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„Unfassbar giftig“

„Unfassbar giftig“

Die ZEIT nimmt eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie zum Anlass, über Geschichte und Gegenwart des Quecksilberproblems zu berichten. Der Artikel enthält interessante historische Schilderungen, doch kommen aktuelle Diskussionen und Lösungsansätze ebenso zu kurz wie wirtschaftliche Aspekte.

Zusammenfassung

Ein Artikel in der ZEIT beschreibt kenntnisreich die unterschiedlichen Einsatzgebiete des Quecksilbers, heute und in der Geschichte. Durch viele historische Anekdoten ist er unterhaltsam zu lesen, wenn auch die einzelnen Aspekte oft recht unverbunden nebeneinander stehen.
Der Beitrag beschreibt die schädigende Wirkung auf die Gesundheit und nennt auch einige konkrete Krankheiten, die auf Quecksilber zurückgeführt werden. Insgesamt ist der Text eine schöne Darstellung aus kulturhistorischer Sicht, doch unter dem Aspekt des Umweltschutzes, wie aus Sicht der Medizin bleiben viele Fragen offen. Alternativen zum Einsatz von Quecksilber werden nicht ausreichend dargestellt, und die Vermeidung von Quecksilberemissionen, etwa aus Kohlekraftwerken, wird auch nicht weiter ausgeführt, obwohl ein Bericht dazu als aktueller Anlass dient. Unbefriedigend ist insbesondere die Darstellung des politischen Kontextes und der Lösungsansätze, die mit der Minamata-Konvention verfolgt werden. Dieser wichtige Aspekt taucht lediglich in einem der kleinen Beitexte auf. Weder aus technischer noch aus ökonomischer Sicht werden Lösungswege ausreichend beleuchtet.
Positiv anzumerken ist, dass der Beitrag auch darstellt, dass es noch erhebliche Wissenslücken zum Verhalten des Elements in der Umwelt gibt: „Die globale Bilanz ist unverstanden.“

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag berichtet über die Vielfalt der Quecksilberquellen rund um die Erde, auch und vor allem im historischen Kontext. Er beschreibt, dass Quecksilber inzwischen praktisch überall vorkommt, seit Jahrhunderten schon genutzt wird, welche gesundheitlichen Schäden der Stoff durch diverse Expositionsarten hervorrief, und dass auch aktuell problematische Quecksilbermengen in die Umwelt und in die Nahrungskette gelangen. („Fische sind zunehmend stärker belastet, als das Lebensmittelrecht erlaubt.“) Dabei wird das Problem vor allem beschrieben und dabei weder bagatellisiert noch übertrieben.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Im Haupttext selbst sind über weite Strecken vor allem historische Fakten aufgeführt und wenige Zahlen genannt. In der zweiten Hälfte nimmt der Beitrag dann Bezug auf Forschungsergebnisse, die im Fall der skandinavischen Seen allerdings nicht näher beschrieben werden. Anschließend werden die Arbeiten des von der Europäischen Union mitfinanzierte Global Mercury Observation System (GMOS) und die Arbeiten des Helmholtz-Zentrums für Material- und Küstenforschung in Geesthacht (HZG) beschreiben. Dabei wird über die Forschungsergebnisse jeweils nur kursorisch berichtet.
In den Zusatztexten zum Beitrag sind einige wesentliche Angaben zu den Quecksilberquellen und den emittierten Mengen enthalten.
Insgesamt hätten wir bei einem Beitrag dieser Länger aber mehr konkrete Zahlen erwartet. Wichtig wären etwa Angaben zu Quecksilberbelastung im Alltag oder zu Grenzwerten gewesen, von denen nur allgemein berichtet wird, dass sie in den USA deutlich niedriger liegen („Gegen uns sind die USA mit extrem niedrigen Grenzwerten bei der Quecksilberemission ein Öko-Musterknabe.“). Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Ein Großteil des Textes kommt ohne Quellen aus. Insbesondere zu den bekannten historischen Fakten finden wir diese auch verzichtbar. Als Quelle zu neueren Forschungsergebnissen wird der Bericht des Hamburger Institut für Ökologie und Politik (Ökopol) genannt, von dem korrekt angegeben ist, dass er „im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion den Zusammenhang zwischen Kohlekraft und der Chemikalie untersucht hat“. Ferner wird das Helmholtz-Zentrums für Material- und Küstenforschung in Geesthacht (HZG) genannt, Ralf Ebinghaus vom HZG wird wörtlich zitiert. Außerdem bezieht sich der Beitrag auf Ergebnisse des das Mercury Observation System (GMOS). Wo diese Ergebnisse publiziert sind, erfährt man indes nicht. Besondere Interessenkonflikte, die zu nennen gewesen wären, können wir hier nicht erkennen.
Zu weiteren Informationen – insbesondere auch in den Zusatztexten – fehlen Quellenangaben , obwohl dort konkrete Zahlen genannt werden. Beispielsweise über die Mengen von Quecksilber in den Zähnen von Europäern und Deutschen – da wüsste man gerne, wer diese Zahl erhoben hat.
Insgesamt werten wir noch„knapp erfüllt“. 

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag unterlässt es, strittige Aspekte rund um das Quecksilber zu vertiefen, vielmehr dominieren historische Ereignisse und Anekdoten. In den Zusatztexten wird allgemein erwähnt, dass der Einsatz von Quecksilber umstritten ist. Ausgeführt wird dies nur beim Amalgam in den Zähnen, und auch das ohne Bezug auf konkrete Forschungsergebnisse. Andere aktuelle Debatten – etwa um das Quecksilber in den Abgasen von Kohlekraftwerken – werden nicht angesprochen (in der Online-Fassung gibt es allerdings einem Link zu einem früheren Artikel mit diesem Thema, den wir jedoch in dieser Bewertung des Print-Artikels nicht berücksichtigen können).
Insgesamt kommt das Für und Wider im Umgang mit Quecksilber zu kurz (siehe dazu auch unser Gutachten vom 29.6.2015 „Greenpeace warnt vor Quecksilber in Braunkohleabgasen“). 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag geht mit den umfangreichen historischen Darstellungen auf jeden Fall über die vorliegenden Pressemitteilungen hinaus (aktuell zur Quecksilberstudie von Ökopol sowie aus 2012 zur Quecksilbermesskampagne des HZG)

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Mit den ausführlichen historischen Darstellungen wird klar, dass das Quecksilberproblem seit langem besteht, und die Giftigkeit auch bereits früh erkannt wurde. Mit der Darstellung der Ökopol-Studie und der Arbeiten von HZG und GMOS macht der Beitrag klar, dass das Problem fortbesteht und weitere Erkenntnisse dazu gesammelt werden. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Zu allen erwähnten Quecksilberquellen wäre es wünschenswert gewesen, die Alternativen und Handlungsoptionen kurz zu beleuchten. Ist Filterung der Kohle-Abgase möglich? Welche Fortschritte sind durch die Auswahl möglichst Hg-armer Kohle möglich? Kann man den Einsatz von Quecksilber in der Goldgewinnung unterbinden?
Im Beitext zu Kohlekraftwerken wird die Minamata-Konvention angeführt, von der es heißt, sie werde 2016 in Kraft treten. Woher diese Information stammt, erfährt man nicht. Die Konvention ist zwar von 128 Staaten gezeichnet, bislang aber nur von 20 ratifiziert worden. Sie tritt erst nach der Ratifizierung durch mindestens 50 Staaten in Kraft. Das GMOS erwartet frühestens 2018 ein Inkrafttreten (siehe dazu auch allgemeinjournalistisches Kriterium 3, Faktentreue). Welche Lösungsvorschläge die Konvention enthält, bleibt offen, wenn es allgemein heißt: „ Sie verfolgt – ähnlich wie das Klimaschutzabkommen – das Ziel, weltweit die Freisetzung von Quecksilber zu verhindern oder mit den verfügbaren Techniken so gering wie möglich zu halten.“

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Anhand von Beispielen rund um den Globus zeigt der Beitrag, dass Quecksilber ein weltweites Problem ist. Zum einen wird es fast überall freigesetzt, wo Menschen tätig sind, zum anderen aber gelangt es auch durch natürliche Vorgänge (Vulkane, Waldbrände) in die Atmosphäre. Der Beitrag beschreibt beispielsweise, dass das Quecksilber aus chinesischen Kraftwerken auch bei uns landen kann.(„Quecksilber wird nicht nur über tausend Kilometer verweht. Es kann sich ein halbes Jahr lang oder länger in der Atmosphäre aufhalten und in dieser Zeit rund um den Globus transportiert werden.“) Und auch durch die Beispiele („im antarktischen Pinguin steckt’s und im arktischen Inuit“) ist dieser Aspekt voll und ganz erfüllt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag berichtet ausführlich über historische Aspekte. So beschreibt er, wie in der Medizin Quecksilber eingesetzt wurde, und welche beruflichen Expositionen es gab, etwa am Beispiel des „verrückten Hutmachers“. Es wird damit klar, dass gesundheitliche Probleme in Folge von Quecksilbervergiftungen schon lange auftreten, auch wenn man diesen Zusammenhang nicht immer sofort wahrnahm.
Es wird ferner deutlich, dass das Quecksilber nicht einfach wieder aus der Biosphäre verschwindet, sondern ein langfristiges Problem darstellt.
In welchem Tempo Quecksilberemissionen zu mindern wären, spricht der Text allerdings nicht an. Die Unklarheit zum zeitlichen Rahmen der Minamata-Konvention haben wir bereits beim Kriterium 7 angesprochen.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Es wird mit den langen historischen Passagen zwar ein kultureller Kontext hergestellt. Doch fehlen soziale, politische und wirtschaftliche Bezüge fast völlig. Was es für die Gesellschaft und die Wirtschaft bedeuten würde, wenn man die Freisetzung von Quecksilber limitieren wollte, wird nicht ausreichend beschrieben. Wäre es mit vertretbaren Kosten möglich, Kraftwerksabgase zu filtern, so wie man in den achtziger Jahren die Emission von Schwefel und Stickoxiden deutlich senkte? Welche Hemmnisse (wirtschaftlich, kulturell) bestehen zum Beispiel bei dem Versuch, die Quecksilber-Emissionen beim Goldwaschen in  Afrika und Südamerika zu reduzieren? 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema Quecksilberbelastung als Gesundheitsproblem ist dauerhaft relevant. Mit der Ökopol-Studie zum Quecksilber aus Kohlekraftwerken liegt ein aktueller Berichtsanlass vor.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Einstieg ist originell, der Beitrag bereitet das Thema mit vielen historischen Anekdoten durchaus interessant auf. Indes stehen viele Textteile seltsam unverbunden nebeneinander. So hat der Absatz über die chinesische Terrakotta-Armee und die mexikanische Ruinenstadt Teotihuacán keine Bezüge zum übrigen Beitrag. Besser gelungen ist der medizinhistorische Teil. Es folgen Passagen zu Umweltkatastrophen, die weitgehend Bekanntes berichten, bevor dann neuere Forschungsarbeiten angeführt werden, zu denen man indes nur wenig erfährt.
Wenig gelungen finden wir es, dass der politische Prozess, der zur Minamata-Konvention führte, in einen der kleinen beigestellten Texte zur Kohleverbrennung verbannt wird. Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen, allerdings eine Ungenauigkeit in dem Zusatztext zu Kohlekraftwerken: Dort heißt es „Die Minamata-Konvention wird völkerrechtlich verbindlich, sobald sie von 50 Staaten ratifiziert ist – was 2016 passieren dürfte.“ Bislang wurde sie aber lediglich durch 20 Staaten ratifiziert. Recherchen des Medien-Doktors beim Bundesumweltministerium ergaben, dass mit einer Ratifizierung durch die EU-Staaten frühestens Ende 2016 zu rechnen ist. Die Konvention tritt 90 Tage nach der Ratifizierung durch mindestens 50 Staaten in Kraft. Damit ist ein Inkrafttreten in 2016 eher unwahrscheinlich. 

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

Wegen der Mängel bei den für dieses Thema besonders wichtigen Kriterien 7 und 10 werten wir um einen Stern ab.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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