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„Warum die Leopoldina einen harten Lockdown fordert“

„Warum die Leopoldina einen harten Lockdown fordert“

Vor den Weihnachtsferien diskutierten Politiker, Wissenschaftler und Ärzte intensiv, wie streng der Lockdown über die Feiertage sein sollte. In einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks (online) wird die von der Nationalen Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“ verfasste Stellungnahme vorgestellt, die ein hartes Vorgehen über die Feiertage hinweg forderte. Leider wurde im Artikel versäumt, unabhängige Experten zu zitieren und damit die vorgestellten Maßnahmen einzuordnen.

Zusammenfassung

Noch wissen selbst Ärzte und Forscher wenig über das neue Coronavirus und seine Ausbreitung. Umso schwerer fällt es, auf wissenschaftlicher Evidenz basierende Maßnahmen zu beschließen. Dennoch hatte die Leopoldina im Dezember eine Stellungnahme veröffentlicht, die einen harten Lockdown in den Weihnachtsferien forderte. Darüber berichtete ein Artikel des Bayerischen Rundfunks. Die möglichen positiven Auswirkungen des Lockdowns werden darin ausführlich und gut verständlich erklärt. Allerdings wird auf mögliche Risiken des harten Lockdowns nicht eingegangen, auch unabhängige Experten werden nicht dazu befragt. Und viel diskutierte Alternativen zum harten Lockdown wie die Einführung von Massenschnelltests oder eine verstärkten Kontaktverfolgung werden nicht aufgegriffen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Die Leopoldina plädiert für einen kurzen harten Lockdown, denn Erfahrungen zeigten, „dass „schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum erheblich dazu beitragen, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten“. Konkret wird der Nutzen eines strengen Lockdowns an einer Modellrechnung kurz erläutert: „Würden ab dem 14. Dezember die Maßnahmen streng verschärft werden, sänken die Fallzahlen bis Januar auf unter 50 pro eine Millionen Einwohner, so die Experten.“
Der mögliche Nutzen wird zudem am Beispiel Irlands erläutert. Hier hätten die Erfahrungen gezeigt, dass „schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum erheblich dazu beitragen, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten. Nun dürfen hier Geschäfte, Bars und Restaurants, Galerien und Museen, die bis 1. Dezember geschlossen waren, wieder unter Hygiene-Auflagen öffnen. Zwischen dem 18. Dezember und dem 6. Januar ist es in Irland drei Haushalten erlaubt sich zu treffen. Das landesweite Reiseverbot wurde für diesen Zeitraum wieder aufgehoben.“

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Die wirtschaftlichen Risiken eines harten Lockdowns werden thematisiert: „Der Leopoldina zufolge sei ein harter Lockdown auch aus wirtschaftlicher Perspektive sinnvoll. Zwar würden sich kurzfristig durch einen harten Lockdown die Verluste in der Wertschöpfung erhöhen. Gleichzeitig wären aber Lockerungen schneller erreichbar, wenn die Anzahl der Neuinfektionen rascher sinken.“ Die psychischen und sozialen Folgen eines harten Lockdowns über Weihnachten werden dagegen nicht angesprochen, obwohl sie für die Leserinnen und Leser ebenfalls hoch relevant sind. Daher werten wir insgesamt knapp „nicht erfüllt“.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass der von der Leopoldina geforderte Stufenplan sofort umgesetzt werden könnte, es aber (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Beitrags) noch nicht sicher ist, ob sich MinisterpräsidentInnen und Bundeskanzlerin noch vor Weihnachten über weitere Verschärfungen austauschen und verständigen werden.

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es werden im Beitrag Alternativen zu einem Lockdown thematisiert: „Auch bei der Corona-Warn-App sieht die Leopoldina Handlungsbedarf. Aktuelle lokale Zahlen und Regeln sollten dort einsehbar sein. Außerdem sollte die Funktionalität der App durch die Ermöglichung freiwilliger Datenspenden der Nutzerinnen und Nutzer erweitert werden.“ Allerdings bleiben besonders intensiv diskutierte Alternativen unerwähnt – die Massenschnelltests etwa oder eine Verstärkung der Kontaktverfolgung, bzw. das Konzentrieren der Maßnahmen auf Risikogruppen. Daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Im Beitrag wird auf die wirtschaftlichen Folgen eines harten Lockdowns eingegangen: „Der Leopoldina zufolge sei ein harter Lockdown auch aus wirtschaftlicher Perspektive sinnvoll. Zwar würden sich kurzfristig durch einen harten Lockdown die Verluste in der Wertschöpfung erhöhen. Gleichzeitig wären aber Lockerungen schneller erreichbar, wenn die Anzahl der Neuinfektionen rascher sinken.“ Da dieser Aspekt jedoch nur kurz und auf sehr allgemeine Art und Weise angesprochen wird, ohne konkrete Zahlen zu nennen, werten wir knapp „nicht erfüllt“.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Die Bedeutung, sinnvolle Strategien gegen die Pandemie zu entwickeln, ist zweifellos groß, sie wird in keiner Weise übertrieben herausgehoben. Auch Gefahren der Covid-19-Erkrankung selbst werden nicht dramatisiert.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Der Beitrag verwendet zwar zwei Abschnitte auf prominente Unterzeichnerinnen der Stellungnahme: „Zu den Mitwirkenden der Stellungnahme gehören unter anderem die Virologen Christian Drosten, Sandra Ciesek und Melanie Brinkmann. Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, gehört zu den Mitwirkenden. Das ist insofern ungewöhnlich, als sich der RKI-Chef als Leiter einer Bundesbehörde bislang mit Empfehlungen eher zurückgehalten hatte. Neben Gesundheitsexperten sind aber auch Ökonomen wie der Chef des ifo-Instituts, Clemens Fuest, und die Wirtschaftswissenschaftlerin Regina Riphahn sowie die Bildungsforscherin Ute Frevert, die Gesundheitspsychologin Jutta Mata und die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, unter den Mitwirkenden.“ Doch die Qualität der Evidenz, die der Stellungnahme zugrunde liegt, wird nicht erläutert. Es ist nur von einer Modellrechnung die Rede, und dass „Erfahrungen“ aus Irland für diese Maßnahmen sprächen. Daher werten wir insgesamt knapp „nicht erfüllt“.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Es wird zwar ein Tweet des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach erwähnt, doch wurden keinerlei unabhängige, rein wissenschaftliche Experten zu der Stellungnahme befragt. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Interessenkonflikte werden nicht thematisiert, wir haben allerdings auch keine Hinweise darauf gefunden.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Hier wäre es wünschenswert gewesen, kontroverse Meinungen zum Thema aufzugreifen, um den Leserinnen und Lesern einen guten Einblick in die diskutierten möglichen Maßnahmen und deren Hintergründe zu geben. So weist der Statistiker Gerd Antes seit Monaten darauf hin, wie dürftig die Evidenzlage bezüglich der angedachten Maßnahmen gegen das neue Coronavirus noch sind: https://www.aerztliche-anzeigen.de/leitartikel/evidenz-der-corona-forschung-zwischen-glauben-und-wissen. Auch hat zum Beispiel ein Mitglied der Leopoldina selbst, Professor Michael Esfeld, eine Protestnote mit Bezug auf die Stellungnahme der Leopoldina geschrieben. Auf Analysen wie jene von Gerd Antes oder andere abweichende Meinungen einzugehen und die Stellungnahme der Leopoldina in diese Vielzahl der Diskussionen einzuordnen, wäre für die Leserinnen und Leser enorm hilfreich gewesen. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Es wurden zwar viele Formulierungen der Pressemitteilung fast wörtlich übernommen, doch geht immerhin die politische Einordnung darüber hinaus.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Der Beitrag ist eher nachrichtlich gehalten, was aber zur Intention des Textes und zur Thematik passt.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Manche Formulierungen sind unnötig gespreizt und kompliziert; sie klingen stellenweise wie überlange Zitate in indirekter Rede, zum Beispiel hier: „Sollte es jedoch durch eine Verschärfung der Maßnahmen zu einer Verringerung der Infektionszahlen kommen, sei auch in den darauffolgenden Wochen und Monaten eine klare Strategie notwendig, (…).“ Da könnte es zum Beispiel auch ganz einfach heißen: „Auch wenn die Anzahl der Infektionen dann sinkt, (…).“ Der Beitrag bemüht sich aber auch um verständliche Erklärungen, zum Beispiel des 7-Tage-R-Werts.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Die Stellungnahme der Leopoldina ist hoch relevant und wurde nur einen Tag nach Erscheinen im vorliegenden Beitrag aktuell aufgegriffen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 9 von 15 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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