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„Rasante Erderwärmung war Grund für weltgrößtes Massenaussterben“

„Rasante Erderwärmung war Grund für weltgrößtes Massenaussterben“

Eine Studie hat untersucht, warum vor rund 250 Millionen Jahren ein Großteil aller Arten ausstarb. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die rasche Erwärmung und der damit einhergehende Sauerstoffmangel im Meer die Hauptursachen des Massenaussterbens waren; sie sehen Parallelen zum heutigen Klimawandel. Das Vorgehen der Wissenschaftler stellt der Beitrag nicht in allen Punkten korrekt dar.

Zusammenfassung

Focus Online berichtet über eine Studie, die im Wissenschaftsmagazin „Science“ erschienen ist und die Ursachen des größten bekannten Masseaussterbens der Erdgeschichte untersucht. Gegen Ende des Erdzeitalters Perm, vor rund 250 Millionen Jahren, stiegen die Temperaturen stark an, die große Mehrheit der damals lebenden Arten starb aus. Der Text nennt an verschiedenen Stellen Zahlen und Fakten, die ein differenziertes Bild der von den Forschern angewendeten Methoden und Ergebnisse zeichnen. Indes wird nicht deutlich, dass die Forscher die genannten Laborexperimente mit heute lebenden Arten nicht im Rahmen dieser Studie neu durchführten, sondern sich ausschließlich auf bereits vorliegende Daten beziehen und diese im Hinblick auf ihre Fragestellung ausgewertet haben. In den abschließenden Absätzen werden – im Einklang mit den Studienautoren – Bezüge zum heutigen Klimawandel hergestellt und die Studienergebnisse knapp durch weitere wissenschaftliche Informationen ergänzt. Neben der Science-Publikation wird jedoch keine weitere Quelle angegeben. Der gut strukturierte Beitrag ist lebendig und leicht lesbar, aus der Pressemitteilung wurden interessante Zitate übernommen. Der Artikel enthält jedoch einige Ungenauigkeiten und faktische Fehler. Seit der Veröffentlichung wurde der Text an einigen Stellen offenbar leicht überarbeitet und verbessert. Hier findet sich noch die ursprünglich publizierte Fassung.

Der gleiche Beitrag wurde auch von Laien-Gutachtern im Rahmen des Projekts Medien-Doktor CITIZEN bewertet.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Ton des Onlinebeitrags ist überwiegend sachlich. Er berichtet über eine Studie, die die Ursachen des größten bekannten Masseaussterbens der Erdgeschichte untersucht, das sogenannte Perm-Trias-Ereignis von 252 Millionen Jahren. Weder die Methoden noch die im Text vorgestellten Ergebnisse werden übertrieben positiv oder negativ dargestellt. An einigen Stellen ist die die Wortwahl allerdings recht dramatisierend („Treibhaushölle“). In der ursprünglichen Fassung des Beitrags heißt es außerdem, „Jetzt bestätigt eine Studie, die im Wissenschaftsjournal ‚Science‘ erschien, eine weitere Hypothese“, während es im Fachartikel vorsichtiger heißt „Geochemical evidence provides strong support“. Diese Formulierung im Focus-Beitrag, die den Eindruck erwecken könnte, als sei die wissenschaftliche Diskussion um Ursachen des „großen Sterbens“ im Perm abschließend entschieden, taucht in der aktuellen Version nicht mehr auf. Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Text zeichnet ein recht differenziertes Bild der von den Forschern angewendeten Methoden und Ergebnisse. So wird korrekt dargestellt, dass die Wissenschaftler Modellrechnungen im Computer nutzten, um die Klimaverhältnisse zum Ende des Erdzeitalters Perm nachzubilden, und dann analysierten, wie steigende Meerestemperaturen sich auf den Sauerstoffgehalt und damit die Lebensbedingungen im Wasser auswirkten.

