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„Biotech-Unternehmen Formycon: Neues Corona-Medikament aus Bayern“

„Biotech-Unternehmen Formycon: Neues Corona-Medikament aus Bayern“

Während seit Wochen über neue Impfstoffe gegen Covid-19 und ihre Wirksamkeit geschrieben wird, berichtet tagesschau.de nun über einen neuen Wirkstoff der Biotech-Firma Formycon, der angeblich auch schwer kranken Patienten helfen soll. Leider wird dabei nicht deutlich gemacht, dass der Wirkstoff bislang nur in Zellkulturen im Labor getestet wurde. Ob das Medikament im menschlichen Körper tatsächlich gegen das neue Coronavirus hilft, wurde bislang noch gar nicht untersucht.

Zusammenfassung

Ein bayrisches Unternehmen verkündet, dass es ein Medikament gegen Covid-19 entwickelt hat. Tagesschau.de nimmt das zum Anlass, über den Wirkstoff zu berichten, lässt allerdings wichtige Informationen aus. So wurde die Arznei bisher nur im Labor getestet, die dazu veröffentlichte wissenschaftliche Studie noch nicht in einem Peer-Review-Verfahren von anderen Wissenschaftlern begutachtet. Versuche an Zellkulturen lassen jedoch kaum Aussagen darüber zu, wie das Medikament im menschlichen Körper wirken wird. Im journalistischen Beitrag wird jedoch der Eindruck erweckt, dass in etwa einem Jahr mit einer Zulassung der Therapie zu rechnen ist. Eine kritische Einordnung der Neu-Entwicklung gibt es nicht, so erfährt man auch nicht, ob es bereits vergleichbare Ansätze gibt. Selbst die konkreten Testergebnisse der aktuellen Studie werden nicht erwähnt, ebenso wenig wie mögliche Risiken und Nebenwirkungen. Damit werden Hoffnungen geweckt, ohne dass klar ist, ob der Wirkstoff jemals zur Marktreife kommen wird. Die Leserinnen und Leser werden damit in die Irre geführt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Gleich zu Beginn des Artikels wird beschrieben, was der neue Wirkstoff leisten soll: „ein vom Unternehmen entwickelter SARS-CoV-2-Blocker mit dem Namen FYB207 könne die Infektion von Zellen vollständig verhindern.“ Formycon-Chef Carsten Brockmeyer wird weiter mit der Aussage zitiert: „Dadurch haben auch Patienten, die schwer an Covid-19 erkrankt und hospitalisiert sind, eine Behandlungsmöglichkeit.“ Bislang gebe es „für diese Patienten kein ausreichend wirksames Arzneimittel“. Brockmeyer darf seine Neuentwicklung weiter loben: Sie blockiere „die Eintrittspforte, die das Virus nutzt, um in die Zellen einzudringen. Das bietet einen maximalen Schutz vor Mutationen. So beugen wir auch künftigen Coronavirus-Epidemien vor“. Hier wird suggeriert, dass die Wirksamkeit des Mittels belegt wäre, was nicht der Fall ist. Der Wirkstoff wurde offenbar weder im Tierversuch noch an Menschen erprobt. Nur in Zellkulturen hat es bislang Versuche gegeben. Doch werden nicht einmal die Ergebnisse dieser Experimente beschrieben, ein möglicher Nutzen der Therapie nicht quantifiziert. Es bleibt also völlig im Dunkeln, wie der Stand der Forschung derzeit ist. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Risiken und Nebenwirkungen werden nicht thematisiert. Natürlich lassen sich aus Experimenten in Zellkultur nur schwerlich Aussagen darüber treffen. Doch hätte zumindest angesprochen werden müssen, dass über diesen Aspekt noch nichts bekannt ist. Denkbar wäre auch, von Erfahrungen mit ähnlichen Ansätzen zu berichten.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Noch gibt es das Mittel nicht, aber das soll sich in absehbarer Zeit ändern. Das wird im journalistischen Beitrag deutlich. Der Hersteller strebt eine Notfallzulassung für Anfang 2022 an. Es wäre allerdings schön gewesen, wenn man den Leserinnen und Lesern auch erklärt hätte, was es mit einer Notfallzulassung auf sich hat – und welche Möglichkeiten Zulassungsbehörden haben, Arzneimittel in bestimmten Fällen schneller zum Patienten zu bringen. Informationen dazu finden sich zum Beispiel auf den Seiten des IQWIG.

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Artikel erwähnt vor allem die fehlenden Alternativen, denn bislang gibt es kein Medikament, das sich direkt gegen das Virus richtet und Patienten ausreichend vor einer schweren Erkrankung schützt: „Tatsächlich haben sich antivirale Mittel wie Remdesivir, in das anfangs große Hoffnungen gesetzt wurden, als weitgehend wirkungslos erwiesen. Antikörper-Cocktails, wie sie die amerikanischen Firmen Regeneron und Eli Lilly im Repertoire haben, sind nur für Patienten im Anfangsstadium zugelassen, die noch nicht schwer erkrankt sind.“ Zusätzlich wird der mRNA-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer kurz erwähnt. Daher werten wir insgesamt „ERFÜLLT“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Zum Preis erfährt man leider nichts, gleichwohl das im Vergleich mit anderen antiviralen Medikamenten wie Remdesivir interessant gewesen wäre.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Firmenchef Carsten Brockmeyer wird mit der Aussage zitiert, es werde Jahre dauern, bis eine Impfrate von weltweit 50 bis 60 Prozent der Gesamtbevölkerung überhaupt nur in den Bereich des Möglichen rücke. „Selbst in zehn Jahren wird es noch eine signifikante Anzahl von Menschen geben, die nicht gegen Covid-19 geimpft sind oder die trotz Impfung schwer an Covid-19 erkranken.“ Diese Aussage von Brockmeyer ist Spekulation. Niemand weiß zwar derzeit, wie schnell die Mehrheit der Bevölkerung geimpft werden kann. Und keiner kann bislang sicher sagen, wie wirksam die Impfungen etwa vor schweren Covid-19-Verläufen schützen werden. Aber es ist keineswegs auszuschließen, dass in zehn Jahren die meisten Menschen gegen Covid-19 geimpft sind und schwere Verläufe vielleicht auch durch neu entwickelte Medikamente überwiegend vermieden werden können. Zudem werden im journalistischen Beitrag Mutationen des neuen Coronavirus erwähnt, die in Nerzen aufgetreten sind. Es wird jedoch nicht erklärt, dass diese Mutation bislang weder zu einer rapiden Verbreitung, noch zu einer Veränderung im Krankheitsverlauf oder bei der Sterblichkeit geführt haben. Denn nur in sehr seltenen Fällen führt eine Mutation dazu, dass ein Virus gefährlicher wird. Insgesamt wird die Situation mit neuen Mutationen demnach als bedrohlicher dargestellt als sie tatsächlich ist bzw. spekulative Szenarien zu den Impfstoffen heraufbeschworen. Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Dem Artikel zum SARS-CoV-2-Blocker mit dem Namen FYB207 liegt eine Preprint-Veröffentlichung zugrunde, die also nicht von unabhängig Wissenschaftlern bewertet worden ist. Diese Veröffentlichung wird im Artikel leider gar nicht erwähnt. Die Leserinnen und Leser erfahren auch nicht, was in der Studie untersucht wurde, und welche Ergebnisse erzielt worden sind.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Zwar kommen neben dem Hersteller auch noch andere Menschen zu Wort. Dass „Analyst“ Damien Choplain von Kepler Cheuvreux von „guten Neuigkeiten“ spricht oder ein Zitat vom Virologen Christian Drosten verwendet wird, reicht jedoch nicht aus, weil keiner von Ihnen die Aussagen des Herstellers kritisch einordnet. Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Interessenkonflikte werden nicht thematisiert, sind bei Damien Choplain und Christian Drosten in dem Zusammenhang mit dem Wirkstoff auch nicht bekannt. Dass Carsten Brockmeyer als Firmenchef selbstverständlich ein Interesse hat, seinen Wirkstoff zu promoten, muss nicht eigens thematisiert werden.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Die Leserinnen und Leser erfahren nicht, ob es weitere SARS-CoV-2-Blocker gibt. Laut der Apothekerzeitung startete aber schon im März eine Studie an Patienten mit löslichem rekombinanten humanen ACE2, ein Wirkstoff, der offenbar ebenfalls an der Eintrittspforte für Corona-Viren ansetzt (https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2020/daz-11-2020/mit-loeslichem-ace2-gegen-covid-19). Auch andere Firmen entwickeln bereits ähnliche Fusionsproteine als mögliche Covid-19-Therapie (siehe auch https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0237295, https://www.nature.com/articles/s41401-020-0430-6
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/19420862.2020.1782600). Davon erfährt man im journalistischen Beitrag leider nichts. Interessant wäre zudem gewesen, die Neuentwicklung vor dem Hintergrund der Diskussion um ACE-Hemmer einzuordnen. Man hatte zu Beginn der Pandemie befürchtet, dass ACE-Hemmer die Covid-Verläufe negativ beeinflussen könnten. Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

