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„Holz oder Stein?“

„Holz oder Stein?“

Gebäude mit einem Tragwerk aus Holz sind für die Klimabilanz günstiger als solche aus Stein, erläutert ein informativer und gut lesbarer Beitrag in den Stuttgarter Nachrichten. Er beleuchtet viele, auch regionale Aspekte. Warum die Holzbauten trotz der geschilderten Vorteile hierzulande immer noch weitaus seltener sind als beispielweise in Skandinavien, wird am Ende nicht ganz klar.

Zusammenfassung

Der Artikel in den Stuttgarter Nachrichten stellt gut verständlich eine mögliche Maßnahme zum Klimaschutz dar, nämlich das Bauen von Gebäuden aus Holz als nachwachsendem Rohstoff. Dabei geht der Beitrag auf unterschiedliche Aspekte ein – von der Klimabilanz über den Brandschutz bis zur Kostenfrage. Der Artikel nutzt als Quellen eine wissenschaftliche Studie der Ruhr-Universität Bochum (RUB), die Expertise eines Sachverständigengremiums sowie mehrere Experten, darunter ein Holzbaufachmann aus der Region. Der Artikel ist gut strukturiert, das Frage-Antwort-Schema ermöglicht einen leicht verständlichen, schnellen Überblick zum Thema. Es werden Fragen aufgeworfen und beantwortet, die aus Perspektive der Leserinnen und Leser naheliegen. Noch spannender wäre es gewesen, die verschiedenen Quellen nicht nur additiv zu nutzen, sondern z.B. den befragten regionalen Experten mit Problemen zu konfrontieren, die die wissenschaftliche Studie der RUB nennt.

Der Artikel setzt sich mit einer Vielzahl von Argumenten pro und contra Holzbau auseinander, wobei die Perspektive der Befürworter klar überwiegt. Dabei bleibt am Ende die Frage offen, welche Hemmnisse eigentlich der stärken Verwendung von Holz bei Neubauten entgegenstehen. Hierzu hätte sich in der Studie der RUB Informationen finden lassen – an dieser Stelle hätten wir und eine weitere Vertiefung gewünscht.

Der gleiche Beitrag wurde auch von Laien-Gutachtern im Rahmen des Projekts Medien-Doktor CITIZEN bewertet.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Artikel geht in unaufgeregten Ton und mit einer Vielzahl an Fakten der Frage nach, welche Vor- und Nachteile der Einsatz von Holz beim Bauen von Wohngebäuden hat. Die dabei auftauchenden Fragen (z.B. Klimaschutz, Ressourcenschutz und praktische Aspekte) werden sachlich beantwortet und dabei weder bagatellisiert noch übertrieben. Der Artikel stellt die Vorzüge von Holzhäusern insbesondere für den Klimaschutz heraus, liest sich aber nicht so, als ob etwa die Umstellung auf Holzbau allein den Klimawandel aufhalten könnte. Der Artikel macht auch klar, dass die Einsparmöglichkeiten von Treibhausgasen je nach Gebäude sehr unterschiedlich sind, wenn es heißt es könnten durch die Verwendung von Holz beim Neubau „zwischen neun und 56 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart werden“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Es wird klar, dass die im Artikel genannten Angaben auf einer wissenschaftlichen Studie, der Stellungnahme eines Sachverständigenrats sowie Gesprächen mit Experten beruhen. Die Fakten werden präzise umrissenen Fragen zugeordnet und sind auch für Laien gut nachvollziehbar. Zumindest ansatzweise wird deutlich, wie die Daten erhoben wurden: Zur Studie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) über „Treibhausgasbilanzierung von Holzgebäudenheißt es, dass die „Ökobilanzen von Holz und mineralischen Baustoffen verglichen wurden“. Die Bewertung des Sachverständigenrats, dass die Vorräte von den im Holzbau eingesetzten Nadelholzarten Fichte und Kiefer in den nächsten drei Jahrzehnten „vollkommen ausreichen“ würden, sei anhand von Modellszenarien errechnet worden. Gerne hätten wir zumindest exemplarisch noch etwas dazu erfahren, welche Faktoren in solche Bilanzen und Berechnungen eingehen. Unsicherheiten in der Faktenlage macht der Beitrag hinsichtlich der Kosten deutlich.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Artikel bezieht sich auf eine Vielzahl von Quellen, u.a. eine Studie der Ruhr-Universität Bochum über „Treibhausgasbilanzierung von Holzgebäuden“, eine Stellungnahme des Sachverständigenrats  für Waldpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums sowie Zitate von Experten aus dem Bereich Architektur und Holzwirtschaft. Die jeweilige Hochschulzugehörigkeit der Experten wird korrekt angegeben. Auch erwähnt der Artikel, dass die Hauptautorin der Studie sowie Klaus Richter zudem Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind. Mögliche Interessenkonflikte der zitierten Experten werden nicht genannt, wir haben indes auch keine Anhaltspunkte dafür gefunden.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Hauptthema des ganzen Artikels ist das für und Wider um den Einsatz von Holz im Gebäudebau. Sowohl grundsätzliche Fragen der Klimabilanz und des Ressourcenschutzes werden angesprochen als auch praktische Fragen nach den Kosten oder der Feuersicherheit. Dabei werden nicht alle Aspekte der RUB-Studie berücksichtigt, sondern solche herausgegriffen die, die Leserinnen und Leser der Zeitung besonders interessieren könnten. Insgesamt überwiegt die Darstellung der Vorteile des Holzbaus, aber auch Probleme werden genannt.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Zu der Studie der RUB, die der Aufhänger für den Beitrag ist, haben wir keine Pressemitteilung gefunden. Der Artikel geht in jedem Fall deutlich über eine womöglich doch existierende Pressemitteilung hinaus, da er sich auf mehrere Quellen und Experten bezieht.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Die im Artikel behandelte Fragestellung ist nicht neu. Berichtet wird über einen anhaltenden Trend zu mehr Holzhäusern im Verbreitungsgebiet der Zeitung (siehe Kriterium 9, zeitliche Dimension). Bei den angeführten Quellen erfahren Leserinnen und Lesern nicht, dass es sich um bereits seit längerem vorliegende Expertisen handelt – so ist die Studie der RUB beim Erscheinen des Beitrags Ende Januar 2019 fast 10 Monate alt. Da sie als Aufhänger des Beitrags dient, kann zumindest der Eindruck entstehen, dass es sich um eine aktuelle erschienene Studie handelt. Auch die Stellungnahme des Sachverständigenrats wird nicht zeitlich eingeordnet, sie stammt vom 1.11.2018. Da der Neuigkeitswert der vorgestellten Informationen weitgehend unklar bleibt, werten wir „knapp nicht erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der gesamte Artikel beschäftigt sich mit dem Beitrag, den der Einsatzes von Holz beim Bau von Gebäuden für den Klimaschutz leisten kann.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird geschildert, dass die Verwendung von Holz beim Bauen in Deutschland einen Beitrag für den globalen Klimaschutz darstellt. Es werden regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands angesprochen (höchste Holzbauquote Baden-Württembergs im bundesweiten Vergleich), und  Skandinavien wird als Vergleichsgröße herangezogen.
Dabei wird aber nicht deutlich, ob sich die Vorteile des Holzeinsatzes nur auf die Verwendung von Holz aus Deutschland beziehen, oder wie sich die Klimabilanz darstellt, wenn Hölzer aus dem Ausland (z.B. Skandinavien) importiert werden. Auch bleibt unklar, ob der Einsatz von Holz nur beim Häuserbau in Deutschland eine positive Klimabilanz aufweist, oder ob dies grundsätzlich überall auf der Welt der Fall ist. Wir werten das Kriterium daher nur „knapp erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, dessen Vorteile durch die Aufnahme von Kohlenstoff beim Wachstum und dessen langfristige Speicherung gegeben sind; das wird im Beitrag deutlich. Der Artikel verweist zudem auf das Potenzial deutscher Wälder als Rohstofflieferanten in den kommenden 30 Jahren.
Darüber hinaus werden weitere zeitliche Aspekte genannt, so exemplarisch die Klosterkirche Maulbronn, für die das Holz im Jahr 1146 geschlagen wurde, als Beleg für die Langlebigkeit von Bauholz.
Auch ein Trend zu mehr Holzbauten in Baden-Württemberg, dem Verbreitungsgebiet der Zeitung, wird beschrieben („2017 wurde bereits fast jedes dritte Wohnhaus aus Holz errichtet. Der Bundesschnitt lag bei 18 Prozent. 2017 wurde bereits fast jedes dritte Wohnhaus aus Holz errichtet.“).
Zusätzlich interessant wäre ein Hinweis auf die zeitliche Dringlichkeit gewesen, der sich in der RUB-Studie findet: „Insgesamt ist eine massive Steigerung der Holzbauquote ab sofort notwendig, um die Potentiale ausschöpfen zu können.“

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Beitrag geht kurz auf die (Mehr-)Kosten der Verwendung von Holz als Baumaterial ein und informiert hierzu über eine Wissenslücke. Der politische Kontext wird angesprochen mit der „Holzbau-Offensive“ in Baden-Württemberg. Indes erfährt man nicht, worin diese besteht.
Insgesamt bleibt der wichtige Kontext des Baurechts und der Regulierung (Normen) weitgehend außen vor, obwohl dieser in der genannten Studie der RUB eine erhebliche Rolle spielt. Offenbar liegt hier ein Hemmnis für den vermehrten Einsatz von Holz für den Hausbau vor. Dieser Zusammenhang wird nicht dargestellt., Insgesamt bleibt für Leserinnen und Leser letztlich unklar, warum der so vorteilhafte Baustoff nicht längst häufiger verwendet wird.
Ob es zu ökologischen Problemen führen könnte, wenn Holz verstärkt eingesetzt und z.B. importiert wird, erwähnt der Artikel ebenfalls nicht. Wir werten „knapp nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist aufgrund der Diskussion um Maßnahmen zur Bremsung des Klimawandels dauerhaft relevant. Allerdings hätte hier genauer angegeben werden können, welchen Beitrag die Verwendung von Holz im Hausbau für den Klimaschutz leisten kann, wie relevant dieser Aspekt also letztlich ist. Hausbau und dessen Kosten sind für viele Leserinnen und Leser ebenfalls ein relevantes Thema.
Ein aktueller Anlass für den Beitrag ist nicht erkennbar, zumal die Studie, die als Aufhänger dient, beim Erscheinen des Artikels schon rund 10 Monate alt ist. Wir werten „knapp erfüllt“.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text ist gut strukturiert und leicht lesbar. Das Thema wird nachvollziehbar, sehr umfassend und dabei doch kurz und knapp dargestellt.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 8 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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