„Hoffnung bei Multipler Sklerose Erste Patienten werden in Hamburg und Tübingen mit neuer Therapie behandelt“

Von uns bewertet am 13. März 2026

Veröffentlicht von: tagesspiegel.de

Der journalistische Beitrag im TAGESSPIEGEL berichtet über einzelne Patienten mit Multipler Sklerose, die eine experimentelle CAR-T-Zelltherapie erhalten haben. Die Hoffnung dabei ist, dass diese Behandlung besser wirken könnte als bisherige Standardtherapien mit Antikörpern. Insgesamt enthält der Artikel alle wichtigen Elemente und Erklärungen, etwa, wie die CAR-T-Zelltherapie funktioniert, wie sie helfen soll, was man bisher weiß und dass noch klinische Studien nötig sind. Allerdings werden keine unabhängigen Expert*innen im Text zitiert, auch ist der Aufbau des Artikels verwirrend.

Zusammenfassung

Der Artikel im TAGESSPIEGEL beschreibt eine noch experimentelle CAR-T-Zelltherapie für Patient*innen mit Multipler Sklerose und beschreibt einen Patienten als Beispiel für mögliche Erfolge. Im Text wird klar, dass es bisher mit nur kleinen Fallserien noch keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit der Behandlung gibt. Auf mögliche schwere Nebenwirkungen und fehlende Erkenntnisse zur langfristigen Sicherheit wird deutlich hingewiesen. Als Quelle nennt der Beitrag allerdings nur einen einzigen Experten, der diese Therapie an seinem Institut selbst erprobt. Externe Einschätzungen oder Verweise auf Publikationen fehlen. Auch werden die hohen Kosten der CAR-T-Zelltherapie im Text nicht erwähnt – ein wichtiger Punkt, wenn diese Behandlung tatsächlich bei vielen Patienten mit Multipler Sklerose zum Einsatz kommen sollte. Die ersten Ergebnisse der Behandlung an den Patienten mit MS werden nur unzureichend eingeordnet, die medizinischen Zusammenhänge leider für Laien zu kompliziert dargestellt.  

Die Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Der Beitrag macht deutlich, dass die CAR-T-Therapie zwar in Einzelfällen wirksam erscheint, aber allenfalls das Fortschreiten der Multiplen Sklerose bremsen kann; die bestehenden Einschränkungen kann sie nicht rückgängig machen. Es wird ein einzelner Patient vorgestellt, bei dem die weitere Verschlechterung aufgehalten wurde. Bei drei anderen sei „keine neue Entzündungsaktivität dazugekommen“. Ob die Patienten tatsächlich auf Dauer profitieren, sei „schwer zu sagen“. Hier wären genauere Erläuterungen zum Nutzen bei der Entzündungsaktivität für Laien hilfreich gewesen. Insgesamt wird jedoch deutlich, dass bislang keine sicheren Aussagen zur Wirksamkeit der CAR-T-Zelltherapie bei Multipler Sklerose möglich sind. 

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Nebenwirkungen werden klar benannt – schwere Entzündungsreaktionen, Schüttelfrost, hohes Fieber, Blutdruckabfall sowie Beeinträchtigung der Immunabwehr durch Zerstörung von B-Zellen. Deutlich weist der Text auf mögliche, noch unbekannte Langzeitrisiken hin. Es gibt jedoch keine Quantifizierung, wohl bedingt durch die sehr geringe Fallzahl. Dennoch hätte man gerne gewusst, bei wie vielen PatientInnen diese Nebenwirkungen tatsächlich aufgetreten sind. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Der Beitrag macht deutlich, dass die Therapie nur für wenige ausgewählte PatientInnen in Frage kommt und bislang noch in einem frühen Entwicklungsstadium ist.

