, GLP1-Analoga, Wachstumsfaktor IGF-1-1. Hier wären mehr Erläuterungen wünschenswert gewesen, daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Adipositas ist ein großes Gesundheitsproblem, und der neue Wirkstoff verspricht, sehr hilfreich zu sein, also ist das Thema relevant. Allerdings hätte man auch die Veröffentlichung der Studie in einem Fachjournal mit Peer Review abwarten können.

Medizinjournalistische Kriterien: 11 von 15 erfüllt

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar