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„Die Menschheit lebt deutlich über ihre Verhältnisse“

„Die Menschheit lebt deutlich über ihre Verhältnisse“

Die Sächsische Zeitung druckt einen dpa-Text über den jüngsten „Living Planet Report“, der vom WWF herausgegeben wird. Der Artikel spricht viele wichtige Punkte an, doch nicht alle Fakten sind korrekt dargestellt.

Zusammenfassung

In der Sächsischen Zeitung erschien ein informativer dpa-Text, der über eine WWF-Studie zum globalen Verlust an biologischer Vielfalt und die Zerstörung von Ökosystemen berichtet. Der Artikel enthält etliche wichtige Fakten aus dem Bericht, der unter Mitwirkung der Zoologischen Gesellschaft London und des Global Footprint Network erstellt wurde. Es wird deutlich, dass Tierbestände weltweit seit den 1970er Jahren wegen der Übernutzung der Ökosysteme durch den Menschen stark zurückgegangen sind. Allerdings wird im Beitrag nicht klar, dass sich diese Untersuchung allein auf Wirbeltiere bezieht; zudem wird die Zahl der untersuchten Arten falsch angegeben. Woher die im WWF-Bericht enthaltenen Daten stammen, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Auch fehlt eine zweite Quelle, die Methoden und Ergebnisse des Reports einordnet und bewertet.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag berichtet in sachlichem Ton über eine Studie zur globalen Entwicklung der biologischen Vielfalt. Wichtige Fakten der von der Umweltorganisation WWF herausgegebenen Untersuchung „Living Planet Report 2016″ werden ohne Dramatisierung wiedergegeben. Der erhebliche Artenverlust in nahezu allen Ökosystemen der Welt ist unbestritten. Die Untersuchung beschreibt den Artenrückgang seit 1970. Im Grundsatz unterscheidet sich die Analyse im Report des WWF nicht von den Ergebnissen der Roten Listen der Weltnaturschutzunion (IUCN)  oder des Global Biodiversity Outlook der Konvention über den Erhalt der Biologischen Vielfalt (CBD) . Allerdings wird die Zahl der untersuchten Tierarten im Artikel deutlich zu hoch angegeben (dies bewerten wir beim Kriterium Faktentreue). Ansonsten übertreibt der Text nicht und verharmlost auch nicht.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel enthält keinerlei Informationen darüber, wie die Daten erhoben wurden. In der Langform des Berichts, die nur auf Englisch vorliegt, gibt es dazu wichtige Angaben. Auf Seite 19 heißt es dort: „Over 3,000 data sources are compiled within the LPI database. […] The majority of these sources are derived from articles found in peer-reviewed scientific journals.“ Außerdem weisen die Verfasser des Berichts auf Lücken in der Datenbasis und Einschränkungen in der Aussagekraft hin: „However, the distribution of locations represented by the data is uneven, lacking ideal coverage for all species groups and regions. […] However, there are still major geographic gaps in the data, largely in Central, West and North Africa, Asia and South America.“ (Seiten 19/20). Der Artikel thematisiert diese Einschränkungen nicht.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Im Text wird die Umweltstiftung WWF als Quelle angegeben, und die (politischen) Schlussfolgerungen und Forderungen werden korrekt als Positionen des WWF gekennzeichnet. Dagegen sind die Zoologische Gesellschaft und das Global Foodprint Network nicht genannt. Zitiert wird nur der stellvertretende Geschäftsführende Vorstand des WWF, Christoph Heinrich, unabhängige Quellen zieht der Beitrag nicht heran. Es hätte sich angeboten, etwa bei der IUCN, beim Bundesamt für Naturschutz oder bei der Europäischen Umweltagentur (EEA) eine Einschätzung der Studie einzuholen. Zumindest hätte die Studie in ihrem Stellenwert eingeordnet werden müssen.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Das Thema „Artenschwund“ ist nicht in Pro- und Contrapositionen aufzuteilen. Das größte Potential für eine Kontroverse stellt die Methode der Datenerhebung dar. Dass diese nicht bewertet wird, haben wir bereits bei Kriterium 2 bemängelt. Denkbar wäre auch eine Diskussion der Handlungsmöglichkeiten, die jedoch ebenfalls nicht Gegenstand des Beitrags ist. Das Kriterium „Pro und Contra“ wenden wir deshalb nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Artikel geht über die Pressemitteilung hinaus, indem er ausgewählte Inhalte der zugrundeliegenden Studie vorstellt. Außerdem enthält der Beitrag wörtliche Zitate des Vorstands Naturschutz des WWF Deutschland, die so nicht in der Pressemitteilung vorkommen.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag macht deutlich, dass der Schwund von Arten und das Schrumpfen verschiedener Tierbestände schon seit den 1970er Jahren beobachtet wird Außerdem wird darauf hingewiesen, dass der „Living Planet Report“ alle zwei Jahre erscheint.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag stellt einige Handlungsoptionen vor, die der WWF in seiner Studie empfiehlt, etwa weniger, aber dafür qualitativ hochwertigeres Fleisch zu essen und so den Sojaanbau für Tierfutter zu bremsen. Außerdem wird die Forderung des WWF zitiert, dass Politiker die Wirtschaft in die Verantwortung nehmen solle, auf nachhaltige natürliche Rohstoffe zu setzen. Dazu heißt es im Beitrag: „ ‚Die Regierung muss die Wirtschaft an den Tisch holen, um über nachhaltige Lieferketten zu sprechen‘, sagte Heinrich. Das kann heißen, dass sich Firmen verpflichten sollten, auf Zutaten wie Soja oder Palmöl zu verzichten, wenn für den Anbau Wald in den Tropen gerodet wurde.“