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Artikel benennt CD-20-Antikörper gegen B-Zellen als bisherige Standardtherapie und auch, dass sie nicht bei allen etwas bewirkt. Auch stellt der Text noch einen neuen Behandlungsansatz für Multiple Sklerose vor, das Protein GDF-15. Weitere übliche Therapieformen wie die Kortison-Stoßtherapie, Plasmapherese sowie zahlreiche zugelassene Wirkstoffe zur Immunmodulation werden jedoch nicht erwähnt (siehe z.B. hier https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/ms-behandeln/therapiesaeulen/verlaufmodifizierende-therapie). Dies aber wäre hilfreich gewesen, um einen besseren Überblick über die bisherigen Therapiemöglichkeiten zu erhalten. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

CAR-T-Zelltherapien werden seit Jahren vor allem gegen Krebs untersucht und werden gerade für Autoimmunkrankheiten ausgelotet – wie es auch der Artikel erwähnt. Daher ist bereits bekannt, dass der Einsatz der Behandlung sehr kostspielig ist. So gibt es bereits seit Jahren an manchen Kliniken in Deutschland Ansätze, diese Kosten zu reduzieren (siehe auch: https://www.sueddeutsche.de/wissen/krebstherapie-selbstgemacht-1.4949290). Dies wäre für die Leserinnen und Leser eine wichtige Information gewesen und auch, ob die Kosten bei den anderen Erkrankungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Die Multiple Sklerose und wird nicht übertrieben dargestellt.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Der Beitrag macht deutlich, dass es bislang keine größeren Studien zur CAR-T-Zelltherapie bei Multipler Sklerose gibt, sondern nur kleine, wenig aussagekräftige Fallserie. Er geht auch auf den bisherigen Einsatz von CAR-T-Therapien bei anderen Erkrankungen wie Lupus ein und benennt auch da, dass es sich bei den Erfolgen um Einzelbeispiele handelt. Bei den am Ende vorgestellten Arbeiten zu GDF-15 fehlt jedoch der Hinweis, dass es sich bislang offenbar um Experimente mit Mäusen handelt (https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_176320.html). Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Der journalistische Beitrag nennt keine Fachpublikationen zum Thema CAR-T-Zelltherapie. Größere Studien liegen bislang offenbar nicht vor, aber immerhin ein Fallbericht über zwei PatientInnen (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666634024001144?via%3Dihub). Dieser wird nicht herangezogen. Als einziger Experte wird der Neurologe Manuel Friese vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zitiert, der die experimentelle Behandlung selbst durchführt. Auch für den zweiten vorgestellten Therapieansatz wird nur Friese als Quelle genannt. Eine externe Einschätzung fehlt zu beiden Verfahren. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Wir haben keine Interessenkonflikte gefunden, die der Beitrag hätte erwähnen müssen. 

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Der Artikel erwähnt früh, dass die CAR-T-Zelltherapie bereits bei anderen Krankheiten wie Blutkrebs und auch Autoimmunkrankheiten wie Lupus bekannt ist und sich dort bewährt hat. Auch wird erklärt, dass Pharmaunternehmen diese Behandlung derzeit systematisch bei neuroimmunologischen Krankheiten prüft. Schließlich hebt der Text korrekt hervor, dass es sich bei der CAR-T-Zelltherapie um eine neuartige Behandlungsmethode für Multiple Sklerose handelt. Insgesamt wäre eine ausführlichere Einordnung allerdings hilfreich gewesen, daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Mir sind keine Faktenfehler aufgefallen. Wobei es allerdings schon im Jahr 2024 eine publizierte Fallbeschreibung zur Therapie von Patienten mit Multipler Sklerose gab, die im Beitrag nicht erwähnt wird. Die Formulierung, die CAR-T-Zelltherapie würde jetzt erstmals bei dieser Erkrankung getestet, erscheint damit etwas übertrieben. Insbesondere wüsste man gerne, was aus den zwei 2024 beschriebenen PatientInnen geworden ist (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666634024001144?via%3Dihub). Sind die beiden Teil der hier beschriebenen Fallserie? Profitieren sie von der Therapie? Leider gibt es dazu keine Angaben. Dennoch werten wir dies nicht als gravierenden Faktenfehler und werten insgesamt „ERFÜLLT“.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Eine aktuelle Pressemitteilung habe ich nicht gefunden und auch sonst keine Hinweise, dass der Text keine eigenständige journalistische Leistung sein könnte. 