Im weiteren Verlauf es Textes heißt es: „Daraufhin untersuchten die Studienautoren im Labor an 61 Arten heutiger Meeresbewohner […] wie sich die Veränderungen auf den Organismus auswirken.“ Aus dem der Studie beigefügten „Supplemental Material“ geht jedoch hervor, dass es bei den angeführten Laboruntersuchungen um die Auswertung bereits veröffentlichter Daten geht. Auch in der Pressemitteilung der Universität Washington, an der die beiden Hauptautoren forschen, wird beschrieben, dass diese Daten für die Studie nicht neu im Labor, sondern aus schon veröffentlichten Experimenten gewonnen wurden. Eine Anfrage des Medien-Doktors bei einem der Studienautoren hat dies bestätigt. Das Vorgehen der Forscher ist im Beitrag also nicht korrekt dargestellt.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Im Text wird auf die zugehörige wissenschaftliche Veröffentlichung im Fachmagazin „Science“ hingewiesen und diese verlinkt. Besondere Interessenkonflikte, auf die hinzuweisen wäre, liegen, soweit ersichtlich, nicht vor. Es wird jedoch keine zweite Quelle oder externe Einschätzung angeführt, daher ist das Kriterium nicht erfüllt.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Über die Frage, welche Ursachen das Massensterben von 252 Millionen Jahren hatte, und welche Aspekte der Erwärmung dazu besonders beitrugen, gibt es unterschiedliche Hypothesen, das wird im Beitrag erwähnt. Im weiteren Verlauf wird dann allerdings nur die Sicht der Studienautoren ausgeführt, dass die rasche Erwärmung und der damit einhergehende Sauerstoffmangel die Hauptursachen des Massenaussterbens waren. Zu den anderen Hypothesen werden keine Argumente angeführt. Wir werten insgesamt „knapp nicht erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Text gibt in weiten Strecken die Inhalte und Übersetzungen wörtlicher Zitate aus der Pressemitteilung der Universität Washington wieder. Darüberhinaus werden aber zu Beginn des Artikels andere Hypothesen zum Perm-Trias-Ereignis genannt und am Ende des Textes wird kurz Bezug auf andere Forschungsergebnisse zum heutigen Klimawandel genommen (wenn auch ohne Quellenangabe, siehe Kriterium 3), daher werten wir dieses Kriterium noch als erfüllt.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Onlinebeitrag berichtet, dass zur Ursache des Massensterbens vor 250 Millionen Jahren verschiedene wissenschaftliche Hypothesen im Raum stehen. Aus Formulierungen wie „Klimatologen hatten schon lange vermutet…“  wird ersichtlich, dass es dazu schon eine länger andauernde fachliche Debatte gibt, zu der die aktuelle Forschungsarbeit neue Erkenntnisse beiträgt.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Da das untersuchte Ereignis kein aktuelles Problem ist, das zu lösen wäre, ist dieses Kriterium nicht anwendbar.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Artikel beschreibt die Aussagen der Studie, die das Artensterben im Perm-Trias-Ereignis als ein globales Phänomen untersucht. Dabei wird ausgeführt, dass das Massenaussterben besonders stark die Meere betraf – und hier am stärksten die polnahen Gewässer – und auch heute die marinen Lebensräume als erste bedroht würden. In den abschließenden Absätzen werden – im Einklang mit den Studienautoren – Parallelen zum heutigen Klimawandel gezogen und dabei auch regionale Aspekte („Persischer Golf“) erwähnt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag berichtet über Forschungsergebnisse zu einem weit in der Erdgeschichte zurückliegenden Ereignis, und stellt – in Übereinstimmung mit der vorgestellten Studie – deren Relevanz für die heutige Situation heraus.
Durch den Bezug auf den heutigen, menschengemachten Klimawandel erhält die wissenschaftliche Studie eine weit gespannte zeitliche Dimension. Bezüge zur Nachhaltigkeit sind insofern vorhanden, als Folgen eines weiter ungebremsten Klimawandels aufgezeigt werden. Der Text bildet dies korrekt ab und führt diesen Gedanken durch zusätzliche aktuelle Forschungsergebnisse noch weiter aus.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Die Forschungsergebnisse zum Massensterben von 252 Millionen Jahren erlauben Rückschlüsse auf die potenziellen Risiken des heutigen Klimawandels – das stellen sowohl der Online-Beitrag als auch das zugrunde liegende Science-Paper heraus. Daher hätten wir zumindest einen knappen Hinweis darauf erwartet, dass der Artenrückgang heute erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft (z.B. Fischerei) hat. Ein solcher Verlust an Biodiversität ist bereits zu beobachten und hat unterschiedliche Ursachen, siehe dazu z.B. den Zustandsbericht zur Biodiversität des Weltbiodiversitätsrats. Der hier beschrieben massenhafte Verlust insbesondere mariner Arten durch einen fortschreitenden Klimawandel würde diese Probleme erheblich verschärfen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Die Veröffentlichung der Studie in einem der renommiertesten Wissenschaftsmagazine und der Bezug zum heutigen Klimawandel sind angemessene aktuelle und relevante Anlässe für den Beitrag.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist sprachlich verständlich und klar strukturiert. Konkrete Beispiele und Erweiterungen durch andere Hypothesen und Forschungsergebnisse sowie Zitate der beteiligten Wissenschaftler illustrieren die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Studie anschaulich. Störend sind allerdings etliche Flüchtigkeitsfehler im Text („anhalten Vulkaneruptionen“, „alls Landmassen“, „erhitzte sich die Erde[…] um Grad Celsius“). Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Artikel enthält einige Ungenauigkeiten und faktische Fehler. So heißt es im ersten Absatz, dass „96 Prozent aller Meerestiere“ verschwunden seien. Korrekt wäre die Aussage, dass 96 Prozent aller Arten im Meer ausstarben. In der ursprünglichen Textfassung ist ferner von „einem Supervulkan“, die Rede, der als mögliche Ursache des Massensterbens vermutet wird. Das klingt nach einem singulären und eingegrenzten Ausbruch. Erst in der späteren Textfassung ist korrekt von einer „Serie mächtiger Vulkanausbrüche im heutigen Sibirien“ die Rede. Auch die Darstellung, die Forscher hätten erst die Konzentration der Treibhausgase im Perm modelliert und „daraufhin“ Laborexperimente mit heutigen Arten unternommen, ist faktisch falsch (siehe Kriterium 2), da es um die Auswertung bereits früher ausgeführter und publizierter experimenteller Arbeiten geht.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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