„Abfallwirtschaft: Mehr Recycling für den Klimaschutz“
Von uns bewertet am 17. Februar 2014
Veröffentlicht von: Deutschlandfunk
Der Hörfunkbeitrag, der vom Deutschlandfunk in der Reihe „Umwelt und Verbraucher“ gesendet wurde, befasst sich mit einer aktuellen Studie zum Thema Abfallwirtschaft und Energiewende. Über Allgemeinplätze hinaus („Recycling statt Müllverbrennung“) werden zwar zahlreiche Aspekte des Themas angesprochen, aber nur wenige verständliche Informationen vermittelt.
Umweltjournalistische Kriterien
1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG: Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.
Die durch Müllentsorgung entstehenden Probleme bzw. die Problematik der Müllverbrennung werden weder übertrieben noch bagatellisiert. Auch die Möglichkeiten des Recyclings sind, soweit für uns ersichtlich, nicht übertrieben dargestellt. Der Beitrag bleibt sachlich und eng an die vorgestellte Studie des Öko-Instituts angelehnt. Eine darüber hinausgehende Bewertung leistet der Beitrag nicht.
2. BELEGE / EVIDENZ: Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.
Wie die Ergebnisse erzielt wurden, über die der Beitrag berichtet, erfahren Hörerinnen und Hörer nicht. Hier ist allein von „Schätzungen“ die Rede und von „Annahmen“ die „bestätigt“ wurden. Wie aus der Studie selbst hervorgeht, wurden unterschiedliche Szenarien analysiert, die entweder den Status Quo fortschreiben, oder die den Vorgaben der Energiewende entsprechend für verschiedene Zeiträume optimiert wurden. Da Informationen zur Methodik im Beitrag fehlen, bleibt offen, wie die genannten Zahlen zustande kamen. Auch fehlen Bezugspunkte zur Einordnung: Wer zum Beispiel verwertet 15 Mio. Tonnen Sekundärrohstoffe in welchem Zeitraum? Die Tonnage-Angaben zur Müllverwertung stehen ohne Vergleich im Raum: Wie hoch liegen heute die Recyclingquote bei den verschiedenen Stoffen? Auch die 5 Mio. Tonnen Kompost bleiben ohne Zeitbezug. Zu der Aussage, dass durch Optimierung der Kreislaufwirtschaft 11 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden könnten, wäre ein Vergleich nötig: Wieviel CO2 erzeugen Müllverbrennungsanlagen heute? Wie groß ist der mögliche Rückgang? Wenn der künftige flexiblere Betrieb von Müllverbrennungsanlagen beschrieben wird, wäre außerdem – zumindest exemplarisch – anzusprechen: Sind die bestehenden Anlagen technisch dazu in der Lage? Müssten sie umgerüstet oder neu gebaut werden? Insgesamt bleibt die Aussagekraft der zahlreichen Fakten gering, da Bezugspunkte fehlen.
3. EXPERTEN / QUELLENTRANSPARENZ: Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.
Autoren und Auftraggeber der Studie werden benannt, die Hintergründe ausreichend transparent dargestellt. Eine darüber hinaus gehende Analyse der Interessen der Entsorgungswirtschaft als Auftraggeber scheint uns in so einem kurzen Beitrag verzichtbar. Interessant wäre es aber gewesen zu erfahren, welche Rolle der zuerst eingeführte Experte des Öko-Instituts im Projekt spielt (er ist Erstautor der Studie). Nicht erfüllt ist die Anforderung, dass ein Beitrag stets mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen heranziehen sollte, da es sich hier ausschließlich um Statements von Auftraggeber (Bundesverband der Entsorgungswirtschaft) und Auftragnehmer (Öko-Institut) handelt.
4. PRO UND CONTRA: Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.
Der Beitrag orientiert sich eng an der vorgestellten Studie, kritische Einschätzungen oder abweichende Standpunkte fehlen. Der Beitrag deutet kurz an, dass es andere Positionen gibt „(…) einige Länder und Kommunen versuchen, sich da elegant rauszuwinden (…)“ lässt diese aber nicht zu Wort kommen. Auch sonst erläutert er nicht, worum es bei diesem Konflikt geht. Es hätte viele interessante Institutionen gegeben, wovon man zumindest eine zu den Ergebnissen der Studie hätte befragen können: Was sagt zum Beispiel der Verband Kommunaler Unternehmen zu dem Thema? Was sagt das DSD-Grüner Punkt? Was sagt die Rohstoff-verarbeitende Industrie zu höherem Einsatz von recycelten Rohstoffen? Da nicht ein Standpunkt solcher Institutionen angesprochen wird, werten wir „knapp nicht erfüllt“.
5. PRESSEMITTEILUNG: Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.
Zwar enthält der Beitrag O-Töne von Öko-Institut und BDE, die zumindest eine Kontaktaufnahme mit den betreffenden Institutionen nahelegen. Inhaltlich gibt der Beitrag letztlich aber nur wieder, was im publizierten Material des Öko-Instituts und des BDE bereits aufbereitet wird. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.
6. ALT oder NEU: Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.
Unklar bleibt, wann exakt die Studie erschienen ist, und ob es ähnliche Analysen zum Thema schon vorher gab. Sind alle Erkenntnisse neu, oder gar überraschend? Oder bestätigen sie frühere Analysen (was die Formulierung, Annahmen würden „durch die Studie bestätigt“ zumindest nahelegt, aber nicht weiter ausführt)?
7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“: Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.
