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„Globale Bilanz: Weltwirtschaft wächst – CO2-Ausstoß bleibt trotzdem stabil“

„Globale Bilanz: Weltwirtschaft wächst - CO2-Ausstoß bleibt trotzdem stabil“

Die globalen Kohlendioxidemissionen seien in den letzten drei Jahren kaum angestiegen, berichtet Spiegel Online mit Bezug auf eine Publikation des „Global Carbon Project“. Der Beitrag nennt die  wichtigsten Fakten, geht aber nicht über die Pressemitteilungen zur Studie hinaus und informiert nicht darüber, wie die Daten erhoben wurden.

Zusammenfassung

Ein Beitrag auf Spiegel Online berichtet, unter Verwendung von Agenturmeldungen von dpa und Reuters, in sachlichem Ton über eine Studie des internationalen Forschungsverbundes „Global Carbon Project“ zur globalen Entwicklung der Kohlendioxidemissionen und -konzentrationen. Er zitiert daraus etliche wichtige Fakten. Es wird deutlich, dass die globalen CO2-Emissionen seit einigen Jahren kaum noch gestiegen sind, gleichwohl aber der CO2-Gehalt der Atmosphäre weiter angewachsen ist. Wie die Daten erhoben wurden, und welche Unsicherheiten damit verbunden sind, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Die im Beitrag genannten Informationen und Zitate von Experten, die an der Untersuchung mitgearbeitet haben, stammen aus den Pressemitteilungen zur Studie; darüberhinaus gehende Recherchen sind nicht erkennbar. Auch fehlt eine zweite Quelle, die Methode und Ergebnisse des Berichts einordnet und bewertet. Obwohl der Beitrag während der Klimakonferenz in Marrakesch erschienen ist, fehlt jeder Hinweis auf die Konferenz und zum politischen Geschehen oder zu wirtschaftlichen Aspekten.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag berichtet in sachlichem Ton über eine Studie zur globalen Entwicklung der Kohlendioxidemissionen und -konzentrationen. Die Überschrift fasst die wichtigsten Aussagen gut zusammen, die Unterzeile dient als informative Ergänzung, mit der einschränkenden Bemerkung: Für Jubel „sei es noch zu früh“. Chancen werden weder über- noch untertrieben. Auch im Text bleibt es bei dem sachlichen Ton. Wichtige Fakten der vom Global Carbon Project ­– einem internationalen Konsortium von Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen – durchgeführten Untersuchung „Global Carbon Budget 2016“ werden ohne Dramatisierung wiedergegeben.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Ein gravierender Mangel des Online-Beitrags ist, dass er keine Informationen darüber enthält, wie die Daten erhoben wurden. Hier ist der Beitrag weniger informativ als z.B. die Pressemitteilung des Mercator Research Institute, in der es heißt: „Dafür werden umfangreiche Messwerte und Auswertungen von statistischen Kalkulationen mit der Analyse von Modellergebnisse kombiniert.“ Die frei zugängliche wissenschaftliche Studie beschreibt die Methoden und ihre Schwierigkeiten. So beruhen die Zahlen zu den Kohlendioxidemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und z.B. der Abholzung von Wäldern zum großen Teil auf den Angaben der Regierungen einzelner Länder. In der Vergangenheit gab es immer wieder Studien und Berichte, dass beispielweise die Angaben chinesischer Behörden aus politischem Interesse verfälscht waren. Für die Jahre 2014/15 ist der „Statistical Review of World Energy“ der Ölfirma BP eine wesentliche Datengrundlage.

Gleich am Anfang des Abstracts heißt es: „Here we describe data sets and methodology to quantify all major components of the global carbon budget, including their uncertainties, based on the combination of a range of data, algorithms, statistics, and model estimates and their interpretation by a broad scientific community.” Insgesamt 115-mal kommt in der Studie der Begriff „uncertainty“ / „uncertainties“ vor. In der Untersuchung weisen die Wissenschaftler darauf hin, das ihre Ergebnisse in der Vergangenheit immer wieder auch im Nachhinein korrigiert werden mussten, weil sich die Datenbasis änderte (siehe z.B. hier  S.632).

Über diese Hintergründe und die in der Studie beschriebenen Unsicherheiten erfahren Leserinnen und Leser nichts.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Text benennt als Quelle eine Studie des „Forschungsverbunds Global Carbon Project“ – hier wäre eine kurze Erklärung angebracht, wie sich dieser Verbund zusammensetzt, der sich auch als Instrument der Politikberatung versteht . Der Text vermittelt keine Vorstellung vom tatsächlichen Autorenkollektiv – und somit auch nicht von dem Aufwand, der hinter dieser Studie steckt (die Autorenliste umfasst immerhin 67 Namen).

Wörtlich zitiert werden Corinne Le Quéré „von der britischen Universität East Anglia“ und Glen Peters „vom Osloer Forschungszentrum Cicero“, die beide an der Studie beteiligt waren; dass Le Quéré die Leiterin dieser Datenanalyse war, erfährt man nicht. Zum Osloer Forschungszentrum Cicero fehlt jegliche Erläuterung. Es kann bei deutschen Lesern wohl kaum als bekannt vorausgesetzt werden; zumindest einen Link hätte man im Online-Beitrag erwartet. Dass auch deutsche Forschungseinrichtungen beteiligt waren, erfahren Leserinnen und Leser nicht.

Schlussfolgerungen und Einordnungen werden im Artikel korrekt als Positionen beteiligter Wissenschaftler gekennzeichnet. Allerdings fehlt eine unabhängige Einordnung der Methoden und Ergebnisse. Da der Beitrag keine weitere Quelle heranzieht, ist das Kriterium nicht erfüllt.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Eine Datenanalyse zu Kohlendioxidemissionen und -konzentrationen ist nicht in Pro- und Kontrapositionen darzustellen. Dass eine bloße Verlangsamung des Anstiegs der CO2-Emissionen nicht reicht, um die Erderwärmung auf „unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen“, dürfte unstrittig sein. Das größte Potential für eine Kontroverse stellt die Methode der Datenerhebung dar. Dass diese nicht beschrieben und eingeordnet  wird, haben wir bereits bei Kriterium 2 bemängelt. Das Kriterium „Pro und Contra“ wenden wir deshalb nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Sowohl die Sachinformationen als auch die Zitate der Experten stimmen mit verschiedenen Pressemitteilungen überein, siehe die Übersicht des Global Carbon Project . Die Ergebnisse, die aus der Studie genannt sind, finden sich fast wortgleich in der Pressemitteilung der University of East Anglia, ebenso beide zitierten Äußerungen von Corinne Le Quéré

Die Zitate von Glen Peters entstammen einer aktuellen Pressemitteilung des Osloer Forschungszentrums Cicero , das erste Zitat ist außerdem wortgleich bereits in einer Cicero-Pressemitteilung vom 8.12.2015 enthalten.

Der Beitrag enthält keine Informationen, die über die Pressemitteilungen hinausgehen.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Text stellt zutreffend fest, dass der weltweite Ausstoß an Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen bereits „das dritte Jahr in Folge kaum gestiegen“ sei. Es wird also nicht etwa behauptet, dass die beobachtete Stagnation ein vollkommen neues Phänomen sei.

Es fehlt allerdings die Information, dass der bereits 2001 gegründete „Forschungsverbund Global Carbon Project“ schon seit rund zehn Jahren jährlich solche „Global Carbon Budgets“ erstellt, siehe: auch S. 610: “This is the 11th version of the global carbon budget and the fifth revised version in the format of a living data update”. Die Information wäre notwendig gewesen, um den Stellenwert des „Global Carbon Budgets 2016“ zu verstehen und dessen Aussagen über einen „Trend“ richtig einordnen zu können. Wir werten „knapp erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag lässt zwei Autoren der Studie zu Wort kommen, die eine starke Absenkung der Kohlendioxidemissionen fordern, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. So sei der aktuelle Trend nicht ausreichend, die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Im Artikel werden aber keine der möglichen Maßnahmen genannt, wie sie etwa bei der Klimakonferenz in Marrakesch (und auch in deren Vorfeld) diskutiert wurden: Ausbau der erneuerbaren Energien, nationale Klimaschutzpläne, globaler Emissionshandel oder etwa die Debatte um den Ausbau der Kernkraft.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Text beschäftigt sich mit einer „globalen Bilanz“ des CO2-Ausstoßes aus fossilen Brennstoffen. Die in der Studie untersuchte weltweite Situation wird anhand einiger wichtiger Regionen aufgeschlüsselt. Die festgestellte Stabilisierung bei den Emissionen wird insbesondere China zugeschrieben. Die vier stärksten Emittenten -– China, die USA, die Europäische Union und Indien – sind im Artikel benannt; bei den ersten dreien wird auch der jeweiligen Anteil am globalen CO2-Ausstoß beziffert.

Interessant für ein deutsches Publikumsmedium wäre es gewesen, hier auch Zahlen für Deutschland zu nennen, da es diese Zahlen offenbar gibt (siehe die Hinweise auf das Vorhandensein nationaler Daten in der Originalstudie S. 634., oder z.B. hier).

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die im Text genannten Zahlen lassen sich den Jahren 2013 bis 2015, z.T. auch 2016 zuordnen. Es ist von einem „Trend“ die Rede; der Beitrag deutet an einer Stelle an, dass es schwierig ist, den langfristigen Trend bei den Kohlendioxidemissionen anzuhalten oder gar umzukehren. Insbesondere weist der Artikel darauf hin, dass „Zuwächse in Entwicklungsländern die Einsparungen in den USA, der EU und anderen Industriestaaten zunichte zu machen“ können.
Die zeitliche Dimension reicht vom „vorindustriellen Zeitalter“ bis zu Prognosen über die künftige Entwicklung. Letztere bleiben zwar vage, wie z.B. die Aussage von  Le Quéré zum weiteren Anstieg des Anteils von CO2 an der Atmosphäre. Auch fehlt der Hinweis, dass die Emissionen bis Mitte dieses Jahrhunderts drastisch (etwa 20 Prozent des heutigen Wertes) und bis zum Ende des Jahrhunderts auf Null sinken müssen, um die Klimaziele zu erreichen. Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Einen Hinweis auf den ökonomischen / politischen Kontext enthält einzig das Zitat von Glen Peters, dass die chinesischen Verlangsamung beim CO2-Ausstoß entweder „auf einen erfolgreichen und reibungslosen Umbau der chinesischen Wirtschaft“ zurückgehen oder „ein Zeichen wirtschaftlicher Instabilität“ sein könne. Das deutet an, welche unterschiedlichen Umstände einem Rückgang von CO2-Emissionen zugrunde liegen könnten.

Zu den wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen macht der Beitrag ansonsten keine Aussagen. Insbesondere fehlt jede Bezugnahme auf die zeitgleich laufende Klimakonferenz in Marrakesch oder zum gerade verabschiedeten Klimaschutzplan der Bundesregierung. So gab es bei der UN-Klimakonferenz in Marrakesch am 14.11.2016, dem Tag der Veröffentlichung, eine Pressekonferenz und weitere Veranstaltungen, bei denen auch die im Beitrag zitierten Corinne Le Quéré und Glen Peters auftraten. In der Pressemitteilung der University of East Anglia stellt Quéré den Bezug zur Klimakonferenz ausdrücklich her:
Le Quéré said: „If climate negotiators in Marrakesh can build momentum for further cuts in emissions, we could be making a serious start to addressing climate change.“ Welche Bedingungen erfüllt sein müssten, um die in Paris vereinbarten Klimaziele zu erreichen, spricht der Beitrag nicht an, ebenso wenig ökonomische Aspekte des Umstiegs auf erneuerbare Energien.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Die Entwicklung der Kohlendioxidemissionen ist im Lichte der aktuellen Klimaschutzanstrengungen ein interessantes und wichtiges Thema. Die Veröffentlichung des „Global Carbon Budget 2016“  ist ein angemessener Anlass, darüber zu berichten. Es fehlt allerdings der aktuelle Bezug zur UN-Klimakonferenz in Marrakesch (siehe umweltjournalistisches Kriterium 10).

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Beitrag nennt die wesentlichen Zahlen und beschreibt knapp die Zusammenhänge. Der Artikel ist sprachlich verständlich und klar strukturiert. Die Dimension des Problems wird deutlich. Stilistisch ist der Text nicht besonders fantasiereich und hält sich eng an die Pressemitteilungen. Man hätte die Möglichkeiten des Online-Mediums besser nutzen können, z.B. mit Links zu den genannten Institutionen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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