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„Grüne Lunge schwächelt“

„Grüne Lunge schwächelt“

Je höher die Temperatur, desto weniger CO2 speichern die Bäume in der Stadt – über dieses Ergebnis einer Studie in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina, berichtet „Die Welt“. Die Übertragbarkeit auf andere Regionen wird dabei übertrieben dargestellt, weitere Quellen fehlen.

Zusammenfassung

Ein kurzer Artikel in der „Welt“ berichtet über eine Studie der North Carolina State University: In der Stadt Raleigh haben Forscher am Beispiel von 40 Weideneichen untersucht, wie sich die Temperatur auf Wachstum und Fotosyntheseleistung der Bäume auswirkt. Anders als erwartet haben sie festgestellt, dass die Stadtbäume an wärmeren Standorten ein geringeres Wachstum zeigten, also weniger Fotosynthese betrieben und damit auch weniger CO2 speicherten, als an kälteren Standorten. Leider gibt es im Artikel keine Information über Umfang und Zeitdauer der Studie, damit bleibt deren Aussagekraft unklar. Im Wesentlichen gibt der Artikel die Informationen der Pressemeldung wieder, eine zweite Quelle fehlt. Der Artikel hinterfragt die Ergebnisse der Studie nicht, sondern macht sich am Ende unkritisch die Generalisierung der Studienautoren zu eigen: „Weil durch die Urbanisierung und den Klimawandel die urbane wie die globale Erwärmung weiter steigen wird, werden Stadtbäume in Zukunft noch weniger Kohlenstoff speichern.“ Dieser Schluss berücksichtigt die methodischen und regionalen Einschränkungen der Studie nicht, so z.B. die Frage, ob bei einer Untersuchung in kälteren Klimazonen, allein schon durch die Verlängerung der Wachstumsperiode, ein genau gegenteiliger Effekt zu beobachten wäre.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Wissenschaftler der North Carolina State University fanden heraus, dass die von ihnen untersuchten Weideneichen in der Stadt Raleigh an wärmeren Standorten weniger CO2 binden als an kälteren. Der Insektenbefall, der bei höheren Temperaturen größer ist, spielte dabei kaum eine Rolle. Die Überschrift des Beitrags „Die grüne Lunge schwächelt“ verallgemeinert diese Ergebnisse in unzulässiger Weise und übertreibt damit deren Bedeutung: Angesichts der Tatsache, dass sich die zugrunde liegende Studie auf eine Untersuchung an 40 Bäumen einer einzigen Art in einer einzigen Stadt bezieht, sind derart weit reichende Äußerungen nicht durch die Ergebnisse gedeckt. Dasselbe gilt für die Aussage, dass „Stadtbäume in Zukunft noch weniger Kohlendioxid speichern“ werden. Das Zitat stammt zwar von den Studienautoren, aber da es ohne Einordnung am Ende des Artikels steht, macht sich der Beitrag diese Übertreibung zu eigen.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel erhält knappe Informationen über das Vorgehen der Forscher (sie hätten „Klimadaten aufgezeichnet und den Wuchs der Bäume genau aufgezeichnet“ – gemeint ist offenbar das Wachstum). Beschrieben wird, wie die Forscher den Einfluss von Schädlingen untersuchten (einige Bäume wurden mit einer Ölbehandlung von Insekten befreit). Dagegen fehlen Angaben zum Umfang der Studie. Leserinnen und Leser erfahren nicht, wie viele Bäume untersucht wurden – tatsächlich