„KI und Küchenmaschine: Roboter kann Kaffee kochen“
Von uns bewertet am 23. April 2026
Veröffentlicht von: Tagesspiegel
Ein Roboter, der einem morgens den Kaffee macht und dabei auch auf individuelle Wünsche eingehen kann – darüber berichtet der Tagesspiegel in diesem Artikel. Auch wenn der Text aktuell, interessant und hinreichend verständlich ist, lässt er doch viele wichtige Informationen für eine kritische Betrachtung vermissen, zumal er das Roboter-KI-System unnötig vermenschlicht.
Zusammenfassung
Der Artikel im Tagesspiegel berichtet von einem Robotersystem, das durch KI unterstützt wird, und so auf menschliche Anweisungen hin, komplexere Aufgaben wie etwa Kaffee kochen erledigen kann. Indes werden die positiven Effekte nicht quantifiziert und mögliche Risiken gar nicht angesprochen. Die Trainingsdaten werden nicht genauer beschrieben und alternative Systeme kaum vorgestellt. Wie gut das System untersucht ist, bleibt offen. Ob und wie das System mit den Nutzerdaten umgeht erklärt der Artikel auch nicht. Eine Einordnung durch unabhängige Expert:innen findet nicht statt. Der noch hinreichend verständliche und aktuelle Text neigt leider an einigen Stellen dazu, das System zu vermenschlichen, wodurch er insgesamt mehr den Charakter eines Werbetextes hat statt einer kritischen, journalistischen Berichterstattung.
+++ Hinweis: Diese Bewertung wurde im Rahmen eines Studentenseminars des Lehrstuhls Wissenschaftsjournalismus als Proof of Concept erstellt. +++
Die Kriterien
1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).
Die positiven Effekte des Robotersystems „Ellmer“ werden an Beispielen erläutert. So wird darauf eingegangen, dass komplexe Aufgaben durch den Roboter erledigt werden können, dies wird durch ein praktisches Beispiel detailliert dargelegt; Einzelaufgaben werden konkret benannt. Es wird erwähnt, dass der Roboter Anweisungen versteht und „Zwischentöne zu deuten weiß“, auch das wird konkret mit einem Beispiel erklärt.
Der Nutzen wird jedoch nicht quantitativ dargestellt, d.h. es wird nicht deutlich wie zuverlässig, das System die gestellten Aufgaben erfüllt. Aktuell liest sich der Text so, als würde „Ellmer“ makellos funktionieren und wäre bereit für den Einsatz. Hier hätte es konkrete Zahlen geben müssen, um zu verhindern, dass der Text wie ein Werbetext klingt. Daher werten wir alles in allem „knapp nicht erfüllt“.
2. Die NEGATIVEN EFFEKTE werden angemessen berücksichtigt (RISIKEN)
Mögliche Risiken oder negative Effekte werden im Beitrag nicht erwähnt.
3. Es wird ausreichend auf TRAININGSDATEN eingegangen?
Der Beitrag erwähnt zwar kurz, dass Ellmer auf einem Sprachmodell „das etwa bei ChatGPT zum Einsatz kommt“ basiert. Allerdings weiß man als Leser:in nicht, ob es sich um dieselben Trainingsdaten handelt. Ferner fehlt jegliche Einordnung der Datengrundlage von „Ellmer“.
4. Es werden ALTERNATIVE Anwendungen vorgestellt.
Der Beitrag geht lediglich auf einen anderen Roboter aus dem Jahr 2017 ein, der eine ähnliche Aufgabe erfüllen soll. Beim Roboter „Barista“ hätten alle Bewegungen vorgegeben werden müssen, heißt es. Beim Roboter „Ellmer“ sei das nicht mehr der Fall. Es wird nicht darauf eingegangen, ob es weitere aktuelle vergleichbare Alternativen (auch außerhalb des „Küchenbereichs“) gibt (KI- und nicht-KI-basiert), obwohl in der Studie Alternativsysteme erwähnt werden. Daher werten wir „knapp nicht erfüllt“.
5. Es wird klar, ob eine KI-Anwendung VERFÜGBAR und ZUGÄNGLICH ist.
Das Thema Verfügbarkeit wird nicht angesprochen. Es wird somit nicht ausreichend klar, dass die Anwendung nicht verfügbar ist. Dass es sich um einen Prototyp handelt, wird nicht angegeben. Auch wird nicht erwähnt, für welchen Bereich oder Zweck die Anwendung zukünftig vorgesehen ist, eher im privaten Bereich oder im industriell/geschäftlichen Bereich.
6. Die KOSTEN werden in angemessener Weise berücksichtigt.
Auf Kosten des Roboters wird im Text nicht eingegangen. Da es sich indes um einen Prototyp handelt, halten wir es für nachvollziehbar, nicht darauf einzugehen.
