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Exkursion

Der Umweltjournalismus beim Medien-Doktor

Nach bald drei Jahren Monitoring der Medizinberichterstattung ist es Zeit für einen Ausflug: Beginnend mit der heutigen Ausgabe werden wir nach dem Vorbild des bisherigen Medien-Doktor nun auch Artikel und Beiträge aus dem Umweltjournalismus begutachten – nach bewährten Prinzipien, aber mit neuen Kriterien. In der ersten Ausgabe der zugehörigen Kolumne „Exkursion“ möchten wir ein wenig die Hintergründe dieses großen Ausflugs beleuchten.

Die Idee, jenseits der Medizin auch die Qualität anderer journalistischer Themenfelder zu bewerten, gab es von Anfang an; den Wunsch dazu, offenbar auch von vielen Journalisten. Dabei fiel die Wahl auf Umweltthemen zum einen wegen der „Quote“: Dem Umfang nach steht „Umwelt“ in vielen Printmedien auf Platz zwei der Wissenschaftsthemen-Hitparade, gleich nach der Medizin[1]. Zum anderen haben diese Themen erhebliche gesellschaftliche Relevanz – von Energiewende und Klimawandel, bis Landwirtschaft und Ernährung. Häufig bewegen sie eine breite Öffentlichkeit, lösen Ängste und Hoffnungen aus, oder fordern zum Handeln auf, nicht nur in der großen Politik, sondern auch bei alltäglichen Entscheidungen zu Konsum, Ernährung und Mobilität. Und schließlich zeigten Vorarbeiten am Lehrstuhl, dass dieses Themenfeld sich gut eignen könnte, um Beiträge mit einem ähnlichen Instrumentarium wie für den Medizinjournalismus zu bewerten. Dabei konzentrieren wir uns auf Beiträge, die auch wissenschaftliche/technologische Aussagen enthalten. Dieses Segment macht, wie sich aus einer kleinen Erhebung in ausgewählten Medien zumindest grob abschätzen lässt, wahrscheinlich mehr als ein Drittel der umweltjournalistischen Berichterstattung aus[2].

Bei einer Literatur- und Internetrecherche war weder im deutschen noch im internationalen englischen Sprachraum ein dem Medien-Doktor MEDIZIN entsprechender Kriterienkatalog für die Bewertung der Qualität umweltjournalistischer Beiträge aufzufinden.[3] Es galt also, ein Instrumentarium mit neuen spezifischen Kriterien für die Umweltberichterstattung zu entwickeln.

In der explorativen Phase des Projekts, das von der Dortmunder Caspar Ludwig Opländer Stiftung finanziell unterstützt wird, baten wir rund 30 Umweltjournalistinnen und -journalisten aus Print, Hörfunk und TV regionaler und überregionaler Medien, spontan drei Punkte zu nennen, die ihrer Meinung nach „gute Umweltberichterstattung“ ausmachen. Unter den top ten fanden sich Punkte wie „Lösungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen nennen“ oder „neben naturwissenschaftlichen/ ökologischen auch kulturelle, ökonomische, soziale und politische Dimensionen einbeziehen“. Auch Studierende des Dortmunder Instituts für Journalistik erarbeiteten im Rahmen eines Seminars Vorschläge für Qualitätskriterien. Genannt wurden Kriterien aus dem Medien-Doktor MEDIZIN, die sich übertragen lassen sollten, und Umwelt-spezifischen Kriterien. Sie orientieren sich – ähnlich wie in der Medizin – am Interesse der Mediennutzer, unabhängig, zuverlässig und verständlich auch über Umweltthemen informiert zu werden. Bewertet wird, ob Beiträge Umweltprobleme aufbauschen oder verharmlosen, die Darstellung von Evidenz und Quellentransparenz und ob unterschiedliche Standpunkte berücksichtigt werden.

Die so entwickelten Kriterien wurden zunächst von Studierenden in einer Journalistik-Lehrveranstaltung erprobt. Ergebnis: Einzelne Kriterien waren zu speziell und selten anwendbar, andere wurden häufig falsch interpretiert und mussten neu formuliert werden. So entstand ein Katalog aus zehn umweltjournalistischen, ergänzt um die drei bisherigen, aus der journalistischen Qualitätsforschung abgeleiteten allgemeinjournalistischen Kriterien – eine dem Medien-Doktor MEDIZIN analoge Struktur .

Ein Expertenkreis aus erfahrenen Umweltjournalisten erörterte diese Kriterien in zwei Diskussionsrunden. Während der „WissensWerte“ im November 2012 wurde der Entwurf außerdem Gutachtern des Medien-Doktor MEDIZIN vorgestellt. Im Laufe dieses Prozesses hat sich der Katalog weiterentwickelt, Missverständnisse wurden ausgeräumt und Formulierungen geschärft, bis der diskussionsfreudige Kreis der Geburtshelfer der Meinung war, mit dieser Version könne man es probieren.

Im März 2013 schließlich ging der Medien-Doktor UMWELT in eine interne Testphase unter Realbedingungen. Und nun liegt vor, was international womöglich einmalig ist: Ein begründeter und klar definierter Katalog von Kriterien zur systematischen und transparenten Bewertung umweltjournalistischer Beiträge in Zeitungen, Magazinen, Online-Medien, im Fernsehen und Radio. Im Laufe des Projekts soll er auch Hinweise liefern, wo Bedarf für die Aus- und Weiterbildung von Journalisten besteht. Dabei sind die Kriterien nur als erster Vorschlag zu betrachten, mit dem wir die Diskussion um Qualität im Umweltjournalismus anregen wollen. Wir sind daher gespannt auf Kritik und Verbesserungsvorschläge. Und: Wir suchen weitere qualifizierte umweltjournalistische Gutachter und Gutachterinnen!

Ähnlich wie die „Medien-Doktor Sprechstunde“ bei der Medizin wird die Kolumne „Medien-Doktor Exkursion“ diesen Ausflug in die Umweltberichterstattung abrunden – mit aktuellen Analysen, Meinungen und Recherchetipps. Der Medien-Doktor PR-Watch schließlich wird die Qualität von Pressemitteilungen aus beiden Themenfeldern beleuchten, die nicht selten großen Einfluss auf die Berichterstattung haben.

Kontakt:
wiebke.roegener@tu-dortmund.de
holger.wormer@tu-dortmund.de


[1] Elmer, C., Badenschier, F. & Wormer, H. (2008): Journalism & Mass Communication Quarterly, Vol. 85 (4), 878-893.

[2] Birthe Dobertin, unveröffentlichte BA-Arbeit am Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund

[3] Es existieren zwar Kriterien im Sinne von Checklisten, diese zielen aber im Wesentlichen darauf ab, Journalisten in Entwicklungs-/ Schwellenländern bei der Berichterstattung zu unterstützen und Hintergrundinformation/Recherchehilfen zu speziellen Themenfeldern bereitzuzustellen, z.B. http://earthjournalism.net/sites/earthjournalism.net/files/resources/EJN_TOT_What_makes_a_good_environmental_story.pdf ;speziell zu „Food and Nature“: http://earthjournalism.net/sites/earthjournalism.net/files/resources/agro-ecology_toolkit_english.pdf; speziell zu Klimawandel http://www.scidev.net/en/practical-guides/climate-change-how-to-report-the-story-of-the-cent.html; zu REDD (reducing emissions from deforestation and forest degradation )http://panos.org.uk/wp-content/files/2011/03/Panos_ccmp_brief_web_lo_reviset8Z9VI.pdf

 


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