waren es 40 Exemplare. Es wird weder berichtet, über welchen Zeitraum die Studie lief, noch wie die Daten erhoben wurden: Wie wurde das Wachstum der Bäume bestimmt? Wie die Fotosyntheseleistung? Welche Klimadaten wurden zugrunde gelegt? Auch in einem so kurzen Beitrag halten wir es für notwendig, die nötigsten Angaben zur Aussagekraft der Studie zu berichten, zumal wenn so weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden. Außerdem erweckt der Beitrag den Eindruck, es seien „Stadtbäume“ und „Landbäume“ verglichen worden. Tatsächlich standen alle untersuchten Bäume in der Stadt Raleigh, wenn auch an unterschiedlich warmen Standorten. Damit ist das Vorgehen der Forscher unzutreffend beschrieben (siehe auch Kriterium Faktentreue). Insgesamt werten wir „knapp nicht erfüllt“.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Besondere Interessenkonflikte sind bei der universitären Forschungsarbeit nicht zu erkennen. Der Artikel zieht jedoch als einzige Quelle die vorgestellte Studie und ihre Autoren heran. Damit ist das Kriterium nicht erfüllt. Gerade bei einem unerwarteten Ergebnis, aus dem weitreichende Schlüsse gezogen werden, wäre es interessant und wichtig, die Einschätzung eines unabhängigen Experten zu erfahren.
Unklar ist die Quelle für die Aussage, dass es auf der Erde rund drei Billionen Bäume gäbe.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag berichtet nur über die Aspekte, die in der Studie untersucht wurden, also Wachstum, CO2-Speicherkapazität der Bäume und die Belastung mit Schädlingen. Andere Faktoren, die das Wachstum der Bäume beeinflussen können, wurden nicht berücksichtigt. Die Autoren selbst nahmen ursprünglich an, dass die Bäume an wärmeren Standorten stärker wachsen und entsprechend mehr CO2 binden. Tatsächlich werden in der vorgestellten Studie auch Arbeiten zitiert, die zeigen, dass beispielsweise durch eine längere Wachstumsperiode das jährliche Wachstum zunehmen kann. Wenn man die Ergebnisse auf die Welt im Klimawandel generalisieren will, wäre das zu berücksichtigen gewesen. Auch spricht der Beitrag nicht an, dass noch andere Faktoren als die Temperatur für das geringere Wachstum verantwortlich sein könnten, etwa eine schlechtere Wasserversorgung durch stärkere Versiegelung oder unterschiedliche Belastungen mit Luftschadstoffen. In der Studie werden solche Aspekte zumindest kurz diskutiert, der Artikel greift diese nicht auf. Die Diskussion um den „Düngungseffekt“ von CO2 (z.B. hier und hier) wird ebenfalls nicht thematisiert. Wenn es auch nicht möglich ist, in einem so kurzen Beitrag alle diese Punkte einzubeziehen, hätten wir doch erwartet, dass zumindest exemplarisch eines der genannten Probleme angesprochen wird.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Alle wesentlichen Informationen des Beitrags stammen aus der Pressemitteilung. Die Pressemitteilung enthält darüberhinaus deutlich mehr Informationen als der Artikel. Auch ist ist sie etwas vorsichtiger bei der Generalisierung der Ergebnisse („We think the findings are generalizable to other tree species and other cities, especially hotter cities like Atlanta, but additional work needs to be done to determine whether that’s the case“).

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Artikel enthält keine Informationen darüber, ob es sich hierbei um ein neues Phänomen handelt, das erst mit steigenden Temperaturen im Zuge des Klimawandels zu beobachten ist, oder ob lediglich ein generell gültiger Unterschied zwischen Bäumen an wärmeren und kälteren Standorten in der Stadt beschrieben wird.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Lösungsmöglichkeiten wären die allgemein bekannten Maßnahmen gegen den Klimawandel. Eine weitere Option wäre das Pflanzen von Bäumen, vor allem an kühleren Standorten. Beides ist jedoch nicht Gegenstand der Studie und muss in einem solch kurzen Beitrag nicht unbedingt angesprochen werden.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Artikel bezieht sich auf eine Studie in der Stadt Raleigh, eine Stadt mit feuchtem, subtropischem Klima im Süden der USA, und generalisiert die Ergebnisse auf Stadtbäume allgemein. Es ist jedoch gut möglich, dass die Ergebnisse in anderen Städten – z.B. abhängig von der Klimazone – ganz anders ausfallen würden. Die Studie – nicht aber der Artikel – spricht davon, dass der Temperatureffekt in südlicheren Städten wie Atlanta vermutlich noch stärker ist. Die Überlegung, dass in kälteren und weiter nördlich gelegenen Städten genau das Umgekehrte eintreten könnte, nämlich eine Zunahme des Wachstums durch einen Anstieg der Temperatur und eine Verlängerung der Vegetationsperiode, wird nicht angestellt. Wir werten nicht erfüllt, da der Artikel die Ergebnisse aus lokal begrenzten Untersuchungen in unzulässiger Weise generalisiert.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Man erfährt nicht, über welchen Zeitraum die Studie angestellt wurde. Daher können Leserinnen und Leser auch nicht beurteilen, ob es sich um ein Phänomen handelt, das in einer langjährigen Beobachtung erkannt wurde, oder ob es sich vielleicht um besondere Wetterereignisse handelt, die in einem oder zwei Jahren zu den geschilderten Wachstumsphänomenen geführt haben.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Es gibt im Text keinen Hinweis auf politische, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Dimensionen der Forschungsergebnisse.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist aktuell, weil eine neue Studie veröffentlicht worden ist. Das unerwartete Ergebnis ist durchaus berichtenswert, wenn auch die Relevanz der kleinen Studie begrenzt ist. Darüberhinaus gibt es weitere Gründe, die CO2-Aufnahme von Bäumen zu thematisieren: Im sogenannten Efford-Sharing-Vorschlag schlägt die EU-Kommission vor, auch CO2-Senken mit in die Erfüllung der Klimaziele einzubeziehen. Auch bei Klimakonferenzen ist das ein wichtiges Thema, um die Senkenwirkung einschätzen zu können. Diese Bezüge werden im Text allerdings nicht hergestellt.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist flüssig und verständlich geschrieben. Dennoch werten wir aus zwei Gründen „nicht erfüllt“. Zum einen enthält der Artikel fast keine Informationen, die über die Pressemitteilung hinausgehen. Zum anderen fehlt die journalistische Leistung, die begrenzt aussagekräftigen Ergebnisse einzuordnen und zu hinterfragen. Der Artikel leistet hier noch weniger als die Pressemitteilung (siehe umweltjournalistisches Kriterium 5). Eine zweite Quelle fehlt ebenso wie eine kritische Diskussion der Ergebnisse.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Beitrag enthält mehrere Aussagen, die so nicht durch die Studie gedeckt sind. Dass die wärmeren Standorte durchweg im Stadtinneren waren, erscheint naheliegend, geht aus der Studie aber so eindeutig nicht hervor. Auch ist es wohl nicht zulässig, einen Teil der Bäume als „Landbäume“ zu bezeichnen, denn alle standen auf dem Stadtgebiet von Raleigh, wie die Karte in der Studie zeigt.

Unrichtig ist die Aussage im Artikel: „Doch auf dem Land gab es nicht weniger Blattläuse, auch andere Schadinsekten waren dort nicht seltener.“ In der Studie steht dagegen: „As predicted, urban warming dramatically increased arthropod pest abundance on our study trees.” Die richtige Information findet sich auch in der Pressemitteilung, dort heißt es sogar recht ausführlich: „The researchers found that scale insects and spider mites – well known tree pests – were more abundant at hotter sites. Specifically, they found that spider mite populations more than doubled when a site’s average temperature crossed a threshold of 16.4 degrees Celsius (61.5 degrees Fahrenheit). Scale insects, however, showed a linear relationship with temperature. In other words, the hotter it got, the more scale insects there were.” Zwar zeigte sich in der Studie, dass die Belastung mit Schädlingen keinen großen Einfluss auf die Fotosyntheseleistung hatte, dennoch ist die Darstellung im Artikel hier nicht korrekt.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 0 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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