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„Ja, das ist der Klimawandel“

„Ja, das ist der Klimawandel“

Die heftigen Regenfälle dieses Sommers führten nicht nur vielerorts zu überschwemmten Kellern, sondern auch zu der Frage, ob sich hier schon der Klimawandel bemerkbar macht. Ein Beitrag von Zeit Online erläutert, warum klare Antworten schwierig sind. Indes dürften die vielen Zahlen und die unpassende Überschrift manche Leserinnen und Leser verwirren.

Zusammenfassung

Der informative Beitrag, der bei Zeit Online erschienen ist, nimmt die Starkregenereignisse Ende Juli 2017 zum Anlass, zu fragen, inwiefern der menschengemachte Klimawandel zu den starken Regenfällen beigetragen hat. Der Text argumentiert dazu sehr differenziert. Es berichtet, wie anspruchsvoll die Erfassung von Trends bei starken Regenfällen und die eindeutige Zuschreibung zu Ursachen ist. Sehr positiv finden wir, dass der Beitrag die methodischen Probleme und Unsicherheiten ausführlich erläutert. Die vielen Zahlen dazu sind allerdings sehr gedrängt und für Laien ein wenig unübersichtlich, sie hätten besser aufbereitet werden können. Hilfreich sind dagegen die verlinkten Grafiken. Es hätte besser erläutert werden können, warum Klimaforscher trotz noch fehlender eindeutiger Belege überzeugt sind, dass der Klimawandel sehr wahrscheinlich zur Intensität der Starkregenereignisse beigetragen hat. Ungenau ist die Diskussion zu den Ursachen. Nicht alle Forscher sind zum Beispiel einverstanden, wenn behauptet wird, der Jetstream werde durch die Erderwärmung blockiert, was Starkregen begünstigt. Hier wäre eine zweite Meinung wichtig gewesen. Ansonsten sind jedoch die zentralen Aussagen des Textes durch mehrere Quellen belegt.
Bedauerlich ist es, dass die Überschrift unzulässig vereinfacht, sie lässt keinen so abwägenden Beitrag erwarten.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Im Großen und Ganzen wird das Risiko einer Zunahme von Starkregen angemessen dargestellt. Modelle zeigen, dass die Starkregenereignisse kräftiger ausfallen, wenn es wärmer wird. Diese Entwicklung heute schon in Deutschland messtechnisch nachzuweisen, ist nicht leicht. Auch das zeigt der Beitrag, der sehr detailliert beschreibt, warum die Forscher eine Zunahme des Starkregens zwar vermuten, nicht aber belegen können. Die Überschrift „Ja, das ist der Klimawandel“ wird dieser differenzierten Darstellung allerdings nicht gerecht. Auch hätten wir uns gewünscht, dass nicht so pauschal von einer Zunahme extremer Wetterereignisse gesprochen wird. Sinnvoll wäre es gewesen, stärker zwischen verschiedenen Ereignisse zu differenzieren. Je nach Ereignis-Typ ist die Einschätzung, ob der anthropogene Klimawandel zu einer Zunahme führt, sehr unterschiedlich: Am besten belegt ist der Zusammenhang bei Hitzewellen, beim Regen schon weniger klar und bei Stürmen noch ziemlich unklar. Hier wäre ein Verweis auf entsprechende Passagen des letzten IPCC-Berichts sinnvoll gewesen. Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

In dem Beitrag tauchen viele Zahlen und Fakten auf, vor allem Zahlen zur Intensität von Starkregen. Sie werden im Prinzip auch alle eingeordnet. Trotzdem mag Leserinnen und Lesern ein bisschen der Kopf schwirren ob der vielen verschiedenen Angaben. Es wird nicht ganz klar, warum so viele unterschiedliche Zahlen zur Erläuterung der Starkregen-Thematik notwendig sind (siehe dazu auch allgemeinjournalistisches Kriterium 2). Problematisch erscheint uns die Aussage des Klimaforschers Mojib Latif, wonach die Erderwärmung den Jetstream aus dem Takt bringe. Dabei handelt es sich um eine Hypothese, die von einem Teil der Fachwelt gestützt wird, von einem anderen Teil jedoch nicht als erwiesen betrachtet wird, siehe z.B. hier. Es fehlt ein entsprechender Hinweis im Beitrag (siehe dazu auch Kriterium 4). Insgesamt werden Fakten und Zahlen aber noch hinreichend eingeordnet.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Alle Quellen werden benannt. Für die zentralen Aussagen sind jeweils mindestens zwei Quellen enthalten; allerdings fehlt eine zweite Quelle zur Jetstream-Thematik (siehe Kriterien 2 und 4 zu Latif).
Sinnvoll hätten wir es gefunden, wenn auch ein Wissenschaftler befragt worden wäre, der selbst im Bereich „Attribution von Extremereignissen“ forscht. (In diesem Forschungsbereich geht es um den mutmaßlichen Zusammenhang zwischen anthropogenem Klimawandel und Extremwetterereignissen.)
Besondere Interessenkonflikte, die hier benannt werden müssten, sehen wir nicht.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag macht zwar klar, dass schwierig ist, die Starkregenfälle dieses Sommers dem Klimawandel zuzuschreiben. Er erläutert die bestehenden Kontroversen um Extremwetterereignisse unseres Erachtens jedoch nicht ausreichend. So ist dem letzten UNO-Klimabericht zu entnehmen, dass in Bezug auf den Einfluss des Klimawandels auf Extremregenereignisse noch eine beträchtliche Unsicherheit herrscht. (Ein Beispiel: «It is likely that since about 1950 the number of heavy precipitation events over land has increased in more regions than it has decreased.») Das ist eine relativ vorsichtige Aussage, über die der Beitrag nicht informiert. Auch wird der Disput um die Jetstream-Blockade nicht erwähnt – da nur Mojib Latif zitiert wird, erscheint dieser Standpunkt zu Unrecht als Konsens der Klimaforschung, die bestehenden Differenzen zu diesem Punkt werden nicht ausreichend thematisiert. Daher werten wir insgesamt „knapp nicht erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag stützt sich zum Teil auf Pressemitteilungen, in erster Linie aber auf Aussagen von Wissenschaftlern, die speziell für den Beitrag eingeholt oder recherchiert wurden. Eine weitere wichtige Quelle sind Messdaten des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

In dem Beitrag geht es in erster Linie darum, ob es sich bei einem beobachteten Wetterereignis um ein rein natürliches Phänomen gehandelt hat, oder um eines, das vom Menschen mit verursacht wurde. Insofern tritt die Frage, wie alt oder neu das Umweltproblem (Treibhausgasemissionen) ist, hier in den Hintergrund. Daher wenden wir das Kriterium nicht an.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Im letzten Abschnitt erwähnt der Beitrag die Notwendigkeit einer besseren Stadtplanung, um kommenden Starkregenereignissen vorzubeugen, Stichwort grüne Dächer. Dieser Abschnitt ist allerdings recht knapp geraten. Viele Fachleute halten es z.B. auch für notwendig, genauere Gefahrenkarten für Städte und Gemeinden zu erstellen, damit die Anwohner wissen, wohin das Regenwasser strömt, wenn es zuviel regnet. Bei diesem relativ langen Beitrag hätte man auf solche Ansätze etwas ausführlicher eingehen können. Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Die Verstärkung von Starkregenereignissen wird global erwartet und in einigen Regionen auch schon beobachtet. Diese räumliche Dimension wird dargestellt. Auch die Zusammenhänge, die Wissenschaftler zwischen Wetterphänomenen an verschiedenen Orten vermuten (Häufung „weit voneinander entfernten Extremwettereignisse, die im Paar auftreten“), werden dargelegt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Bei den Starkregen-Definitionen kommt es sehr auf die Zeiteinheiten an, in denen der Regen fällt. Das wird im Bericht hinreichend deutlich. Interessant wäre noch gewesen, die Frage aufzuwerfen, wie rasch Häufigkeit oder Intensität von Starkregen in Zukunft zunehmen könnten.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Zwar geht es bei der Frage, die im Bericht gestellt wird, in erster Linie um einen wissenschaftlichen Sachverhalt, aber selbstverständlich besitzt sie auch Verknüpfungen, die in das politisch-gesellschaftliche Gebiet reichen. Leider bleibt es im Bericht bei einem sehr kurzen Absatz zur Stadtplanung. Wirtschaftliche Aspekte – etwa die Höhe der Schäden, mit denen jetzt und künftig zu rechnen ist – spricht der Beitrag nicht an, darum werten wir „knapp nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist durch die Wetterereignisse zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hochaktuell und auch dauerhaft relevant.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Irreführend ist die Überschrift, die dem durchaus differenzierten Text nicht gerecht wird und falsche Erwartungen weckt.
Der Beitrag spricht wichtige Aspekte an: Die Schwierigkeit der Regenmessung ebenso wie die Meteorologie der Regenbildung und einige Resultate der Klimaforschung. Die vielen Fakten und Zahlen dürften Leserinnen und Leser ohne spezielle Vorkenntnisse jedoch eher verwirren, hier hätten wir uns besser verständliche Erläuterungen gewünscht. Formulierungen wie „Zwar verdoppelt sich das Aufnahmevermögen der Atmosphäre für Wasserdampf im Bereich zwischen 0 und 40 Grad Celsius alle zehn Grad, was im Niederschlag im Schnitt einem Netto-Zunahme-Effekt von etwa drei Prozent pro Grad Celsius Temperaturanstieg entspricht. Doch bei Starkregen fällt mit jedem Grad Erderwärmung sieben Prozent mehr Niederschlag“ sind wenig leserfreundlich. Auch die Struktur des Textes könnte die Leserinnen und Leser besser unterstützen, die verschiedenen Aspekte sind eher lose aneinandergereiht.
Missverständlich ist schließlich der Satz „in den für heiße Sommer typischen Haufen-, Quell- oder Cumuluswolken“ werde zusätzlicher Wasserdampf zur Niederschlagsbildung aus der Umgebung der Wolke angesogen. Es entsteht leicht der Eindruck, dies seien drei unterschiedliche Wolkentypen, tatsächlich handelt es sich um Synonyme.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Die wesentlichen Fakten werden in dem Bericht korrekt dargestellt – also vor allem die Kriterien für ein Starkregenereignis sowie die registrierten Trends und mögliche Ursachen. Eine kleine Ungenauigkeit enthält der Text bezüglich der DWD-Warnungen vor extremem Starkregen-Unwetter: Dafür gibt es konkrete Schwellenwerte (>40 l/h oder >60 l/6h), während im Text nur vage «alles darüber» steht, (mit Bezug auf die Unwetterwarnung, die in der Grafik rot dargestellt sind, also ab 25 Litern pro Stunde oder 35 Litern innerhalb von sechs Stunden) Die korrekten Infos des DWD sind allerdings im Beitrag verlinkt.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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