„Nach Sprachverlust: Dank KI-System wieder sprechen können“
Von uns bewertet am 23. April 2026
Veröffentlicht von: tagesschau.de
Der Text auf tagesschau.de berichtet über eine KI-Anwendung, bei der ein Gehirn-Computer-Interface einer Patientin nach dem Verlust der Sprache hilft, sich wieder mit Worten auszudrücken. Der interessante Artikel macht vor allem durch die Einordnung durch vier unbeteiligte Forschende die Grenzen des Prototypen verständlich, versäumt es indes, auf Interessenkonflikte der Entwickler einzugehen.
Zusammenfassung
Der Artikel auf tagesschau.de berichtet über eine KI gestützte Gehirn-Computer-Schnittstelle, die Patient:innen bei Sprachverlust helfen soll. Der Artikel macht deutlich, dass es sich um einen ersten Versuch an einer Patientin handelt. Die positiven und negativen Effekte werden noch hinreichend ausführlich erklärt. Die Informationen zu den Trainingsdaten sind leider nicht so ausführlich, auch wären mehr Infos zu den bisherigen Alternativen interessant gewesen. Der Text macht klar, dass das Interface noch nicht auf dem Markt verfügbar ist. Lieder werden mögliche Interessenkonflikte der Entwickler nicht benannt. Sehr positiv ist die Einordnung durch insgesamt vier unabhängige Expert:innen. Der insgesamt verständliche, interessante und aktuelle Artikel geht deutlich über das Pressematerial hinaus.
+++ Hinweis: Diese Bewertung wurde im Rahmen eines Studentenseminars des Lehrstuhls Wissenschaftsjournalismus als Proof of Concept erstellt. +++
Die Kriterien
1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).
Die positiven Effekte der Anwendung werden erläutert: Sie hilft Menschen mit Sprachverlust dabei, wieder zu sprechen. Dabei geht der Beitrag auf den größten Nutzen der neuen Anwendungen im Vergleich zu anderen auch in absoluten Zahlen ein, die neue Anwendung hat etwa eine Verzögerung von nur einer Sekunde, während andere Anwendungen bei über 20 Sekunden liegen. Die Zitate verschiedener Forscher betonen die Relevanz für Patient:innen, sich auch akustisch äußern zu können. Indirekt kann man sich über die Angabe zu den Fehlern erschließen, wie viele Wörter auch richtig erkannt werden (siehe dazu aber auch Kriterium Risiken). Im Fachartikel hätte es dazu konkretere Angaben gegeben, die man hätte zitieren können. Danach reicht die korrekte Wiedergabe einzelner Sätze von hundert Prozent bis null Prozent. Wir werten „knapp erfüllt“.
2. Die NEGATIVEN EFFEKTE werden angemessen berücksichtigt (RISIKEN)
Es werden viele Grenzen und Risiken der Anwendung angesprochen: Die Anwendung habe eine hohe Fehlerquote, es sei ein großer medizinischer Eingriff, die Neuroprothese einzusetzen und ein natürliches Sprechtempo würde die Anwendung noch nicht erlauben. Die hohe Fehlerquote wurde quantifiziert, jedoch nicht mit absoluten Zahlen und leider nur als Extremwert: („Bis zu 40 Prozent der trainierten Wörter hat das KI-System im Praxistext falsch erkannt – trotz perfekten ruhigen Laborbedingungen.“) In Bezug auf das Risiko des Eingriffs hätte man noch genauer beschreiben können, mit welchen Nebenwirkungen das Einsetzen der Neuroprothese verbunden ist und welches genaue Risiko die Operation birgt. Daher werten wir alles in allem nur „knapp erfüllt“
3. Es wird ausreichend auf TRAININGSDATEN eingegangen?
Im Artikel heißt es zum Aspekt Trainingsdaten nur: „Es wird erklärt, dass die KI mit 1023 Wörtern, an die die Versuchsperson denken musste, trainiert wurde.“ Das vermittelt zwar in groben Zügen, wie die KI trainiert wurde, verdeutlicht indes nicht, ob es zu Problemen kam, oder welche Worte ausgewählt wurden oder eben nicht. Dass das Forscherteam auch Wörter nutzte, die nicht im Trainingsset enthalten waren, um herauszufinden, ob die KI auch tatsächlich dazu lernt und nicht nur gelerntes reproduziert, wäre ein interessanter Aspekt gewesen. Zur Anzahl der Wörter siehe auch das Kriterium „Fakten“.
4. Es werden ALTERNATIVE Anwendungen vorgestellt.
An einer Stelle des Beitrags heißt es zwar, dass die neue Anwendung schneller sei als bisherige Systeme, es wird aber nicht weiter darauf eingegangen, wie die bisherigen Systeme funktionieren und was genau sie (technisch) von der besprochenen Anwendung unterscheidet. Außerdem wird durch verschiedene Formulierungen zu Beginn des Texts (z. B. auch die Überschrift) der Eindruck vermittelt, dass diese Technologie bisher gar nicht existiert hat. Es werden auch keine bisherigen Alternativen genannt, die ohne KI auskommen.
5. Es wird klar, ob eine KI-Anwendung VERFÜGBAR und ZUGÄNGLICH ist.
Aus dem Beitrag geht hervor, dass die Anwendung noch nicht verfügbar ist, da sie bisher nur für eine Patientin getestet wurde und noch nicht klar ist, wie die Anwendung auf andere Patient:innen übertragbar ist, bzw. welche Personengruppen davon profitieren könnten. So heißt es im Artikel: „Noch ist auch unklar, welche Personengruppen in Zukunft davon profitieren könnten.“
6. Die KOSTEN werden in angemessener Weise berücksichtigt.
Im Beitrag wird nicht auf die Kosten der Technologie eingegangen. Da aus dem Beitrag aber hervorgeht, dass sich die Anwendung noch in einer Testphase befindet und noch nicht auf dem Markt verfügbar ist, lassen sich vermutlich auch kaum Aussagen über die Kosten treffen. Deshalb kann das Kriterium als „erfüllt“ gewertet werden.
7. Der Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der TESTDATEN ein.
Die Ergebnisse der Studie werden kritisch eingeordnet. So wird etwa deutlich, dass die Technologie bisher nur mit einer Probandin getestet wurde und die Versuche bisher nur unter Laborbedingungen stattfanden, nicht im „echten Leben“. Die Grenzen der kleinen Studie werden deutlich.
8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.
Im Beitrag kommen vier unabhängige Experten zu Wort, die alle nicht an der Studie beteiligt waren und alle an unterschiedlichen Universitäten forschen (Uni Heidelberg, TU München, Uni Freiburg, Uni Berlin). Zu jedem Experten wird außerdem das Forschungsfeld genannt, um transparent zu machen, inwiefern die Experten eine Expertise bei dieser Thematik besitzen. Die angegebenen Forschungsfelder passen zur Thematik des Artikels, weshalb man davon ausgehen kann, dass die ausgewählten Experten sich mit der Thematik gut genug auskennen, um diese einordnen zu können. Neben den Experten wird im Artikel die angesprochene Studie verlinkt.
9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG thematisiert.
Im Beitrag wird weder auf möglich Interessenskonflikte noch die Finanzierung der Studie eingegangen. Zu beiden Aspekten finden sich jedoch Informationen in der Pressemitteilung bzw. der Studie. So geben etwa einige Autor:innen Interessenskonflikte an, weil für die Studie mit Patenten von ihnen gearbeitet wurde, sowie ein Studienautor Mitgründer und ein Studienautor Direktor der Firma Echo Technologies ist. Echo Technologies ist eine Firma, die „brain-machine interfaces“ produziert. Deshalb wird dieses Kriterium als „nicht erfüllt“ gewertet.
10. Der Beitrag liefert eine EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Datenschutz/-verwendung Ethik).
Der Text macht klar, dass es zwar schon Systeme mit Künstlicher Intelligenz gibt, aber keines dieser Systeme so schnell ist, wie dieses hier, auch wenn der Text noch deutlicher hätte machen können, wie sich das neue System technisch von den Vorgängersystemen unterscheidet. Interessant ist auch die Einordnung in die Kommunikationsproblematik, wie wichtig eine flüssige, verzögerungs- und fehlerfreie Sprache für Sprechende wie auch Rezipierende ist, ohne dass in dieser Untersuchung auf die Erfahrungen und Bedürfnisse der Patientin eingegangen wird, was einer der Experten kritisiert.
11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).
Wesentliche Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen. Lediglich eine Zahlenangabe ist nicht ganz korrekt: Im Artikel ist davon die Rede, dass die KI mit 1023 Wörtern trainiert wurde, in der Studie wird jedoch von 1024 Wörtern gesprochen. (z.B. “(…) during real-time decoding with the 1024-word-General set.”)
12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).
Der Beitrag liefert Informationen, die über die sehr ausführliche Pressemitteilung hinausgehen. Im Artikel werden beispielsweise ausführlich Grenzen und Risiken der Anwendung aufgezeigt, die in der Pressemitteilung gar nicht erwähnt werden. Es ist erkennbar, dass sich der Autor mit der Studie beschäftigt hat. Außerdem ist in Bezug auf die journalistische Eigenleistung hervorzuheben, dass der Autor während seiner Recherche mit vier verschiedenen Experten gesprochen hat.
13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).
Das Thema wird im Beitrag angemessen dargestellt. Durch eine gute sprachliche Gestaltung und sinnvolle Zwischenüberschriften wirkt der Beitrag übersichtlich. Die vielen Zitate bieten einen zusätzlichen Leseanreiz und machen den Artikel abwechslungsreich. Die KI wird nicht vermenschlicht. Es gibt einige wenige sprachliche Mängel, weil es vereinzelt zu unschönen Wortwiederholungen kommt („bisher“, „verbessern“).
14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).
Insgesamt ist der Artikel gut verständlich, sodass auch ein Laienpublikum nachvollziehen kann, worum es geht. Fachbegriffe werden weitgehend erklärt, auch wenn im ersten Absatz ein „neuronales KI-Netzwerk“ erwähnt wird, das viele Leser:innen möglicherweise nicht verstehen werden. Offen bleibt auch, um welche Art von Künstlicher Intelligenz es sich handelt. Die Forscher hatten dazu extra getestet, ob es sich um eine lernende KI handelt, die auch Wörter jenseits des 1024 Wortschatzes erkennen kann. Daher werten wir alles in allem nur „knapp erfüllt“.
15. Das THEMA ist AKTUELL, RELEVANT und/oder UNGEWÖHNLICH. (THEMENAUSWAHL).
Der Beitrag ist zwei Tage nach der offiziellen Veröffentlichung der Studie und einen Tag vor der Pressemitteilung erschienen, damit ist die Aktualität gegeben. Außerdem kann man durchaus von einer „latenten“ Relevanz ausgehen, da Sprachverlust durch Schlaganfälle, Erkrankungen oder Unfälle viele Menschen direkt oder indirekt betreffen kann und mögliche Lösungsansätze damit für viele Leser:innen relevant sein können. Es handelt sich zudem um ein hochrangiges Fachmagazin, in dem ein beeindruckendes Ergebnis berichtet wird.