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„Bitte Folie, aber kein Plastik“

„Bitte Folie, aber kein Plastik“

Forschung zu alternativen Verpackungsmaterialien für Lebensmittel in Deutschland könne dazu beitragen, den Plastikstrudel im Pazifik zu verringern – das legt ein Beitrag in der Sächsischen Zeitung nahe. Genauere Belege für diesen Zusammenhang fehlen indes in dem Artikel. Es werden Forschungsarbeiten eines Dresdener Fraunhofer-Instituts vorgestellt, ohne eine Einschätzung durch eine weitere, unabhängige Quelle einzuholen.

Zusammenfassung

Der Artikel in der Sächsischen Zeitung schildert die Forschung am Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik (FEP) zu neuen Verpackungsmaterialien für Lebensmittel. In der Überschrift und im ersten Absatz werden diese Arbeiten als Lösungsansatz für das Problem der Plastikverschmutzung in den Weltmeeren dargestellt. Der Zusammenhang wird allerdings nicht belegt, und schon gar nicht quantifiziert. Selbst die zugrunde liegende Pressemeldung der Fraunhofer-Institute formuliert hier vorsichtiger. Der Beitrag nutzt diese Pressemitteilung, doch wurde auch mit einem beteiligten Forscher gesprochen. Unabhängige Quellen zur Einschätzung der Arbeiten zieht der Artikel dagegen nicht heran. Auf die Hintergründe und Finanzierung des Forschungsprojekts geht der Beitrag nicht ein, er erwähnt weder die EU-Finanzierung noch die beteiligten Industriepartner. Andere, bereits heute anwendbare Maßnahmen, die Plastikmüll reduzieren können, werden nicht angesprochen. Die Forschung zu neuen Verpackungsmaterialien ist ein interessantes Thema, wenn die Darstellung nach dem alltagsbezogenen Einstieg auch bald auch recht abstrakt und kompliziert wird.

Der gleiche Beitrag wurde auch von Laien-Gutachtern im Rahmen des Projekts Medien-Doktor CITIZEN bewertet.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Artikel berichtet über Plastikmüll und beschreibt die Forschung zu alternativen Verpackungen. Die Probleme werden dabei weder übertrieben dargestellt, noch verharmlost. Es wird deutlich, dass es sich um laufende Forschungsarbeiten handelt; deren Chancen werden dargestellt, aber nicht als fertige Patentlösungen präsentiert.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der szenische Einstieg führt ins Thema Plastikmüll ein, doch die Beziehung zwischen dem Einkauf verpackter Lebensmittel, dem Plastikstrudel im Pazifik, und der Forschungsarbeit am Fraunhofer-Institut wird nicht mit Fakten unterfüttert. Insbesondere fehlen Information darüber, wie hoch der Anteil von Lebensmittelverpackungen am Gesamt-Aufkommen von Plastikmüll ist. Auch wird nichts darüber gesagt, welcher Anteil dieser Plastik-Verpackungen durch neue Materialien ersetzt werden kann – und was das wiederum für die Umwelt bringen würde.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Bericht über die Forschungsarbeiten bezieht sich nur auf eine einzige Quelle, das Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik (FEP). Informationen über die Hintergründe des Projekts fehlen. Interessant wäre es hier, die Finanzierung durch die EU zu erwähnen. Auch über die Verbindungen zur Verpackungsindustrie erfahren Leserinnen und Leser nichts. Tatsächlich gibt es in dem Projekt „NanoPack“ zahlreiche Industriepartner, die hier eigene Interessen haben. Daher wäre die Einschätzung durch eine weitere Quelle besonders wichtig gewesen.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der erste Absatz macht das große Thema Plastikmüll in den Weltmeeren auf. Im Text geht es dann nur um den relativ kleinen Anteil der Lebensmittelverpackungen, wobei wiederum einige dieser neuen Materialien ebenfalls zu Müllproblemen führen können. Hier wird also recht einseitig eine bestimmte Technik vorgestellt, ohne nach Alternativen zu fragen. Dass diese Forschungsarbeiten, wenn überhaupt, nur einen  kleinen Teil des Problem wirksam bekämpfen können, wird nicht ausreichend deutlich. Immerhin macht der Text auf Grenzen aufmerksam („Aber Vorsicht: Biobasiert heißt nicht gleichzeitig biologisch abbaubar.“). Auch der befragte Forscher weist auf (noch) bestehende Einschränkungen hin („Dafür müssen sich ihre Eigenschaften allerdings verbessern“). Deshalb werten wir hier nur knapp „nicht erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Eine  Pressemeldung bildet die Basis des Artikels; darüberhinaus fließen zusätzliche Recherchen ein: Die Problematik des Müllstrudels im Pazifik wird etwas ausführlicher geschildert als in der Pressemitteilung. Außerdem wurde eine  Gespräch mit einem beteiligten Forscher geführt.  Auf dieser Basis werden konkrete Beispiele etwas ausführlicher geschildert.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag geht zwar nicht auf genaue Zeiträume ein, macht aber klar, dass der Plastikmüll in den Weltmeeren ein Problem ist, das bereits seit längerem besteht. Der wesentliche Teil des Artikels bezieht sich auf aktuelle Forschung zu neuen Verpackungsmaterialien. Er macht klar, dass diese Folien derzeit noch nicht, aber eventuell in Zukunft eingesetzt werden können. Allerdings wird nicht deutlich, seit wann an diesen Materialien geforscht wird, und wie lange es bis zur Markreife voraussichtlich dauern wird. Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag stellt zwar Lösungsansätze ins Zentrum, allerdings wird nicht ausreichend deutlich, inwiefern diese geeignet sind, das eingangs beschriebene Problem des Plastikmülls zu reduzieren (siehe auch Kriterium 4). Nur sehr vage ist von dünneren Folien und Recycling die Rede. Die Frage „Wie dem Müllproblem begegnen?“ bleibt letztlich unbeantwortet. Es scheint fraglich, ob die Verringerung des Plastikmülls das Hauptziel der vorgestellten Forschungsarbeiten sind. In der Pressemitteilung wird als eine wesentliche Motivation für die Forschung genannt „hygienische, funktio­nale und sichere Verpackungen“ für Lebensmittel zu entwickeln“,  in der Selbstbeschreibung des Projekts NanoPack heißt es: „NanoPack is an EU-funded project, which aims to develop and demonstrate a solution for extending food shelf life.“