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Nach ein paar einführenden Informationen im ersten Absatz stellt der Text einen Patienten vor, bei dem mit der vorgestellten CAR-T-Zelltherapie erste Erfolge erzielt wurden. Dieser Teil des Artikels beruht offenbar auf einem Beitrag des SWR (https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebingen/multiple-sklerose-stoppen-mit-car-t-zellen-100.html). Das Fallbeispiel macht neugierig und ist flüssig zu lesen. Weniger eingängig dagegen ist die Erklärung dazu, wie die Therapie funktioniert (siehe Kriterium 14, Verständlichkeit), ebenso wie ein längerer Absatz zu einer ganz anderen Therapie, die ebenfalls noch in einem frühen Entwicklungsstadium ist.  Insgesamt werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

NICHT ERFÜLLT 

Der journalistische Beitrag enthält eine Vielzahl von Informationen, die jedoch nicht immer vollständig und gut strukturiert sind. Die CAR-T-Zelltherapie soll den Verlauf stoppen, aber man erfährt nicht, wie. Es folgt die körperliche Einschränkung bei MS, aber auch hier weiß man nicht, warum – es fehlt der Zusammenhang, dass die Entzündungen am Nervensystem durch Autoimmunreaktionen ausgelöst werden und das die Reizleitung zu den Muskeln stört, sie also nicht mehr richtig arbeiten können. Dazu wird CAR-T bei MS als Strohhalmversuch beschrieben und man versteht nicht, warum sich das lohnen könnte. Die Antwort kommt später: die Hoffnung ist, dass die CAR-T-Zellen ins Gehirn und Rückenmark eindringen können und eine viel breitere Wirkung entfalten. Solche Sprünge passieren im Text wiederholt, etwa wenn es heißt, nicht alle Patienten kommen in Frage für die Behandlung, aber es wird nicht sauber erklärt, welche und warum.

Auch treffen die verwendeten Metaphern für die Arbeit der T-Zellen („Radar“, „GPS-System“) den Sachverhalt nicht ganz und verwirren eher. Hier wäre eine Erklärung hilfreich gewesen, was B- und T-Zellen überhaupt sind. Dann ist von einer „fehlgeleiteten Abwehrreaktion“ die Rede, die vorher nicht als Krankheitsmechanismus bei Multipler Sklerose eingeführt wird. Unverständlich bleibt zunächst auch die „Entzündungsaktivität trotz Antikörpertherapie“, denn von einer solchen Behandlung ist bis dahin nicht die Rede; sie wird erst einige Absätze später erläutert („Bislang behandelt man Multiple Sklerose oft mit speziellen Antikörpern, den sogenannten CD20-Antikörpern.“) Inwiefern diese die „Nachlieferung“ schwächen (Nachlieferung von was?) bleibt unklar. An den ohnehin schon schwierigen Text noch einen Absatz zu GDF-15 anzuhängen, überfrachtet den Betrag endgültig.

Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Neue Behandlungsansätze für Multiple Sklerose sind zweifellos relevant. Indes wird nicht recht deutlich, warum gerade jetzt über die noch experimentelle CAR-T-Zelltherapie berichtet wird. Eine aktuelle Publikation scheint es nicht zu geben. Über das in Einzelfällen angewandte Verfahren und den im Beitrag beschriebenen Patienten wurde in der Vergangenheit bereits berichtet (https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebingen/multiple-sklerose-stoppen-mit-car-t-zellen-100.html, https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/multiple-sklerose-car-t-zell-therapie-100.html), sowie  auch allgemein über erste Erfolge der Therapie (https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/krebstherapie-neue-zelltherapie-gegen-autoimmunerkrankungen-an-der-berliner-charite-a-a85829b5-3cbd-4a2a-b142-4d64ab0a041d). Der Beitrag enthält demgegenüber keine wesentlichen neuen Inhalte. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.

Medizinjournalistische Kriterien: 10 von 15 erfüllt

3 Sterne, 10 von 15 Kriterien erfüllt, Abwertung um einen Stern (von 4 auf 3), da vier Kriterien nur knapp erfüllt gewertet.

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar