In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Sprengsätze am Polarkreis“

„Sprengsätze am Polarkreis“

Dauerhaft gefrorene Böden in arktischen Regionen („Permafrost“) beginnen im Zuge der globalen Erwärmung aufzutauen. Ein informativer Artikel in der Süddeutschen Zeitung berichtet ausführlich über eine Konferenz zum Thema und die komplexen Folgen für das Klima, die dort diskutiert wurden.

Zusammenfassung

Ein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung beschreibt die Wechselwirkungen von Klimaerwärmung und Permafrost, basierend vor allem auf der 11. Internationalen Permafrost-Konferenz in Potsdam im Juni 2016, sowie auf mehreren wissenschaftlichen Publikationen. Es wird zusammenfassend der Sachstand dargestellt, auch auf gerade erst publizierte Forschungsergebnisse weist der Beitrag hin. Dabei stellt der Artikel die Erkenntnisse und Einschätzungen der Wissenschaftler sachlich dar und beschreibt die teilweise noch erheblichen Unsicherheiten. Er macht deutlich, dass das Auftauen der Permafrostböden große Mengen Klimagase freisetzen könnte, dass es aber auch gegenläufige Prozesse gibt, wenn sich etwa im Zuge der Erwärmung Nadelwald auf der ehemaligen Tundra ausbreitet und verstärkt Kohlendioxid aufnimmt. Es wird eine Vielzahl einzelner Forschungsergebnisse vorgestellt, was vor allem gegen Ende des Beitrags Ansprüche an die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser stellt; der Beitrag liefert aber damit für ein interessiertes Publikum einen guten Überblick über das Thema. Zu kurz kommt leider die Frage, wie sich das Auftauen der Permafrostböden auf die Menschen in den betroffenen Regionen auswirkt, und welche wirtschaftlichen Folgen dieser Prozess hat.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag beschreibt anlässlich einer großen Konferenz in Potsdam die Erforschung der Permafrostregionen. Er berichtet über die Veränderungen durch den Klimawandel und geht gleichzeitig der Frage nach, welche Klimawirkung der auftauende Permafrostboden der Arktis entfalten könnte, der etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie die Atmosphäre enthält. Risiken durch das Auftauen des Permafrosts und die Rückkopplungen ins Klimasystem werden sachlich dargestellt. Dabei wird auch deutlich, dass viele Entwicklungen, und damit das künftige Ausmaß der Klimaeffekte, noch schwer abschätzbar sind. Der Beitrag zeigt auf, dass die Arktis bisher noch als Kohlenstoffsenke wirkt, was sich eines Tages umkehren wird, sodass große Mengen Treibhausgase freigesetzt werden. Andererseits führt der Artikel aus, dass ein schnelles Auftauen physikalisch unmöglich sei; insgesamt sind die Verhältnisse sachlich dargestellt. Mit der Gegenüberstellung der Befürchtung von der „großen Bombe mit Zeitzünder“ einerseits und andererseits der Aussage, „Es gibt kein Ende-der-Welt-Szenario“ wird die Spannweite unterschiedlicher Einschätzungen deutlich.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Faktenlagen ist klar dargestellt, an vielen Stellen wird deutlich, dass es noch erhebliche Unsicherheiten bei der Erforschung der Permafrostregionen gibt, und dass viele Angaben Schätzungen sind („… viele Details sind noch offen…“, „nach bisherigen Erkenntnissen“, „genau ist das noch nicht geklärt“). Wie die Wissenschaftler vorgegangen sind, wird an mehreren Stellen erläutert: Man erfährt, dass einige Zahlen auf Modellrechnungen beruhen, andere Ergebnisse auf direkten Messungen vom Flugzeug aus, und dass ein Team mit einem Messgerät über Grönland wanderte; auch eine experimentelle Studie, bei der verschiedene Bodenproben kontrolliert erwärmt wurden, stellt der Artikel vor. Damit sind bei den meisten wichtigen Aussagen die Belege klar. Für das Phänomen der Krater in Sibirien, das zum Einstieg und Ausstieg genutzt wird, hätte allerdings deutlicher beschrieben werden können, worauf die Zweifel am Zusammenhang mit dem Klimawandel beruhen.
Zahlen werden, wo nötig, durch Vergleiche veranschaulicht (z. B. „Der Permafrost umfasst 20 Millionen Quadratkilometer, fast ein Viertel der gesamten Landmasse.“).

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Text nutzt eine Vielzahl von Quellen. Viele Aussagen von Forschern stammen von einer großen Permafrostkonferenz in Potsdam. Darüberhinaus zieht der Beitrag drei wissenschaftliche Veröffentlichungen heran. Dabei macht der Artikel nicht deutlich, dass es sich bei der zitierten Nature-Publikation nicht um eine eigenständige Studie sondern um einen Review handelt. Es wird zusätzlich ein an dieser Veröffentlichung beteiligter Forscher direkt befragt. Nicht immer wird klar, aus welcher der Quellen die einzelnen Aussagen stammen, so wenn es im Text heißt: „Tausende Quadratkilometer pro Jahr tauen bereits auf (..). Und das ist erst der Anfang: Nach Modellrechnungen könnten allein bis 2100 etwa drei Millionen Quadratkilometer vom gefrorenen in den weichen Zustand übergehen.“
Bei den zitierten Wissenschaftlern sind für uns keine besonderen Interessenkonflikte erkennbar, die hätten erwähnt werden müssen.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Dass der Permafrost in der globalen Erwärmung auftaut, ist unstrittig. Es gibt zwar unterschiedliche Einschätzungen zu Ausmaß und Geschwindigkeit – dazu werden aktuelle Forschungsergebnisse und Einschätzungen referiert. Eine Kontroverse, die über die übliche wissenschaftliche Diskussion hinaus geht, gibt es dazu unseres Wissens nicht. Daher wenden wir das Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag geht über die Pressematerialien zur Potsdamer Permafrostkonferenz weit hinaus. Es gab offenbar direkte Gespräche mit Forschern, und es werden mehrere wissenschaftlichen Publikationen einbezogen.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird deutlich, dass der Artikel nicht über ein einzelnes neues Forschungsergebnis berichtet, sondern anlässlich einer aktuellen Tagung den Stand des Wissens zusammenfasst. Dass das Problem auftauender Permafrostböden schon länger bekannt ist, wird deutlich, etwa wenn es heißt, dass Forscher seit Jahren von einer „Bombe“ gesprochen hätten. Dabei hätte deutlicher werden können, seit wann die Krater in Sibirien beobachtet werden. Wo neue Forschungsergebnisse vorgestellt werden, macht der Beitrag dies klar („Eine Woche vor dem Kongress in Potsdam hat die schweizerische Forscherin mit vielen Kollegen die Ergebnisse von 25 sogenannten Inkubationsexperimenten zusammengefasst.“) und erwähnt, dass es sich um „unerwartete“ neue Erkenntnisse handelt.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Handlungsmöglichkeiten spricht der Beitrag nicht an. Auch wenn an dieser Stelle gewiss nicht die ganze Klimaschutzdiskussion dargelegt werden kann, hätte man beispielsweise das in diesem Zusammenhang diskutierte Geoengineering und die mögliche Beeinflussung von Ökosystemen erwähnen können (siehe z. B. hier und hier). Der Präsident der International Permafrost Association Antoni Lewkowicz wird zitiert: „Permafrost ist wie ein Frachtzug: Einmal in Bewegung, ist er kaum noch zu stoppen.“ Hier hätte man gern gewusst, ob auch bei Erreichen der in Paris vereinbarten Klimaziele das Auftauen der Böden nicht mehr zu stoppen ist, bzw. welche Einschätzungen es dazu gibt, wie weit sich der Prozess derzeit noch verhindern oder eingrenzen lässt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Text handelt von Permafrostböden der Arktis. Er berichtet, wie ausgedehnt der Permafrost ist, und es wird klar, dass das Auftauen der Böden das Klima global beeinflussen würde. Dass es auch anderswo Permafrostböden gibt (Hochgebirge, Antarktis) ist nicht Gegenstand des Beitrags.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Es wird klar, dass Permafrost ein schon lange existierendes Phänomen ist. Als Bezugspunkt für Zukunftsszenarien nennt der Beitrag das Jahr 2100. „Bis heute ist die Arktis noch eine Senke für Kohlenstoff“, wird Guido Grosse vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam zitiert, doch „irgendwann zwischen 2050 und 2100“ sei wahrscheinlich damit zu rechnen, dass sich die Region in eine Quelle für Kohlenstoff verwandele. Man erfährt, dass es „derzeit massive Änderungen“ in der Polarregion gibt. Antoni Lewkowicz kommt mit der Einschätzung zu Wort, dass eine schnelle Freisetzung der Klimagase, die in den Permafrostböden gebunden sind, physikalisch nicht möglich, eine einmal in Gang gekommene Entwicklung aber kaum noch zu stoppen sei. Hier hätten wir uns genauere Angaben zu den zeitlichen Dimensionen gewünscht. Was heißt „schnell“? Hat die (nahezu) unaufhaltsame Entwicklung bereits begonnen? Insgesamt wird aber ausreichend deutlich, um welche zeitlichen Dimensionen es geht.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Beitrag schildert im Wesentlichen die wissenschaftliche Debatte um Permafrost und Klimawandel. Was das Auftauen der Böden in bewohnten Gebieten für die Menschen dort bedeutet, erwähnt der Beitrag nur knapp mit einem Satz. („Tausende Quadratkilometer pro Jahr tauen bereits auf und zerstören dabei an der Oberfläche gebaute Pipelines, Straßen, Häuser.“) Über die wirtschaftlichen Folgen informiert der Artikel nicht. Hier hätten wir zumindest exemplarisch einen Verweis auf die Kosten erwartet, die das Auftauen der Permafrostböden heute bereits verursacht, und auf die in Zukunft zu erwartenden Risiken. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der Artikel berichtet aktuell über eine wichtige Konferenz. Die Entwicklung der Permafrostregionen ist im Kontext des Klimawandels ein bedeutsames, dauerhaft relevantes Thema.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text ist nüchtern gehalten, dabei gut geschrieben und hat einen roten Faden, der durch den langen Beitrag führt. Die rätselhaften Löcher im sibirischen Boden liefern eine spannende Klammer, wenn auch die Argumentation dazu nicht hundertprozentig klar wird (siehe umweltjournalistisches Kriterium 2). Zahlreiche z. T. gegenläufige bzw. noch in der Diskussion befindliche Forschungsarbeiten verständlich und interessant darzustellen ist zweifellos eine journalistische Herausforderung. Im letzten Drittel gerät das passagenweise zu einer etwas trockenen Aufzählung von Ergebnissen, der womöglich nur noch sehr interessierte Leserinnen und Leser im Detail folgen mögen. Dabei bleibt der Text aber stets verständlich. Insgesamt liefert der Artikel einen guten Überblick darüber, was man über die Veränderungen in der arktischen Permafrostregion weiß und nicht weiß.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Wir haben keine Faktenfehler festgestellt. Eine Angabe könnte Leserinnen und Leser jedoch  irritieren: Im Beitrag heißt es, die globale Erwärmung liege derzeit bei 0,8 Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung. Vor einigen Monaten gab es jedoch eine intensive Berichterstattung (z. B. hier) über die Messergebnisse der amerikanischen Ozeanbehörde NOAA und der US-Weltraumbehörde NASA, denen zufolge 2015 die Ein-Grad-Schwelle überschritten worden ist (siehe hier). Wir hätten es hilfreich gefunden, wenn der Beitrag darauf kurz eingegangen wäre.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...