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„Problem Erderwärmung: Adieu Klimaziel“

„Problem Erderwärmung: Adieu Klimaziel“

Die Emissionen von Treibhausgasen sind in den letzten Jahren in Deutschland kaum zurückgegangen, die Klimaziele daher kaum noch zu erreichen, berichtet Spiegel Online. Der Beietrag bezieht sich auf eine Studie im Auftrag der Grünen Bundestagsfraktion und Zahlen des Umweltbundesamts (UBA). Handlungsoptionen, die das UBA untersucht hat, erwähnt er nicht.

Zusammenfassung

Spiegel Online berichtet über eine Studie, die zeigt, dass Deutschland seine Klimaziele voraussichtlich verfehlen wird, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen in den nächsten Jahren nicht sehr stark sinkt. Die Bundestagsfraktion der Grünen wird als Auftraggeber der Studie genannt, und der Text führt aus, dass Zahlen des Umweltbundesamts die Aussagen bestätigen. Die Zeithorizonte, um die es geht, werden noch ausreichend klar, die pessimistische Zukunftsperspektive des Beitrags wird indes nicht nachvollziehbar begründet. Der Online-Beitrag verlinkt zu einem früheren Artikel zum Thema, damit wird klar, dass die Problematik schon länger bekannt ist. Er umreißt den politischen Kontext und führt Zitate von Vertretern unterschiedlicher Parteien an, doch fehlt die wirtschaftliche Dimension. Unbefriedigend finden wir die Informationen zu Handlungsoptionen: Während das Umweltbundesamt dazu für den Verkehrsbereich verschiedene Szenarien durchrechnet, bleibt der Beitrag hier gar zu allgemein. In der Darstellung ist der Text zwar verständlich, aber zum Teil sehr hölzern formuliert, mit einigen eher irritierenden kommentierenden Bemerkungen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Es wird beschrieben, dass die Emissionen von Treibhausgasen in den letzten Jahren in Deutschland kaum zurückgegangen sind, und es deshalb schwer möglich erscheint, die Klimaziele für 2020 und 2030 zu erreichen, bzw. dass dafür in den kommenden Jahren sehr große Anstrengungen nötig wären. Dies erscheint angesichts der vorliegenden Zahlen nicht übertrieben.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Wie das Beratungsunternehmen arepo und das Umweltbundesamt (UBA) die Daten erfasst und zusammengestellt haben, wird aus dem Text nicht deutlich. Die Angaben werden aber so erläutert und ins Verhältnis zueinander gesetzt, dass man einen angemessenen Eindruck bekommt, wie schwierig es sein wird, die gesetzten Ziele zu erreichen. Wir werten daher noch „knapp erfüllt“.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Beitrag erklärt, von wem die Studie erstellt worden ist – vom Beratungsunternehmen arepo consult – und dass die Bundestagsfraktion der Grünen der Auftraggeber ist. Außerdem berichtet der Artikel, dass die Zahlen der Studie durch die des Umweltbundesamtes gestützt werden. Damit gibt es zwei klar identifizierte Quellen.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Bericht beschreibt in erster Linie das Problem der zu langsam sinkenden CO2-Emissionen. Es gibt keine ernstzunehmenden Vertreter der These, dass das drohende Verfehlen der Klimaziele kein Problem darstelle. Daher wenden wir das Kriterium nicht an. Allerdings wäre es interessant gewesen, Vertreter der Bundesregierung mit den Befunden zu konfrontieren.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Auch wenn er vieles von einer entsprechenden Webseite der Grünen Bundestagsfraktion übernimmt, und einige Passagen recht ähnlich klingen, liefert der Beitrag dennoch deutlich mehr Informationen, beispielsweise durch den Bezug auf Daten des Umweltbundesamtes und die Zitate von Politikern.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Im Beitrag wird klar, dass ein neues Gutachten zur Entwicklung der Treibhausgasemissionen in Deutschland vorliegt, und es außerdem aktuelle Zahlen des Umweltbundesamts dazu gibt. Der Online-Beitrag verlinkt außerdem auf einen Beitrag aus 2016 – damit wird deutlich, dass diese Ergebnisse nicht überraschend kommen und die Problematik schon länger diskutiert wird.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag spricht nur in sehr groben Zügen Möglichkeiten an, die Treibhausgas-Emissionen zu verringern und nennt allgemein die Lösungsansätze der arepo-Studie: „Raus aus der Kohle, höheres Tempo bei der Energieeffizienz und ‚nachhaltige, strukturelle und innovative Lösungen‘ im Verkehrsbereich.“ Der Verkehrssektor wird als Hauptschuldiger ausgemacht. Dass im Bericht des UBA sehr viel konkretere Lösungsansätze vorgestellt und speziell für die Verringerung der Verkehrsemissionen vier Szenarien durchgerechnet werden, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Während das UBA formuliert: „Damit Deutschland seine Klimaschutzziele erreicht, muss der Verkehr bis 2050 treibhausgasneutral werden“, und dafür Handlungswege vorstellt, heißt es im Beitrag pauschal, schon eine annähernde Einhaltung der Klimaziele sei „so gut wie unmöglich“. Diese Bewertung wird nicht ausreichend begründet und stellt so eine reine Meinungsäußerung dar – diese wäre nur in einem Kommentar angebracht.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Dass es sich bei der Erderwärmung um eine globale Problematik handelt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Der Beitrag spricht dies durch den Bezug zum Weltklimagipfel in Paris kurz an. Im Wesentlichen aber geht es im Beitrag um die Entwicklung in Deutschland. Zitiert wird CDU-Politiker Peter Altmaier, der den Weg nationaler Klimaziele für falsch hält. Insgesamt wird klar, dass es unterschiedliche Handlungsdimensionen (national / europäisch / international) gibt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag berichtet, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in Deutschland seit 2009 kaum noch gesunken ist, und dass die die Klimaziele für 2020 und 2030 nicht erreicht werden können, wenn die Emissionen nicht rasch erheblich reduziert werden. Es fehlt jedoch ein mit Zahlen und Fakten belegter Ausblick in die Zukunft – mit welchen Mitteln könnte man in welchem Zeitraum was noch erreichen? Die Studie des UBA hätte hier Material liefern können. Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der politische Kontext des Themas wird klar, so zitiert der Beitrag unterschiedliche Stellungnahmen von Politikern der Grünen und der CDU. Völlig außen vor bleiben dagegen die Kosten und Auswirkungen auf die Wirtschaft. Da dies für die Diskussion um das Erreichen der Klimaziele ein wichtiger Punkt ist, werten wir nur „knapp erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Klimathema und die Entwicklung der CO2-Emissionen in Deutschland sind dauerhaft relevant; mit der arepo-Studie gibt es einen aktuellen Anlass für den Beitrag.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text ist sprachlich zwar verständlich und kommt weitgehend ohne Fachvokabular aus. Aber er ist mit vielen Substantivierungen oft sperrig formuliert, beispielsweise mit Sätzen wie „Gerade im Heizungsbereich sank zwar der Energieeinsatz pro Person leicht, wurde jedoch durch die demographische Veränderung – im Wesentlichen durch die Zuwanderung – mehr als ausgeglichen.“ Auch die unklare Struktur erschwert an einigen Stellen das Lesen. So wird beschrieben: „Bis zum Jahr 2020 wollte Deutschland nur noch 750 Millionen Tonnen emittieren (Zum Vergleich: 1990 waren 1250 Millionen Tonnen), im Jahr 2030 sollten es noch 560 Millionen Tonnen sein.“ Wer sich fragt, wieviel denn nun derzeit emittiert wird, muss vier Absätze zurückgehen, um sich in Erinnerung zu rufen, dass es 2016 „906 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente“ waren.

Insgesamt ist der Bericht recht trocken geschrieben. Umso irritierender wirken einige kommentierende Einsprengsel (siehe auch Kriterium 7), etwa der „pompöse“ Weltklimagipfel oder die „knackige“ Empfehlung.

Es fehlt ein Spannungsbogen, der auch Leserinnen und Leser in den Text ziehen könnte, die sich nicht bereits für das Thema interessieren.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 8 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Da drei umweltjournalistische Kriterien nur „knapp erfüllt“ sind, werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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