In der Überschrift heißt es: „Neues Corona-Medikament aus Bayern“. Das suggeriert, dass es die Arznei schon bald geben wird, was jedoch nicht der Fall ist. Zudem wird der Analyst Damien Choplain mit folgender Aussage zitiert: „Einen solchen exzellenten Schutz durch den Wirkstoff auch gegen Mutationen gebe es aktuell bei Impfstoffen und anderen therapeutischen Antikörpern in der Entwicklung nicht.“ Auch wenn ein Impfstoff an ein mutiertes Virus angepasst werden müsste, lässt diese Aussage das neue Medikament in einem falschen Licht erscheinen. Noch weiß man sehr wenig über den Wirkstoff, ob er tatsächlich einen „exzellenten“ Schutz bietet, kann bislang niemand sagen. Wirklich aufgelöst wird das auch im Artikel nicht. Und schließlich wird noch dargelegt, dass der Firmenchef „auf eine Notfallzulassung Anfang 2022“ hofft. Ab dann könnte das Mittel verfügbar sein. Aber selbst der Marktanalyst Damien Choplain wird im Handelsblatt mit der Aussage zitiert, die klinische Entwicklung dürfe gegen Ende des neuen Jahres beginnen und eine mögliche Zulassung sei wohl frühestens gegen Ende 2022 zu erwarten. Hier wäre ein kritisches Nachfragen wünschenswert gewesen. Insgesamt liegen hier zwar keine eindeutigen Faktenfehler vor, doch wird der Wirkstoff und seine Entwicklung zu positiv dargestellt. Daher werten wir insgesamt nur knapp „ERFÜLLT“.

12. Der Beitrag über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Der Text geht über die Pressemitteilung hinaus, so wird etwa der Virologe Christian Drosten zitiert und eine wenn auch fragwürdige Prognose für den weiteren Verlauf der Pandemie gewagt. Daher kann man zumindest in Teilen von einer journalistischen Eigenleistung ausgehen.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Viele Menschen dürfte interessieren, was in den Laboren und Kliniken der Welt passiert, um gegen die aktuelle Pandemie vorzugehen. Und tatsächlich ist der Artikel interessant, die Zitate und Interviewabschnitte machen ihn gut lesbar – auch wenn der Wirkstoff an vielen Stellen zu positiv dargestellt wird. Daher werten wir „ERFÜLLT“.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Grundsätzlich ist der Artikel verständlich. An einigen Stellen, hätte man jedoch etwas genauer werden können – vor allem, wenn es um den Aufbau und die Funktion des Wirkstoffs geht. Es heißt dazu nur: „SARS-CoV-2 und andere Coronaviren nutzen den Rezeptor ACE2 auf der Oberfläche menschlicher Zellen als Haupteintrittspforte. Genau an dieser Stelle setzt Formycons ACE2-Antikörper-Fusionsprotein an, das sich effektiv an SARS- Coronaviren bindet.“ Der Laie kann sich unter einem ACE2-Antikörper-Fusionsprotein nichts vorstellen. Zudem heißt es im Vorspann sowie im vorletzten Absatz, der Hersteller hoffe auf eine Notfallzulassung. Die Leserinnen und Leser hätten erfahren müssen, was das bedeutet – eine dem Notfall geschuldete Zulassung auf Basis eigentlich unzureichender Daten. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Die Leserinnen und Leser erfahren, dass die Pressemitteilung der Firma Formycon ganz aktuell ist, vom „Mittwochabend“. Relevant ist die Meldung aber eher nicht. Versuche in Zellkultur sind sehr weit von einer Anwendung beim Menschen entfernt. Die Redaktion hätte diese Meldung ignorieren oder sie in einen größeren Kontext mit anderen möglichen Wirkstoffen einordnen sollen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 15 erfüllt

Abwertung um einen Stern, wegen der zu positiven Darstellung der Wirksamkeit des Medikaments in einer sehr frühen Phase der Entwicklung (von 2 auf 1 Stern)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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