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Exkursion

Die Kommunikation, die Medien und die Wissenschaftler

Die Arbeit des Medien-Doktors fließt in neue Empfehlungen der Wissenschaftsakademien ein

von Holger Wormer

Am Heidelberger Theater war vor vielen Jahren ein Stück zu sehen, in dem sich ein Bettler und ein Kommunikationsberater begegneten. Der Bettler hatte vor sich ein kleines Pappschild aufgestellt, das vorbeikommende Passanten zu einer Spende bewegen sollte. „Habe Hunger“, stand darauf. Der zufällig vorbeikommende und äußerst coole Kommunikationsberater war darüber entsetzt. „Hey Mann, das hat doch überhaupt keinen Zielgruppenapproach!“, oder so ähnlich entfuhr ihm seine spontane Kritik, die wir hier nur aus der Erinnerung wiedergeben können. Der Kommunikationsberater übernahm daher ebenso spontan die Kommunikationsberatung des Bettlers, um dessen Kommunikationsperfomance zu verbessern. Vorhang. Als der Vorhang wieder aufging, saß der Bettler hinter einem nunmehr mannshohen Schild, auf dem in Werbesprache formuliert war: „Neu! – Jetzt noch mehr Hunger.“

Unabhängig vom persönlichen Sinn für schwarzen Humor dürfte in diesem Fall wohl fast jeder zu dem Schluss kommen, dass hier das „Gebot angemessener Kommunikation“ verletzt ist. Doch nicht immer lässt sich die Frage so eindeutig beantworten, welche Art von Kommunikation für ein bestimmtes Thema noch angemessen ist. Für Journalisten, Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren ist das Ringen um angemessene Kommunikation tägliches Brot. Und auch wenn man vom Betteln noch weit entfernt ist, scheint auch hier zu gelten: Je größer das Bedürfnis nach finanzieller Unterstützung und Aufmerksamkeit ist, desto größer scheinen Buchstaben, Lautstärke und Versprechen oft zu werden. Doch: Was ist überhaupt der richtige Maßstab, um zu beurteilen ob eine Kommunikation (noch) angemessen ist oder nicht?

Dieser Frage haben sich in jüngerer Zeit gleich mehre Einrichtungen angenommen. So veröffentlichten die großen deutschen Wisenschaftsakademien Leopoldina, acatech und die Akademienunion am Dienstag in Berlin in erfreulicher Einigkeit ihre Empfehlungen „Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“  – beginnend mit einem Kapitel zum „Gebot angemessener Kommunikation“ und insgesamt 13 Empfehlungen an die Wissenschaft, die Politik und die Medien, wie sich der Journalismus und die Kommunikation von Wissenschaft womöglich verbessern lassen könnten. Und sie sparten dabei nicht mit Selbstkritik an der Wissenschaft selbst, bei der ein Trend zur werbenden statt tatsächlich informierenden Kommunikation in die Öffentlichkeit und die Medien zu bestehen scheint. Entsprechend soll daher etwa die „wissentlich, nicht durch Daten bzw. Evidenzen gedeckte Übertreibung von Forschungsergebnissen gegenüber den Medien (…) als Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis gelten und entsprechend sanktioniert werden“, wie es in einer Empfehlung heißt. Den Medienhäusern wiederum wird u.a. „dringend nahegelegt, die Entwicklung von Qualitätskriterien für die Berichterstattung über Wissenschaftsthemen inhaltlich voranzutreiben und finanziell zu unterstützen“ – sowie die Bedeutung eines unabhängigen Journalismus offensiver zu kommunizieren.

Eine Woche zuvor hatte bereits der Siggener Kreis, eine Denkwerkstatt vorwiegend von Mitarbeitern von Pressestellen wissenschaftlicher Einrichtungen, in einem Papier für eine Verbesserung der Wissenschaftskommunikation ausgesprochen. In beiden Fällen, das soll schon im Sinne der Transparenz nicht unerwähnt bleiben, sind auch Erfahrungen aus vier Jahren Arbeit des Medien-Doktor eingeflossen: Im Falle des Akademienpapiers war der Autor Holger Wormer selbst, im Falle des Siggener Papiers Marcus Anhäuser beteiligt. Immerhin ringen wir seit nun bald vier Jahren zusammen mit unseren journalistischen Gutachtern immer wieder selbst neu um die Frage, ob die  Kommunikation eines wissenschaftlichen Themas aus der Medizin (und seit gut einem Jahr auch aus der Umwelt) in den verschiedensten Formaten „angemessen“ ist oder nicht. Und vor dem Hintergrund der neuen Empfehlungen dürfte diese Frage auch für Pressemitteilungen aus der Wissenschaft noch interessanter werden. Seit Mai 2013 haben wir – lediglich als Experiment an bisher wenigen Beispielen – unter der Rubrik PR-Watch Pressemitteilungen anhand der Medien-Doktor-Kriterien beurteilt. Denn Kriterien, wie sich die Qualität von Pressemitteilungen aus der Wissenschaft, angemessen bewerten lässt, scheinen eben noch weitgehend zu fehlen.

Vielleicht kann das Medien-Doktor-Projekt, insbesondere mit seinem Forschungszweig, dazu künftig auch noch weitere Beiträge leisten – ohne dass wir allerdings schon jetzt vollmundig versprechen wollen: „Neu, jetzt noch mehr Medien-Doktor“! Es sei denn, es finden sich Geldgeber, die ganz ohne Bettelei der Meinung sind, dass auch diese Sache mehr „Zielgruppenapproach“ bekommen könnte.

 

Sie dazu auch den Beitrag  „Sensation, Sensation!“  in unserem Blog Sprechstunde.

und vgl. hierzu auch dieses PR-Watch-Gutachten zur Pressemitteilung: Tonminerale helfen chronisch Nierenkranken

Links

Akademiepapier

Siggener Aufruf

 

 


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