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Beitrag schildert ein globales Problem (Plastikstrudel im Pazifik) sowie deutsche Forschung zu alternativen Verpackungsmaterialien. Ob es überhaupt eine Verbindung zwischen deutschen Lebensmittelverpackungen und dem Müllstrudel im Meer gibt, wird nicht thematisiert. Tatsächlich dürfte der Zusammenhang – wenn  vorhanden – nur marginal sein. Wie finden Lebensmittelverpackungen aus Deutschland den Weg in den Pazifik? Hier wären Informationen dazu wichtig, welcher Anteil der Plastikverpackungen recycelt bzw. verbrannt wird. Wieviel gelangt in die Umwelt? Wieviel wird exportiert und könnte so z.B. in die Weltmeere gelangen? Der Beitrag beantwortet keine dieser Fragen.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Artikel macht am Anfang klar, dass die Belastung der Ozeane zunimmt, es fehlen aber Vergleiche, um das einzuordnen – z.B: In welchem Zeitraum ist dieser Müllstrudel entstanden? Wie lange hält sich das Plastik in den Ozeanen? Steigt die jährliche Belastung derzeit noch weiter an? Zur Umsetzung der Forschungsergebnisse fehlen ebenfalls zeitliche Angaben – hier heißt es lediglich: „Die Forschung an biobasierten Kunststoffen wird in den nächsten Jahren immer mehr Bedeutung bekommen.“ Konkretisiert wird dieses „immer mehr“ nicht. Wann diese neuen Materialien tatsächlich auf den Markt kommen, wie lange es dauern könnte bis welche Volumina an Müll vermieden, anders genutzt oder durch moderne Stoffe ersetzt sind, ob bzw. wann sie die Müllbelastung im Meer reduzieren können, wird nicht thematisiert.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Auf politische und wirtschaftliche Aspekte geht der Artikel nicht ein. Weder erfährt man, wer die Forschung in Auftrag gegeben hat, noch wieviel Geld fließt. Informationen über die Herstellungskosten alternativer Folien fehlen, obwohl in der Pressemitteilung betont wird, dass der Markt für Verpackungsfolien „extrem preissensititv“ sei. Auch über alternative Versuche, Plastikmüll zu reduzieren, wird nicht berichtet – z.B.  Müllvermeidung oder das Verbot bestimmter Plastikprodukte durch die EU.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema „Plastikmüll“ ist ein hochaktuelles Trendthema, die Suche nach alternativen Verpackungen entsprechend relevant und interessant.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Einstieg ist szenisch und leicht verständlich. Durch  Beispiele wie „Kaffee- oder Kartoffelchips-Verpackungen“ versucht der Text anschaulich zu machen, worum es geht. Zum Teil gelingt das, manche Details der Forschung bleiben aber auch unverständlich. Was z.B. eine „Elektronen-Behandlung“ ist, wird nicht erklärt. Insgesamt wird der Beitrag nach und nach immer trockener und fachsprachlicher. Wir werten „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Wir haben kleine Ungenauigkeiten gefunden – z.B. eine Verwechslung von Wasserstoff und Wasserdampf (statt „Bei Verpackungen geht es darum, Sauerstoff und Wasserstoff von den Lebensmitteln fernzuhalten“ müsste es „Wasserdampf“ heißen), die aber für den Inhalt des Artikels nicht ausschlaggebend ist. Die Mengenangaben zum Plastikmüll schwanken in verschiedenen Studien stark – darauf wird hier nicht hingewiesen; vor allem für den Vergleich von Plastikmüll und Fischen gibt es keine sichere Datengrundlage (diverse Quellen dazu hier). Ansonsten liegen die angegebenen Zahlen innerhalb der Schwankungsbreite der gängigen Studien. Etwas irreführend ist die Angabe, biobasierte Kunststoffe können „durch Verbrennen zum Beispiel für die Energiegewinnung genutzt werden“. Das trifft zwar zu, gilt aber auch für erdölbasierte Kunststoffe. Insgesamt werten wir noch „knapp erfüllt“.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 3 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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