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„Das stärkste Wasserkraftrad weltweit“

„Das stärkste Wasserkraftrad weltweit“

Der Baubeginn für eine neuartige Wasserkraftanlage ist der Anlass für einen Artikel in der Sächsischen Zeitung, der auf einem dpa-Text beruht. Der Text klingt passagenweise recht euphorisch, lässt aber wichtige Angaben zum tatsächlichen Potenzial dieser Technologie vermissen.

Zusammenfassung

Der Beitrag in der Sächsischen Zeitung – ein leicht gekürzter Text der dpa – beschreibt das leistungsstärkste Wasserrad der Welt, dessen Bau gerade begonnen hat. Der Beitrag nennt korrekt Zahlen und Fakten zur Technologie und versucht, das Projekt auch aus Sicht der Flussökologie einzuordnen. Mitunter fehlt es jedoch an Gespür, welche Zahlen relevant sind. Warum das Drehmoment des Rades erwähnt wird, nicht aber die Leistung (die Kenngröße schlechthin jeder Kraftanlage) bleibt rätselhaft. Mehr Informationen wären auch zum Ausbaupotenzial nötig gewesen, denn so könnte der Eindruck entstehen, Norddeutschland biete noch enorme Möglichkeiten für die Wasserkraft, ohne das der Beitrag hierfür Belege liefert. Eine recht optimistische Bewertung der Technologie („Chance in der Energiewende“, „technische Revolution“) wird nicht hinterfragt, sie steht ohne weitere Einordnung neben der Kritik von Naturschützern und Fischern. Es fehlt ein Vergleich mit anderen erneuerbaren Energien und eine Einschätzung, ob das Konzept aufgrund der Kosten überhaupt praxistauglich und wirtschaftlich konkurrenzfähig ist, und somit künftig also tatsächlich einen Beitrag zur Energiewende liefern könnte.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Tenor des Beitrags ist recht euphorisch bezüglich der Potenziale des Wasserkraftrads und folgt weitgehend der Argumentation der Entwickler. Übertrieben scheint uns die Einschätzung, das Projekt könne „die Wasserwirtschaft revolutionieren“ (diese umfasst weit mehr als die Wasserkraft). Auch in einem Zitat ist von einer „technische Revolution“ die Rede, ohne dass die Bewertung eingeordnet wird. Ob und unter welchen Bedingungen die optimistischen Annahmen der Entwickler erreicht werden können, wird nicht hinterfragt. Es entsteht der Eindruck – speziell auch durch die Unterzeile – als habe die Wasserkraft in Deutschland noch enormes Potenzial und könne Entscheidendes zur Energiewende beitragen. Tatsächlich war der Zubau an Windkraft und an Fotovoltaik in guten Jahren jeweils größer als das gesamte noch nicht genutzte Wasserkraftpotenzial in Deutschland. (Laut Potenzialanalyse des Umweltbundesamtes beträgt das zusätzlich erschließbare Potenzial etwa fünf Terrawattstunden (TWh). Zum Vergleich: Die Windstromerzeugung hat alleine 2015 um rund 29 TWh zugenommen (Seite 19)). Eine entsprechende Einordnung wäre aus unserer Sicht erforderlich gewesen.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Daten und Fakten der TU Braunschweig und der Salzgitter AG werden zutreffend referiert. Es fehlt indes die wichtigste Kennzahl einer jeden Kraftanlage, nämlich die Leistung. Stattdessen ist von einer „Drehmomentkraft“ die Rede, die 3200 mal so groß sein soll wie beim Porsche. Zum einen ist schon der Begriff fragwürdig, weil im Drehmoment (Nm) die Kraft bereits drinsteckt. Zum anderen ist unklar, was mit dieser Zahl ausgesagt werden soll. Die Angabe der Leistung (die doppelt so groß wie die eines Porschemotors ist), wäre hilfreicher gewesen und würde einen Vergleich mit anderen Anlagen ermöglichen. Wichtig wäre auch die Information gewesen, dass das Projekt nur für Wasserräder eine ungewöhnliche Dimension hat; Wasserturbinen erreichen häufig Leistungen, die um Größenordnungen darüber liegen (siehe z.B. hier). Laien könnten den Eindruck bekommen, hier würde das größte Wasserkraftwerk der Welt gebaut. Ein Satz zur Differenzierung wäre angebracht gewesen. Der zugrundeliegende dpa-Text enthält hierzu einen Link.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Quellen – die Entwickler des Wasserrads von der TU-Braunschweig und das beteiligte Unternehmen sowie Sportfischer und Naturschutzverbände – werden genannt. Ihre jeweiligen Positionen und Interessenlagen sind offensichtlich: Dass die Wissenschaftler ihr Projekt positiv darstellen, liegt ebenso auf der Hand wie die Vorbehalte des Naturschutzes. Unklar bleibt allerdings, welches Fraunhofer Institut gemeint ist, und auf welche Veröffentlichung sich der Artikel hier bezieht (hier ist der Original-dpa-Text mit einem Link informativer.) Wir werten „knapp erfüllt.“ 

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag stellt zwar überwiegend die Vorteile des neuen Wasserrads heraus, benennt aber auch die kritischen Positionen von Naturschützern und Fischerei, die beim Ausbau der Wasserkraft die entscheidende Gegenposition zur Branche der erneuerbaren Energien vertreten. 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag zitiert neben den Entwicklern auch Kritiker und geht damit über die Pressemitteilung der TU Braunschweig hinaus. Offenbar wurde auch mit Christian Seidel von der TU Braunschweig Kontakt aufgenommen, seine Zitate finden sich jedenfalls nicht in der Pressemitteilung.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird deutlich, dass eine neue Technologie die Energie von Flüssen mit geringem Gefälle nutzen soll. Der bisherige Stand der Wasserradtechnik wird nur sehr dürftig erwähnt, nämlich, dass der maximale Durchlauf bisher bei 6 Kubikmeter/sec. liegt. Räder mit größerem Durchmesser gibt es bereits. Was offenbar der neuartige Aspekt ist, ist die Breite des Rades, was im Beitrag nicht erklärt wird. Daher werten wir „knapp erfüllt“. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Die Technologie großer Wasserkrafträder für hohe Durchflussmengen wird als Beitrag zur Versorgung mit erneuerbarer Energie vorgestellt. Allerdings fehlt jede Angabe dazu, wie groß dieser Beitrag sein könnte und eine Abwägung, ob andere Technologien nicht vorteilhafter wären. Daher werten wir „knapp erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Standort des beschriebenen Wasserkraftrads wird genannt. Es entsteht der Eindruck, dass die Technologie auch für andere Flüsse mit geringer Fallhöhe erhebliches Potenzial haben könnte, und Wasserkrafträder dort dann „in großem Stil“ genutzt werden könnten. Jedoch versäumt es der Beitrag, die Potenziale für solche Wasserräder konkret darzustellen. Weder wird klar, in welchem Maße damit in Deutschland zusätzlicher Wasserkraftstrom erzeugt werden könnte, noch wie es in anderen Ländern aussieht.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Als einzige zeitliche Angaben nennt der Beitrag den geplanten Betriebsbeginn des Wasserrads 2017 sowie die vorausgegangene zehnjährige Entwicklungsarbeit. Offen bleibt dagegen, in welchem Zeitraum die Technologie künftig einen wesentlichen Beitrag leisten könnte, wie rasch und wie stark der seit Jahren etwa gleich bleibende Beitrag der Wasserkraft also mit den neuen Wasserrädern zu steigern wäre. Dies wäre in Anbetracht der angekündigten „Revolution“ jedoch eine zentrale Information.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Mit dem Absatz über die Sportfischer und Umweltschützer werden ökologische Auswirkungen diskutiert. Auch die Kosten der Anlage werden genannt. Doch es fehlen wichtige Angaben zur Wirtschaftlichkeit. Wie hoch sind beim Rekord-Wasserrad die Erzeugungskosten pro Kilowattstunde im Vergleich zu herkömmlichen Wasserkraftwerken und zu anderen Erneuerbaren? Mit Investitionskosten von 4,40 Euro pro jährlicher kWh ist das Wasserrad deutlich teurer als andere Erneuerbare (schon 1,50 Euro gelten andernorts als unwirtschaftlich). Ist künftig mit deutlichen Preissenkungen zu rechnen? Ohne diese Informationen ist nicht ersichtlich, ob das Projekt wirklich Chancen hat, einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Auch wäre ein wirtschaftlicher Vergleich mit der Windkraft interessant gewesen: Für maximal 20 Prozent des Preises hätte man eine Windkraftanlage aufstellen können, die genau so viel Strom erzeugt.
Zu diskutieren gewesen wäre auch, ob die im Text hervorgehobene Grundlastfähigkeit und die hohe Vollauslastung so zentrale Bedeutung haben, wie es hier erscheint, oder ob nicht eher Bedarf an flexibel bereitstellbarer Energie besteht, um nicht kontinuierliche Energien wie Wind oder Sonne zu ergänzen. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Mit dem Baubeginn für das Wasserkraftrad ist ein aktueller Berichtsanlass gegeben. Relevant ist das Thema angesichts der Debatte um die Zukunft der Stromerzeugung auch.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text beschreibt weitgehend verständlich eine neue Technologie. Er referiert Fakten, ohne diese zu hinterfragen; die unterschiedlichen Positionen von Entwicklern und Kritikern stehen recht beziehungslos nebeneinander. Für einen solch kurzen Text werten wir insgesamt noch „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Die grundsätzliche Aussage, Wasserkraft komme auf die 1,5-fache Zahl an Volllaststunden im Vergleich zu Offshore-Windkraft trifft so allgemein nicht zu; beide liegen im Schnitt bei gut 4000 Stunden. (z. B. hier S. 10). Da die Zahlen bei der Wasserkraft aber je nach Ausbauleistung der Anlage und Wasserführung des Flusses im Einzelfall auch deutlich über 4000 Stunden liegen können (die TU Braunschweig rechnet mit 5000 Stunden), werten wir noch „knapp erfüllt“. 

 

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

Da drei der erfüllten umweltjournalistischen Kriterien nur „knapp erfüllt“ sind,
werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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