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

An mehreren Stellen geht der Artikel auf die globale Dimension des Artenverlustes ein. Für Deutschland werden beispielhaft einige Tierarten genannte, deren Bestände stark abgenommen hätten. So heißt es: „Das hat nicht nur Folgen für entfernte Korallenriffe, sondern auch vor der eigenen Haustür: Rebhuhn und Kiebitz etwa seien enorm selten geworden, sagt Heinrich. Europaweit gebe es immer weniger Feldlerchen, die auf ‚sterilen Äckern‘ der modernen Landwirtschaft keine Insektennahrung mehr fänden.“ Außerdem weist der Bericht darauf hin, dass weltweit die Entwicklung von Tierpopulationen untersucht worden sind, und dass besonders die Menschen in den Industrienationen durch ihren Konsum die Ökosysteme weltweit belasten.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Es wird berichtet, dass die Tierbestände zwischen 1970 und 2012 um knapp 60 Prozent geschrumpft seien und die globalen Ressourcen seit den 70er Jahren den Planeten „deutlich übernutzt“ werden. Der Ressourcenverbrauch schreite immer schneller voran.
An verschiedenen Stellen legt der Beitrag dar, dass der beobachtete Rückgang der Wirbeltierpopulationen eine Folge des globalen Wirtschaftssystems und des Lebensstils in den Industrienationen ist. Der Verlust an Lebensräumen, etwa durch Waldrodungen, Umweltverschmutzung, industrielle Landwirtschaft und Umweltverschmutzung werden als Ursachen benannt. Nicht zuletzt der Begriff des ökologischen Fußabdrucks und des nicht nachhaltigen Ressourcenverbrauchs („1,6 Erden“) stehen für das Kriterium der Nachhaltigkeit.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Zu den wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen macht der Beitrag nur sehr knappe Aussagen. So weist er auf die WWF-Forderung hin, dass Verbraucher (Fleischkonsum), Politik und Wirtschaft (nachhaltige Rohstoffe) zur Lösung des Problems beitragen sollten. Doch welche Rückwirkung der ungebremste Ressourcenverbrauch für den Menschen hat, spricht der Beitrag nicht an. In der deutschen Kurzfassung des Berichts heißt es dazu auf S. 16: „Die Ökosysteme versorgen uns mit Nahrung, frischem Wasser, sauberer Luft und Energie. Sie geben uns Arznei und Möglichkeiten zur Erholung. Gesunde, vielfältige ökologische Systeme sorgen für die Regulierung und Reinigung von Wasser und Luft, für adäquate Klimabedingungen, für Samenausbreitung und Bestäubung sowie für Eindämmung von Schädlingen und Krankheiten“. Auf Seite 36/37 wird dargelegt, dass die Übernutzung und Degradierung von Ökosystemen nur durch eine umfassende Reform des Wirtschaftssystems in den Griff zu bekommen seien. Explizit werden die Bereiche „Ressourcenverteilung“, „Finanzströme“, „Nachhaltige Produktion und Konsum“ und „Transformation der Energie- und Nahrungsmittelsysteme“ genannt. Der Beitrag spricht keinen dieser Aspekte auch nur exemplarisch an.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Die Frage des Artenschutzes und der Nachhaltigkeit in einer globalisierten Wirtschaft ist ein dauerhaft relevantes Thema. Die Veröffentlichung des aktuellen „Living Planets Reports 2016″ bietet einen aktuellen Anlass, darüber zu berichten.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Text ist flüssig geschrieben und gut verständlich formuliert. Er ist klar strukturiert, folgt einer Dramaturgie und macht die Dimension des Problems klar.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Beitrag enthält einige Faktenfehler und Ungenauigkeiten.
So heißt es zu Beginn des Artikels: „Die Bestände der Tiere in Flüssen und Seen sind weltweit im Schnitt um 81 Prozent zurückgegangen.“ Der Satz suggeriert, dass alle Bestände aller Tierarten weltweit (zumindest durch Extrapolation) abgeschätzt worden seien. Tatsächlich heißt es im Bericht „Derzeit beschränken sich die Daten auf Populationen von Wirbeltierarten.“ Dies wird im Artikel erst später deutlich, dann aber auch falsch dargestellt, denn die Aussage, dass „weltweit Bestände von mehr als 14.000 Wirbeltierarten“ untersucht worden seien, ist nicht korrekt. Die deutsche Kurzfassung des Berichtes nennt auf Seite 8 „Entwicklung der Bestandsgrößen von 14.152 weltweit beobachteten Populationen von 3.706 Arten zwischen 1970 und 2012″ als Datenbasis.

Problematisch finden wir auch die Aussage, es würden „für den Sojaanbau in Südamerika empfindliche Ökosysteme geopfert, beispielsweise Regenwald gerodet.“ Tatsächlich wurden bis in die frühen 2000er Jahren für den Soja-Anbau in Brasilien Regenwälder gerodet. Inzwischen sind diese Rodungen trotz weiter steigender Soja-Anbauflächen unterbrochen und das sogenannte Soja-Moratorium wurde unbefristet verlängert (siehe hier, hier und hier. Seit Mitte der 2000er Jahren ist nicht mehr nachweisbar, dass für den Soja-Anbau direkt Regenwald gerodet wird. Im WWF-Report wird dieser Zusammenhang so auch nicht behauptet. Allerdings gibt es indirekte Landnutzungsänderung, und in anderen Ländern Südamerikas werden z.B. Graslandgebiete zerstört (Sojatagung 2015 S. 108 ff). Die Darstellung im Beitrag ist jedoch so nicht korrekt.
Auch der Satz „Leben die Menschen weiter wie bisher, wären laut Bericht im Jahr 2030 zwei Erden nötig, um den jährlichen Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken“ ist zumindest ungenau. Unter welchen Annahmen zu Bevölkerungswachstum und globaler Wirtschaftsentwicklung im Jahr 2030 rechnerisch zwei Erden verbraucht würden, legt der Artikel nicht dar.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 6 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Wegen der gravierenden Mängel bei den Kriterien 2 (Belege) und 3 (Quellen) sowie der Faktenfehler werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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