7. Der Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der TESTDATEN ein.
Es werden keine Informationen zu Testläufen der Anwendung gegeben (wie oft wurde getestet? In wie viel Prozent der Fälle war die Anwendung fehlerhaft? Gibt es weitere Test-Szenarien über die erwähnte hinaus? Gibt es „Real World“ Daten? etc.)
Die Grenzen der Untersuchung werden nicht deutlich gemacht.
8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.
Die einzige Stimme, die im Beitrag zitiert wird, ist die von Ruaridh Mon-Williams, der selbst an der Forschung als Doktorand beteiligt war.
9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG thematisiert.
Ein Interessenkonflikt liegt laut Fachartikel nicht vor. Daher muss auf diesen Aspekt im Artikel auch nicht eingegangen werden. Dass es sich laut Fachartikel um eine öffentliche und nicht um eine privatwirtschaftliche Finanzierung handelt, hätte man ansprechen können. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.
10. Der Beitrag liefert eine EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Datenschutz/-verwendung Ethik).
Es wäre hilfreich gewesen, expliziter zu erklären, was das Neue im Vergleich zu aktuellen Systemen ist. Es wird zwar auf ein anderes Robotersystem verwiesen, das stammt aber aus dem Jahr 2017.
Schwerer wiegt indes, dass das Thema Datenschutz und Datenverwendung nicht thematisiert wird. Der Roboter verfügt über verschiedene Sensoren wie Kameras und Mikrofone, bei denen sich zum einen die Frage stellt, ob das Gerät ständig „mithört“ und zum anderen, wo diese Daten letztlich landen (lokal oder auf entfernten Servern), unabhängig davon, ob ein solches Gerät einmal im privaten oder im industriell/geschäftlichen Gebiet eingesetzt wird. Auch wenn es sich um einen Prototyp handelt, hätte man das thematisieren können.
11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).
Die in dem Artikel gemachten Angaben zu der Anwendung decken sich mit den Angaben in der Originalpublikation.
12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).
Große Teile des Artikels sind nahezu deckungsgleich mit den Angaben aus der Pressemitteilung. Es gibt jedoch einige wenige Aspekte, die so nicht in der Pressemitteilung erwähnt werden: das „Deuten von Zwischentönen“ oder die Gabe von Rückmeldungen durch den Roboter. Dies wiederum deckt sich stark mit der entsprechenden Passage in der Originalpublikation.
Auch der Hinweis auf das ältere Robotersystem weist auf eine zumindest in Ansätzen vorhandene journalistische Eigenleistung hin, daher werten wir „knapp erfüllt“.
13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).
Insgesamt handelt es sich um einen kurzweiligen Bericht, die Bebilderung und Überschrift passen zum Inhalt des Artikels, es gibt zahlreiche Links zu weiterführenden Artikeln. Allerdings erwähnt der Artikel relativ wenige faktische Informationen und endet überraschend abrupt. Hauptproblem des Artikels ist, dass für Leser:innen nicht deutlich wird, ob es sich hier lediglich um ein „Proof of Concept“ handelt oder um ein demnächst marktreifes Produkt, da der Text sich darauf beschränkt zu erklären, was die Maschine angeblich kann. Problematisch finden wir dabei auch, dass das System und KI wiederholt als handelndes „menschliches“ Subjekt dargestellt wird („Dass Ellmer nicht nur Anweisungen versteht, sondern auch Zwischentöne zu deuten weiß, zeigen die Autoren an einer konkreten Anfrage (…).“) Alles in allem werten wir daher „knapp nicht erfüllt“.
14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).
Der Artikel ist in weitgehend verständlich geschrieben, es gibt keine Fachbegriffe. Die Ausschreibung und Erklärung des Akronyms ELLMER wäre indes hilfreich gewesen und hätte auch dem „Vermenschlichen“ entgegengewirkt. Es wird klar, worum es sich bei dem Roboter-System handelt und was es kann bzw. können soll. Die Funktionsweise des Roboters wird weitgehend anschaulich beschrieben. Im Text wird erklärt, dass die KI auf einem Großen Sprachmodell „wie ChatGPT“ beruht, es wird dann aber nicht näher erklärt wie die genaue Umsetzung und Verknüpfung von KI und Roboter erfolgt. Wir werten alles in allem „knapp erfüllt“.
15. Das THEMA ist AKTUELL, RELEVANT und/oder UNGEWÖHNLICH. (THEMENAUSWAHL).
Der Artikel erschien zwei Tage nach Veröffentlichung der Originalstudie in einem relevanten Fachmagazin und ist somit aktuell.
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung und Anwendung, sowohl von LLM als auch von Robotersystemen ist das Thema auch relevant. Ungewöhnlich ist das Thema, weil das Bild des Roboters als „täglichem Helfer“ wie er seit Jahrzehnten immer wieder in der Populärliteratur und Zukunftsvisionen vorgestellt wird, bedient. Durch den Einsatz der KI erscheint ein solcher nun tatsächlich der Realität einen größeren Schritt näher zu kommen.