„Mit Stammzellen zu neuen Bandscheiben“

Von uns bewertet am 11. Januar 2019

Veröffentlicht von: Universität Zürich

Die Injektion von Stammzellen könne – zumindest bei Hunden, womöglich künftig auch bei Menschen – bewirken, dass sich nach der Operation eines Bandscheibenvorfalls neue Bandscheiben bilden. Das suggerieren Überschrift und Vorspann einer Pressemitteilung der Universität Zürich. Tatsächlich hat die vorgestellte Arbeit lediglich gezeigt, dass eine solche Injektion gut vertragen wird. Und auch dafür liefert die Studie an drei Hunden nur begrenzte Aussagekraft.

Zusammenfassung

Die Universität Zürich berichtet in einer Pressemitteilung über Forscher, die untersuchen, ob an Hunden ein Bandscheibenvorfall mit Stammzellen therapiert werden kann. Sie hoffen, dass dies künftig auch bei Menschen eine Option sein könnte.

Der mögliche Nutzen bzw. die Ergebnisse der Studie werden nicht zurückhaltend genug dargestellt, die Informationen zu Risiken und Nebenwirkungen müssten ausführlicher sein. Wie aussagekräftig die Studie ist, erklärt die Pressemitteilung nicht ausreichend. Informationen zur Finanzierung oder eine zweite Quelle fehlen. Es wird auch nicht klar, was genau das Neue an der Studie ist. Der Text geht auf die Operation als Alternative ein und macht deutlich, dass der Ansatz für die Therapie beim Menschen nicht verfügbar ist. Ein Bandscheibenvorfall wird nicht übertrieben dargestellt.

Die zeitnah zum Fachartikel veröffentlichte Pressemitteilung ist verständlich und gut lesbar, wodurch indes das im Grunde magere Ergebnis, dass der Ansatz keinerlei Effekt zeigte, relevanter erscheint, als es im derzeitigen Stadium der Fall ist.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG: Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Es wird zwar insgesamt deutlich, was die Therapie bringen soll. Der irreführende Titel und der Vorspann lassen indes vermuten, dass es bereits Erfolge gibt. Der einzige Erfolg besteht allerdings bislang darin, dass die Therapie möglicherweise gut vertragen wird. Worauf sich die Hoffnung gründet, dass die Therapie beim Hund und erst recht beim Menschen tatsächlich „zu neuen Bandscheiben“ führen könnte, bleibt völlig offen. Dass nicht nur keine Regeneration nachzuweisen war, sondern bei den behandelten Hunden auch mehr Degeneration zu finden war (wenn auch mit unklarer Ursache), hätte man fairerweise berichten sollen.

2. BELEGE / EVIDENZ: Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Risiken und Nebenwirkungen standen eigentlich im Zentrum dieser Untersuchung. Dennoch heißt es in der Pressemitteilung zu möglichen Schäden lediglich: „Die drei Hunde haben die Injektionen mit ihren eigenen Stammzellen gut vertragen, die Forschenden stellten keine negativen Effekte fest.“ Es ist zwar wichtig dies deutlich zu machen, dieser Aspekt hat aber noch weitere Facetten, die man ebenfalls ansprechen muss. So erhalten Leser zum Beispiel keine Hinweise darauf, dass Langzeitfolgen möglich sind, dazu aber nach dieser Studie nichts gesagt werden kann, weil sie nicht ausreichend lang war. Dass mit einer Stammzelltherapie beispielsweise ein Krebsrisiko verbunden sein kann, wäre wichtig zu wissen und ist in der wissenschaftlichen Veröffentlichung auch angesprochen. Auch dass aufgrund der geringen Fallzahl möglicherweise einfach nur Glück im Spiel war, wäre ein wichtiger Hinweis gewesen.

3. EXPERTEN / QUELLENTRANSPARENZ: Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Studie wird zwar einigermaßen nachvollziehbar beschrieben. Eine Einordnung wie aussagekräftig sie ist, gibt der Text indes nicht. Die Forscher selbst sprechen vorsichtig von “ Preliminary Results“ – diese Einschränkung wird aus der Pressemitteilung nicht deutlich.

Auch gibt es keine Einordnung in die Studienlandschaft; man erfährt nicht, ob die Ergebnisse zum Beispiel die Resultate anderer Studien bestätigen oder ihnen widersprechen.

4. PRO UND CONTRA: Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Auf mögliche Interessenkonflikte wird nicht eingegangen, diese sind laut Fachartikel aber auch nicht vorhanden. Es gibt in der Pressemitteilung keine Informationen zur Finanzierung der Studie, obwohl diese im Fachartikel ersichtlich sind. Auf weitere Quellen zur Einordnung wird nicht verwiesen, es werden auch keine externen Experten zitiert.

5. PRESSEMITTEILUNG: Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Text ist eine Pressemitteilung, daher ist das Kriterium nicht anwendbar.

