In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Nasse Moore brennen nicht“

„Nasse Moore brennen nicht“

Anlässlich des Moorbrands in Meppen greift ein Artikel in der Frankfurter Rundschau einen wichtigen Aspekt auf, über den in den Medien vergleichsweise wenig berichtet wurde: die Bedeutung intakter Moore für den Klimaschutz. Der Artikel enthält einen groben Faktenfehler sowie Mängel bei den Belegen und Quellenangaben.

Den gleichen Beitrag haben auch Laien-Gutachter des Medien-Doktor CITIZEN bewertet.

Zusammenfassung

Ein Beitrag in der Frankfurter Rundschau berichtet über die Bedeutung von Mooren für den Klimaschutz. Anlass ist der beim Erscheinen des Artikels noch andauernde Moorbrand von Meppen. Der Text ist im Ton nüchtern und in der Sache informativ. Allerdings fehlt es an Hintergrundinformationen dazu, warum Moore so viel CO2 speichern, bzw. wie Treibhausgase bei einer Trockenlegung freigesetzt werden. Der Beitrag nennt etliche Zahlen, macht aber die zugehörigen Quellen nicht immer deutlich. Auch werden bestehende Unsicherheiten bei den Angaben, etwa zum Anteil des durch Moore gespeicherten CO2, nicht eindeutig benannt. Falsch ist die Angabe zur Ausdehnung des Brandes: Er erstreckte sich nicht auf 12.000 sondern auf 1200 Hektar. Lösungsansätze wie Wiedervernässung und Paludikultur (Bewirtschaftung nasser Moorflächen) werden angesprochen, doch werden die damit verbundenen Schwierigkeiten nicht erläutert, ebensowenig die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Text ist von der Sprache her eher unaufgeregt. Er nimmt den Moorbrand vom Meppen zum Anlass, relativ nüchtern darzustellen, wie bedeutsam Moore für den Klimaschutz sind. Im Detail enthält der Artikel allerdings etliche ungenaue bzw. nicht mit Quellen belegte Darstellungen, die sich oft am oberen Rand der verschiedenen kursierenden Zahlen bewegen, beispielweise zur CO2-Freisetzung, siehe dazu Kriterium 3, Quellen. Außerdem ist ein gravierender Faktenfehler festzustellen: Das Feuer hatte sich nicht „auf bis zu 12.000 Hektar“ ausgebreitet, wie es im Beitrag heißt, sondern auf rund 12 km2, das sind 1200 Hektar. Hoch gegriffen scheint uns mit „mehr als 1500“ die Zahl der Einsatzkräfte nach Bundeswehrangaben  waren es zu diesem Zeitpunkt noch 1080. Insgesamt werten wir noch „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Studien werden nicht erwähnt, sondern nur pauschal angegeben, woher die Zahlen stammen, etwa vom Umweltbundesamt. Dabei wird nicht hinreichend deutlich, wie die Zahlen erhoben wurden, ob es sich um Schätzungen oder gesicherte Tatsachen handelt. So wird zwar korrekt aus einem Flyer der Deutschen Gesellschaft für Moor- und Torfkunde (DGMT) zitiert, dass Moore ein Drittel der irdischen Kohlenstoffvorräte speichern. Dass es in der gleichen Quelle auch heißt, die Datenlage z.B. hinsichtlich der Treibhausgasemissionen aus Mooren sei „spärlich und relativ unsicher“ erfahren Leserinnen und Leser dagegen nicht, wenn kurz darauf Zahlen zur CO2-Freisetzung angeführt werden.
Hinsichtlich der CO2-Emissionen durch den Moorbrand hätten wir uns eine Einordnung gewünscht, wie viel oder wenig das ungefähr ist, etwa gemessen als Anteil an der gesamten deutschen CO2-Bilanz, siehe dazu beispielsweise hier.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Quellen werden mehrfach nicht genannt oder nicht eingeordnet. Die zitierte Deutsche Gesellschaft für Moor- und Torfkunde (DGMT) etwa ist ein Verein, an dem auch die Torfindustrie beteiligt ist. Die Angabe der DGMT wiederum, dass Moore rund ein Drittel der irdischen Kohlenstoffvorräte speichern, doppelt so viel wie die Wälder, stammt aus einer Studie von Parish et al. aus dem Jahr 2008 (S. 99) – das wäre also die korrekte Quelle gewesen. Beim Greifswald Moor Centrum (GMC) handelt es sich um einen 2015 gegründeten Verbund von 50 Moorkundlern, der sich selber als eine „Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis in allen Moorfragen“ versteht. Beteiligt sind die Uni Greifswald sowie zwei Naturschutzeinrichtungen, ohne diese Information kann man es schlecht einordnen. Franziska Tanneberger z.B., die dem GMC zugeordnet wird, ist auch Wissenschaftlerin an der Uni Greifswald.
