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„Fischzucht im Trinkwasserspeicher“

„Fischzucht im Trinkwasserspeicher“

Bodenseefischer fangen weniger Felchen, seit der See sauberer geworden ist. Wissenschaftler haben untersucht, ob Fischzucht in Aquakulturen ein Ausweg sein könnte – die taz berichtet über das Für und Wider. Die genannten Zahlen, etwa zur Entwicklung der Fischereierträge, sind dabei wenig aussagekräftig.

Zusammenfassung

Ein Beitrag in der taz beschäftigt sich mit dem Rückgang der Fischereierträge im Bodensee. Als Ursache für die abnehmenden Bestände der Bodenseefelchen wird die Sauberkeit des Sees genannt – durch bessere Klärung der Abwässer ist in den letzten Jahrzehnten der Nährstoffgehalt gesunken. Im Artikel wird indes nicht deutlich, dass damit lediglich ein natürlicher Zustand wiederhergestellt wurde, da der Bodensee ursprünglich ein nährstoffarmes Gewässer war. Die Angaben im Artikel zum Ertragsrückgang sind wenig aussagekräftig, weitere Ursachen für den Rückgang neben der verbesserten Wasserqualität spricht er nicht an.
Es werden aktuelle Forschungsergebnissen zu zwei Aquakultur-Modellen – im See oder in Tanks an Land – vorgestellt, die die Ausfälle der Berufsfischerei ersetzen könnten. Zu deren Vor- und Nachteilen werden verschiedene Stimmen gehört. Zu kurz kommt der Aspekt, dass die Sauberkeit des Sees unter Umweltgesichtspunkten ein Erfolg ist, und dass den Einbußen der Fischerei auch Vorteile für die Natur und den Bodensee als Trinkwasserreservoir gegenüberstehen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

In dem Beitrag geht es um die sinkenden Fangerträge der Berufsfischer am Bodensee bei ihrem wichtigsten kommerziell genutzten Fisch, dem Bodenseefelchen. Einer der Gründe für den Rückgang ist die verbesserte Wasserqualität im Bodensee: Bessere Kläranlagen haben dazu geführt, dass kaum noch Fäkalien in den See gelangen, im sauberen, nährstoffarmen Wasser gedeihen weniger Fische bzw. sie wachsen langsamer. Diese Problematik wird weder dramatisiert noch verharmlost dargestellt.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Aussagekraft wesentlicher Angaben im Text ist nicht nachvollziehbar, insbesondere zum Rückgang der Fangerträge: Die alleinige Angabe von „Tonnen pro Berufsfischer“ besagt wenig, so lange nicht erklärt wird, wie sich die Zahl der Fischer entwickelt hat (ist sie seit 1910 konstant, gestiegen oder gefallen?), und wie sich also die Gesamterträge aus dem See entwickelt haben. Aus den Unterlagen, die das Forschungsinstitut in Langenargen im Internet veröffentlicht hat, und aus dem Blaufelchenbericht der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) lassen sich Gesamtfangzahlen entnehmen, die für die Leserinnen und Leser eine weit sinnvollere Information gewesen wären.
Die Entwicklung der Wasserqualität im See wird rein qualitativ beschrieben (von „total verschmutzt“ bis „zu sauber“). Hier wären konkrete Angaben zur Entwicklung des Nährstoffgehalts angebracht gewesen.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Zitiert werden Wissenschaftler von der Fischforschungsstation Langenargen, Vertreter der Berufsfischer und ein Referent des Naturschutzbunds (Nabu). Die Interessenlagen der erwähnten Personen sind klar und müssen nicht näher ausgeführt werden. Die Informationen und Zitate werden überwiegend klar zugeordnet. Ferner wird eine Meldung der Presseagentur dpa angeführt, um die Position des Landwirtschaftsministers und eines FDP-Abgeordneten zu referieren.
Unklar bleibt die Herkunft der schon oben bemängelten Angaben zu den Fangmengen – wurde diese von den Berufsfischern selbst erhoben? Oder von einer neutralen Stelle? Außerdem ist beim letzten Absatz unklar, wer spricht. Ist es der Anhänger einer Aquakultur im Genossenschaftsmodell? Oder der Nabu-Vertreter? Oder ein Kommentar der Autorin selbst? Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Es wird klar, dass die bessere Wasserqualität im Bodensee Nachteile für die Fischerei mit sich bringt. Im Artikel werden diese ausführlich dargestellt, jedoch die Vorteile der Entwicklung für die Umwelt kaum berücksichtigt. Der Beitrag informiert auch nicht darüber, dass der geringere Nährstoffgehalt einen Schritt hin zum natürlichen Urzustand des Sees ist. Er erwähnt nicht, dass ohne die Kläranlagen ein Umkippen des Sees wohl auch die Fischerei zum Erliegen gebracht hätte, und dass neben der verbesserten Wasserqualität noch weitere Ursachen für den Rückgang der Felchenbestände diskutiert werden, etwa eine Veränderung des Artenspektrums durch den Klimawandel, wie es in einem Positionspapier des BUND heißt. Siehe dazu auch unser Gutachten zu einem Beitrag in den Stuttgarter Nachrichten.
Vor- und Nachteile der verschiedenen Formen der Aquakultur dagegen sind für einen Text dieser Länge noch ausreichend beschrieben. Insgesamt werten wir daher nur „knapp nicht erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Im Beitrag wurden offenkundig verschiedene Quellen verwendet und Gespräche mit  mehreren Protagonisten geführt, er geht über die vorliegende schon ältere Pressemitteilung weit hinaus.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Artikel berichtet, dass seit den 60er-Jahren strenge Vorschriften zur Reinigung der Abwässer bestünden, und dass im Zusammenhang damit der Felchenbestand zurückgegangen sei. Offenbar haben die Fischer jedoch erst vor kurzem (2013) angefangen, dagegen zu protestieren. Leserinnen und Leser erfahren nicht, dass die Erträge der Fischerei von jeher stark schwanken und auch schon vor dem Sinken des Nährstoffgehalts zurückgingen. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Nährstoffgehalt und Fangerträgen bestünde – dies trifft so einfach nicht zu, wie der Blaufelchenbericht (S. 3, Abb. 2) erkennen lässt.
Seit wann durch die Sauberkeit des Sees die Felchenfischerei gefährdet erscheint, macht der Beitrag insgesamt nicht ausreichend deutlich.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Mögliche Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme der Fischer stehen im Zentrum des Textes: Die Fischer hätten gerne weniger Klärleistung und mehr Phosphat im See. Die Landesregierung will den See sauber halten. Die Fischereiforscher schlagen eine Aquakultur vor, vorzugsweise im See. Der Nabu bevorzugt eine Aquakultur an Land. Diese Optionen werden im Text hinreichend klar. Nicht diskutiert werden weitere Lösungsansätze, wie sie das BUND-Positionspapier nennt, etwa der Umstieg auf andere Fischarten.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird klar, dass es sich um ein spezifisches Problem des Bodensees handelt. Ferner berichtet der Beitrag, dass derzeit Felchen aus Kanada und dem Baltikum importiert werden, weil die Felchenerträge am Bodensee so niedrig seien. Hinsichtlich der Aquakultur verweist der Beitrag auf Erfahrungen aus Finnland.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Dass die Felchenerträge zurückgegangen sind, seit der See wieder sauberer wird, ist hinreichend klar im Text beschrieben, wenn der Zusammenhang auch sehr vereinfacht dargestellt ist (siehe dazu auch Kriterium 6, Neuheit). Klar wird, wann Vorschriften zur Reinhaltung des Wassers erlassen wurden, und über welche Zeiträume die Umsätze zurückgegangen sind. Ein kleiner Exkurs zur Entwicklung der Klärrichtlinien und der Wasserwerte wäre schön gewesen, aber nicht notwendig, um hier „erfüllt“ zu werten.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Wirtschaftliche Aspekte nehmen im Beitrag vergleichsweise großen Raum ein, werden jedoch einseitig ausgewählt. Berücksichtig werden dabei allein die Belange der Fischerei (Rückgang der Erträge, Kosten verschiedener Aquakulturanlagen). Wirtschaftliche Effekte auf andere Nutzungen des Bodensees – v.a. auch als Trinkwasserreservoir, das auch einen Großteil der Landeshauptstadt Stuttgart mit Trinkwasser versorgt – erwähnt der Text nicht. Das Zitat des Fischers, es wäre die billigste Lösung, „dass die Reinigungsleistung der Kläranlagen in der dritten Klärstufe nicht mehr so intensiv betrieben wird und so auf ganz natürliche Art und Weise mehr Nährstoffe in den See gelangen“ hätte zumindest der Einordnung bedurft. Denn zum einen ist der höhere Nährstoffgehalt keineswegs „natürlich“ (siehe Kriterium 4), zum anderen bringt er andere Kosten mit sich. Welchen Aufwand es für die Trinkwasseraufbereitung bedeutete, wenn den Wünschen der Fischer entsprochen würde, spricht der Beitrag nicht an.
Der kulturelle Aspekt wird mit dem Hinweis auf die Touristen zumindest angeschnitten, allerdings werden auch diese ausschließlich als Fischkonsumenten genannt; Umweltschutz als Pluspunkt für den Tourismus spielt dagegen im Beitrag keine Rolle. Insgesamt werten wir „knapp nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist interessant, die Forschungsergebnisse zu einer möglichen Aquakultur mit Felchen sind ein aktueller Anlass zur Berichterstattung.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text ist verständlich geschrieben und leicht zu lesen, allerdings in einigen Punkten recht oberflächlich. Es fehlen wesentliche Angaben, wie bei den umweltjournalistischen Kriterien dargelegt. Der Anlass der Berichterstattung – die neuen Forschungsergebnisse zu Aquakulturen – wird erst im fünften Absatz, also relativ spät im Text genannt. In einigen Passagen sind Positionen einfach aneinander gereiht, ohne dass diese aufeinander bezogen oder eingeordnet werden. So folgt auf die Forschungsergebnisse zur Aquakultur und die verschiedenen Einschätzungen der Fischer die Information, dass es dazu Streit zwischen Politikern gibt – ohne dass deren Argumente genannt würden. Anschließend kommt die kritische Stimme des Nabu und schließlich ein kommentierender Satz am Ende des Textes, bei dem unklar bleibt, wem er zuzuordnen ist. Eine kurze Erklärung, wie die Fische von einem höheren Nährstoffgehalt im Wasser profitieren, wäre für das Verständnis ebenfalls hilfreich. Denn Felchen ernähren sich nicht von Phosphat. Insgesamt werten wir daher nur „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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