„Leben in der giftigen Brühe“

Von uns bewertet am 16. April 2015

Veröffentlicht von: Sächsische Zeitung

Die Sächsische Zeitung berichtet über Arbeiten von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR), die Mikroorganismen in einem stillgelegten Uranbergwerk untersuchen. Ob die Erkenntnisse beispielsweise für die Sanierung der Mine relevant sein könnten, wird nicht ausreichend erläutert. Fast wortgleich erschien der Text schon im Sommer 2014 in einem HDZR-Magazin.

Zusammenfassung

Bakterien und andere Mikroorganismen leben im radioaktiven und giftigen Wasser der Uranmine Königstein in der Sächsischen Schweiz und bilden dort bis zu 30 Zentimeter dicke Schleimschichten. Der Artikel, der in der Sächsische Zeitung erschienen ist, erläutert zunächst ausführlich die Historie des Uranbergwerks, in dem Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) diese Bakterien seit 2008 erforschen. Erst spät kommt der Beitrag auf sein Hauptthema zu sprechen: wie es den Bakterien gelingt, in dem extremen Milieu des Bergwerks zu überleben. Der Artikel fußt auf Erkenntnissen von Geoökologen des HDZR. Das Arbeitsfeld der Dresdener Forscher im Bergwerk wird recht anschaulich geschildert, aber wie sie methodisch vorgehen, macht der Beitrag dabei kaum deutlich. Weitere Quellen nennt der Artikel nur implizit („andere Forscher“). Es fehlt insgesamt an journalistischer Distanz, um die Erkenntnisse einzuordnen und deren Bedeutung zu erklären. Die übergroße Nähe zu den Wissenschaftlern wird auch darin deutlich, dass der Text fast gleichlautend in einem Magazin des HDZR für die Öffentlichkeit erschienen ist. Die Relevanz des Themas bleibt weitgehend unklar. Der Beitrag beschreibt zwar interessante Forschungsergebnisse – etwa, dass Bakterien giftige Uranverbindungen umwandeln könnten; auch werden Untersuchungen in einem geplanten atomaren Endlager in Finnland kurz erwähnt. Das lässt Anwendungsmöglichkeiten in der Sanierung von Uranbergwerken oder eine Bedeutung für die Auswahl von Endlagern vermuten, wie sie in einer Pressemitteilung des HZDR auch angesprochen werden. Aber es bleibt im journalistischen Beitrag bei Andeutungen, die Leserinnen und Leser mit vielen offenen Fragen zurücklassen.

4. PRO UND CONTRA: Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Im Text geht es um Mikroorganismen, die unter extrem unwirtlichen Bedingungen überleben. Dazu gibt es kein pro oder contra. Eine Kontroverse hätte es geben können zu der Frage, ob diese Bakterien geeignet sind, bei der Sanierung einer Urangrube eingesetzt zu werden oder, wie im Text insinuiert, die Sicherheit eines Atomendlagers zu erhöhen. Da dies aber nur ein Randaspekt ist, den der Beitrag nicht weiter vertieft, wenden wir das Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG: Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Offensichtlich hat es zumindest ein Gespräch mit der zitierten Forscherin gegeben, wenn nicht sogar einen Besuch vor Ort, wie der Einstieg nahelegt. Außerdem liegt eine rund zehn Monate alte Presseinformationen des Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf über Experimente mit Mikroorganismen aus Finnland vor, die der Beitrag aber kaum nutzt (die Pressemitteilung ist zu diesem Teilaspekt weit informativer als der journalistische Beitrag). Der Beitrag erschien zuerst im populärwissenschaftlichen Magazin „entdeckt“ des HDZR, ist also die Übernahme eines PR-Textes (S. 17 ff).

6. ALT oder NEU: Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Wann die beschriebenen Erkenntnisse im Einzelnen gewonnen wurden, und wie neu sie bei der Veröffentlichung des Beitrags sind, wird nur angedeutet. So erfährt man, dass die Mikroorganismen in der Wismut-Grube ab 2008 untersucht wurden. Der Verweis auf ähnliche Funde in anderen Bergwerken seit den 1970er Jahren macht klar, dass es zuvor schon ähnliche Beobachtungen gab; der Beitrag erweckt also nicht den Eindruck, es handele sich um völlig überraschende neue Erkenntnisse. Völlig offen bleibt allerdings, wann die Untersuchungen in Finnland stattgefunden haben; insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“: Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Zwar behandelt der Beitrag sein Thema zunächst aus Perspektive der Grundlagenforschung, weshalb Handlungsoptionen auf den ersten Blick nicht relevant erscheinen. Allerdings beziehen die beschriebenen Phänomene mediale Relevanz wesentlich aus ihrer Bedeutung für die Sicherung von Bergbau- und Atommüllendlagern. Die Bedeutung für eine mögliche Sanierung der Uran-Grube in Sachsen oder für die Sicherheit des Endlagers in Finnland wird im Beitrag jedoch nur angedeutet (etwa mit der Zwischenüberschrift „Umgewandelte Gefahr“). Worin ein Beitrag zur Lösung dieser Probleme bestehen könnte, und ob eine solche Anwendung realistisch wäre, erörtert der Text nicht. So lädt der Beitrag eher zu Spekulationen ein, etwa darüber, ob die Bakterien zur Umwandlung giftiger Uranverbindungen eingesetzt werden könnten („Die Mikroorganismen wandeln die giftigen Uranverbindungen in Uran-Phosphat-Kristalle um. Diese Feststoffe sind aber nicht mehr giftig, ihre Strahlung ist relativ gering…“). Hier fehlt jede Einordnung.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global): Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt.

Es wird deutlich, dass die Mikroorganismen, die im Beitrag beschrieben werden, in bestimmten Höhlen und Gesteinsformationen unter extremen Umweltbedingungen existieren. Zu der Frage, wo es solche Bedingungen und damit solche Mikroorganismen gibt, macht der Beitrag wenige Angaben: Die widerstandfähigen Biofilme wurden demnach in der beschriebenen Wismut-Grube gefunden, im finnischen Okalo-Tunnel sowie in nicht näher definierten anderen Bergwerken. Wir hätten uns nähere Angaben zur Verbreitung des Phänomens gewünscht, und werten daher nur „knapp erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit): Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag wahrt die zeitliche Orientierung und gibt einen Überblick darüber, wie die Erforschung des Phänomens abgelaufen ist. Er berichtet über die Historie sowohl der Wismut-Grube als auch der Analyse von Mikroorganismen in solchen Umgebungen; die Entdeckung der Biofilme wird damit in die Geschichte der Uranförderung in der Wismut-Grube eingeordnet. Es wird ferner darauf hingewiesen, dass die Forschungsergebnisse aus Rossendorf künftig bei der Planung von Endlagern für hochradioaktiven Müll berücksichtig werden sollten (wenn auch unklar bleibt in welcher Weise), etwa bei dem finnischen Endlager, das 2022 in Betrieb genommen werden soll.

10. KONTEXT/KOSTEN: Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Obwohl es um die Erforschung bakterieller Prozesse im Bergbau bzw. in atomaren Endlagern geht, bleibt vollkommen unklar, welche Auswirkungen die Erkenntnisse auf diese Stätten haben könnten. Ob der im Beitrag angedeutete Einsatz von Mikroorganismen zur Reinigung uranhaltiger Abwässer jemals eine wirtschaftlich und technisch realistische Option sein könnte, wird nicht angesprochen. Es heißt lediglich sehr vage, mit der Entdeckung der Biofilme ergänze „ein weiterer Punkt die Suche nach einem sicheren Endlager“. Hintergrundinformationen zum Kontext fehlen; nicht einmal exemplarisch werden etwa die wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Folgen des Uranbergbaus in Sachsen angesprochen; auch Angaben zu den Kosten für die Sanierung der Wismut-Grube oder zu den Kosten des geplanten Lagers in Finnland fehlen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL: Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Ein aktueller Bezug fehlt. Auch die Relevanz des Themas – etwa für die Sanierung des Uranbergwerks oder die Endlagerdiskussion – bleibt unklar. Das Thema scheint zwar zunächst originell, doch macht der Beitrag zu wenig deutlich, was das Besondere an den hier entdeckten Biofilmen ist, wenn Biofilme in Bergwerksabwasser doch schon vor Jahrzehnten entdeckt wurden. Auch über die Biofilme in der Königstein-Uranmine wurden schon vor Jahren wissenschaftliche Arbeiten publiziert ( siehe z.B. hier). Insgesamt bleibt unklar, warum zum jetzigen Zeitpunkt über das Thema berichtet wird. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

2. VERMITTLUNG: Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text folgt – nach einem reportageartigen Einstieg – zunächst einem chronologischen Aufbau. Dieser ist nachvollziehbar, aber auch recht langatmig. Lange bleibt unklar, wo das alles hinführen soll; weder wird ein Problem genannt, noch ein aktueller Bezug deutlich gemacht. Erst im sechsten Absatz, etwa zur Hälfte des Artikels, kommt der Beitrag auf sein eigentliches Thema zu sprechen – die Tatsache, dass die Mikroorganismen giftigen Uranverbindungen widerstehen. Die Relevanz dieser Entdeckung wird dann aber weder hinterfragt noch eingeordnet. Stattdessen wird versucht, diesen Aspekt durch Andeutungen interessant zu machen, die nicht weiter erläutert werden. (Was etwa sollen Leserinnen und Leser mit dem „Sperrmechanismus, der Uran ausfiltert“ oder dem „interessanten Schutzmechanismus“ der Bakterien anfangen?) Anstatt die journalistische Perspektive des Außenstehenden einzunehmen, berichtet der Beitrag weitgehend aus einer wissenschaftlichen Binnenperspektive. Alltagsrelevante Einordnungen, lebendige Sprachbilder oder interessante Vergleiche fehlen weitgehend. Die Passage zu den Arbeiten in Finnland wirkt ungeschickt angefügt und ist so verkürzt dargestellt, dass sie weitgehend unverständlich bleibt. Das am Anfang angedeutete Reportageelement wird nicht durchgehalten und auch am Ende nicht wieder aufgegriffen.

3. FAKTENTREUE: Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Bericht basiert offenbar auf den Verlautbarungen der zitierten Forschergruppe; Wissenschaftliche Publikationen, mit denen die Fakten zu überprüfen wären, nennt der Beitrag nicht. Widersprüche zu bekannten Fakten zum Thema wurden nicht festgestellt.

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

Abwertung wegen mehrerer knapp erfüllter umweltjournalistischer Kriterien sowie Mängeln bei den allgemeinjournalistischen Kriterien.

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar