„Ärzte warnen vor Klimawandel“

Von uns bewertet am 25. August 2015

Veröffentlicht von: taz - die tageszeitung

Den Klimawandel zu bekämpfen bringe global erheblichen Nutzen für die Gesundheit – über diese Schlussfolgerung einer internationalen Expertenkommission berichtet ein Beitrag in der taz. Dabei wird jedoch zu wenig deutlich, worauf diese Einschätzung beruht.

4. PRO UND CONTRA: Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag nennt einerseits Risiken des Klimawandels, andererseits zu erwartende Vorteile für die Gesundheit durch Klimaschutzmaßnahmen. Der Schwerpunkt liegt auf letzteren, wie auch im Beitrag der Lancet-Kommission. Dass die Experten in ihrem Bericht aber auch massiv baldige Maßnahmen anmahnen, hätte stärker herausgestellt werden können. Risiken werden nur stichwortartig aufgezählt: „Wenn es heißer wird, leidet die Gesundheit“, heißt es im Text. Weshalb das so ist, wird nicht gesagt. Im selben Absatz heißt es außerdem, „der Klimawandel bringe auch Allergien, Seuchen, Armut, Hunger, Flucht vor Katastrophen und psychischen Stress mit sich“. Bei einigen Punkten sind die Zusammenhänge naheliegend, bei anderen vermissen wir eine Erklärung, etwa zu der Frage, wie der Klimawandel Allergien fördert. Auch in einem so kurzen Beitrag wäre hier eine Erläuterung nötig (oder aber der Verzicht auf Punkte, die in diesem Rahmen nicht angemessen erklärt werden können). Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG: Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag referiert vor allem die Aussagen des Lancet-Berichts. Eine Übernahme von Pressematerial ist dabei für uns nicht erkennbar. Auch mit dem Zitat der HCWH-Studie (siehe dazu Kriterium 3) geht der Beitrag über vorliegende Presseerklärungen verschiedener Organisationen zum Lancet-Report hinaus.

6. ALT oder NEU: Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Bericht der Lancet-Kommission wird zeitlich korrekt eingeordnet ( „…melden sich nun auch die Mediziner (…) zu Wort“, „ein halbes Jahr vor der entscheidenden Klimakonferenz“). Dass der Klimawandel als zugrunde liegendes Problem seit langem andauert, kann als bekannt vorausgesetzt werden. Interessant wäre zusätzlich gewesen, dass bereits 2009 eine andere Lancet-Kommission zu dem Schluss kam, der Klimawandel sei “the biggest global health threat of the 21st century” (siehe Zitat auf S. 2 des aktuellen Reports). Diese Einschätzung wurde jetzt, sechs Jahre später, durch die neue Expertenkommission bestätigt und um die Einschätzung ergänzt, dass die Bekämpfung des Klimawandels zugleich die größte Chance für die globale Gesundheitsversorgung sei.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“: Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

In Übereinstimmung mit dem Bericht der Lancet-Kommission nennt der Artikel Handlungsoptionen zur Bekämpfung des Klimawandels, die zugleich gesundheitliche Vorteile bringen, zum Beispiel ein „grüneres Verkehrssystem“ und „eine „Abkehr von der Kohle“. Im Rahmen eines solch kurzen Beitrags sind diese u.E. ausreichend ausgeführt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global): Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt.

Der Artikel beschäftigt sich mit einem globalen Problem, das aber regional sehr unterschiedliche Auswirkungen hat. Auf diese regionalen Differenzierungen geht der Beitrag kaum ein. Als ein Beispiel wird die Stromversorgung der Krankenstationen im südlichen Afrika genannt, auch den Stromverbrauch in den Krankenhäusern der EU spricht der Beitrag an. Ansonsten aber werden pauschal Wirkungen des Klimawandels aufgezählt, die für manche Regionen zutreffen, für andere aber nicht. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit): Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag nennt Auswirkungen des Klimawandels (Allergien, Seuchen, Armut, Hunger usw.), ohne zu erklären, in welchem Ausmaß und in welchem Zeitraum diese Folgen eintreten werden. Als Beispiel wird berichtet, dass ab 2030 ohne Abkehr von der Kohle 250.000 zusätzliche Tote zu erwarten seien. Diese Zahl bleibt unverständlich: Wären das 250.000 zusätzliche Todesfälle weltweit? In welchem Zeitraum – pro Jahr? Woher stammt diese Zahl?Wenn von der größten Chance für die Gesundheitsversorgung im 21. Jahrhundert gesprochen wird, müsste man erfahren, bis wann bestimmte Veränderungen umgesetzt werden müssen, um die genannten Effekte zu erzielen. Im Bericht wird eine Bestandserhebung alle zwei Jahre gefordert, auch diese Information fehlt im Beitrag.

10. KONTEXT/KOSTEN: Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Die Frage der Bekämpfung des Klimawandels wird massiv von politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekten bestimmt. Solche Faktoren spricht der Artikel nicht an, z.B.: Was würden die geforderten Maßnahmen kosten? Auch wenn dies in einem solchen Artikel gewiss nicht umfassend dargestellt werden kann, wären doch exemplarischen Angaben wichtig gewesen. Im Lancet-Bericht ist von großen Kosteneinsparungen die Rede („These strategies will also reduce pressures on national health budgets, delivering potentially large cost savings, and enable investments in stronger, more resilient health systems.“) Wenn die Chancen so groß sind, warum werden sie dann nicht ergriffen? Zumindest kurz hätte dieser Punkt unserer Meinung nach angesprochen werden müssen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL: Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der Beitrag greift tagesaktuell einen hochrangig publizierten Expertenbericht zum Thema Klimawandel und Gesundheit auf. Zudem ist dies ein dauerhaft relevantes Thema.

2. VERMITTLUNG: Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text ist routiniert geschrieben und verständlich. Etwas unglücklich angefügt ist allerdings der letzte Absatz, der Zusammenhang mit den zuvor ausgeführten Problemen bleibt vage.

3. FAKTENTREUE: Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

Kriterium erfüllt

Kriterium nicht erfüllt

Kriterium nicht anwendbar