Handlungsoptionen werden zumindest in groben Umrissen aufgezeigt, etwa wenn es heißt: „Wir schlagen vor, dass man das in Zukunft zu Hundert Prozent mit dem verbleibenden Restmüll macht” (nämlich die stoffstrombezogene Behandlung). Auch das Arbeiten mit Ersatzbrennstoffen wird angesprochen und ist eine alternative Lösung zur derzeitigen Müllverbrennung. Allerdings fehlen genauere Beschreibungen gerade auch zum im Beitrag mehrfach angesprochenen Recycling: Wie etwa soll die Recyclingquote gesteigert werden? Nicht angesprochen wird auch die Frage, ob durch Veränderungen in der Produktion (recyclingfreundlichere Ware und Verpackungen) das Recycling verbessert werden kann. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.
8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global): Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt.
Es wird klar, dass es sich um eine Studie handelt, die sich auf die Verhältnisse in Deutschland bezieht. Doch fehlt jede Information dazu, ob es hier regionale Unterschiede gibt, oder wie z.B. Nachbarländer mit dem Problem Müllverbrennung und -verwertung umgehen. Ein interessanter Aspekt wäre z.B.: Wenn in Deutschland mehr recycelt wird, ist dann zu erwarten, dass die Müllverbrennungsanlagen mit Müll aus dem Ausland beschickt werden, um sie weiterhin auszulasten?
9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit): Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.
Als Zeithorizont wird sehr vage von „der Energiewende“ gesprochen. Den konkreten zeitlichen Analyserahmen der Studie (Szenarien bis 2030 und 2050) nennt der Beitrag nicht. Auch sonst wird keinerlei zeitlicher Bezug hergestellt. Wie haben sich die CO2-Emissionen der Müllverbrennung in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt? Wie veränderten sich das Müllaufkommen und die Recyclingquote? Welche Rolle spielt der Abfallsektor bei der Entwicklung der CO2-Emissionen In Deutschland? Da keiner dieser Punkte angesprochen wird, werten wir „nicht erfüllt“.
10. KONTEXT/KOSTEN: Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.
Der Beitrag geht von einer ökonomisch-technischen Perspektive aus, beantwortet aber keine konkreten Fragen zu Kosten und technischer Umsetzbarkeit. So wird nicht klar, ob sich verstärktes Recycling durch Erlöse aus den Rohstoffen wirtschaftlich rechnen kann, ohne etwa die Müllgebühren zu verändern. Das Öko-Institut liefert in seiner Pressemitteilung immerhin noch das Stichwort der „verursachergerechten Müllgebühren“. Ausgespart bleibt auch die Frage, was zusätzliche Mülltonnen zur weiteren Mülltrennung für die Akzeptanz bedeuten. Auch Umweltschäden durch Deponien und Verbrennung thematisiert der Beitrag nicht. Einige solcher Fragen wären in diesem Zusammenhang interessant gewesen und hätten zumindest zum Teil angerissen werden müssen, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden.
Allgemeinjournalistische Kriterien
1. THEMENAUSWAHL: Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.
Mit der im Januar 2014 veröffentlichten Studie des Öko-Instituts besteht ein aktueller Anlass. Das Thema ist außerdem aktuell und relevant durch die Veränderungen im Energiemarkt und durch die dargestellte neue Rolle der Müllverbrennungsanlagen. Auch Müllvermeidung ist ein wichtiges Thema.
2. VERMITTLUNG: Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.
Es gelingt im Beitrag nicht, die komplexe Thematik verständlich aufzubereiten. Viele Fachbegriffe und sperrige Formulierungen erschweren das Verständnis. Was ist mit dem „Potenzial der Gewerbeabfälle“ gemeint? Was heißt es, wenn „stoffstromspezifisch der Abfall behandelt wird“? Der Begriff „Sekundärrohstoffe“ (ein PR-Begriff der Abfallwirtschaft) wird mehrfach verwendet, ohne einmal zu beschreiben, was damit gemeint ist. Unklar bleibt auch, warum „Kompost zum Klimaschutz beitragen“ kann. Insgesamt zieht der erste Teil des Beitrags mit trockenen Aufzählungen schwieriger Sachverhalte nicht ins Thema hinein. Die Komplexität nimmt noch zu, wenn plötzlich die Energiewende eingeführt wird. Das Statement „In Zukunft werden wir die Grundlastversorgung über erneuerbare Energien, Sonne, Wind und Wasser darstellen und brauchen dann flexibel einsetzbare Kraftwerke, …“ spricht zwar das Kernproblem an, doch wird der Zusammenhang mit der Müllverbrennung nicht erläutert. Der O-Ton ist zu lang, hat einen irritierenden Einschub („aus welchen Gründen auch immer“) und führt aus dem Beitrag heraus, da der Anschluss an den vorausgehenden und nachfolgenden Text nicht funktioniert. Der wirkliche Zündstoff des Themas – der rapide Rückgang an benötigten Müllverbrennungskapazitäten – wird im Beitrag nicht ausreichend deutlich. Zwar spricht der Experte Peter Kurth hier von einer „ziemlich hammerharten Aussage“, doch der Beitrag greift das nicht auf. Die Frage, warum es neue Anforderungen an Müllverbrennungsanlagen gibt, erschließt sich beim Hören nicht. Anstelle einer wirklichen Analyse stehen Platitüden wie die, dass die Abfallbranche künftig „beim Klimaschutz eine größere Rolle spielen“ muss.
3. FAKTENTREUE: Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.
Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.