„Hilft der Wirkstoff aus „magic mushrooms“ bei schweren Depressionen?“

Von uns bewertet am 18. Mai 2026

Veröffentlicht von: SWR online (€)

Der journalistische Beitrag von SWR (online) berichtet über eine Studie zu therapieresistenten Depressionen, in der neben einer Psychotherapie auch Psilocybin zum Einsatz kam, der Wirkstoff aus „magic mushrooms“. Im Artikel wird deutlich, dass es zwar messbare positive Effekte bei einem Teil der Patient:innen gab, der Endpunkt der Studie – eine Halbierung der Symptome – aber nicht erreicht wurde. Das Design der Studie wird verständlich beschrieben; unklar bleibt aber, wie der Nutzen gemessen wurde. Die zahlreichen Nebenwirkungen, darunter auch schwere, werden im Text genannt. Leider fehlen allerdings beim Nutzen wie auch bei den negativen Effekten jegliche quantitative Angaben.

Zusammenfassung

Im Artikel von SWR (online) geht es um den Einsatz von Psilocybin bei Patienten mit schweren Depressionen, die bereits mehrere Therapien erfolglos hinter sich gebracht haben. Dabei orientiert sich der Text stark an der Pressemitteilung und liefert nur wenige Informationen darüber und die Studie hinaus. Zudem wird das komplizierte Studiendesign nur unzureichend erklärt, ebenso wie auch der Nutzen der Therapie. Im Gegensatz dazu werden Nebenwirkungen ausführlich thematisiert. Es kommen unabhängige Experten zu Wort, auch wird die aktuelle Studie in einen größeren Kontext eingebettet. Ein aktueller Anlass für dieses relevante Thema der Depressionen ist gegeben, allerdings hätte dem Text ein wenig mehr Lebendigkeit und Empathie gutgetan. 

Die Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

In der Studie wurde die Wirksamkeit von Psilocybin bei depressiven Patient:innen untersucht, die bereits mehrere Antidepressiva erhalten hatten. Im Text wird zwar erwähnt, dass Psilocybin eine „gewisse“ Wirkung nach sechs Wochen gezeigt hat, nicht aber die genauen Prozentzahlen: 17 Prozent Ansprechrate bei 25 mg, 12,5 Prozent bei 5 mg und 10,6 Prozent bei der Kontrollgruppe (siehe auch). Immerhin macht der Beitrag aber deutlich, dass der primäre Endpunkt – eine „Halbierung der Depressionssymptome“ – nicht erreicht wurde. Es habe aber eine messbare und im Durchschnitt klinisch relevante Linderung der Symptome gegeben, heißt es im Artikel, bei großen individuellen Unterschieden. Leider fehlen hier nähere Informationen: Bei wie vielen Patienten waren Effekte messbar? Worin bestanden diese genau, was wurde gemessen? Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Negative Effekte und Risiken der Therapie werden ausführlich dargestellt. Dabei werden sowohl häufige Nebenwirkungen wie emotionale Reaktionen, Kopfschmerzen und Übelkeit genannt als auch seltenere, aber gravierende wie Suizidgedanken, Panikattacken und eine akute Bluthochdruckkrise. Es fehlt allerdings die Quantifizierung, die der Pressemitteilung leicht zu entnehmen gewesen wäre. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Leider sind die Angaben zur Verfügbarkeit ungenau: Laut Studienautor Gerhard Gründer werde es in den USA in ein bis zwei Jahren eine Zulassung geben, in Europa würde es länger dauern. Das verdeutlicht zwar, dass es noch keine etablierte Therapie ist, aber seit letztem Jahr gibt es in Deutschland dennoch die Möglichkeit, die Therapie einzusetzen, siehe auch hier. 

Daher werten wir „KNAPP NICHT ERFÜLLT“. 

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Im journalistischen Beitrag werden einleitend Angaben dazu gemacht, was bei Depressionen als Standardtherapie gilt: Medikamente und Psychotherapie. Doch wird nur die Ansprechrate bei den Medikamenten genannt. Allerdings es gibt Studien, die die Wirksamkeit von Kombinationstherapien belegen und quantifizieren z.B. hier.

Daher werten wir „KNAPP NICHT ERFÜLLT“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Der Artikel enthält keinerlei Angaben zu den Kosten der Therapie. Diese müssten aber bekannt sein, da das Mittel in Ausnahmenfälle bereits eingesetzt wird (siehe Kriterium 3).

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Es werden im Text keine unangemessenen Ängste bezüglich Depressionen geschürt, zudem gibt einen Disclaimer im Ende des Textes, der darauf hinweist, dass Betroffene sich Hilfe suchen sollten.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Das Design der Studie wird ausführlich beschrieben: die Größe der Studie, zwei Dosen des Medikaments, Placebokontrolle etc. Wichtig ist zudem der Hinweis, dass in kleineren Studien oft größere Effekte gemessen werden. Auch loben unabhängige Fachleute die Methodik und Genauigkeit der Studie. Es wird erwähnt, dass der primäre Endpunkt nicht erreicht wurde und darum „der Durchbruch bei Depressionen“ ausbleibt. Doch wird nicht deutlich, dass sekundäre Endpunkte einer Studie wenig aussagekräftig sind, im Gegenteil: Der Text suggeriert, dass Psilocybin eben doch wirksam sei. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Neben dem Studienleiter werden zwei weitere Experten zitiert. Etwas nebulös bleibt jedoch der Absatz: „Unabhängige Fachleute loben die sorgfältige Methodik und Genauigkeit der Studie. Sie sehen Psilocybin weiterhin als vielversprechenden Ansatz, …“. Auf welche Fachleute sich dies bezieht, wird nicht erläutert. Die zuvor zitierten Experten Jungwirth und Hasler? Oder weitere anonyme externe Fachleute? Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Uns sind keine Interessenkonflikte aufgefallen, die hätten genannt werden müssen.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Der journalistische Beitrag liefert Informationen dazu, wie häufig therapieresistente Depressionen und Rückfälle bei der Therapie sind. Er informiert darüber, dass Psilocybin schon seit einigen Jahren als Mittel gegen Depressionen erforscht wird. Auch wird deutlich, dass die aktuelle Studie größer ist als frühere Untersuchungen und damit mehr Erkenntnisse über das Potenzial der Therapie liefert. 

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen. Allerdings finden sich Übertreibungen im Text und Textkasten, etwa, dass es zu einer „massiven“ Neubildung von Wachstumshormonen kommt. Auch wird im Beitrag beschrieben, dass die zweite Dosis „keinen Zusatznutzen“ zeigte. Dabei ist in der Studie nachzulesen, dass nach zwei Sitzungen die Unterschiede zwischen den Gruppen kleiner wurden. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Der journalistische Beitrag stützt sich auf eine Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim (siehe auch hier), enthält aber auch darüber hinaus gehende Informationen, wie die Zitate zweier nicht an der Studie beteiligter Wissenschaftler und einen Infokasten zum möglichen Wirkmechanismus (u.a. aus einem Press Briefing des Science Media Centre).

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Der journalistische Beitrag ist sachlich gehalten, informativ und ordnet die – begrenzten – Erfolge mit der gebotenen Zurückhaltung ein. Ein wenig mehr Lebendigkeit und Empathie bei dieser Thematik hätten den Artikel für die Leser:innen womöglich noch attraktiver gemacht. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“. 

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Der journalistische Beitrag ist zum großen Teil gut verständlich. Ein Textkasten informiert zum möglichen Wirkungsmechanismus des Medikaments. Ein Mangel ist die fehlende Information dazu, wie die Symptome bzw. deren Besserung gemessen wurden, auch das komplexe Studiendesign wird nicht ausreichend erläutert. So bleibt unklar, was unter einer „Halbierung der Symptome“ zu verstehen ist. Daher werten wir nur „KNAPP ERFÜLLT“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Mögliche neue Therapieansätze für Depressionen sind ein relevantes Thema, die im März publizierte Studie ein ausreichend aktueller Anlass für den Beitrag.

Medizinjournalistische Kriterien: 11 von 15 erfüllt

Abwertung um einen Stern (von 4 auf 3), da sechs Kriterien nur knapp erfüllt gewertet.

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar