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„Linderung für die fiebernde Erde“

„Linderung für die fiebernde Erde“

KLIMA-SPECIAL: Das Hamburger Abendblatt berichtet über den gerade zuvor veröffentlichten jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC. Dabei werden die wesentlichen Ergebnisse gut verständlich dargestellt, und auch kritische Stimmen kommen kurz zu Wort.

Zusammenfassung

Der Artikel informiert sachgerecht über die wichtigsten Eckpunkte aus der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats, die sich mit Lösungswegen im aktiven Klimaschutz beschäftigt. Es wird knapp aber gut nachvollziehbar beschrieben, wie der IPCC diesen Bericht erarbeitet hat. Der Artikel referiert in der Pressemitteilung genannte Fakten und zitiert neben den Experten des IPCC weitere Stimmen aus Politik und Wissenschaft. Handlungsoptionen für den globalen Klimaschutz werden genannt, allerdings ohne sie genauer zu bewerten oder regionale Aspekte darzustellen.  Eine tiefer gehende journalistische Analyse – etwa zu den Kosten des Klimaschutzes – fehlt. Auch auf die globalen Auswirkungen eines ehrgeizigen Klimaschutzes und den Zusammenhang mit Armutsbekämpfung und nachhaltiger Entwicklung geht der Beitrag nicht ein.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Artikel fasst am Tag nach der Veröffentlichung der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ (SPM) der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC die wichtigsten Eckpunkte zusammen. Der Ton des Beitrages ist sachlich, die meisten Ergebnisse werden im Konjunktiv oder mit Distanz wahrenden Formulierungen wie „nach Aussage des Berichts“  zitiert. Die Chancen und Risiken eines aktiven Klimaschutzes werden weder bagatellisiert noch übertrieben.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Wie die  vorgestellten Ergebnisse zustande kamen, wird  im im Beitrag klar umrissen: „Die Autoren des Reports analysierten 1200 Szenarien, generiert von 31 Modellen aus aller Welt, um verschiedene Klimaschutzpfade miteinander zu vergleichen. Sie bewerteten sie technologisch wie wirtschaftlich.“

Ein begleitender Infokasten zum Artikel enthält weitere  Hintergründe zur Arbeit des Weltklimarats und vermittelt einen grundsätzlichen Eindruck über Umfang und Glaubwürdigkeit des IPCC-Berichts: „Die Leitautoren werteten Tausende wissenschaftliche Fachartikel und Studien aus – insgesamt nennt der Bericht rund 10.000 Literaturquellen. Weitere 180 Autoren haben eigene Beiträge zum Report geleistet. Mehr als 800 Experten überprüften und kommentierten die Aussagen des dritten Berichts.“

An einigen Stellen hätten wir uns eine kritische Einordnung der IPCC-Zahlen gewünscht. So nennt der Artikel die Aussage, dass ein aktiver Klimaschutz nur rund 0,06 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kosten würde, ohne die Grundannahme für diesen Mittelwert zu erwähnen, wie sie in der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ enthalten ist. Demnach ergibt sich der Wert für Szenarien, „in denen alle Staaten der Erde unverzüglich ihre Emissionen reduzieren, es einen weltweit einheitlichen CO2-Preis gibt und alle Technologien (wie z.B. CCS) sofort zur Verfügung stehen.“ (Seite 17 der SPM).
Insgesamt werten wir das Kriterium dennoch als erfüllt. 

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Beitrag nennt die Zusammenfassung für Entscheidungsträger der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC als Hauptquelle der meisten Zahlen und Prognosen. Es wird außerdem deutlich, dass Zitate der IPCC-Wissenschaftler wie Ottmar Edenhofer und Rajendra Pachauri von der Pressekonferenz am Tag der Veröffentlichung stammen. Außerdem sind im letzten Teil des Artikels weitere Zitate verschiedener Politiker und Experten angeführt.  Hier legt die  wörtliche Übereinstimmung ganzer Passagen mit den Meldungen von Nachrichtenagenturen die Vermutung nahe, dass diese Zitate aus Agenturmaterial stammen (z.B. Aussagen von Geden hier ) und kein direkter Kontakt mit den Befragten aufgenommen wurde. In diesem Fall wäre es zumindest guter journalistischer Stil, die teilweise Übernahme von Agenturmaterial entsprechend zu kennzeichnen  (z.B. durch Mitnennung der Agentur in der Autorenzeile). Noch besser wäre es gewesen, selbst Stellungnahmen von Experten einzuholen.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Bericht des IPCC und die besonders bedeutsame „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ sind das Ergebnis eines in der Wissenschaft einmalig breiten und langwierigen Diskussionsprozesses. In diesem Prozess werden zu allen möglichen für die Klima(schutz)forschung wichtigen Punkten Publikationen kontrovers diskutiert und Bewertungen abgewogen. Der Beitrag konzentriert  sich im Wesentlichen darauf, wichtige inhaltliche Eckpunkte des IPCC-Berichts zusammenzufassen.

Zusätzlich  werden hier am Ende des Beitrags kurz auch kritische Expertenstimmen eingebunden. Diese bleiben indes recht vage („Politisch hat das nicht viel Überzeugungskraft“), nur die Kritik von Oliver Geden bezieht sich direkt auf den Bericht. Wir halten es jedoch nicht für erforderlich, hier weitere Kritik am IPCC-Bericht anzuführen und wenden daher dieses Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Artikel bezieht sich auf die Zahlen und Fakten aus der Pressemitteilung des IPCC, geht aber deutlich darüber hinaus. Zu Beginn werden Aussagen zweier IPCC-Wissenschaftler von der Pressekonferenz zitiert. Im Mittelteil führt der Beitrag Zahlen zu den Hauptquellen von Treibhausgases bzw. CO2 an, die offensichtlich aus der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ selbst und nicht aus der Pressemitteilung stammen. Das letzte Viertel des Artikels widmet sich dann Reaktionen aus Politik und von NGOs .

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Dass das Klimathema eine langjährige Geschichte hat, kann zum einen als bekannt vorausgesetzt werden, zum anderen verweist der Beitrag auch auf die Vorgeschichte. So heißt es: „Die internationale Staatengemeinschaft hatte sich 2010 auf dem Uno-Klimagipfel in Cancún (Mexiko) darauf verständigt, die globale Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf maximal zwei Grad Celsius begrenzen zu wollen.“ Es wird klar, dass der aktuelle Report der fünfte in einer Reihe von Sachstandsberichten zur Klimaforschung ist, und dass hier aktuelle Daten und Berechnungen zu den Möglichkeiten des Klimaschutzes vorgelegt wurden.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Artikel vermeidet die ausschließliche Darstellung der Risiken, die Medienberichte zum Klimawandel in der Vergangenheit oft kennzeichnete.  Er umreißt die vom IPCC untersuchten Klimaschutzmaßnahmen und erwähnt, dass neben erneuerbaren Energiequellen auch Kernkraft, die CCS-Technologie (also die Abspaltung und Lagerung von CO2 aus Abgasen) und Energieeinsparungen als Optionen genannt werden. Ferner heißt es: „Der Verkehr, Gebäude und Industrie müssten ebenfalls größere Beiträge zum Klimaschutz leisten, so der IPCC. Dasselbe gilt für die Landwirtschaft, etwa durch Aufforstungen und andere Landnutzungen.“ Damit sind die wesentlichen vom IPCC genannten Handlungsoptionen erwähnt.

Welche dieser Möglichkeiten eine herausgehobene Rolle spielen und welche besonders schwierig umzusetzen oder umstritten sind, erfahren Leserinnen und Leser allerdings nicht. Hier wären tiefergehende Informationen interessant gewesen. Nicht zuletzt fehlt auch ein Vergleich der geforderten Reduktionsziele mit den (fehlenden) Fortschritten in den vergangenen Jahren. Insgesamt werten wir noch erfüllt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Artikel stellt fast ausschließlich die globale Dimension des Klimaschutzes dar. Hinzu kommt ein kurzer Verweis auf die gestiegenen Treibhausgasemissionen in China. Die Verbindung zur Situation in Deutschland wird nur über sehr allgemein formulierte Politiker-Zitate hergestellt (z.B. „Wir müssen jetzt alles daran setzen, im Klimaschutz beherzt voranzugehen“). Zumindest exemplarische Sachinformationen zur Entwicklung der Emissionen oder zu Klimaschutzmaßnahmen  in Deutschland (oder anderen Regionen) fehlen. Auch mögliche Ausgleichszahlungen der reichen an ärmere Staaten, wie sie der IPCC-Bericht fordert, werden nicht erwähnt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag geht mehrfach auf die zeitliche Dimension des Klimaschutzes ein. Er benennt beispielsweise Zeiträume, in denen die Umstellung auf eine klimafreundliche Weltwirtschaft erfolgen muss („Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müsse der CO2-Ausstoß bis 2050 um 40 bis 70 Prozent unter das Niveau von 2010 gesenkt und bis Ende des Jahrhunderts fast vollständig gestoppt werden. Dazu gilt es, den Anteil nicht-fossiler Energieerzeugung bis 2050 von derzeit 30 Prozent auf mehr als 80 Prozent zu erhöhen.[…]“). Außerdem zitiert der Artikel die Warnung der IPCC-Experten vor steigenden Kosten, sollte die Weltgemeinschaft den Klimaschutz nur zögerlich angehen („Es bleibe ein Zeitfenster des nächsten Jahrzehnts und maximal der nächsten zwei Dekaden, um zu moderaten Kosten reagieren zu können“). Auch die Folgen eines Weiter-So-Szenarios und die Forderung nach einem globalen Klimaabkommen auf der Konferenz in Paris 2015 werden benannt.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Artikel referiert fast ausschließlich naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse. Er geht nur bruchstückhaft auf den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kontext nicht ein. Die Problematik des Klimaschutzes in Deutschland wird mit blassen Politiker-Zitaten nicht angemessen abgebildet.

Zwar zitiert der Beitrag die Abschätzung des IPCC zu den Kosten eines ehrgeizigen Klimaschutzes, setzt sich mit den Bedingungen dafür aber nicht auseinander (siehe Kriterium 2).  Aspekte wie den Zusammenhang mit der Armutsbekämpfung und nachhaltiger Entwicklung allgemein thematisiert der Beitrag nicht. Soziale und kulturelle Klimafolgen oder die Konsequenzen für Gesundheit, Migration oder Infrastruktur durch den Klimawandel werden nicht angesprochen. Dies ist umso bedauerlicher, als es im vorliegenden Berichtsteil des IPCC ja gerade auch um Schadensminderung („Mitigation“) geht.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der Artikel erschien am Tag nach Vorlage des 3. IPCC-Teilberichts, er ist somit aktuell und das Thema Klimawandel ist relevant.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist verständlich formuliert, die Fakten sind nachvollziehbar aufbereitet. Sprache und Stil sind dem Gegenstand angemessen und dennoch nicht zu kompliziert; Fachausdrücke werden möglichst vermieden. Wenn Fachtermini auftauchen, werden sie erklärt („Die Rede ist von einer ‚Decarbonisierung‘ des Energiesektors, also von der Abwendung von kohlenstoffhaltigen Energieträgern.“).  Zusatzinformationen zur Arbeit des Weltklimarates werden in einem beigefügten Kasten übersichtlich dargestellt. Einstieg und Ende mit Zitaten von IPCC-Wissenschaftlern und anderen Experten lassen das Bemühen um eine aufgelockerte Form erkennen. Der Abschluss mit seiner bloßen Aufreihung von Zitaten wirkt indes nicht ganz gelungen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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