6. ALT oder NEU: Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Die Pressemitteilung erklärt, dass „Forschung zur Bandscheibenregeneration (…) häufig in Tierversuchen durchgeführt [wird].“ Damit wird zwar klar, dass es nicht neu ist, dies an Tieren zu untersuchen. Was aber jetzt genau das Neue an dieser Studie ist, versäumt der Text dann leider zu erklären. Es wird nicht klar, ob dies das erste Mal an Hunden passiert oder ob es neu ist, dass die Mediziner „direkt am effektiv erkrankten Tier wichtige Erkenntnisse gewinnen.“ Dies bleibt u.a. offen, weil nicht erklärt wird, wie das Phänomen sonst an Tieren untersucht wird.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“: Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Als gebräuchliche Alternative zur vielleicht zukünftig möglichen Stammzelltransplantation wird eine Operation samt Vor- und Nachteil beschrieben: „Da Bandscheiben sich nicht selber regenerieren können, wird – bei Mensch und Tier – das vorgefallene Bandscheibenmaterial in einer Operation entfernt. Der Druck auf Nerven und Knochenmark verschwindet, die Degeneration der Bandscheibe bleibt allerdings bestehen.“ Wir werten indes nur knapp „erfüllt“, da die konservative Variante beim Menschen ohne Operation, bei der auf Medikamente und Physiotherapie gesetzt wird, nicht erwähnt wird – möglicherweise spielt sie bei Tieren indes auch keine Rolle.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global): Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt.

Aus der Pressemitteilung geht klar hervor, dass diese Therapie-Option für Menschen noch nicht verfügbar ist. Beispielsweise in diesem Satz: „Aufgrund von Ähnlichkeiten in Pathologie und Verlauf der Erkrankung lassen sich vermutlich auch Schlüsse für die Behandlung betroffener Menschen daraus ziehen.“

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit): Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Ob das Verfahren jemals bei Menschen zum Einsatz kommt, ist völlig offen. In diesem Fall halten wir es für angemessen, diesen Aspekt nicht anzusprechen, da wohl kaum begründbare Aussagen dazu zu machen sind.

10. KONTEXT/KOSTEN: Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Dieser Punkt ist hier gut gelöst. Bandscheibenvorfälle werden nicht dramatisiert, aber in ihrer Häufigkeit eingeordnet („gehören zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch in der Schweiz“) und als „schmerzhaft“ beschrieben.

Darstellung

1. THEMENAUSWAHL: Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist aktuell, da die Pressemitteilung zeitnah zum Fachartikel erscheint. Ebenso ist das Thema relevant, weil Bandscheibenvorfälle verbreitet (und gefürchtet) sind. Dass in der beschriebenen Studie nach zwölf Monaten noch keinerlei Wirkung festgestellt werden konnte, spräche indes gegen die Relevanz. Ungewöhnlich ist das Thema aber auch, weil Schäferhunde eher selten als Probanden einer Studie herangezogen werden, die Implikationen für Menschen haben könnten.

2. VERMITTLUNG: Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Die Pressemitteilung ist gut geschrieben, sehr leicht verständlich und gut strukturiert. Die ergänzende Grafik eines Hundes verdeutlicht, wo der Eingriff vorgenommen wurde. Der leichte Zugang zum Thema verschleiert indes, dass der Eingriff auch nach einem Jahr keine Wirkung zeigte (keinen Nutzen und keine Schäden), trotzdem verspricht die Überschrift fälschlich: „Mit Stammzellen zu neuen Bandscheiben“. Der Text macht an vielen Stellen deutlich, dass man über den Einsatz beim Menschen nur spekulieren kann; man hätte aber auch im Titel schon klar machen müssen, dass es um eine Untersuchung an Hunden geht. Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE: Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Titel und Vorspann suggerieren, dass der Versuch einen Schritt hin zu einer möglichen Anwendung beim Menschen sei: „Stammzellen könnten dies dereinst ändern, wie Forschende (…) mit einer Studie an Schäferhunden zeigen“. Diese Aussage ist falsch, denn die Forscher konnten gerade nicht zeigen, dass die Stammzelltherapie ein erfolgversprechender Ansatz ist. Die Beschreibung, es ließen sich „keine eindeutigen Hinweise finden, dass sich die geschädigten Bandscheiben im Vergleich zur Kontrollgruppe bereits regenerierten“ kann so missverstanden werden, dass es bereits Hinweise gäbe, aber noch Zweifel bestünden. Dagegen ist die Aussage im Fachartikel da unmissverständlich: „ (…) does not affect clinical outcome, and does not have any evident regenerative effects.“

4 von 10 umweltjournalistischen Kriterien sind „erfüllt“ oder „eher erfüllt“

2 von 3 allgemeinjournalistische Kriterien sind „erfüllt“ oder „eher erfüllt“

Angesichts der Tatsache, dass der Eingriff offenbar keinerlei therapeutische Wirkung bei den Tieren zeigte, finden wir insgesamt den Tenor der Pressemitteilung deutlich zu positiv und damit irreführend.Wir werten daher um einen Stern ab.

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar