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„Kuckuck auf dem Rückzug“

„Kuckuck auf dem Rückzug“

Der charakteristische Kuckucksruf ist immer seltener zu hören. Der WDR berichtet über den Rückgang dieser Vögel und bezieht sich dabei auf eine aktuelle Studie aus Großbritannien. Der Beitrag ist leicht verständlich und gut anzuhören, lässt allerdings genauere Informationen an einigen Stellen vermissen.

Zusammenfassung

In Form eines Kollegengesprächs wird in der Radiosendung „Leonardo“ bei WDR 5 eine Studie vorgestellt, die sich mit dem Überleben des Kuckucks beim Zug ins Winterquartier beschäftigt. In der britischen Studie werden zwei Routen miteinander verglichen, auf denen offenbar unterschiedlich viele Tiere die Reise in den Süden überleben. Der Beitrag weitet das Thema aus auf den Rückgang der Kuckuck-Bestände auch in Deutschland und benennt kurz mögliche Ursachen. Es werden mehrere Quellen genutzt, aber einige davon nur vage angegeben. Insgesamt spricht der Beitrag zwar viele Punkte an, bleibt aber oft etwas unbestimmt und nennt kaum harte Zahlen und Fakten. So wird zwar allgemein klar, dass der Kuckuck sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland seltener geworden ist. Aber seit wann das zu beobachten ist, und wie schnell die Entwicklung verläuft, erfährt man nicht. Regionale Unterschiede werden angesprochen, aber nicht näher erläutert. Insgesamt ist der Beitrag angenehm zu hören und vermittelt die wesentlichen Punkte leicht verständlich, doch hätten wir uns an einigen Stellen etwas präzisere Informationen zur Untermauerung der Aussagen gewünscht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

In dem Radiobeitrag geht es um den Kuckuck und seine Zugrouten in die Winterquartiere in Afrika. In einem Gespräch zwischen zwei Journalistinnen werden die Themen einer in „Nature Communications“ veröffentlichten Studie britischer Forscher diskutiert. Der Beitrag beschreibt das jeweils unterschiedliche Risiko des Flugs der Vögel von Großbritannien in den Süden über zwei unterschiedliche Routen und beschäftigt sich zusätzlich mit der zurückgehenden Population des Vogels auch in Deutschland. Er stellt diese Entwicklung in Zusammenhang mit verschiedenen negativen Umweltveränderungen, wie zurückgehendem Futterangebot, Agrochemie, illegaler Bejagung und auch dem Klimawandel. Der Ton ist entspannt. Die Risiken für den Kuckuck werden weder übertrieben dargestellt noch verharmlost.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Studie, über die berichtet wird, hat den Zusammenhang zwischen dem Überleben der Vögel auf ihrem Weg ins Winterquartier und wieder zurück bezogen auf die Flugroute untersucht. Demnach gibt es eine östliche Route über Italien, den Balkan und Libyen und eine westliche Route über Spanien und Gibraltar. In dem Gespräch wird über die Methodik der Studien informiert – die Kuckucke wurden mit Sendern ausgestattet – und die Ergebnisse der Studie werden beleuchtet. Die Studienergebnisse werden zutreffend dargestellt: Auf der westlichen Route überleben offenbar weniger Vögel (Zahlenangaben dazu fehlen allerdings – siehe auch Kriterium 9). Es wird gesagt, dass sich die Studie auf lediglich 42 Tiere stützt – hier hätten wir uns eine kritische Nachfrage zur Aussagekraft gewünscht.
Ansonsten werden nur wenige konkrete Zahlen genannt. Damit wird nicht recht deutlich, in welchem Maße die Bestände des Kuckucks geschrumpft sind. Die Angabe „3700 Paare in NRW“ reicht für eine Beurteilung der Entwicklung nicht aus, weil Vergleichswerte fehlen. Auch zum Rückgang der Insekten als Nahrungsgrundlage hätten wir uns einen anderen Beleg gewünscht als die Beobachtung, dass heute weniger Insekten auf der Windschutzscheibe sind als früher. Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Als Hauptquelle wird die in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlichte Studie genannt, die Namen der Forscher tauchen nicht auf. Ergänzend wird eine deutsche Expertin vom Landesbund für Naturschutz zitiert mit der Auskunft, dass die bayerischen Kuckucke fast alle über die östliche Route ziehen. Dazu habe es auch eine Sender-Studie gegeben, diese Quelle wird allerdings nicht genauer angegeben. Ferner werden recht vage „mehrere Vogelexperten“ und nicht näher benannte Studien herangezogen, zu der Frage, inwieweit der Klimawandel für den Rückgang der Kuckucke verantwortlich ist – hier hätten wir genauere Angaben zu den Quellen erwartet. Besondere Interessenkonflikte spricht der Beitrag nicht an, sie sind aber bei diesem Thema auch nicht anzunehmen. Alles in allem werten wir noch „knapp erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Zu der Frage, ob der Klimawandel beim Rückgang der Kuckuck-Populationen eine wesentliche Rolle spielt, gibt es eine wissenschaftliche Kontroverse (siehe z. B. hier), die im Beitrag kurz erörtert wird. Dabei geht es um die Frage, ob der Fortpflanzungserfolg der Kuckucke darunter leidet, dass die „Gasteltern“ durch den Klimawandel bedingt früher brüten und die Kuckucke dafür zu spät aus Afrika zurückkommen. Andere Forscher halten dem entgegen, dass der Kuckuck die Eier der Gasteltern aus dem Nest werfen und so ein zweites Gelege „erzwingen“ kann. Die Argumente beider Seiten werden hinreichend klar, wenn auch die Quellen nicht genannt sind (siehe Kriterium 3).

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Zur Veröffentlichung in der Zeitschrift „Nature Communications“ enthält der Betrag im Wesentlichen Angaben, die auch in der Pressemitteilung zu finden sind. Doch geht er deutlich darüber hinaus, indem er auch die Situation in Deutschland beleuchtet und dazu weitere Quellen heranzieht.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag macht nur vage zeitliche Angaben (siehe Kriterium 9), doch wird noch hinreichend deutlich, dass schon seit Jahren immer weniger Kuckucke nach Großbritannien und in einige Regionen in Deutschland zurückkommen. Hörerinnen und Hörer erfahren also, dass hier eine neue Studie zu einem seit längerem bekannten Problem vorgestellt wird.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Mögliche Lösungen werden allenfalls dadurch deutlich, dass der Beitrag Ursachen für die Gefährdung der Kuckucke benennt: Lebensraumzerstörung und der durch die Landwirtschaft bedingte Rückgang an Insekten als Nahrungsgrundlage. Auf der Reise durch Spanien werden die Vögel zudem durch Wassermangel geschwächt. Was dagegen getan werden könnte, spricht der Beitrag nicht an. Zum Beispiel wäre interessant gewesen, ob dem Kuckuck durch extensivere Landwirtschaft, mehr Naturschutzgebiete, Entsiegelung von Flächen und die Aufwertung von Lebensräumen für Insekten zu helfen wäre, bzw. welche Einschätzungen es von Expertenseite dazu gibt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Eine räumliche Frage steht im Zentrum des Beitrags: Kuckucke sind Zugvögel, die für die Überwinterung in Afrika unterschiedliche Zugrouten einschlagen. Die kürzere westliche Strecke ist dabei die gefährlichere. Insofern sind räumliche Aspekte im Beitrag berücksichtigt. Es wird außerdem berichtet, dass die Vögel in verschiedenen Regionen unterschiedlich gefährdet sind: In Großbritannien geht deren Zahl zurück, in Deutschland je nach Region unterschiedlich, in Bayern ist sie stabil, in NRW sinkt sie. Gerne hätte man noch Näheres zu den Ursachen erfahren; auch vergleichende Zahlenangaben wären hilfreich gewesen.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Wie viele der besenderten Kuckucke nach wie vielen Jahren noch nach Großbritannien zurückkehrten, erfährt man nicht. Auch über die zeitliche Entwicklung der Kuckucksbestände in Deutschland oder in Großbritannien berichtet der Beitrag kaum etwas Genaues. Zwar heißt es, die Zahl der Vögel sei in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. Doch werden den genannten Zeiträumen („60 oder 20 Jahre“) keine Bestandszahlen zugeordnet. Seit wann und wie schnell die Zahl der Kuckucke abnimmt, erfahren Hörerinnen und Hörer daher nicht. Auch die Perspektiven spricht der Beitrag nicht an: Wie schnell wird sich die Zahl der Vögel voraussichtlich weiter verringern? Ist zu befürchten, dass der Kuckuck ganz aus unseren Wäldern verschwindet, oder eher zu erwarten, dass sich der Bestand auf niedrigerem Niveau stabilisiert? Da keine dieser Fragen zumindest exemplarisch angesprochen wird, werten wir „nicht erfüllt“.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Was der Verlust des Kuckucks wirtschaftlich oder kulturell bedeutet, wird im Beitrag nicht angesprochen. Beispielsweise hätte man kulturelle Aspekte aufgreifen können: Warum ist der Kuckuck in der öffentlichen Wahrnehmung ein besonderer Vogel, spielt in Mythologie und Kultur eine besondere Rolle (etwa in Redensarten und Volksliedern)? Oder man hätte auf den wirtschaftlichen Kontext vertiefen können. „Moderne Landwirtschaft“ und Pestizide werden kurz vor Schluss ganz kurz erwähnt. Hier hätten wir zumindest noch einen erklärenden Satz erwartet, was man darüber weiß, wie abnehmende Biodiversität durch Monokulturen in der Landwirtschaft und fortschreitende Verbauung und Versiegelung der Landschaft das Überleben des Kuckucks bzw. die Vielfalt der Vogelarten beeinflussen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist aktuell durch die kurz zuvor veröffentlichte Studie. Da der Kuckuck ein bekannter Vogel mit symbolischer Bedeutung ist, dürfte seine Gefährdung besonderes Interesse wecken. Außerdem gibt es einen jahreszeitlichen Bezug – der Kuckuck beginnt Anfang August zu ziehen.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Das Gespräch der beiden Journalistinnen ist kurzweilig und berührt alle wichtigen Themen. Es hat einen roten Faden und ist leicht verständlich. Indes führt die sehr lockere Form des Gesprächs auch dazu, dass viele Gesichtspunkte nur angerissen, aber nicht genauer mit Fakten untermauert werden.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

Anmerkung: Wir hatten zunächst versehentlich 3 Sterne vergeben, korrekt sind aufgrund der Anzahl erfüllter Kriterien jedoch 4 Sterne.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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