„Alzheimer-Patientin erlangt nach Einnahme von halluzinogenen Pilzen Erinnerungen zurück“
Von uns bewertet am 6. Juli 2026
Veröffentlicht von: welt.de
Im journalistischen Beitrag der WELT (online) wird der Einsatz des Wirkstoffs Psilocybin bei einer dementen, 80-jährigen Frau beschrieben. Nach zweimaliger Einnahme der aus halluzinogenen Pilzen gewonnenen Substanz zeigte die Probandin eine erstaunliche Verbesserung ihres Befindens und Verhaltens. Der Artikel macht deutlich, dass es sich um einen Einzelfall handelt, der wissenschaftlich begleitet wurde, spricht auch die begrenzte Aussagekraft dieser Beobachtung kurz an. Insgesamt ist der Text jedoch zu positiv, hier hätte man sich eine vorsichtigere, differenziertere Bewertung gewünscht.
Zusammenfassung
Im Text der WELT (online) geht es um den Fall einer 80-jährige Alzheimer-Patientin, die zwei Dosen eines Wirkstoffs aus halluzinogenen Pilzen erhielt. Die Verbesserungen sind spektakulär, dies wird im Text auch ausführlich erläutert. Teils wird auch erklärt, woran das liegen könnten. Doch werden im Text keine möglichen Risiken oder Nebenwirkungen der Anwendung erwähnt. Auch kommen leider keine unabhängige Expert:innen zu Wort, eine Einordnung in die aktuelle Studienlage erfolgt nicht. Damit weckt der Text bei Patient:innen und ihren Angehörigen womöglich große Hoffnungen, was gerade beim Thema Alzheimer schwierig ist, gibt es doch derzeit noch keine bei schwerer Demenz wirksame Therapie. Daher wäre eine vorsichtige Abwägung der Ergebnisse dieser Einzelfallstudie hilfreich gewesen.
Die Kriterien
1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).
Im journalistischen Beitrag wird eine Einzelfallstudie vorgestellt. Darin erhielt eine 80-jährige Patientin, die an einer Alzheimer-Demenz leidet, eine Substanz aus halluzinogenen Pilzen. Im Text wird ausführlich erläutert, welche Verbesserungen sich einstellten. Die Patientin erinnerte sich an frühere Erlebnisse, sie konnte wieder laufen und die seit fünf Jahren bestehende Harninkontinenz besserte sich stark. Auch wird deutlich, dass die Veränderungen über mehrere Wochen anhielten. Im zweiten Teil des Textes kommt zumindest kurz zur Sprache, wie sich diese Besserungen theoretisch erklären lassen. Es wird zudem lange diskutiert, ob Psilocybin die Plastizität des Gehirns beeinflussen kann. So könnte es bei der Patientin durch eine verbesserte Kommunikation zwischen den Nervenzellen zu den kognitiven und emotionalen Veränderungen gekommen sein. Quantifiziert werden die Verbesserungen bei der Patientin nicht, wobei die Angaben auch in der Originalarbeit recht vage sind. Insgesamt werten wir noch knapp „ERFÜLLT“.
2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.
Im journalistischen Beitrag wird nur kurz berichtet, dass die Patientin auf die Therapie zunächst mit starkem Schwitzen und Müdigkeit reagierte. Auf mögliche kardiovaskuläre Risiken oder die Gefahr, eine Psychose auszulösen, wird dagegen nicht eingegangen, ebenso wenig wie auf die Wechselwirkung mit anderen Medikamenten. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.
3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.
Psilocybin ist in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen, es gibt aber Forschungseinrichtungen wie das Zentralinstitut für seelische Gesundheit, die in begründeten Fällen die Behandlung mit Psilocybin erproben dürfen. Im Beitrag heißt es dazu jedoch nur: „In Deutschland ist der Einsatz von Psychedelika in der Therapie nur unter strengen Bedingungen erlaubt. Bislang unterliegen Substanzen wie etwa psilocybinhaltigen Pilzen dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und sind außerhalb medizinisch-wissenschaftlicher Kontexte illegal.“ Das hätte noch genauer erläutert werden können. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.
4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.
Es kommen keine alternativen Behandlungsarten zur Sprache. Auch wenn es bislang bei fortgeschrittener Alzheimer-Demenz keine wirksame Therapie gibt, hätte auch dies erwähnt werden müssen. Zumal es inzwischen Medikamente gibt, die frühe Symptome wie Gedächtnisstörungen und eingeschränkte Alltagsfunktionen lindern können.
5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.
Die Kosten einer Psilocybin-Therapie werden im Text nicht erwähnt, könnten aber bei einem breiten Einsatz durchaus eine Rolle spielen. Daher wäre eine kurze Erwähnung hilfreich gewesen. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.
6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).
Die Alzheimer-Erkrankung wird im Text nicht übertrieben dargestellt.
7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.
Zwar wird im Text erwähnt, dass die Studienautoren zur Vorsicht mahnen. Auch wird deutlich, dass es sich nur um eine Fallstudie und nicht um eine klinische Studie mit mehreren Personen und einer Kontrollgruppe handelt. Dennoch hätte dies stärker herausgestellt und erklärt werden müssen. Denn mit der ausführlichen Erläuterung der Besserungen werden doch große Hoffnungen geweckt. Zudem betonen die Forschenden in der Originalarbeit, dass es im Verlauf von neurodegenerativen Erkrankungen immer wieder zu Schwankungen, also plötzlichen Verbesserungen und Verschlechterungen der Symptomatik kommt, also aus den Beobachtungen nicht geschlossen werden kann, dass die halluzinogene Substanz die Ursache der positiven Veränderungen war. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.
8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.
Es fehlt eine Einordnung durch Expertinnen oder Experten, die nicht an der Studie beteiligt waren.
9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.
Wir haben keine Interessenkonflikte finden können, die im Text hätten erwähnt werden müssen. Daher werten wir das Kriterium als „ERFÜLLT“.
10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).
Es wird im Text deutlich, dass diese Fallstudie ziemlich spektakulär ist (Wortlaut: „Die Ergebnisse sind bemerkenswert“). Allerdings wird dies dann nicht weiter erläutert. Dafür hätte man sagen müssen, dass es eben bislang nur eingeschränkte Behandlungsmöglichkeiten und schon gar keine Heilmittel gegen Alzheimer gibt. Immerhin wird im Artikel jedoch erwähnt, dass „bereits mehrere Studien die therapeutische Wirkung von psilocybinhaltigen Pilzen nahegelegt“ haben. Daher werten wir noch knapp „ERFÜLLT“.
11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).
Wir haben keine Faktenfehler gefunden. Allerdings wurde das Wort „Octogenarian“ aus der Studie mit „einer 80-jährigen Patientin“ übersetzt. Richtig wäre gewesen: „eine Patientin in ihren 80ern“. Zudem finden sich ein paar missverständliche Formulierungen, zum Beispiel hier: „Als erste Nation weltweit setzt Australien seit 2023 Psilocybin in der Psychotherapie zur Behandlung von Depressionen ein.“ Allenfalls bildet Psilocybin dort einen Baustein einer multimodalen Therapie. Insgesamt werten wir jedoch „ERFÜLLT“.
12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).
Wir haben keine Pressemitteilung dazu gefunden, daher gehen wir von einer journalistischen Eigenleistung aus.
13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).
Der Einstieg macht neugierig, dann jedoch verliert sich der Beitrag in Details, die sehr übersetzt klingen („gesteigerte emotionale Gegenseitigkeit“). Dafür verzichtet der journalistische Beitrag auf einen spannenden Aspekt im Fachartikel: Viele aktuelle Ergebnisse weisen darauf hin, dass bei Patient:innen mit Demenz bestimmte Kompetenzen nicht völlig und für immer verloren sind. Patient:innen scheinen vielmehr oft noch viele verborgene Kompetenzen besitzen, auf die sie aber nur unter bestimmten Bedingungen zugreifen können. Insgesamt werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.
14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).
Der Text ist gut verständlich. Nur im zweiten Teil, als es um Erklärungen für eine mögliche Wirkungsweise von Magic Mushrooms auf Alzheimer geht, sind die Erklärungen zu kurz. Viele Lesende verstehen vermutlich nicht, was der Botenstoff Serotonin mit Neuroplastizität zu tun hat. Auch warum der Wirkstoff aus Pilzen gegen Depressionen helfen könnte, bleibt unklar. Insgesamt werten wir aber noch knapp „ERFÜLLT“
15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).
Das Thema ist sehr relevant, da die Alzheimer-Prävalenzen weltweit steigen und es wie gesagt kaum Therapien gibt. Die Fallstudie ist ungewöhnlich und dürfte viele Menschen interessieren, wobei die Berichterstattung vorsichtiger hätte ausfallen müssen. Insgesamt werten wir knapp „ERFÜLLT“.