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„Bekanntes Antidepressivum: Prozac wirkt gegen Covid-19“

„Bekanntes Antidepressivum: Prozac wirkt gegen Covid-19“

Um möglichst rasch einen schlagkräftigen Wirkstoff gegen Sars-CoV-2 zu finden, probieren viele Forscher momentan bereits bekannte Medikamente gegen das neue Coronavirus aus. Ein Bericht auf ntv.de berichtet nun über eine Studie unter anderem mit Fluoxetin – einem Antidepressivum, das besser unter dem Markennamen Prozac bekannt ist. Dieser Ansatz an sich ist interessant. Allerdings ist angesichts der Flut an Information zu möglichen Therapien gegen das neue Coronavirus zu bedenken, ob eine Studie in Zellkultur – mit geringer Aussagekraft über die Wirksamkeit am Menschen – tatsächlich berichtenswert ist. Zumal der journalistische Beitrag viele Textpassagen aus einer Pressemitteilung der an der Studie beteiligten Universität übernimmt.

Zusammenfassung

Angesichts der aktuellen Pandemie lohnt es sich, auch auf den ersten Blick abwegige Ansätze zu verfolgen. So hat sich eine Forschergruppe der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angesehen, ob Antidepressiva wie Fluoxetin und verwandte Substanzen etwas gegen das neue Coronavirus ausrichten können. In einem Bericht auf ntv.de wird über den Fachartikel berichtet, der Nutzen der Therapie allerdings nicht ausreichend erklärt und die Qualität der Studie nicht eingeordnet. So werden die Studienergebnisse im journalistischen Beitrag sogar positiver dargestellt als im Fachartikel selbst. In der Titelzeile „Prozac hilft gegen Covid-19“ werden zudem Hoffnungen geweckt, die womöglich nicht erfüllt werden können, ganz sicher nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Schließlich haben die Forscher bislang nur Laborversuche an Zellkulturen durchgeführt – dass sich diese Ergebnisse kaum auf den Menschen übertragen lassen, wird im Text nicht erwähnt. Auch werden keine unabhängigen Experten zur Studie befragt, mögliche Risiken und Nebenwirkungen nicht genannt. Vor allem aber ist bedauerlich, dass viele Textpassagen unkritisch aus der Pressemitteilung der Universität Münster übernommen wurden.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Prozac wird im Text sehr gelobt, so heißt es im Vorspann: „(…) dass das Medikament die Weiterverbreitung von Sars-CoV-2-Viren im Körper effektiv unterbindet. Und das ist nicht alles.“ Später klingt es etwas abgemildert: „(…) dass das besser als Prozac bekannte Medikament eine entscheidende Rolle in der Behandlung von Corona-Patienten spielen könnte.“ Konkrete Ergebnisse aus der Studie werden im Text jedoch an keiner Stelle berichtet, sodass sich die Leserinnen und Leser kein Bild von dem möglichen Potenzial des Wirkstoffs machen können. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Im Text heißt es nur sehr knapp: „(…) dabei setzen sie (Anm.: die Forscher) auf bereits zugelassene Arzneimittel, weil diese im besten Fall sicher, günstig und global verfügbar sind.“ Dass gerade Prozac durchaus Nebenwirkungen hat, wird nicht erwähnt – Störungen des Magen-Darm-Traktes zum Beispiel (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall), zentralnervöse Beschwerden (Kopfschmerzen, Schwindel, Zittern, Müdigkeit) und andere Symptome (Schwitzen, Juckreiz, Hitzewallungen, Brustschmerzen). Auch wird nicht erwähnt, dass Prozac das sexuelle Empfinden eines Menschen stören kann. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Im Text wird kurz erklärt, dass Prozac zu einer Gruppe zugelassener Arzneimittel gehört, die gegen das neue Coronavirus genutzt werden können, „weil diese im besten Fall sicher, günstig und global verfügbar sind.“ Inwiefern das Medikament aber heute schon bei Covid-19-Patienten eingesetzt werden könnte, wird nicht erläutert. Da dies für die Leserinnen und Leser aber eine relevante Information darstellt, werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Im Artikel wird lediglich erwähnt, dass neben Prozac künftig auch weitere Wirkstoffe der Gruppe der FIASMA (funktionelle Inhibitoren der sauren Sphingomyelinase) für die Behandlung von Covid-19 in Frage kommen: „(…) eine Vielzahl von pharmakologischen Wirkstoffen, die das Enzym ASM hemmen und sowohl Zellwachstum als auch Zelltod regulieren.“ Versuche hätten gezeigt, dass auch die Arzneistoffe Amidaron und Imipramin aus der Gruppe der FIASMA die Aufnahme und Verbreitung von Sars-CoV-2 in der Zelle hemmen. Wirkstoffe, die bereits gegen Covid-19 zum Einsatz kommen, werden allerdings nicht erwähnt – das bereits zugelassene Medikament Remdesivir zum Beispiel oder das Kortisonpräparat Dexamethason. Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Es wird darauf hingewiesen, dass Prozac „günstig“ ist, ein konkreter Betrag wird nicht genannt. Da die genauen Kosten eines bereits seit Jahrzehnten zugelassenen Wirkstoffs allerdings unschwer herauszufinden sind, werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Die Covid–19-Erkrankung wird nicht übertrieben dargestellt.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Es wird im Artikel nur erwähnt, dass die Forscher der Universität ihre Tests in Zellkulturen durchgeführt haben. Wie wenig diese Untersuchungen über die Wirkung des Medikaments im menschlichen Körper aussagt, wird jedoch nicht erklärt. Da diese Information jedoch wesentlich ist, um die Aussagekraft der Studie beurteilen zu können, werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Es werden keine unabhängigen Quellen oder Experten genannt.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

In der Studie geben die Autoren keine Interessenkonflikte an, auch wir haben im Rahmen einer kurzen Recherche keine Hinweise darauf finden können. Daher werten wir „ERFÜLLT“.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Der Text weist darauf hin, dass Prozac bereits seit 1988 als Antidepressivum in der Praxis eingesetzt wird. Und dass es nun in einem neuen Ansatz untersucht wird, ob es gegen das Coronavirus eingesetzt werden kann.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Leider finden sich einige Unstimmigkeiten im Text. Es heißt zum Beispiel, dass Prozac das Gewebe nicht schädigt. Doch ist unklar, wie das in einer Zellkultur getestet werden soll. So ist denkbar, dass bei einer möglichen Covid-Behandlung viel höhere Konzentrationen des Wirkstoffs zum Einsatz kommen würden als bei der Behandlung von Depression. Zudem wird im Artikel erklärt, „dass das Medikament die Weiterverbreitung von Sars-CoV-2-Viren im Körper effektiv unterbindet”. Doch können Experimente in einer Zellkultur keine verlässlichen Informationen über die Wirkung im menschlichen Körper liefern. Und schließlich ist der Titel des journalistischen Beitrags „Prozac wirkt nicht gegen Covid-19“ falsch und damit für die Leserinnen und Leser irreführend. Wenn überhaupt, wirkt das Medikament gegen den Eintritt von SARS-CoV-2 in einer Zellkultur. Schließlich ist von einer Vorab-Studie die Rede, dabei wurde die Studie am 17. Oktober 2020 online in einem Fachjournal publiziert, die Pressemitteilung der Universität Münster verlinkt sogar auf den Fachartikel.

12. Der Beitrag über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Mehr als die Hälfte des Textes besteht aus Formulierungen, die fast im Wortlaut der Pressemitteilung der Universität Münster entnommen sind (siehe auch: https://www.medizin.uni-muenster.de/fakultaet/news/hemmschuh-zwischen-wirt-und-erreger-wwu-forscher-untersuchen-fluoxetin-als-moegliches-mittel-gegen-covid-19.html), etwa an dieser Stelle: „Eine Forschergruppe des Zentrums für Molekularbiologie der Entzündung (ZMBE) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) hat die Möglichkeit untersucht, das Antidepressivum Fluoxetin gegen Covid-19 einzusetzen.“ Oder auch in dieser Textpassage: „(…) antiviralen Wirkstoffen, die an der Schnittstelle von Wirt und Erreger wirken. Ziel ist es, Medikamente zu finden, die die Aufnahme von Sars-CoV-2-Viren in eben diesem Bereich hemmen und die Schwere einer Erkrankung verringern.“ Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Der Text ist kurz und nachrichtlich geschrieben, der Aufbau logisch.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Manche Textpassagen sind nur schwer verständlich. So heißt es zum Beispiel, die Wirkstoffe sollten an der „Schnittstelle von Wirt und Erreger wirken”. Was damit gemeint sein soll, bleibt unklar. Auch der Begriff „Zellkultur” wird nicht erklärt. Folgende Textpassage dürfte für Laien kaum nachvollziehbar sein: „(…) funktionelle Inhibitoren der sauren Sphingomyelinase. Diese umfasst eine Vielzahl von pharmakologischen Wirkstoffen, die das Enzym ASM hemmen und sowohl Zellwachstum als auch Zelltod regulieren. Versuche haben gezeigt, dass auch die Arzneistoffe Amidaron und Imipramin aus der Gruppe der FIASMA die Aufnahme und Verbreitung von Sars-CoV-2 in der Zelle hemmen.” Daher werten wir insgesamt knapp „NICHT ERFÜLLT“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Zwar geht es in der Studie um einen Wirkstoff gegen das neue Coronavirus – ein Thema, das grundsätzlich zu Pandemie-Zeiten von Interesse ist. Allerdings fanden die Untersuchungen bislang nur in Zellkultur statt, mit einer sehr geringen Aussagekraft über eine mögliche Wirkung am Menschen. Daher halten wir die Berichterstattung für verfrüht und werten daher knapp „NICHT ERFÜLLT“.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 15 erfüllt

Abwertung um einen Stern wegen mehrerer Faktenfehler


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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