Bezüglich der Kohlendioxid Emissionen durch den Brand gab es aus verschiedenen Quellen unterschiedliche Schätzungen, das wird im Text nicht deutlich, z.B. laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) 800.000 bis 1,4 Millionen Tonnen CO2 , nach Angaben des Landes 300.000 Tonnen, die energiepolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion nannte 1,2 Mio Tonnen. Der Beitrag hätte zumindest deutlich machen müssen, auf welche Quelle er sich mit seiner am oberen Rand liegenden Schätzung bezieht.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Zu verschiedenen im Text genannten Aspekten hätten wir uns die Darstellung unterschiedlicher Standpunkte gewünscht. So ist die Wiedervernässung von Mooren nicht so einfach, wie es in dem Beitrag erscheint. Zum einen können die Methan-Emissionen dabei zuerst stark ansteigen (siehe z.B hier), zum anderen stehen der Wiedervernässung wirtschaftliche Interessen von Bauern entgegen, das hätte zumindest erwähnt werden sollen. Auch der Naturschutz-Effekt kann sehr unterschiedlich sein. Die als Lösungsansatz präsentierte Paludikultur, also Agrarwirtschaft auf nassen Mooren, ist ebenfalls nicht so einfach umzusetzen, wie es im Beitrag erscheint. Dieser neuartige Landwirtschaftszweig wird bislang weltweit nur auf wenigen hundert Hektar betrieben (Stand Nov. 2017).  Auch hierzu wäre also eine kritische Einordnung angebracht. Ein Gesprächspartner in Sachen Bewirtschaftung von (ehemaligen) Moorflächen hätte z.B. auch ein Vertreter eines Bauernverbands sein können.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Eine Pressemitteilung, auf der der Beitrag beruhen könnte, haben wir nicht gefunden. Der Beitrag nutzt zahlreiche unterschiedliche Quellen und zitiert Expertinnen verschiedener Institutionen. Er ist offensichtlich in Eigenleistung recherchiert.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird deutlich, dass einerseits der Moorbrand von Meppen ein neu aufgetretenes Problem ist, und andererseits die Problematik der Trockenlegung von Mooren mit entsprechenden Folgen seit langem besteht.
Problematisch finden wir dagegen die Aussage, im Unterschied zu den Wäldern, deren Bedeutung für die Bewältigung der Klimakrise „längst erkannt“ sei, sehe dies „bei den Mooren … immer noch anders aus“. Das mag für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und die Darstellung in den Medien zutreffen; doch in Wissenschaft und Umweltpolitik wird die Bedeutung der Moore für den Klimaschutz schon seit längerem diskutiert. So 2011 bei der 18. UNHCR-Vertragsstaatenkonferenz in Durban, wo sich die Regierungen darauf einigten, als neue Klimaschutzaktivität „Feuchtgebietsentwässerung und Wiedervernässung“ aufzunehmen (siehe hier, S. 2). Auch wenn es weiterhin Defizite bei der Datenlage gibt, ist das Thema also nicht ganz so neu, wie es im Artikel erscheint. Hier hätten wir uns gewünscht, dass die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit stärker von der Fachdiskussion unterschieden wird, daher werten wir nur „knapp erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Artikel stellt Wiedervernässung und Paludikultur als Lösungsansätze dar. Indes fehlt es an einer angemessenen Einordnung. Welche Beiträge diese Ansätze wirklich leisten könnten, bzw. welche Unsicherheiten hier noch bestehen, beschreibt der Beitrag nicht, während ein fast gleichlautender Text der gleichen Autorin bei Klimareporter.de dies zumindest andeutet Dort heißt es„In der Praxis sind die Zusammenhänge zwar komplizierter“, und es wird auf einen Beitrag mit einer kritischeren Einschätzung zur Paludikultur verlinkt.. Insbesondere wird im hier begutachteten Artikel nicht klar, dass es sich bei der Paludikultur um einen Ansatz handelt, der seine Wirksamkeit erst noch erweisen muss (siehe dazu auch Kriterium 4, „Pro und Contra“). Auch die Aussage, „Nun muss die EU nur noch die Förderrichtlinien ihrer Agrarpolitik ändern“, macht nicht annähernd deutlich, wie langwierig und schwierig ein solcher Prozess wäre. Womöglich ist die Bemerkung ironisch gemeint, klar zu erkennen ist das nicht. Wir werten insgesamt „knapp nicht erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Text nimmt ein lokales Ereignis zum Anlass, über ein globales Problem zu berichten. Er vergleicht andere Staaten (Indonesien) mit der EU und geht auf die Rolle Deutschlands ein. Doch werden die globalen Verhältnisse dabei nicht ausreichend klar. So erfahren Leserinnen und Leser nicht, dass es große Moorflächen vor allem in Kanada, Alaska, Nordeuropa, Sibirien und Südostasien gibt, mit je nach Region sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand. Weltweit befinden sich noch fast 80 Prozent der Moorfläche in einem natürlichen Zustand. In Deutschland werden dagegen nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz etwa 90 Prozent der Moorböden genutzt. Interessant wäre es auch gewesen, z.B. die Schlüsselrolle Russlands beim internationalen Moorschutz zu erwähnen wo sich etwa ein Drittel der globalen Moorfläche befindet, siehe z.B. hier und hier.
Wir werten „knapp nicht erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Ein wiedervernässtes Moor ist erst einmal nur ein Feuchtgebiet. Wurde der Torf abgebaut, dauert es Jahrtausende, bis sich eine neue Torfschicht gebildet hat. Der Text erweckt den Eindruck, Moore und Sumpfgebiete ließen durch „Wiedervernässung“ vielleicht nicht über Nacht, aber doch relativ zügig wieder in eine Art Naturzustand versetzen. Die Frage, wie viel Zeit eine solche Renaturierung bräuchte, wird nicht ansatzweise berührt. Es heißt, durch die Paludikultur werde Torf nicht nur erhalten, sondern „sogar neu gebildet“ – ohne jeden Hinweis darauf, mit welcher Zeitspanne man dabei rechnen müsste. Tatsächlich läge der jährliche Zuwachs nach Aussagen der ehemaligen Umweltministerin von Sachsen-Anhalt, Heidrun Heidecke, im Millimeterbereich.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Moorvernässung und -renaturierung kann sehr teuer sein, zum Teil auch wegen entgangener Einnahmen aufgrund der derzeitigen EU-Subventionspolitik. Zu den potentiellen Einnahmen aus Paludikultur im Vergleich zur konventionellen Nutzung sagt der Beitrag nichts. Siehe dazu auch das Positionspapier des Länder-AK Moorschutz der Landesfachbehörden für Naturschutz der moorreichen Bundesländer und des Bundesamts für Naturschutz „Paludikultur – nasse torferhaltende und klimaschonende Bewirtschaftung von organischen Böden“ (S. 6ff.).
Auch eine Einordnung in den ökologischen Kontext fehlt. Dass das Feuer auf dem Bundeswehrgelände ausbrechen und sich ausbreiten konnte, hing mit der monatelangen, Dürre in diesem Sommer zusammen. „Bei der diesjährigen extremen Dürre Schießübungen im Moor abzuhalten und das auch noch ohne ausreichende Absicherung durch Löschfahrzeuge – das ist unfassbar“, sagte z.B. NABU-Moorschutzexperte Felix Grützmacher.  Dieser Kontext spielt insofern eine besondere Rolle, als sich im Zuge des Klimawandels solche Dürreperioden häufen könnten. Außen vor bleiben auch die weitreichenden Folgen des Brandes für die im Naturschutzgebiet beheimateten Pflanzen und Tiere.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der zum Zeitpunkte der Veröffentlichung noch andauernde Moorbrand auf dem Bundeswehrgelände hat wochenlang Schlagzeilen gemacht. Er ist ein geeigneter Anlass für eine Hintergrundgeschichte zum dauerhaft relvanten Thema Moore und Klima.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text liest sich flüssig. Er steigt mit dem aktuellen Anlass – Moorbrand in Meppen – ein, um dann über die Klimarelevanz von Mooren zu berichten. Wir hätten uns jedoch zumindest kurze Hintergrundinformationen dazu gewünscht, wie Moore aus totem Pflanzenmaterial entstehen und warum sie als CO2-Speicher dienen, bzw. wie und warum Treibhausgase durch eine Trockenlegung freigesetzt werden können. Die Förderrichtlinien der europäischen Agrarpolitik zu ändern, um eine Wiedervernässung trockengelegter Moore zu befördern, mag angesichts von Treibhausgas-Emissionen sinnvoll erscheinen. Was daran „doppelt sinnvoll“ sein soll, erschließt sich nicht. Ansonsten ist der Text aber verständlich, wir werten noch „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Artikel enthält einen groben Faktenfehler: Es heißt, im Artikel, das Feuer habe sich „auf bis zu 12.000 Hektar“ ausgebreitet. Tatsächlich waren es ca. 12 km2, also 1200 Hektar.
Ungenau ist auch die Angabe „Löschgeräte waren nicht zur Stelle.“ Anderen Quellen zufolge war nur eine von zwei Löschraupen einsatzfähig; das Ersatzgerät befand sich in der Werkstatt. Es heißt, mit diesem einen Gerät habe ein erster Brandherd auch noch bekämpft werden können. Wegen eines technischen Defekts konnte es danach nicht weiter eingesetzt werden.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 3 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...

1 Kommentar zu „Nasse Moore brennen nicht“