In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Nicht mehr alle Vögel da“

„Nicht mehr alle Vögel da“

Die taz berichtet über eine Langzeitstudie, die feststellt, dass immer weniger Vögel in der Bodenseeregion brüten. Die interessanten regionalen Ergebnisse werden in die gesamtdeutsche Entwicklung eingeordnet, doch nur sehr einseitig ausgewählt wiedergegeben.

Zusammenfassung

Ein Artikel in der taz beschäftigt sich mit dem Rückgang der Vogelpopulationen in Deutschland. Anlass ist eine aktuell publizierte Studie zur Situation der Brutvögel rund um den Bodensee. Verschiedene Ursachen für den Bestandsrückgang, wie etwa das Insektensterben, werden korrekt benannt. Dagegen fehlen Angaben zum methodischen Vorgehen der Forscher. Als zweite Quelle kommt ein Vertreter des Naturschutzbunds (Nabu) zu Wort, der die regionalen Ergebnisse in den gesamtdeutschen Trend einordnet.

Als wesentlichen Mangel sehen wir, dass aus der Studie ausschließlich die negativen Ergebnisse berichtet werden. Alle neutralen oder positiven Entwicklungen kommen im Artikel nicht vor, obwohl diese sowohl im Fachartikel als auch in der zugehörigen Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft dargestellt werden. So ist die Gesamtzahl der Vogelarten im Untersuchungszeitraum gestiegen, verschiedene Arten konnten sich neu oder wieder ansiedeln. Da vor allem die häufigen Arten von den Rückgängen betroffen sind, sank die Zahl der Brutpaare dennoch deutlich um etwa ein Viertel. Das kann man – so wie es auch die Studie tut – durchaus als dramatischen Rückgang gewichten; nicht korrekt ist es, alle gegenläufigen Befunde zu verschweigen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag stellt das Hauptergebnis der Studie korrekt dar: Rund um den Bodensee ist die Zahl der Vögel (Brutpaare) seit 1980 um etwa ein Viertel gesunken. Vor allem früher häufige Arten sind im Bestand erheblich zurück gegangen. Besonders stark haben Vögel in der Kulturlandschaft gelitten.
Der Beitrag berichtet über diese Entwicklung, ohne zu verharmlosen. Wir sehen es allerdings als gravierenden Mangel, dass er alle gegenläufigen Entwicklungen unerwähnt lässt: zum Beispiel den Anstieg der Artenzahl sowie die positive Bestandentwicklung bei rund der Hälfte der Arten, bei denen es Veränderungen gab. Die erfolgreichen Wiederansiedlungen von z.B. Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die auch in der Pressemeldung erwähnt sind, kommen im Artikel nicht vor. Auch wenn die Studienautoren die Lage vieler Arten als dramatisch bewerten und von einer „weitgehend düsteren Entwicklung ehemals häufiger Vogelarten“ sprechen, heißt es in der Studie doch auch „Es ist durchaus nicht so, dass es keine positiven Entwicklungen zu vermelden gäbe, vielmehr zeigt die Vervielfachung des Brutbestands beim Rotmilan oder die Zunahmen bei Großvogelarten, (…), dass Schutzmaßnahmen Wirkung zeigen können.“ Der Artikel stellt diese komplexe Situation nicht angemessen dar und dramatisiert durch die einseitige Auswahl der vorgestellten Ergebnisse.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

In dem journalistischen Text wird nicht klar, dass es sich um die vierte umfassende Erhebung der Vogelbestände rund um den Bodensee seit 1980 handelt. Der Artikel geht nicht darauf ein, mit welcher Methode die Bestände der Vogelarten erhoben wurden. Er nennt zwar konkrete Zahlen – z.B. 345.000 Brutpaare im Jahr 2012 gegenüber 465.000 in 1980. Es bleibt aber völlig offen, ob es sich dabei um Hochrechnungen, um eine flächendeckende Kartierung oder eine Mischform handelt. Letzteres ist der Fall, wie im Methodenteil der Studie beschrieben wird („halbquantitative Gitterfeldkartierung“). In der Pressemeldung zur Studie ist die Rede von „Zählungen“ – aber auch das hat keinen Eingang in den Artikel gefunden. Die gesamte Diskussion der Daten durch die Studienautoren fehlt. Stattdessen wird die Interpretation eines Nabu-Experten referiert, der auf eine weitere, noch unveröffentlichte bundesweite Studie Bezug nimmt. Wie diese durchgeführt wurde und ob sie mit der Bodensee-Studie direkt vergleichbar ist, bleibt offen, und damit auch, ob die Ergebnisse vom Bodensee wirklich repräsentativ für ganz Deutschland sind. Ob die Angabe zum bundesweiten Rückgang der Rebhühner um 90 Prozent aus dieser unveröffentlichten Studie stammt (oder woher sonst), ist nicht erkennbar.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Bodensee-Studie, die den Anlass für den Bericht darstellt, wird genannt, allerdings fehlen genaue Angaben zur Originalpublikation. Ferner wird eine noch unveröffentlichte Studie des Bundesamts für Naturschutz im Auftrag der Bundesregierung zum Vergleich herangezogen. Zu dieser fehlen alle näheren Informationen. Im Artikel werden zwei Experten zitiert und korrekt zugeordnet. Neben einem der Autoren der Bodensee-Studie, Hans-Günther Bauer, kommt als zweite Quelle der Nabu-Vertreter Lars Lachmann ausführlich zu Wort. Einige Unklarheiten bleiben. So waren an der Bodensee-Studie sowohl Laien als auch Wissenschaftler verschiedener Forschungseinrichtungen und Hochschulen beteiligt. Hier wäre es korrekt gewesen, Bauer als Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie einzuführen. Außerdem bleibt unklar, wieso ein Vertreter des Nabu über eine Studie des BfN im Auftrag der Bundesregierung berichtet. Wir werten insgesamt noch „knapp erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Zur Frage, ob die Zahl der Vögel zu- oder abnimmt, kann es kein Pro und Contra geben. Es könnte unterschiedliche Standpunkte zu den geforderten Maßnahmen geben. Das ist aber nicht Gegenstand des Beitrags und wäre in diesem eher kurzen Text wohl nicht als Nebenaspekt abzuhandeln gewesen. Daher wenden wir dieses Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Die Informationen zur Studie am Bodensee stammen im Wesentlichen aus der Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft, ebenso das Zitat eines der Autoren. Darüberhinaus kommentiert ein nicht an der Studie beteiligter Vertreter des Nabu ausführlich die Ergebnisse. Damit geht der Text über die Pressemitteilung hinaus.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Artikel erwähnt zu Beginn, dass der Rückgang der Brutvögel am Bodensee über einen Zeitraum von 30 Jahren beobachtet wurde. Damit wird klar, dass es sich hier um ein seit längerem andauernde Entwicklung handelt.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag geht am Ende zumindest kurz auf Maßnahmen und Lösungsmöglichkeiten ein: z.B. eine veränderte Agrarpolitik sowie eine Reduktion von Düngemitteln und die Forderung der Studienautoren, mindestens 10 Prozent der Ackerfläche in ökologische Vorrangflächen umzuwandeln.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Die Studie, über die berichtet wird, untersucht die Situation am Bodensee. Im Artikel wird diese regionale Entwicklung in den gesamtdeutschen Kontext eingeordnet. Für die Aussage des Nabu-Experten, die Ergebnisse der Studie seien repräsentativ für die gesamtdeutsche Entwicklung, fehlt allerdings ein Beleg, siehe dazu Kriterium 2. Zusätzlich interessant wäre die Information gewesen, dass Zugvögel (Langstreckenzieher) besonders stark zurückgegangen sind.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Es handelt sich um eine der seltenen Langzeitstudien zu Brutvogelbeständen. Umso bedauerlicher ist es, dass im Beitrag unklar bleibt, wann und wie häufig Daten erhoben wurden. Eingangs heißt es es „in den letzten dreißig Jahren“ – das wäre von 1989 bis 2019. Dann ist vom Rückgang der Brutpaare von 1980 bis 2012 die Rede. Tatsächlich dauerte die erste von insgesamt vier Zählungen von 1980 bis 1981, die letzte von 2010 bis 2012. Dass die letzten Daten somit schon wieder 7 Jahre alt sind (und der Zustand der Vogelwelt sich seither weiter verändert haben kann), wird nicht angesprochen.
Interessant wäre, ob es sich um eine kontinuierliche Abnahme der Brutvögeln handelt, oder ob innerhalb der 30 Jahre starke Schwankungen aufgetreten sind – ersteres ist der Fall, aber aus dem Artikel wird das nicht klar. Über welchen Zeitraum die noch unveröffentlichte BfN-Studie lief, erfährt man nicht. Wir werten insgesamt „knapp nicht erfüllt“.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der politische, wirtschaftliche Kontext und auch sozial-kulturelle Aspekte werden nicht erwähnt, außer der nicht weiter erläuterten Forderung nach einer „radikalen Änderung der Agrarpolitik“. In Deutschland und in der Region gibt es eine intensive Debatte um das Arten- und vor allem Insektensterben (eine wesentliche Ursache für den Rückgang insektenfressender Vogelarten). Das erfolgreiche bayerische Volksbegehren zum Thema wäre hier interessant gewesen. Wirtschaftliche Aspekte werden nicht thematisiert: Was sind „ökologische Vorrangflächen“, und welche Folgen und Kosten wären mit den geforderten Umstellungen verbunden? Selbstverständlich kann ein Artikel dieser Länge nicht die Komplexität der Agrarreform erörtern, aber die Aspekte, die erwähnt sind, sollten ausreichend erläutert werden.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema Artensterben ist aktuell und relevant, mit der neuen Studie liegt ein Anlass für die Berichterstattung vor.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist in vielen Passagen verständlich. Allerdings müsste der Begriff „ökologische Vorrangfläche“ erläutert werden. Ebenso wird nicht deutlich, warum die „geringe Toleranz gegenüber Lärm und Schmutz“ den Vögeln zunehmend zu schaffen mache. Dieses Zitat des Wissenschaftlers, das sich auch in der Pressemitteilung findet, hätte der Erläuterung bedurft. Verwirrend ist schließlich auch die Darstellung des Zeitraums, in dem die Zählungen stattfanden (siehe Kriterium 9). Wir werten insgesamt „knapp nicht erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine direkten Faktenfehler aufgefallen. Allerdings lässt der Artikel wesentliche Aussagen der Studie – nämlich alle diejenigen, die eine positive Entwicklung beschreiben – unter den Tisch fallen, und verzerrt so die Darstellung der Studienergebnisse (siehe allgemeinjournalistisches Kriterium 1). Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Wegen gravierender Mängel beim Kriterium 1 – verzerrte Darstellung der Ergebnisse – werten wir um einen Stern ab.

.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...