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„Hormontherapien erhöhen das Brustkrebsrisiko“

„Hormontherapien erhöhen das Brustkrebsrisiko"

Ein aktueller Beitrag der Deutschen Presseagentur (dpa) greift ein viel diskutiertes Thema auf: Welche Risiken birgt eine Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren? Der Artikel nimmt dabei eine große Studie zum Anlass und berichtet präzise und gut verständlich über das Thema. Uns sind nur kleine Schwächen aufgefallen – etwa, dass kaum auf Alternativen zur Hormonersatztherapie eingegangen wird.

Zusammenfassung

Eine große Studie findet einen Zusammenhang zwischen der Hormonersatztherapie aufgrund von Wechseljahrsbeschwerden und dem Risiko einer Brustkrebserkrankung – und das auch noch einige Jahre nach Absetzen der Therapie. Der von uns begutachtete Beitrag greift das Thema auf und berichtet über die Ergebnisse der Studie. Dabei macht der Artikel auf verständliche Weise deutlich, wie groß das Risiko tatsächlich ist und wie sehr das Risiko von der Dauer der Einnahme und der Hormonzusammensetzung der Präparate abhängt. Der Leser kann sich also ein gutes Bild von der Studie machen. Zudem helfen von der Untersuchung unabhängige Experten, die Ergebnisse weiter einzuordnen. An einigen Stellen hätte man sich allerdings mehr Informationen gewünscht, etwa zu den Fragen: Wann wird eine Hormontherapie empfohlen, was kostet sie und welche Alternativen gibt es? Auch wird im Beitrag nicht klar, dass es sich bei den bisherigen Untersuchungen größtenteils um Beobachtungsstudien handelt, ein kausaler Zusammenhang also nicht nachgewiesen werden kann – wenngleich er sehr wahrscheinlich ist.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Zum Nutzen heißt es im Beitrag: „Diese Umstellung kann bei einigen Frauen mit Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen einhergehen. Eine Hormontherapie mildert diese Beschwerden ab.“ Das ist unvollständig, zu den Folgen der Menopause gehören auch Osteoporose und kurzfristige, kognitive Einschränkungen, wie etwa im Kommentar zum Paper gelesen werden kann. Zudem wäre eine Quantifizierung des Nutzens hilfreich gewesen. Weil aber der Fokus der Studie und damit des Artikels auf den Nebenwirkungen der Hormonersatztherapie liegt, werten wir knapp „ERFÜLLT“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Die Risiken werden detailliert beschrieben und quantifiziert. Vorbildlich ist auch die Angabe des absoluten (und nicht relativen) Risikos. Noch verständlicher wäre es gewesen, wenn die Zahlen in direkt vergleichbarer Form angegeben worden wären, etwa das Risiko für Brustkrebs ohne Hormontherapie für Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren (63 von 1000 Frauen) und das erhöhte Risiko nach fünf Jahren Hormonersatztherapie mit Östrogen und täglicher Gestagengabe (ein zusätzlicher Brustkrebsfall pro 50 Frauen).
Keine genauen Angaben zum Brustkrebsrisiko gibt es dagegen für eine kurze Einnahmedauer, auch das Risiko von Zäpfchen oder Salben als Darreichungsform wird nicht quantifiziert. Hierzu heißt es in dem Artikel nur: „Es scheint sehr wenig risikoreich zu sein, die Hormontherapie weniger als ein Jahr lang durchzuführen. Das gleiche gilt für die lokale, vaginale Östrogenanwendung in Form von Salben oder Zäpfchen, die nicht in den Blutkreislauf gelangen sollen.“ Ob Hormontherapien noch andere Nebenwirkungen oder Risiken haben, erfährt man leider nicht.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Sehr klar wird, welcher Studie die im Text erwähnten Angaben zugrunde liegen. Der Leser erfährt, wie viele Menschen untersucht wurden und über welchen Zeitraum. Auch andere Informationen lassen auf die Qualität der Studie rückschließen. So erfährt man zum Beispiel, dass die Ergebnisse der Wissenschaftler „unabhängig von persönlichen Einflussfaktoren, wie zum Beispiel einer familiären Veranlagung oder Alkohol- oder Zigarettenkonsum“ sind, diese Faktoren also herausgerechnet wurden. Solche Angaben helfen, die Ergebnisse besser einzuordnen. Der Hinweis am Anfang: „Eine Hormontherapie in den Wechseljahren erhöht das Brustkrebsrisiko. Einer neuen Studie zufolge sogar länger als bisher gedacht“, macht zudem deutlich, dass die bisherige Studienlage den Zusammenhang zwischen einer Hormontherapie und dem Risiko einer Brustkrebserkrankung grundsätzlich stützt. Positiv fällt auch auf, dass die Ergebnisse nur mit Vorsicht auf die Allgemeinheit übertragen werden, was sich in der Wortwahl wiederspiegelt („könnte“; „womöglich“). Schließlich ist naturgemäß auch diese Studie mit einer gewissen Unsicherheit behaftet; auch ihre Ergebnisse müssen in weiteren Studien überprüft werden. Was allerdings fehlt, ist die Anmerkung, dass es sich hier (größtenteils) um Beobachtungsstudien handelt, aus denen eine Kausalität grundsätzlich schwer abzuleiten ist. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Zwei von der Studie unabhängige Experten kommen hier zu Wort: Zum einen zitiert der Beitrag aus einem Kommentar, der – wie die Studie selbst – im Fachmagazin The Lancet erschienen ist. Zum anderen kommt ein Professor zu Wort, der mitverantwortlich für die Leitlinie zur Hormontherapie in den Wechseljahren der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe war. Mögliche Interessenskonflikte der an der Studie selbst beteiligten Forscher werden allerdings nicht thematisiert.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag baut offensichtlich auf der Pressemitteilung des Fachmagazins auf: Die Zitate einer Studienautorin und einer Kommentatorin sind daraus entnommen. Der Beitrag bietet aber auch darüber hinaus gehende Informationen, nicht zuletzt das Zitat eines an der Studie nicht beteiligten Wissenschaftlers.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Beitrag macht klar, dass das Brustkrebsrisiko bereits länger bekannt ist, hier aber neue Erkenntnisse über die Langzeitwirkung der Therapie vorliegen.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Artikel erwähnt zumindest kurz die Östrogenanwendung in Form von Salben oder Zäpfchen. Ob es für Frauen, die während ihrer Menopause mit körperlichen Problemen zu kämpfen haben, auch Mittel gibt, die ohne Hormone auskommen, erfährt man nicht. Gerade wenn Risiken einer Therapie so gravierend sind wie im vorliegenden Fall, würde man sich solche Informationen wünschen. Alternative Ansätze wären zum Beispiel selektive Östrogenrezeptormodulatoren (Raloxifen), Clonidin oder mehr körperliche Bewegung. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Die Aussage, dass etwa zwölf Millionen Frauen in Europa und Nordamerika derzeit Hormonpräparate einnehmen, lässt darauf schließen, dass die Therapie weit verbreitet ist. Darüber hinaus wäre es noch schön gewesen, wenn der Beitrag genauer erklärt hätte, welche genauen Indikationen es für die Therapie gibt und ob die Behandlung nur vom Gynäkologen oder vielleicht sogar vom Hausarzt verschrieben werden darf.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Kosten und die Frage der Kostenübernahme der Hormontherapie durch die Krankenkassen werden nicht thematisiert.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Weder das Risiko einer Brustkrebserkrankung noch die Wechseljahrsbeschwerden werden übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Viele Frauen berichten während der Wechseljahre über Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Bevor sie sich für eine Therapie entscheiden, müssen sie wissen, welche Nebenwirkungen die Behandlung hat. Vor allem wenn sie damit ihr Risiko erhöhen, an Brustkrebs zu erkranken. Daher ist das Thema für viele Leserinnen hoch relevant. Dies gilt auch angesichts der Tatsache, dass die Therapien über viele Jahre ohne ausreichende Studienlage angeboten worden sind. Die aktuelle Studie ergänzt die seit wenigen Jahren vorliegenden Untersuchungen.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Ein schön geschriebener, gut verständlicher Artikel. Zu den wenigen verbesserungsfähigen Punkten gehört die Darstellung zur Vergleichbarkeit bei den Risiken (siehe Kriterium Nebenwirkungen). Zudem hätte die Anzahl von betroffenen Frauen in Deutschland anstatt in Europa und Nordamerika genannt werden können.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Wir haben keine Faktenfehler gefunden.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 8 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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