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„Was macht der Klimawandel mit der Nordsee?“

„Was macht der Klimawandel mit der Nordsee?“

Regionale Folgen des Klimawandels im Nordseeraum sind das Thema eines Hörfunkbeitrags in der Sendung Leonardo (WDR5). Die räumlichen Unterschiede sind differenziert dargestellt; dagegen werden die relativ neuen Effekte des menschengemachten Klimawandels, etwa auf den Landverlust an den Nordseeküsten, nicht klar vom schon länger bestehenden Problem der Küstenerosion abgegrenzt.

Zusammenfassung

Die WDR 5-Sendung Leonardo berichtet über Folgen des Klimawandels im Nordseeraum. Anlass ist der kurz zuvor erschienene Nordseeklimabericht („North Sea Region Climate Assessment“). Es werden zwei Autoren des Berichts zu den Themen Meeresspiegelanstieg, Ökosystemveränderungen und Temperaturentwicklung befragt, auch die Fischerei wird angesprochen.

Der Beitrag ist interessant zu hören und radiophon aufgemacht, mit einem szenischen Einstieg, Atmos und O-Tönen. Er orientiert sich sehr eng am Nordseeklimabericht, eine zweite Quelle fehlt. Leider erfahren Hörerinnen und Hörer nichts über die Herkunft der Daten im vorgestellten Bericht. Auf den wirtschaftlichen Kontext, der im Bericht eine große Rolle spielt, geht der Radiobeitrag nicht ein.

Der Radiobeitrag stellt die Schwierigkeit dar, globale Erhebungen auf die Region herunterzubrechen, wenngleich er wenig auf die methodischen Probleme der Modellierung eingeht. Die regionalen Folgen des Klimawandels zu beschreiben ist ein interessanter und relevanter Ansatz, der in der Berichterstattung sonst oft etwas zu kurz kommt.

Deutliche Schwächen weist der Radiobeitrag dagegen bei der Darstellung der zeitlichen Abläufe auf: So wird nicht ausreichend klar, dass es an der als Beispiel gewählten englischen Küstenregion schon seit Jahrhunderten Landverluste durch Erosion gab. Seit wann und in welchem Ausmaß diese Problematik durch den Klimawandel verschärft wird, erfährt man nicht. Auch der Zeitraum, in dem die prognostizierten Veränderungen von Temperatur und Meeresspiegel eintreten sollen, wird nicht genannt. Durch die fehlende Einordnung und die ausschließliche Nennung von Maximalwerten, etwa für den Meeresspiegelanstieg, wird der Einfluss des Klimawandels dramatisiert.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag berichtet über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Nordsee und die Küsten. Am Anfang steht ein Beispiel aus England: An der Küste von Happisburgh spüle das Meer jedes Jahr „bis zu acht Meter Land weg“, heißt es. Zwar steht im Nordseeklimabericht (S. 121) tatsächlich „At Happisburgh rates of erosion increased to average about 8 m year−1 in 1992–2004 (Poulton et al. 2006)“, doch ist dies offenbar ein Extremwert, an anderen Küstenabschnitten sind es eher ein bis zwei Meter pro Jahr. Weiter heißt es im Radiobeitrag, nach landläufiger Meinung sei „der Klimawandel“ Schuld. Diese Einschätzung wird im Bericht nicht aufgeklärt. Laut einer im Nordseebericht zitierten Studie  ist die Küstenlinie in den vergangenen 900 Jahren um 1 bis 2 Kilometer zurückgewichen. Ganze Dörfer sind in dieser Zeit – also schon vor dem Klimawandel – im Meer verschwunden. Man müsste an dieser Stelle in der Darstellung den schon lange andauernden natürlichen Landverlust von den zusätzlichen Effekten des menschengemachten Klimawandels trennen. Die Bemerkung später im Beitrag „Gut möglich, dass der Klimawandel dabei sogar nur eine Nebenrolle spielt“, leistet das nicht. Ansonsten berichtet der Beitrag ausgewogen, ohne zu übertreiben oder zu verharmlosen. Doch da der Beitrag durchgängig Extremwerte nennt und den Effekt des Klimawandels nicht korrekt einordnet, werten wir „knapp nicht erfüllt“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Beitrag beschreibt Inhalte des Nordseeklimaberichts, ohne zu erwähnen, wie dieser erstellt wurde. Dass es sich um eine Meta-Studie handelt, die vor allem Daten aus wissenschaftlichen Publikationen über die Region auswertet und zusammenträgt, wird weder im Radiobericht noch in den online bereit gestellten Informationen deutlich. Hörerinnen und Hörer könnten auch annehmen, dass die Messungen eigens für den Bericht durchgeführt wurden.
Genannt werden im Hörfunkbeitrag nur Werte für besonders pessimistische Szenarien. Erforderlich wäre eine Spanne – z.B. zum prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels – je nach Szenario (z.B. Entwicklung der CO2-Emissionen). Der voraussichtliche Temperaturanstieg wird mit „bis zu 3,2 Grad wärmer“ angegeben, auch dies ohne Angabe der Spanne und ohne Zeitbezug (siehe auch Kriterium 9)

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Beitrag bezieht sich auf den Nordseeklimabericht als einzige Quelle. Zwar kommen im Radiobeitrag zwei Interviewpartner vor, doch beide haben an dem Bericht mitgearbeitet (einer als Mitherausgeber), und beide gehören demselben Institut an, dem „Institut für Atmosphärenphysik“ am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht bei Hamburg. Eine unbeteiligte zweite Quelle wird nicht herangezogen. Zwar sind in den Bericht selbst zahlreiche Quellen eingeflossen, aber diese Information fehlt im Beitrag (s. Kriterium 2).

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag geht insgesamt deutlich über die Pressemitteilung hinaus.Es handelt sich um einen Beitrag über einen groß angelegten Bericht zum Klimawandel in der Nordsee, der verschiedene Auffassungen in der Forschungswelt integriert, wenn der Radiobeitrag dies auch nicht recht deutlich macht. Ein Pro und Contra ist daher nicht unbedingt zu erwarten. Kontroversen gibt es allerdings zu Lösungsansätzen (z.B. Deichbau oder Land aufgeben). Diese darzustellen wäre interessant gewesen. Angesichts der Kürze des Beitrags hätte das aber womöglich den Rahmen gesprengt. Wir wenden das Kriterium daher nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag basiert offenbar im Wesentlichen auf den Interviews mit den beiden Forschern. Der szenische Einstieg in Happisburgh vermittelt ein konkretes Beispiel; auch die Entwicklung von Plankton und Kabeljau, die im Beitrag thematisiert wird, kommt so in der Pressemitteilung nicht vor. Der Beitrag geht insgesamt deutlich über die Pressemitteilung hinaus.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Im Beitrag ist erkennbar, dass es sich beim Klimawandel um ein seit langem bestehendes Problem handelt – es wird ein Temperaturanstieg seit 1950 genannt. Seit wann allerdings der Meeresspiegel steigt und die Erosion etwa an der beispielhaft genannten englischen Küste deutlich über das natürliche Maß hinaus geht, erfährt man nicht. Da dies aber ein zentrales Thema im Beitrag ist, werten wir „knapp nicht erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Lösungsmöglichkeiten werden nicht ausführlich diskutiert, aber als Anpassung an den Klimawandel werden die Optionen Küstenschutz und Deichbau erwähnt, sowie die Möglichkeit, das Land komplett aufzugeben. Ferner heißt es, dass Fischer dem in nördlichere Breiten ausweichenden Kabeljau hinterherfahren könnten. Der Punkt Emissionsverringerung wird allerdings nicht angesprochen.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Die regionalen Auswirkungen des globalen Klimawandels sind das Hauptthema des Beitrags und des zugrunde liegenden Nordseeklimaberichts. Immer wieder werden globale Daten mit regionalen verglichen, und es wird betont, dass globale Durchschnittswerte für konkrete Ereignisse und Entwicklungen in einer Region nur begrenzte Aussagekraft haben. Es wird deutlich, dass die lokale oder regionale Dimension des Klimawandels eigene Modelle erfordert. So sei es z.B. mit bisher verfügbaren Modellen nicht möglich, die regionalen Effekte von Windparks darzustellen. Anhand verschiedener Nordseeanrainer-Regionen werden mögliche Auswirkungen des Klimawandels differenziert dargestellt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag nennt an einigen Punkten Vergleichsdaten aus der Vergangenheit. Zum Anstieg des Meeresspiegels, der im Beitrag ein zentrales Thema ist, bleibt die zeitliche Darstellung jedoch unklar: Das relativ neue Problems des menschengemachten Klimawandels wird zeitlich nicht klar vom schon vorher bestehenden Problem der Küstenerosion abgegrenzt. Seit wann ist – nach Jahrhunderten, in denen etwa in England die Küstenlinie aus natürlichen Gründen zurückwich – ein zusätzlicher Verlust infolge des Klimawandels zu beobachten? Wie schnell verläuft die Entwicklung? Wann möglicherweise Küstenregionen aufgegeben werden müssen, oder bis wann Deiche erhöht werden sollten, spricht der Beitrag ebenfalls nicht an.

Auch bei Zukunftsprognosen fehlen zeitliche Angaben: Die Temperatur könnte beispielsweise in Bergen um 3,2 Grad ansteigen, heißt es – die Frage „bis wann“ wird nicht beantwortet; dasselbe gilt für den prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter. Hörerinnen und Hörer könnten vermuten, dass dieser Anstieg schon in wenigen Jahren zu erwarten ist; aus der Pressemeldung erfährt man, dass dieser Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert wird.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Beitrag erwähnt keine Kosten, der soziale und kulturelle Kontext wird allenfalls gestreift, obwohl einer von vier Teilen des Nordseeklimaberichts sich auf einhundert Seiten mit „Impacts on Socio-economic Sectors“ befasst. Zwar greift der Einstieg des Radiobeitrags die Situation in Happisburgh auf – Dutzende Häuser gingen bereits verloren. Er geht aber nicht darauf ein, was diese Entwicklung für die Menschen vor Ort bedeutet, weder in sozialer noch in finanzieller Hinsicht. Dass die Fischer jetzt weiter hinausfahren müssen, deutet wirtschaftliche Folgen des Klimawandels in der Nordseeregion an, aber es fehlen Informationen darüber, was das für die Fischerei bedeutet, beispielsweise wie viele Arbeitsplätze betroffen sind (siehe dazu s. 375 des Nordseeklimaberichts). Auch die Kosten von Deichbau versus Landaufgabe werden nicht thematisiert, genauso wenig die politischen Diskussionen über die richtige Strategie. Da kein solcher Aspekt zumindest ansatzweise exemplarisch dargestellt wird, sehen wir das Kriterium als „knapp nicht erfüllt“ an.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema Klimawandel und seine regionalen Auswirkungen ist dauerhaft relevant und mit dem Nordseeklimabericht gibt es einen aktuellen Anlass, darüber zu berichten. Auch durch die zeitliche Nähe zur UN-Klimakonferenz von Marrakesch gewinnt das Thema an Aktualität.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Beitrag ist gut hörbar, er enthält viele radiophone Elemente (Atmos und O-Töne), die den Hörer in die Situation vor Ort mitnehmen (wobei offen bleibt, ob tatsächlich an der englischen Küste recherchiert wurde, wie das eingespielte Meeresrauschen suggeriert). Der Beitrag ist verständlich, wenn auch nicht durchgehend gut strukturiert – so springt er von der Thematik des Landverlusts über regional schwierige Voraussagen von Temperaturveränderungen zu Auswirkungen auf das Ökosystem, um dann zum Landverlust durch den Meeresspiegelanstieg zurückzukehren. Ob die Relativierung „Gut möglich, dass der Klimawandel dabei sogar nur eine Nebenrolle spielt“ auf das Eingangsszenario bei Happisburgh bezogen werden soll, bleibt unklar. An einigen Stellen ist der Beitrag unpräzise (siehe dazu v.a. die umweltjournalistischen Kriterien 1, 2 und 9). Auch im online verfügbaren Infotext zur Sendung wird nicht die Möglichkeit genutzt, Zahlen und Fakten zumindest für besonders Interessierte noch zu ergänzen. Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Beitrag enthält etliche Ungenauigkeiten – neben den bereits angesprochenen Punkten etwa die Aussage, es sei in der Vergangenheit die Zunahme heftiger Stürme an den Nordseeküsten angenommen worden. Tatsächlich wird dies aber schon im IPCC-Bericht von 2007 als eher schwache Wahrscheinlichkeit bezeichnet („Confidence in future changes in windiness is relatively low, …“). Darüber hinaus sind uns Faktenfehler nicht aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 3 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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